NZZ Folio 08/04 - Thema: Olympia   Inhaltsverzeichnis

Indiana Jones beim Griechen

Wie hat man Olympia gefunden? Woher weiss man, wie die Tempel aussahen? Warum ist es schwierig, eine Säule zu rekonstruieren? Der Archäologe Adolf Borbein erklärt es im Gespräch mit Daniel Weber.

Von Daniel Weber

ADOLF H. BORBEIN wurde 1936 in Essen geboren. Er studierte in Bonn und in München klassische Archäologie (griechische, etruskische und römische Kultur) sowie griechische und lateinische Philologie. Als Reisestipendiat des Deutschen Archäologischen Instituts besuchte er Italien, Griechenland, die Türkei und verschiedene arabische Staaten. 1974 wurde der Archäologe Professor in Marburg, seit 1977 lehrt er an der Freien Universität Berlin. Unter vielem anderem ist Borbein stellvertretender Vorsitzender der Zentraldirektion des Deutschen Archäologischen Instituts, Herausgeber der Schriftenreihe «Antike Plastik» und Projektleiter einer Neuedition der Schriften Johann Joachim Winckelmanns.

Herr Borbein, der berühmteste Archäologe ist Filmheld Indiana Jones. Ist er in Ihrer Branche beliebt?

Wir halten ihn für nützlich, weil er das Interesse an Archäologie in weitere Kreise getragen hat. Aber er vermittelt natürlich ein Bild, das nicht stimmt. Man kann Archäologie nicht auf ihre Begleitumstände reduzieren, das Graben in unwegsamen Gegenden ist ja nur Mittel zum Zweck. Etwas zu entdecken, ist zwar wichtig, aber danach kommt die wissenschaftliche Hauptaufgabe: Wie müssen wir die Funde interpretieren?

Was war das Wichtigste, das Sie gefunden haben?

Ich habe nie etwas gefunden, weil ich gar nie selbst gegraben habe. Ich bin ein reiner Theoretiker. In den klassischen archäologischen Instituten hat man früher wenig eigene Grabungen gemacht. Das hat sich mittlerweile geändert. Im Unterricht spielt es zwar keine Rolle, aber das Graben ist heute doch sehr populär und wird von einem Archäologen eigentlich erwartet. Dafür kriegt man auch die Mittel. Der Nimbus des Ausgräbers ist sehr gross.

Wie kam man darauf, in Olympia zu graben?

Wir wissen über Olympia Bescheid durch die antike Literatur. Der Geschichtsschreiber Pausanias hat im 2. Jahrhundert n. Chr. den Ort sehr ausführlich beschrieben. Der Gelehrte Johann Joachim Winckelmann hatte schon im 18. Jahrhundert Pläne, dieses wichtige Heiligtum freizulegen. Dazu kam es dann nicht. Im frühen 19. Jahrhundert machte eine französische Expedition eine Grabung und fand den Zeustempel – im Louvre gibt es einige Stücke davon zu sehen. Die grosse Ausgrabung hat dann der deutsche Altertumswissenschafter Ernst Curtius intensiv betrieben. Er sah das als eine Aufgabe von nationaler und europäischer Bedeutung. Und er fand die nötige Unterstützung: Weil er der Erzieher des späteren Kaisers Friedrich III. war, hatte er sehr gute Beziehungen zum Königshaus. So konnten 1875 die Grabungen beginnen.

Worunter lag Olympia denn begraben?

Olympia liegt in einem Winkel zwischen zwei Flüssen. In der Antike hatte man Mauern gebaut, um den Ort vor Überschwemmungen zu schützen. Als das Heiligtum aufgegeben wurde, nistete sich dort in der Spätantike eine kleine Siedlung ein, aber die wurde aufgegeben, als im Mittelalter alles überschwemmt wurde. Dank diesen Überschwemmungen blieb Olympia sehr gut erhalten. Und dass man so erfolgreich gegraben hat, liegt an Pausanias’ genauen Beschreibungen. Aus seinem Text hat man erfahren, wo etwas liegt und was es ist.

Man konnte ihn wie eine Schatzkarte lesen?

Genau. Curtius hat im Abschlussband über die Ausgrabungen gesagt, sie hätten den Pausanias bestätigt.

Schliemann streifte ja auch mit dem Homer unter dem Arm durch Griechenland und die Türkei, um Troia zu finden.

Der Homer gehört zu einer ganz anderen Literaturgattung. Bei den Epen spielen historische Reminiszenzen eine gewisse Rolle, aber man kann nicht sagen, dass der Homer eine bestimmte Stadt oder einen bestimmten Krieg genau beschrieben hat. Das Epos folgt literarischen Gesetzen, das darf man historisch nicht wörtlich nehmen.

Bei Pausanias ist das anders?

Völlig. Seine Absicht war, Griechenland zu beschreiben für sein Publikum im 2. Jahrhundert n. Chr. Er hatte natürlich seine Vorlieben, ihn interessierten vor allem die alten Sachen, aber zu denen lieferte er sehr detaillierte Angaben. Die Hermes-Statue des Praxiteles, eines der berühmtesten Künstler seiner Zeit, wurde in Olympia genau an der Stelle gefunden, die Pausanias beschrieben hat.

Olympia war eine heilige Stätte. Was weiss die Archäologie über das Alltagsleben der Antike? Wie wohnten die Menschen? Wie sahen sie aus? Was trugen sie?

Was die Griechen im 5. Jahrhundert v. Chr. getragen haben, wissen wir aus der attischen Vasenmalerei. Und es gibt literarische Zeugnisse. Auch über das Wohnen seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. sind wir gut informiert. Man hat gut erhaltene Häuser gefunden, kann auch verfolgen, wie sich die Wohnformen änderten, als der zivilisatorische Luxus zunahm, mit Wasserleitungen, Kanalisation und so weiter. Aber es waren natürlich immer die Ober- und die Mittelschichten, die man da erfasste. Weil nur sie Zeugnisse hinterliessen, die dauerhaft waren. Die armen Leute lebten in Hütten, die nicht überdauerten.

Ist das ein generelles Problem der Archäologie, dass sie nur die Oberschicht erschliesst?

Über die Unterschichten wissen wir sehr wenig. Und auch über die Sklaven, die ja in den antiken Gesellschaften eine grosse Rolle gespielt haben. Archäologisch sind sie äusserst schwer nachzuweisen.

Darum sind die literarischen Zeugnisse so wichtig.

Das ist ein grosser Vorteil der klassischen Archäologie gegenüber jener, die sich mit der Prähistorie befasst: Wir haben literarische Quellen, die sind ungeheuer wichtig. In Olympia hat man sehr viele Inschriften gefunden, auf den Basen von Statuen, auf Bronzetafeln. Nicht nur Bestimmungen zum Ablauf der kultischen Handlungen und der Olympischen Spiele, sondern auch Staatsverträge, die man da deponiert hat. Wir wissen also sehr viel, ohne alles aus den Bodenbefunden schliessen zu müssen. So haben wir ein vielfältiges Bild der Realität dieses Heiligtums gewonnen.

Entspricht es dem, was wir auf den Bildern in diesem Heft sehen? Woher weiss man beispielsweise, dass auf dem Dach des Gebäudes auf Seite 28/29 diese Verzierungen angebracht waren?

Das ist das Metroon, der Tempel für die Göttermutter, der später, in der römischen Kaiserzeit, für den Kaiserkult benützt wurde. Man weiss, wie ein solches Dach aussah, weil die griechische Architektur sehr typengebunden war. Terracottadächer deckte man, indem man zwei Ziegel nebeneinander legte und einen dritten darauf, um die Lücke zu verdecken. Und die Reihe dieser dritten Ziegel wurde am Dachrand mit einem schmückenden Stirnziegel, einem Antefix, geschlossen.

Und der Gesamteindruck der Bilder ist plausibel?

Gewiss. Ausser, dass das Ganze ein bisschen leer wirkt. Man muss sich vorstellen, dass da viel mehr herumstand: Weihgeschenke von Städten und von Privaten, Statuen der olympischen Sieger, Altäre, alles mögliche. Und während der Spiele hatte es natürlich viel mehr Leute. Auch bei andern Kulthandlungen, die da stattfanden, war eine Menge los. Olympia war ein wichtiges Heiligtum, das man nicht auf die Spiele reduzieren kann. Wahrscheinlich standen auch Bäume zwischen den Gebäuden. Das Hippodrom (Seite 34), wo die spektakulären Wagenrennen stattfanden, liegt noch unausgegraben unter dem Schwemmsand des Flusses.

Stimmt das Bild der monumentalen Zeusstatue auf Seite 22/23?

Sie ist bei Pausanias genau beschrieben. Und auf Münzen der Stadt Elis, auf deren Gebiet Olympia lag, hat man Zeusabbildungen gefunden. Die Statue war ja sehr berühmt, sie galt als eines der Sieben Weltwunder, und viele sind bestimmt allein ihretwegen nach Olympia gereist.

Hat man davon noch irgendetwas gefunden?

Nein, sie war ja aus Gold und Elfenbein, das hat man nicht den Archäologen überlassen. Aber man fand Spuren in der Werkstatt, die man dem Phidias, dem berühmtesten Bildhauer der Antike, in der Nähe des Zeustempels gebaut hat. Dort ist die zwölf Meter hohe Statue in jahrelanger Arbeit entstanden, das war eine richtige Ingenieuraufgabe. Man baute zuerst ein Gerüst, darauf wurden die Goldplatten und das Elfenbein montiert. Von der Athena Parthenos in Athen, die auch von Phidias stammt, weiss man, dass Athen in Notzeiten das Gold der Statue benutzen durfte, als eine Art Notgroschen. In Phidias’ Werkstatt in Olympia fand man Terracottaformen, die wahrscheinlich dazu dienten, Teile der Zeusstatue herzustellen. Und ein Kännchen mit der Inschrift «Ich gehöre dem Phidias». Das hat man 1958 ausgegraben.

Archäologie ist Geschichte zum Anfassen. Wann fing das Interesse an ihr an?

Eigentlich schon in der Antike. Zur Zeit Cäsars wurden in Korinth Gräber gefunden mit intakter alter Keramik. Die war sehr gefragt und liess sich teuer verkaufen.

Die ersten Archäologen waren also Grabräuber?

Ja, in einem gewissen Sinn. Aber zur Archäologie würde ja auch gehören, dass man historische Schlüsse aus dem zieht, was man findet. Den Grabräubern war das egal.

Richtig angefangen hat es dann wohl in der Renaissance mit der Begeisterung für die Antike?

In Rom hat man natürlich Grabungen gemacht und mehr durch Zufall Sachen wie den Laokoon gefunden. Wichtig war dann die Grabung in Pompeii im 18. Jahrhundert. Am Anfang war es einfach Schatzgräberei, aber daraus hat sich sehr bald eine wissenschaftliche Archäologie als Instrument des Historismus entwickelt. Vollends in die Nähe der aufstrebenden Naturwissenschaften rückte die Archäologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. So wie sich die Naturwissenschafter im Experiment Quellen der Erkenntnis erschliessen, öffnen die Archäologen den Boden. Sie erschliessen sich damit Neues über das hinaus, was sich in den Bibliotheken, in den Kirchen oder in den Kunstsammlungen findet.

Archäologie wurde zur Feldforschung?

Ja, vorher waren es oft Zufallsfunde. Im 18. Jahrhundert gab es die Society of Dilettanti, archäologisch interessierte englische Reisende, aber die inventarisierten eher, was schon da war, und veranstalteten nicht wirklich Grabungen. Die gingen erst Mitte des 19. Jahrhunderts richtig los, mit den grossen Ausgrabungen in den südlichen Ländern bis in den Orient hinein.

Was waren die einschneidenden Stationen?

Technisch ganz wichtig war die Nutzung der Stratigraphie: der Methode, aus den Erdschichten die Chronologie zu bestimmen. Die oberen Schichten sind jünger als die darunterliegenden. Das Verfahren wurde in der prähistorischen Archäologie im 19. Jahrhundert angewendet, und die andern Archäologen haben es übernommen. In Olympia spielte es keine Rolle, weil durch die Überschwemmungen des Geländes die Schichtenfolge massiv gestört war. Aber in Troia zum Beispiel war die Stratigraphie sehr wichtig. Eine weitere Station war die Einführung der Fotografie in den 1870er Jahren, sie veränderte die Möglichkeiten der Dokumentation.

Und wie hat sich die Archäologie inhaltlich entwickelt?

Im Lauf der letzten Jahrzehnte hat sich die Haltung immer mehr durchgesetzt, dass Archäologie nicht einfach den Zweck haben soll, Objekte zutage zu fördern, schöne Sachen, die man im Museum in die Vitrine stellen kann. Archäologie soll Spuren sichern, die historische Fragen beantworten helfen. Nimmt man die letzten Erkenntnisse von Helmut Kyrieleis, dem Ausgrabungsleiter des Deutschen Archäologischen Instituts in Olympia, über die Frühgeschichte des Heiligtums, sieht man: Da gibt es zwar nur minimale Spuren, aber man kann ganz viel herauslesen.

Ist Archäologie nicht vor allem an Kunst interessiert?

Das war zu Winckelmanns Zeiten so, da stand die Kunstgeschichte im Zentrum. Heute erforscht man die materielle Kultur der Vergangenheit. Da ist es egal, ob der Gegenstand ein Bildnis ist oder ein Küchengerät. Natürlich sind die Kunstwerke stärker reflektiert, aus denen kann man sehr viel mehr gewinnen als aus der Scherbe eines Küchentopfs. Aber heute wird bei den Grabungen fast nichts mehr weggeschmissen. Früher warf man weg, was einen nicht interessierte. Für das Olympia zur Zeit der Römer etwa hat man sich bis vor ein paar Jahrzehnten kaum interessiert.

Wie stark wird Archäologie vom Zeitgeist beeinflusst?

Es gab zum Beispiel die marxistische Archäologie, die vor allem in Italien, wo sie herkam, sehr grossen Einfluss hatte. Sie wollte wegkommen von der Konzentration auf die Hochkultur und sich den einfachen Dingen wie der Gebrauchskeramik zuwenden. Sie fragte etwa: Wie haben die Leute auf dem Lande gelebt? In Metapont, der griechischen Kolonie in Italien, gibt es ein riesiges Areal, auf dem die Bauern während der Ernte in Hütten übernachteten. Da fand man schon Sachen, aber die Interpretation ist furchtbar schwierig, wenn man keine schriftlichen Quellen hat. Die marxistischen Ansätze haben der Archäologie viel gebracht, werden aber in reiner Form nicht mehr verfolgt.

Gibt es auch eine feministische Archäologie?

Ja, die gibt es. Einerseits geht es dabei um Erscheinungen in der Kunst: Welches Bild der Frau vermittelt die Aphrodite von Knidos, die erste nackte Darstellung der Aphrodite? Aber auch hier muss man literarische Zeugnisse haben, wenn man nicht aus dem hohlen Bauch heraus argumentieren will. Man kann schon fragen: Wie wirkt das auf mich als Frau? Aber ob das in der Antike auch so gewirkt hat, wissen wir nicht. Andererseits fragt die feministische Archäologie zum Beispiel nach den Rechten der Frau in der Antike. Konnten Frauen in Olympia aus eigener Initiative Weihungen machen, die sehr teuer waren? Dank der Untersuchung von Inschriften weiss man, dass sie es konnten. Obwohl sie rechtlich sehr benachteiligt waren, um nicht zu sagen rechtlos, und an die Männer gebunden. Aber es gab nachweislich Bereiche, in denen sie über eigenes Vermögen frei verfügen konnten.

Wie viel ist von der Antike materiell übriggeblieben?

Das kann man nicht abschätzen. Aber jedenfalls sehr wenig. Nehmen Sie Pompeii. Das war nur eine nicht besonders bedeutende Stadt. Davon gab es Tausende – und von all den anderen haben wir nichts! So ist es auch bei den Heiligtümern. Aus Olympia haben wir sehr viel, dennoch ist es längst nicht alles. Was aus Gold oder Bronze war, wurde spätestens in der Spätantike eingeschmolzen. Man hat halt demontiert, was man brauchen konnte. Als Carl Humann 1864 nach Pergamon kam, sah er, wie die Leute dort ihre Kalköfen mit antiken Ruinen fütterten. Der berühmte Pergamonfries wurde in letzter Minute vor dem Verbrennen gerettet! Wäre der Humann da nicht vorbeigekommen …

Wem gehört, was man aus dem Boden holt?

Olympia war die erste Grabung, bei der vertraglich festgelegt wurde, dass die Funde den Griechen gehören und im Land bleiben. Deutschland hatte nur das Recht der wissenschaftlichen Bearbeitung, und die Archäologen durften Gipsabgüsse von den Stücken nehmen. Das war damals nicht unumstritten. Bismarck war dagegen, er wollte die Sachen nach Deutschland holen und hat es fast geschafft, die Grabung lahmzulegen. Aber Kaiser Wilhelm I. setzte sich dann persönlich dafür ein. In Ägypten dagegen wurden die Funde noch länger geteilt – die Nofretete ist ja nach Berlin gekommen. Heutzutage ist es selbstverständlich, dass die Funde im Land bleiben. Daran rüttelt niemand mehr.

Den Schatz des Priamos, den Schliemann nach Berlin brachte, beanspruchen heute drei Länder.

Der ist jetzt in Russland. Die Türkei möchte ihn, weil er dort gefunden wurde, und auch das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte, das von Schliemann den Schatz erhielt, den die Russen im Zweiten Weltkrieg als Kriegsbeute holten. Als Archäologe ist für mich das Wichtigste, dass die Sachen der wissenschaftlichen Bearbeitung zugänglich sind. Dann ist es letztlich egal, ob sie sich in Moskau, Istanbul oder Berlin befinden.

Spielen die Ausgrabungen nicht auch eine Rolle für den Tourismus?

Zu Recht. Wissenschaft soll sich nicht im Elfenbeinturm abspielen, sondern ihre Erkenntnisse auch vermitteln, und dafür ist der Tourismus von grossem Nutzen. Das Problem ist, dass man die archäologischen Stätten oft nur noch unter dem touristischen Gesichtspunkt sieht, als Devisenbringer. Da verlangt man bisweilen von den Wissenschaftern irgendwelche Rekonstruktionen, nur um die Leute anzulocken. Ruinen können ja auch furchtbar langweilig sein, wenn man nur ein paar Grundrisse und eine halbe Säule sieht. Aber es gibt Rekonstruktionen, die man nicht billigen kann. In Ephesos gibt es teilrekonstruierte Gebäude, die inakzeptabel sind. Es war der Versuch, eine Ruinenstätte zu möblieren, attraktiver zu machen, damit die Leute mehr als nur ein paar Steine sehen.

Ist der Wunsch nicht berechtigt?

Doch, aber man muss fragen, wieweit sich touristische und wissenschaftliche Ansprüche vereinen lassen. Der Zeustempel in Olympia war ein Riesending, jetzt liegen da die Säulen herum, die sind bei einem Erdbeben umgekippt. Nun könnte man sagen: Bauen wir den Tempel doch einfach wieder auf. Aber die umgestürzten Säulen sind auch ein historisches Zeugnis, das man vernichtet, wenn man rekonstruiert. Für die Olympischen Spiele 2004 wird nun eine Säule des Zeustempels wieder aufgerichtet. Ende März war ich dort, um es mir anzusehen. Man rekonstruiert nicht eine von den schön daliegenden, sondern eine, die in viele Teile zersprungen war. Das ist eine unendliche Arbeit, wenn man ein wissenschaftlich und denkmalpflegerisch vertretbares Resultat erzielen will.

Ist diese Arbeit auch archäologisch aufschlussreich?

Sicher. Wenn man sieht, welche Riesenmühe die selbst mit den modernen Geräten haben, fragt man sich: Wie haben die das damals geschafft? Es ist wahnsinnig schwierig, Säulentrommeln aufeinanderzusetzen. Die Trommeln waren ja nur geringfügig verklammert. Sie mussten präzise gearbeitet sein, damit sie aufeinanderpassten.

Also ist diese Säule eine sinnvolle Rekonstruktion?

Sie kostet zwar wahnsinnig viel Geld, aber man führt den Leuten damit vor Augen, wie hoch so ein Tempel war. Und zusammengefügte Stücke sind besser geschützt, als wenn sie nur so rumliegen und zerbröseln. Alles, was aus dem Boden genommen wird, ist dem Verfall preisgegeben. Auf der Agora in Athen hat man sehr vieles wieder zugeschüttet, weil es sich so am besten erhält. Man muss ja nicht jeden Grundriss freilegen.

Würde zur Rekonstruktion antiker Funde nicht auch gehören, dass man sie bemalt? Das Bild der griechischen Antike mit den blendend weissen Statuen ist ja falsch. Warum korrigiert das die Archäologie nicht?

Nicht nur die Skulpturen waren bunt, auch die Architektur. Bei den Tempeln die Giebel und die Kapitelle, die Säulen waren wahrscheinlich weiss. Das Problem ist: Es kommt auf die Nuancen an. Rot ist nicht einfach Rot. Wir wissen zwar, was für Erdfarben die genommen haben, aber die Tönung kennt man nicht. Es gibt Terracottafiguren aus dem Hellenismus mit gut erhaltener Bemalung, da gewinnt man den Eindruck: Waren das aber kitschige Farben! Kreischend bunt, schreckliches Rosa – fürchterliche Sachen. Aber das muss nicht für alles gegolten haben. Der legendäre Bildhauer Praxiteles sagte im 4. Jahrhundert v. Chr., er finde jene seiner Skulpturen am besten, die der Maler Nikias bemalt habe. Der war selbst ein berühmter Künstler. Das ist, wie wenn Michelangelo gesagt hätte, seine besten Skulpturen seien die, die Raffael bemalt habe. Die Antike ist für uns notgedrungen farblos, auch wenn wir wissen, dass sie es nicht war.

Was wird für die Archäologen in 2500 Jahren von uns bleiben?

Etwas wird weitgehend fehlen: die Literatur. Aus der Antike haben wir in Marmor gehauene Inschriften. Was wir auf Papier und im Computer haben, wird alles weg sein. Überhaupt viel von dem, was für uns so wichtig ist: Nachrichten, Zeitungen. Bei unseren Gebrauchsgegenständen werden die Archäologen rekonstruieren müssen, so wie wir das mit einer antiken Wasseruhr in Athen ja auch tun. Ich weiss nicht, was die denken werden, wenn sie Teile von einem Elektrorasierer finden.

Werden es die zukünftigen Archäologen schwerer haben als Sie?

In der Antike hat man immer darauf geachtet, etwas Bleibendes zu schaffen. Weil auch die Religion nicht darauf gesetzt hat, dass es nach dem Tod noch etwas gibt. Das ist ein genereller Zug der Antike: etwas so zu dokumentieren, damit es nicht vergessen wird. Dafür hat man dauerhafte Materialien gewählt. In Athen hat man Verträge mit andern Städten in Marmor gehauen und sogar die Bauabrechnungen des Parthenons. Man wollte die Erinnerung an Ereignisse, an sich selbst und an das, was man gemacht hat, festhalten. Wir sind viel stärker auf den Augenblick fixiert. Und das meiste wird ja dann auch gleich wieder vergessen.

Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ-Folio.




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