NZZ Folio 06/09 - Thema: Am Schwarzen Meer   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Für Rauhbeine und Prügelknaben

© Patrick Rohner
Rugbyshirt, Baumwolle, Gant, etwa 149 Franken. Linktext
Auf dem Spielfeld wurde das klassische Rugbyshirt aus schwerer Baumwolle von synthetischen Stoffen verdrängt; aber als Freizeitshirt sind die währschaften «Ruggers» beliebt wie eh und je.

Von Jeroen van Rooijen

Rugby ist ein Sport für ganze Kerle. Beim Kampf um das unrunde Leder wird gerempelt und geschubst und gezerrt, dass die Fetzen fliegen. Ein solcher Sport erfordert eine Kleidung, die der rauhen Natur des Rugby gerecht wird. «Rugger» nennt die in Schweden beheimatete, ursprünglich amerikanische Bekleidungsmarke Gant ihre Rugbyshirts mit den typischen Streifen. «Rugger» kommt vom englischen Adjektiv «rugged», robust.

Bei Männern, die den herben Sex­-­Appeal von Rugby schätzen, erfreuen sich die währschaften, aus Baumwolle gefertigten «Ruggers» seit Jahrzehnten grosser Beliebtheit. Rund eine Viertelmillion Stück davon werden jährlich verkauft, schätzt Dennis Lindgren von Gant. Die Rugbyshirts sind das Brot und die Butter für die Firma.

Das charakteristische Merkmal des Shirts sind der kontrastierende Kragen und die aus gerippter Baumwolle geschnittene Knopfleiste. Sie soll auch dann halten, wenn im Nahkampf ein anderer Rugbyspieler mal besonders ruppig daran herumzerrt. Auf dieser Leiste sind Knöpfe aus Gummi befestigt – sie fallen nicht ab, wenn einen der Gegner am Kragen packt, sondern biegen sich einfach, bis sie durchs Knopfloch «schlüpfen».

Aus ähnlichen Gründen ist der Kragen aus festerer, gewobener Ware geschnitten, wogegen der Rumpf und die Ärmel des Shirts aus elastischem Jersey gefertigt sind. Dieser Jersey, im Falle des zerlegten Shirts ein «20-double pretwisted», hat in aller Regel breite horizontale Streifen in kräftigen Farben, die den Teamfarben von Rugbymannschaften nachempfunden sind. Die seitlichen Schlitze sind eher ein modisches Detail. Die Bundabschlüsse am Ärmel sind aus Rippjersey geschnitten und funktionieren auch als Schweissbänder.

Um zu verhindern, dass sich das Material im Verlauf der Verarbeitung verdreht, wie das bei günstigeren Produkten oft der Fall ist, verwendet Gant für die Herstellung des Jerseys seiner «Ruggers» nur vorgedrehte Garne. Ausserdem wird die Maschenware vor der Verarbeitung gewaschen, so dass das Shirt später beim Waschen nicht einläuft. Gefertigt werden die Shirts bei einem Produzenten namens David Lee in China. «Ich nenne ihn schon Mr. Rugger, weil er diese Shirts seit 1985 für uns näht», sagt Dennis Lindgren.

Getragen wird das Shirt zu einer Jeans oder zu Baumwollslacks, über dem offenen Hemd oder einem T-Shirt; am Hafen, auf dem Boot oder auch zum Jogging. ­Nur auf dem Rugbyfeld sucht man die «Ruggers» heute vergeblich. Professionelle Teams bevorzugen leichte, atmungsaktive Synthetikstoffe, die sich auch in anderen Sportarten durchgesetzt haben. Dagegen hat die relativ schwere Baumwolle des «Ruggers» keine Chance.

Würde das Shirt einem «Ernstfall» überhaupt noch standhalten? «Ich spiele selber kein Rugby», sagt der «Rugger»-Designer Dennis Lindgren lachend, «aber wenn ich es täte, würde ich das Shirt möglichst eng tragen – damit sich der Gegner weniger leicht daran festkrallen und es nicht in Stücke reissen kann.» (Das zerlegte Rugbyshirt ganz: Seite 64.)

Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ.



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