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Der schnellste Schrott
© European Space Agency (ESA).
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| Computersimulation des Schrotts, der um die Erde kreist. Selbst kleine Teilchen sind eine Gefahr für Satelliten und Raumschiffe. |
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Mit vielfacher Schallgeschwindigkeit rast eine Unmenge von Weltraumschrott um die Weltkugel. Der Astronom Thomas Schildknecht katalogisiert ihn seit zehn Jahren.
Von Florian Leu
Weltraumschrott wird noch um die Erde kreisen, wenn keine Menschen mehr darauf leben. Aufräumen wird erst die Sonne, wenn sie sich zu einem roten Riesen bläht und die Welt verschluckt, in fünf Milliarden Jahren. Bis dahin werden Säuberungen stattfinden, doch viel wird das nicht bewirken. Hunderttausende Teilchen werden weiter mit einer Geschwindigkeit von 25 000 Kilometern pro Stunde umherrasen, Löcher in die Solarzellen der Satelliten reissen und die Kinder von Astronauten einer Wahrscheinlichkeit von 1:800 aussetzen, dass sich ihre Väter, während eines Weltraumspaziergangs von Schrott getroffen, in Trabanten verwandeln.
Dieses Risiko zu mindern, ist die Mission eines Berner Astronomen, einer Koryphäe des Weltraummülls: Physikprofessor Thomas Schildknecht. Er ist ein sehr irdischer Mann in Holzsandalen und zu kurzen Hosen, der oft die Schultern hochzieht. Seine Arbeit begann mit der Suche nach Supernovae. Als er durchs Teleskop schaute, sah er statt Sternexplosionen Asteroiden und Kometen, sah Bruchstücke von explodierten Raumfähren, ausgediente Satelliten, verloren gegangene Astronautenwerkzeuge. Zu Beginn der 1990er Jahre schrieb Schildknecht für die europäische Weltraumagentur seine erste Studie über Weltraumschrott. Heute ist er ein Müllinspektor des Alls.
Die Zeiten sind günstig für ihn. Im Februar stiessen über Sibirien zwei Satelliten zusammen, seither fliegen 2000 Trümmerteile mehr um die Erde. In den letzten 20 Jahren kam es zu vier Zusammenstössen von Satelliten und Schrottstücken, besonders in der Höhe von 800 Kilometern, wo es am meisten davon gibt. Vor allem in seiner Freizeit schaut Schildknecht dem himmlischen Müll nach, schon in der Dämmerung sieht er abgebrannte Raketenstufen über den Himmel trudeln, blinkende Beweise für die Wichtigkeit seiner Forschung. Nachts nimmt er dann sein Fernglas und geht ins Grüne. Er tastet die Milchstrasse ab, doch ständig schiesst Schrott durch sein Blickfeld.
Wenn er an der Universität arbeitet, schaut Schildknecht auf Bildschirme mit Berechnungen. Zwei Teleskope liefern ihm die Daten, eins auf Teneriffa, eins in Bern. Die Teleskope haben hochempfindliche Kameras und automatische Steuerungen, damit sie auch Objekte sehen, die kaum leuchten. Anhand ihrer Koordinaten bestimmt Schildknecht die Bahnen der Schrottteile, die manchmal kaum breiter sind als seine Hand. Bisher haben er und seine Kollegen im Ausland 20 000 Stücke entdeckt und katalogisiert, die in Höhen von bis 2000 Kilometern ihre Runden drehen.
Die Weltraumagenturen greifen auf Schildknechts Schrottkartographie zurück, wenn sie Satelliten ins All schicken. Seit zehn Jahren spürt Schildknecht auch Müllteile in Höhen von 36 000 Kilometern auf, wo sich beispielsweise Wettersatelliten befinden, die immer an der gleichen Stelle bleiben. Etwa 4000 Stücke haben Schildknecht und sein fünfköpfiges Team dort oben bereits erfasst. Der Schrott in dieser Höhe wird nie in die Atmosphäre sinken und abstürzen wie die sowjetischen Satelliten in Sibirien. Er wird bleiben.
Schildknechts Büro ist hell, die Wände sind weiss und kahl. An der Tür hängt ein Bild, auf dem die Erde aussieht wie Saturn, umgeben von einem Ring aus Müll. Schildknecht packt ein Stück eines Satellitenschutzschildes aus. In einem Experiment wurde das Stück beschossen mit einer Kugel von einem Zentimeter Durchmesser und mit einer Geschwindigkeit von sieben Kilometern pro Sekunde. Es entstand ein Krater gross wie die Kaffeetasse auf Schildknechts Schreibtisch. Ein Schrottstück von der Grösse einer Fingerkuppe wirkt beim Aufprall wie eine Handgranate, was den Schutzschild von Raumstationen zerstören und den Arbeitsplatz der Astronauten in 15 Sekunden zum Vakuum machen könnte. Es sei denn, den Astronauten gelinge es, Teile der Raumstation augenblicklich abzuschotten. Scheitern sie, geht es ihnen wie Tauchern, die zu schnell zur Wasseroberfläche zurückkehren: Ihr Blut beginnt zu kochen, sie sterben.
Trifft ein grösseres Schrottstück einen Wettersatelliten, kann dieser keine Daten mehr liefern, die in der Klimaforschung wichtig sind. Wird ein Fernsehsatellit getroffen, dann wird in Millionen Wohnzimmern Geflimmer sein. Schildknecht sagt: «Es lässt sich darüber streiten, ob nutzlos gewordene Fernsehsatelliten so schlimm wären. Vielleicht wäre das ein Segen.»
Um die Umlaufbahnen zu reinigen, bieten sich zwei Möglichkeiten. Man kann die Satelliten zum Absturz bringen oder sie höher hinauf befördern. Sie zur Erde zurückzuholen, ist teuer, weil man dafür meist einen Shuttle hochschicken muss. Sie weiter hinauf zu bringen, in einen Friedhofsorbit, erfordert einen Sondertank. Der wird gezündet, wenn der Satellit unbrauchbar geworden ist. Doch während seiner dreissigjährigen Reise im All können chemische Reaktionen den Treibstoff im Tank unbrauchbar machen. Manchmal platzen Tanks und setzen Wolken aus Treibstofftropfen frei – und die sind gefährlich wie Schrottstücke. Eine solche Wolke gab Schildknecht monatelang Rätsel auf.
Oft kann Schildknecht kaum bestimmen, woher der Schrott stammt. Möglich ist es nur, wenn er die Stücke kurz nach einer Kollision erfasst und mit Algorithmen ihre Herkunft berechnet. Selbst dann kann es sein, dass die Berechnungen zu komplex sind und die Computer dafür jahrelang rattern müssten. Bei der Wolke hatte Schildknecht Glück: Sie besteht aus Flüssigmetalltropfen aus dem Kühlsystem eines sowjetischen Satelliten mit Kernreaktor. Und sie nähert sich der Erde. Irgendwann wird irgendwo ein saurer Regen fallen, vermutlich in etwa 50 Jahren.
Die Weltraumagenturen Europas, Russlands und der USA haben sich auf Verhaltensregeln bei der Müllentsorgung geeinigt, doch nur inoffiziell: eine Art Weltraumknigge. Die Versuchung sei gross, auf Regeln keine Rücksicht zu nehmen, um Geld zu sparen, sagt Schildknecht. Er fordert, dass man Satelliten nach ihrem Dienst weiter beobachtet und nicht wie Geisterfahrer um die Erde rasen lässt. Er fordert, dass die Agenturen ihren Müll entsorgen, um die Raumfahrt der Zukunft nicht zu gefährden. «Es geschieht etwas in Sachen Weltraumschrott, aber viel zu wenig», sagt er und zieht die Schultern hoch.
Von den Stücken in Erdnähe, die grösser sind als zehn Zentimeter, haben sie in Bern fast alle katalogisiert. Doch es fliegen unzählige weitere Schrottstücke herum, die Arbeit wird kein Ende haben. Der Weltraumschrott erinnert Schildknecht an die Mentalität der 1960er Jahre, als die Leute ihren Abfall in die Wälder warfen und in die Flüsse kippten. «Und dann hiess es: Hoppla, die Fische sterben.» Er denkt auch an Weltraumschrott, wenn er an einer Mülldeponie vorbeigeht. «So viel Sondermüll liegt irgendwo im Boden verscharrt – die Suche danach wird ähnlich mühsam sein wie unsere Jagd nach Weltraumschrott.»
Selbstverständlich trennt Thomas Schildknecht zu Hause seinen Abfall. «Meine Kinder schütteln den Kopf wegen meiner Pingeligkeit. Plastic und Alu im selben Abfalleimer? Undenkbar.»
Florian Leu ist freier Journalist; er lebt in Zürich.
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