NZZ Folio 04/95 - Thema: Das Wetter   Inhaltsverzeichnis

Quak, quak

Der TV-Wetterfrosch als Einschaltquotenprinz.

Von Daniel Weber

JEDEN ABEND findet das Wetter von morgen statt. Auf allen Kanälen wird uns gesagt und gezeigt, was der kommende Tag an Sonne und Regen bringen und woher der Wind wehen wird. Der Wetterbericht am Fernsehen ist die Weissagung der Zukunft, und vielleicht sind die Ankündigungen von Hoch- und Tiefdruckgebieten, von Warm- und Kaltfronten deshalb so beliebt, weil sie den Trost vermitteln, dass das Unabänderliche berechenbar ist. Oder ist es ein tiefsitzender Reflex aus der Zeit, als wir noch Jäger und Sammler waren, der uns vor das Fernsehgerät lockt? In den geheizten und klimatisierten Büros der Dienstleistungsgesellschaft sitzend, könnte es uns ja egal sein, was sich am Himmel tut.

Über einen Mangel an Aufmerksamkeit können sich die Wetterfrösche, die über die Bildschirme hüpfen, jedenfalls nicht beklagen. In der Schweiz gehören Kachelmann und Walch, Bucheli und Rubli zu den populärsten Fernsehgesichtern. Auf der - zugegebenermassen nach unten offenen - Prominenzskala der einheimischen Boulevardpresse erreichen vor allem der «Kachelfrosch» und die «Wetterfee» beachtliche Werte. Und hohe Einschaltquoten sind ihnen allen gewiss: Zusammen mit der «Tagesschau» und der Konsumentensendung «Kassensturz» ist «Meteo» der Quotenrenner des Schweizer Fernsehens und verweist selbst die Unterhaltungskisten vom Samstag abend auf die Plätze.

Rund eine Million Zuschauer sahen sich 1994 im Schnitt täglich die Wettersendung an. Sie hielt damit einen Marktanteil von 62 Prozent (hochgerechnet aus den eingeschalteten Fernsehgeräten, die die Zuschauerforschung erfasst) - Tendenz steigend. Diese stolzen Zahlen schlagen sich nieder in ebenso stolzen Preisen für die Werbung. Ein Dreissig-Sekunden-Spot kostet fast 30 000 Franken, wenn er vor «Meteo» placiert wird, vor der «Tagesschau» 18 000. Und sehen lassen kann sich auch die Pauschale, die der jeweilige «Meteo»-Sponsor pro Quartal berappt: rund 900 000 Franken.

Das Wetter ist also ein einträgliches Geschäft, und dass die Wetterfrösche eigentlich Goldesel sind, haben, wie immer, wenn es ums Fernsehen geht, zuerst die Amerikaner gemerkt. Dort wurden die «weathermen» schon vor zwanzig Jahren zu Stars, Willard Scott auf NBC und John Coleman (der später seinen eigenen Wetterkanal gründete) auf ABC und CBS avancierten zu gefragten «weathertainern» mit Gags - bis hin zum munteren Einbezug der Zuschauer als Wetterbeobachter - und entsprechenden Gagen: Jahreslöhne bis zu 400 000 Dollar plus noch höhere Werbeeinkünfte.

In Europa hat Frankreich den Unterhaltungswert des televisionären Wetters am frühesten erkannt. Alain Gillot-Pétré zeigte ab 1981, was er bei seinem Lehrmeister Coleman gelernt hatte, und geniesst bis heute auf TF 1 ungebrochene Popularität. Ein alerter Showman mit Pochettchen und Pferdeschwänzchen, setzt er das Wetter, und nicht minder sich selbst, effektvoll in Szene. Wenn er Kälte ankündigt, droht er den Zuschauern mit geballten Fäusten und nachdrücklich in den Knien federnd, es werde nun aber wirklich «très, très, très froid». Sonne dagegen, und sei es im Winter nur die im «glücklichen tropischen Departement» Frankreichs, in La Réunion, bejubelt er enthusiastisch. Gillot-Pétré nimmt das Wetter persönlich, und ungestümer als er moderiert es keiner: bald scheint er mit den Elementen zu ringen, bald sie zu beschwören - ein Witzbold und Schnellsprecher, der Verlegenheit nicht kennt und sich auf jedem Jahrmarkt durchzusetzen wüsste.

Hierzulande der Wetterprognose auf die Sprünge geholfen hat Jörg Kachelmann. Nach einem Geographie- und Meteorologiestudium betreute er ab 1983 für den «Sonntagsblick» die Wetterseite. Das Fernsehmagazin «Menschen, Technik, Wissenschaft» und die «Schweizer Illustrierte» waren weitere Stationen auf Kachelmanns journalistischem Weg, der ihn, nach seinem Erfolg als Wetterfrosch beim Zürcher Lokalradio «Radio 24», schliesslich in die Wetterküche des Schweizer Fernsehens führte. Dort hatte man sich bis anhin mit ein paar rudimentär animierten Wettergrafiken begnügt, die der Nachrichtensprecher nüchtern aus dem Off kommentierte. Als dem Fernsehen Anfang der neunziger Jahre erlaubt wurde, Sponsorenverträge abzuschliessen, beschloss man, wie die welschen Kollegen das Wetter separat anzurichten. Im Herbst 1992 ging «Meteo» auf Sendung, moderiert von Thomas Bucheli, Bettina Walch und Jörg Kachelmann.

Da blickte nun also ein lebhafter, jungenhaft-schlaksiger Bursche in die Kamera, sprach von Blumenkohlwolken und davon, dass es schifft - zur Freude der Zuschauer und zum Leidwesen der Schweizerischen Meteorologischen Anstalt (SMA), die solche Wettererscheinungen als Cumuluswolken und Niederschläge zu bezeichnen gewohnt war. Die trockene Wissenschaftlichkeit, die der Staatsbetrieb SMA (dem Eidgenössischen Departement des Innern zugehörig) in der Sprache amtlicher Verlautbarungen verbreitete, war nicht Kachelmanns Stil. Nicht einen elitären Wetterbericht für die Kollegen habe er machen wollen, sagt er, sondern einen für jedermann. Er hatte eine Marktlücke entdeckt, die er mit seinem 1991 gegründeten privaten Wetterdienst Meteomedia abzudecken versucht. Meteomedia erteilt telefonisch individuelle Wetterauskünfte und beliefert feste Kunden - Zeitungen und Radiostationen - täglich mit Prognosen. So wie es auch Meteotest in Bern tut, der zweite private Wetteranbieter in der Schweiz, der der SMA Konkurrenz macht.

Weniger professionell als der Staat arbeiten die Privaten nicht, und der Vorwurf der Unseriosität, den ihm seine Art, über das Wetter zu reden, von den hartgesottenen Meteorologen oft eintrug, ficht Kachelmann nicht an. Auf dem Schwäbrig im Appenzellerland, mehr als 1000 Meter über dem Meer, wo es mehr Wetter hat als im Unterland, hat er seine Firma in einer ehemaligen Ferienkolonie der Stadt Zürich eingerichtet. Dort sitzt er, der sich von Cola light und Wetterkarten zu ernähren scheint, inmitten seiner Computer, die ihm die einschlägigen Wetterdaten aus aller Welt auf die Alp bringen, wo er sie in Prognosen verwandelt, die er seinerseits aller Welt mitteilt, zumindest jenem Teil davon, der das Erste Deutsche Fernsehen einstellt. Denn seit November 1994 präsentiert Kachelmann nicht mehr «Meteo» sondern die Wettersendung der ARD. Die Turnhalle der Ferienkolonie hat er zum volldigitalisierten Fernsehstudio umgebaut, in dem er jeden Abend seine Sendung produziert und via Satellit nach Deutschland schickt. Wenn nicht gerade, wie Anfang Jahr, ein Blitz in die Schüssel einschlägt. Dabei wäre gerade das eine Sendung gewesen . . . Kachelmann gerät ins Schwärmen, als er sie abspielt: 800 Blitze in einer Stunde, und jeder festgehalten auf der Computergrafik . . . Ist es die nicht nachlassende Wetterbegeisterung, ist es die Leutseligkeit, die ihn so bildschirmwirksam macht? Ein Selbstverwirklicher auf Kosten des Wetters will er jedenfalls nicht sein - und apropos Blumenkohlwolken: erst kürzlich habe er in seiner Sendung die postfrontale Subsidenz beim Namen genannt.

Auch das Trio, das inzwischen das Schweizer «Meteo» präsentiert, bewegt sich in den Grenzen meteorologischer Dezenz. Bettina Walch, ein Wetterlaie, sitzt vom Mittag an in der Wetterredaktion des Fernsehens und wird von einem Fachmann für ihren Auftritt vorbereitet, bei dem sie frei, ohne Teleprompter, sprechen muss. Am liebsten hätte sie es noch spontaner, würde gerne auch mal unter freiem Himmel moderieren. Ein bisschen mehr Tainment als Info dürfte es von ihr aus schon sein, meint sie mit geschürzten Lippen und dem Jungmädchencharme, mit dem sie inzwischen auch «Muh» macht, eine Folkloresendung - der nächste Schritt in eine Fernsehkarriere.

Thomas Bucheli, ein ehemaliger SMA-Mann, der heute für Meteomedia tätig ist, ist der munterste der drei. Er dreht seine Pirouetten vor der Wetterkarte am leichtfüssigsten, er hat die beweglichsten Hüften und Augenbrauen, die er auch zu einem gelegentlichen Scherz gern hochzieht. Das Wetter, signalisiert er, das packen wir schon. Dem schnauzbärtigen Alex Rubli dagegen steht das Misstrauen gegen seinen Unterhaltungswert ins Gesicht geschrieben. Der SMA-Meteorologe verzichtet auf Beinarbeit, und seine Gesten sind knapp wie sein Abschiedsgruss: «Ihnen einen schönen Abend.» Die drei kann man einzeln mögen oder nicht: zu dritt verkörpern unsere Wetterfrösche - und darum erhält «Meteo» von den Zuschauern regelmässig Bestnoten - den idealen schweizerischen Durchschnitt: eine Mischung aus handfestem Charme, Gewitztheit und Steifheit, auf die man sich verlassen kann.

Und warum schauen wir 62 Prozent uns das Fernsehwetter täglich an? Weil heute die Freizeit so durchorganisiert ist wie das Arbeitsleben, sagt Jörg Kachelmann, von dem jeden Freitag ein Kunde wissen will, wohin er am Wochenende fahren soll, um Sonne zu haben. Weil beim Wetter, falls es unterhaltsam präsentiert wird, jeder sich entspannen und jeder mitreden kann, sagt Bettina Walch. Weil doch noch viele aufs Wetter angewiesen und alle irgendwie davon betroffen sind, sagt Alex Rubli. Weil wir dann nicht auf dümmere Gedanken kommen, sagt der Volksmund, der wahrscheinlich recht hat: «Celui qui parle du temps ne parle de rien, mais au moins ne dit-il pas du mal de son voisin.»




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