«DIE LEUTE HABEN selten das Verständnis und die Liebe und das Einfühlungsvermögen füreinander draussen in der Welt. Ich möchte nie mehr dorthin. Von mir haben die Leute schon zu meiner Mutter immer gesagt: Ein schöner Bub, aber fast ein bisschen zu gut für die heutige Zeit. Ich habe auch schon zu den Schwestern gesagt, man sollte mehr Verständnis, Liebe, Geduld und Güte haben. Dann sagen sie: Ja, weisst du, Willi, das ist schon schön, aber du musst immer denken, wir sind auch Menschen. Wir spüren auch etwas.
Ich begreife das schon.
Ich bin seit drei- oder vierundfünfzig hier, so genau kann ich das nicht mehr sagen. Ich war dreizehn, vierzehn Jahre alt. Der Arzt sagte zu meiner Mutter: Schauen Sie, Frau Sax, wenn die Schizophrenie in diesem Alter kommt, dann kann man sie fast nicht heilen. Denn das ist im Kind drin. Ich bin von Oberwil, Zug. Dort bin ich in die Primarschule gegangen, es haben sieben Hundertstel gefehlt, und ich wäre in die Sekundarschule gekommen. Ich weiss noch, wie alles angefangen hat. Ich stand auf dem Kolinplatz und zitterte und wollte niemanden sehen, hatte Angst vor den Menschen. Und das ging nie mehr weg.
Ich bin gut katholisch. Sie auch?
Ich bin schon anno vierundsiebzig, fünfundsiebzig, als ich noch drüben im P3 war, zum Schlafen in diesen Saal gekommen. Saal sagt man, nicht Zimmer. Sie riefen an und sagten, sie müssten einen ins P3 hinüber bringen, ob sie dort einen zum Versetzen hätten. Da sagten sie: Nein, wir haben keinen, und den Sax Willi geben wir nicht, dem gefällt es hier, und der schafft fast wie ein Pfleger. Dann hatte jemand eine gute Idee und fand, ich solle doch im P3 bleiben und abends hierher zum Schlafen kommen. Damals hatte es dreizehn Betten hier drin, nein, elf: hier fünf und dort fünf und dort eins. Da hatte ich meine Möbeli noch nicht, nur einen Stuhl, und da waren noch alte Betten, ein wenig angerostet. Ich war gerne mit den Kameraden zusammen, da ist immer etwas gelaufen in der Nacht. Und auch, wenn am Morgen die Pfleger kamen. Früher hatte es hier 850 Patienten, jetzt nur noch etwa 520. Früher war eben noch fast alles chronisch.
Ich habe nicht mehr so Freude. Wissen Sie, wenn eine Freude kommen möchte, dann kommt sie, aber sie geht an mir vorbei.
Ganz in diesem Saal wohne ich seit etwa zehn, zwölf Monaten. Vorher war ich oben. Dort hatten wir zwei Schnarcher, das heisst, sie schnarchen natürlich immer noch, und der Otti regte sich immer auf. Der Otti sagte manchmal: Gopfertori, ich springe jetzt dann zum Fenster hinaus. Am Morgen sagten wir dann zueinander: Da haben wir wieder eine Nacht gehabt! Und am Abend sagten wir: Nehmen wir wieder eine!
Hier sind wir vier. Mit den anderen drei komme ich gut aus. Wir haben keinen Streit. Dem Markus sage ich vielleicht einmal: Spielst du wieder mit dem Wasser? Choslisch wider? Das tut man einfach nicht, Markus. Dann knallt er die Türe zu. Dann sage ich mir, ich sage nichts mehr. Eigentlich rege ich mich an ganz normalen Sachen auf, wie das ein Aussenmensch auch tut.
Essen tue ich immer in der Officeküche, nicht im Speisesaal. Das war schon immer so. Man hat mir gesagt: Wir haben schon Platz für dich, komm du zu uns is Chucheli.
Am Mittag mache ich ein Mittagsschläfchen. Abends ist es verschieden, manchmal rauchen wir drüben noch ein wenig oder trinken Coca-Cola. Der eine geht früher schlafen, der andere später. Unten heisst es, man müsse um zehn im Bett sein. Freitag und Samstag ist Verlängerung. Ich komme so um halb zehn, halb elf. Es war auch schon halb eins. Wenn die Schwester den Saal drüben aufmacht, damit ich noch ein wenig Fernsehen schauen kann. Es hat dort immer etwa einen, der schaut. Dann getraue ich mich manchmal nicht mehr hinein. Heimatfilme sehe ich gern. Fasnacht auch. Und Sport, Fussball. Und Eiskunstlaufen, die schönen Röckli. Arbeit habe ich keine mehr, seit ich nicht mehr im P3 bin. Dort habe ich dreissig Jahre lang Tische gedeckt, Tische abgewaschen, Wäsche verteilt. Es gibt solche, die sagen: Was willst du, Willi, du hast Deinen Chrampf gemacht, geniesse es jetzt ein wenig. Musst dich ja nur ärgern.
He ja, wer ärgert sich nicht manchmal.
Ich hatte etwa siebzig, achtzig Elektroschocks. Nach den ersten 40 hatte ich mich daran gewöhnt. Es ist eben so, dass ich mich im Auge kratzte, bis es vereitert war, und immer rief: ich will sterben. Immer so. Da sagte der Arzt zur Mutter: Ich versuche jetzt noch das letzte, was man machen kann, sonst wird das Kind blind.
Was ich den ganzen Tag mache? In der Küche unten sitzen, Kaffee trinken, ich habe gerne kalten Kaffee, ich stelle ihn manchmal noch ins Gefrierfach. Ein wenig rauchen, in den «Gambrinus» gehen, dort ein wenig in der Ecke sitzen und beten und mit den Tamilen reden und mit Dani, der ist ein wenig der Sergeant dort.
Das Kommödli und die Fotos gehören mir. Auf dem einen Foto ist meine Mutter, als sie jung war, auf dem anderen ist sie älter. Ich bin auch auf einem Bild. Die Mutter ist gestorben, die Schwester kommt wunderselten. Es ist mir gleich, wir kommen nicht so aus miteinander. Sie ist der bare Vater, und ich bin eben ganz die Mutter.
Ich muss immer den Wänden entlanggehen, das war immer so. Das ist wie ein Zwang. Man kann das nicht so gut erklären. Mit den Fingern der Wand entlang.
So eine Frau wie Sie habe ich schon ganz lange nicht mehr gesehen. So ein Charakter!»