NZZ Folio 07/97 - Thema: Aus Eis und Schnee   Inhaltsverzeichnis

Interview -- Was interessiert Sie, Herr Müller?

Von Ursula von Arx

André Müller ist 1946 geboren, in Wien aufgewachsen und lebt heute in München. Nach dem Studium der Philosophie arbeitete er als Gerichtsreporter, später als Theaterkritiker. Seit 1975 schreibt er für den «Stern», den «Spiegel», die «Zeit», vor allem macht er Interviews mit Berühmtheiten. Selber berühmt geworden ist er durch das Gespräch «Ich bin ein Sonntagskind» mit dem Burgtheaterdirektor Claus Peymann. Das Interview, in dem die Politiker Kohl, Rau und Waldheim, die Schriftsteller Frisch und Dürrenmatt, Handke, Müller Kroetz, Strauss und Hochhuth, die Regisseure Grüber, Dorn, Benning, Schaaf, Tabori, Zadek, die Schauspieler Minetti und Wussow, der Showmaster Carrell, der Fussballer Beckenbauer beleidigt wurden, löste einen Skandal aus. «Der Peymann ist so meine Sissi», sagt Müller. Seine Interviews sind in Buchform erschienen, etwa «Österreicher(innen)» (1994) oder «Ich riskiere den Wahnsinn» (1997).

Das Gespräch mit André Müller führte Ursula von Arx.

André Müller, seit zwanzig Jahren befragen Sie Prominente. Sie gelten als gefährlichster und schonungslosester Interviewer im deutschsprachigen Raum. Man nannte Sie schon «Müller, den Killer», man sprach von Ihrer «vampirischen Lust, das letzte aus anderen Menschen herauszuholen».

In Wahrheit bin ich es, der sein Blut gibt. Ich stelle Fragen und höre Dinge, die mich gar nicht interessieren. Eigentlich sollten meine Interviewpartner dafür bezahlen, dass ich ihnen diesen Liebesdienst erweise. Ich bin ja ein bisschen wie eine Prostituierte.

Und dementsprechend werden Sie von den Zeitungen bezahlt.

Aber leider bin ich nicht wirklich professionell. Nach zwei, drei Stunden fange ich an, meine Themen durchzusetzen. Und dann wird es ein richtiger Liebesakt. Oder ich werde ungeduldig und bringe meine Gesprächspartner zur Verzweiflung und zeige ihnen, wie sehr sie mich langweilen. Oder ich entblösse mich und erzähle unheimlich viel von mir. Und die meisten Menschen sind ja so eitel, dass sie dann auch anfangen, ihre tieferen Schichten freizulegen. Ich kann sie offensichtlich davon überzeugen, dass Abgründe einen Menschen interessant machen.

Abgründe also sind Ihr Dosenöffnertrick.

Nur befriedigt mich der Inhalt meist nicht. Also muss ich die Dose mit mir füllen, dann öffne ich sie, und heraus komme wieder ich.

Wie grausam.

Ja, das macht mich gar nicht froh. Was ich führe, sind ja gar keine Dialoge, das sind Monologe. Ich glaube überhaupt nicht an Dialoge. Jedes Theaterstück ist doch nichts anderes als der Monolog seines Autors. Die Sprache taugt grundsätzlich nicht dazu, Menschen zusammenzubringen. Missverständnisse sind vorprogrammiert. Die Sprache ist ein Vorwand, sich nicht berühren zu müssen. Die Politik hat nur die Sprache. Deshalb scheitert sie. Und deshalb wird es immer Kriege geben. Kriege sind negative Berührungen.

Hans Magnus Enzensberger hat Sie einen «Verzweiflungsspezialisten» genannt.

Ja, natürlich, das ist mein grosses Thema, meine Obsession. Deshalb bin ich auch auf Stars angewiesen, denn ich kann nicht mit jemandem über Verzweiflung reden, den ich erst vorstellen muss. Alle Menschen seien verzweifelt, nur wüssten sie es nicht ? das war die grosse Hoffnung des Philosophen Sören Kierkegaard. Schön wär's! Ich wollte es lange nicht glauben, aber es gibt richtig oberflächliche Menschen, die sind einfach platt und hohl und schaffen es, nie wirklich an Grenzen zu stossen.

Sind Sie eifersüchtig?

Im Ernst: Es ist schon eine Tragödie, dass ich nur ganz wenige traf, die ich als mir gemäss empfunden habe.

Wen zum Beispiel?

Friedrich Dürrenmatt war ein generöser Mensch. Mit Elfriede Jelinek habe ich mich rasch wohl gefühlt, die ist ganz toll, bei der weiss ich bis heute nicht, ob sie wirklich meint, was sie sagt. Wolfgang Koeppen, Ernst Jünger, Elias Canetti, Thomas Bernhard natürlich, das habe ich genossen. Und es gibt diese Momente im Gespräch, die ich ganz fanatisch anstrebe, wo ich dann ganz still werde. «Ich hab' es verströmen lassen», sagte die Schauspielerin Paula Wessely, und das fand ich wunderbar, oder auch Hans Magnus Enzensbergers «Verzweiflung ist nur die Negation der Allmacht». Das sind Sätze, die geben mir etwas.

Als Interviewer fühlen Sie sich allmächtig?

Aber ganz und gar nicht. Meine Angst zu scheitern ist unendlich, sie ist die eigentliche Triebfeder meines Fragens, ich will ja gar nichts erfahren, ich will nur dieses Spiel gewinnen. Der Ekel dann vor der Beschäftigung mit den heimgebrachten Interviewleichen ist durch nichts zu überbieten. Ich schminke Leichen, auf dass sie wie lebendig aussehen. Das ist mein Beruf.

Warum hören Sie denn nicht endlich auf?

Das tue ich ja. Ich mache jetzt eine Pause. Ich habe etwas Geld auf der Seite, davon kann ich etwa zwei Jahre leben. Die beiden letzten Interviews waren so mühsam, der Karl Lagerfeld hat eine Unterlassungsklage eingereicht, weil zwei, drei Sätze nicht genauso . . .

Sind Ihre Interviews eigentlich wörtliche Protokolle der Gespräche?

Aber nein. Ich mache ja Literatur. Ich stelle Zusammenhänge her, deren sich die Interviewpartner im Gespräch nicht bewusst sind, ich habe bestimmte rhythmische Vorstellungen, der Text muss eine Dramaturgie haben. Manche Aussagen muss ich heben. Und mein Part muss Spannung und Kontroverse einbringen. Der gedruckte Text ist ein Kunsttext.

Könnten Sie sich vorstellen, das Medium zu wechseln?

So eine Art Abenteuerfernsehen würde ich gerne machen. Nur die Kamera und ich und mein Gesprächspartner, alles live. Aber das Fernsehen ist ja das feigste Medium, die scheissen alle sofort in die Hosen, ein solches Risiko gehen die nie ein. Mit Publikum geht es übrigens nicht. Im Hamburger Literaturhaus habe ich einmal ein Gespräch mit Fritz K. Raddatz, dem ehemaligen Feuilleton-Chef der «Zeit», geführt. Der hat sich sofort mit dem Publikum verbündet, hat da seine Scherze gemacht, und ich war draussen. Aber Live-Gespräche haben schon etwas Reizvolles. Mein letztes Interview machte ich mit Alice Schwarzer. Es war perfekt. Da entstand Literatur im Reden. Frau Schwarzer hat es leider vollumfänglich zurückgezogen.

Warum?

Einen solchen Menschen dürfe man nicht auf die Gesellschaft loslassen, sagte sie. Die Schwarzer denkt ja wie ein Politiker: Dass sich die Oberfeministin vor einem Mann auszieht, ist schlecht fürs Geschäft. Dabei ist der Text gar nicht gegen sie. Er zeigt eine starke und sehr lebendige Frau. Sie war so lustig, sie hat ja gebrüllt vor Lachen. Gewissermassen haben wir uns während des Gesprächs ineinander verliebt. Sie würde natürlich explodieren, wenn sie das hörte.

Sind Frauen bessere Interviewpartner als Männer?

Frauen vergessen oft, dass die Gespräche veröffentlicht werden, und entblättern sich völlig. Eine Sprache in der Öffentlichkeit wurde ihnen ja auch lange verwehrt. Als ich für das Männermagazin «Playboy» einmal eine Frau interviewen wollte, hiess es: Frauen ziehen wir aus, die interviewen wir nicht.

Und die Männer?

Männer sind Spieler, selbst wenn sie Intimitäten preisgeben. Gleichzeitig nehmen sie sich wahnsinnig wichtig. Der Schriftsteller Wolf Wondratschek ist so ein Fall: ganz lieb, aber ohne jede Selbstironie. Während des Gesprächs musste ich ständig über seine Ernsthaftigkeit lachen. Er fragte: Warum lachen Sie denn so? Ich sagte: Ich finde Sie so komisch. Da war er ganz beleidigt. Peter Handke hingegen, der in seiner Literatur ja wirklich humorlos ist, liess sich entwaffnen: Zusammen lachten wir über ihn. Mit mir entdeckte er, wie komisch er eigentlich ist.

Sie haben auch ein längeres Gespräch mit Ihrer Mutter geführt. Sie schreiben, dass Ihre Mutter während des ganzen Gesprächs weinte. Warum?

Immer, wenn meine Mutter trinkt, wird sie sentimental.

Das ist Ihre ganze Antwort?

Normalerweise machen mich Tränen aggressiv, weil sie Schuldgefühle wecken. Tränen sind eine Kapitulation vor der Sprache. Wer weint, muss nicht sprechen. Ich kenne viele Frauen, die gern zu dieser Waffe greifen.

Sie glauben doch sowieso nicht an die Sprache als Mittel der Verständigung.

Ich glaube, es war Georges Bataille, der sagte, dass Tränen die wichtigste Sprache seien. Nur durch Tränen könne man jemandem zeigen, dass man ihn wirklich verstanden habe. Vielleicht hat er ja recht.

Haben Sie geweint bei Ihrer Mutter?

Nein, da war ich ganz kalt. Das Gespräch wird ja jetzt in Hamburg als Theaterstück aufgeführt. Der Schauspieler, der meine Rolle spielt, habe richtige Aggressionen gegen mich und meine fanatisch genauen Fragen entwickelt. So wurde mir gesagt.

Und das gibt Ihnen zu denken?

Nein, denn diese Gleichgültigkeit war nur meine Maske für das Gespräch. Ich war ja so aufgeregt. Auch heute noch bin ich überhaupt nicht gleichgültig. Ich mag diese Frau, die meine Mutter ist, sehr. Ich habe ein einziges Mal geweint in einem Interview, das war mit Rainer Werner Fassbinders Mutter, und zwar, als sie, ich weiss nicht mehr in welchem Zusammenhang, sagte: Das ist die einzige Art, wie Ihre Mutter Sie lieben kann. Da musste ich weinen.

Sie haben einmal den Wunsch geäussert, einem Menschen zu begegnen, der sich Ihren Fragen verweigert, und also heimzukommen mit einem Interview, das aus Schweigen besteht.

Das war gelogen. Ich sage halt manchmal so etwas. Ich bin ja vaterlos aufgewachsen. Das Gefühl zu wissen, wer ich bin, hatte ich nie. Interviews zwingen mich, meine Anlage zum Monolog zu zähmen. Ich kann nicht einfach mit ausschliesslich von mir besprochenen Tonbändern nach Hause kommen. Interviews zwingen mich, die Reaktionen des anderen wahrzunehmen und mich auf diese Art und Weise bestätigen zu lassen. So gesehen tut es mir vielleicht gar nicht gut, wenn ich jetzt aufhöre.

Für zwei Minuten sagt keiner etwas.

Mein Gott. Meine Prominenten wären schon lange auf und davon. Wenn man die nicht ständig mit Fragen bombardiert, fühlen sie sich beleidigt, so eitel sind die. Die leiden alle unter dem Blitzlichtersyndrom.

Was interessiert Sie an anderen Menschen?

Ob sie mich lieben. Das ist das einzig Wichtige. Wenn man an den Tod denkt, wird ja alles lächerlich. Der französische Philosoph Blaise Pascal hat gesagt, dass der Mensch alles tue, um sich zu zerstreuen, weil er den Gedanken an das Elend und die Absurdität seiner Existenz nicht aushalte. Liebe lenkt einen von sich selber ab. Liebe ist die schönste Zerstreuung.

Das wäre ein feines Schlusswort, nicht?

Eben.


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