Es gibt ihn nicht mehr, den alten Süden, und das Tara von Scarlett O'Hara ist weit weg. Trotzdem fühlt sich Monroe Gilmour jr. manchmal an ihn erinnert. Monroe Gilmour ist Gründungsmitglied der «Western North Carolina Citizens for an End to Institutional Bigotry» in Asheville. In einem Leserbrief an die «Green Line», das alternative Blatt am Ort, kritisiert er, dass schwarze Mädchen bis heute vom jährlichen Debütantinnenball ausgeschlossen bleiben. Nun könne man allerdings mit gutem Grund fragen, wen so etwas überhaupt noch interessiere und ob nicht ohnehin das ganze Debütantinnen-Getue eine Tradition sei, die sich längst überlebt habe. «Aber dass man solchen Überbleibseln des alten Südens erlaubt, sozial akzeptabel zu bleiben, hat auf die Gesellschaft einen negativen Einfluss, wirft sie zurück, macht uns kleiner und stärkt die Scheinheiligkeit in jedem von uns», glaubt Gilmour.
In Los Angeles brennen ganze Stadtteile, und in Asheville hat einer ein Debütantinnenproblem. Der Vergleich hat nur bei oberflächlicher Betrachtung etwas Schiefes. Durch das ländliche Leben, das Kleinstadtleben, sind die Probleme der schwarzen Gemeinschaft zwar gemildert; aber vorhanden sind sie. Auch in Asheville leben die Schwarzen nicht wie in der Bill-Cosby-Show.
Das illustriert ein Fall, der jüngst in Asheville die Gemüter erregte: Im Februar verurteilt ein Geschworenengericht den 31jährigen Schwarzen James Resper auf Grund von Indizien zu dreissig Jahren Gefängnis wegen Brandstiftung. Resper hatte die Tat immer geleugnet und auch Zeugen beigebracht, die ihm ein Alibi verschafften. Aber er ist vorbestraft und findet vor den Geschworenen keinen Glauben. Zunächst bleibt das Urteil ohne Folgen. Aber wenige Wochen später wird eine bekannte Moderatorin der örtlichen Fernsehstation - eine Weisse - ebenfalls der Brandstiftung angeklagt. Sie gesteht, das Bett ihres Liebhabers wegen eines Streits angezündet zu haben. Doch die Jury spricht sie frei. Die Absicht der Brandstiftung sei der Angeklagten nicht nachzuweisen.
Das ist zuviel. An einer Protestversammlung, wie es sie hier seit Martin Luther Kings Tagen nicht mehr gegeben hat, schlagen die Emotionen Wogen: «Wir wollen nicht wissen, was mit Resper nicht stimmt, wir wollen wissen, was mit dem System nicht stimmt», fasst einer den Unmut der Anwesenden zusammen. Niemand versteht, wie ein solches Urteil gesprochen werden konnte. Der Bezirksanwalt, der auf dem Podium sitzt und dazu etwas sagen soll, versucht zu beschwichtigen: «Die Hälfte aller Urteile werden auf Grund von Indizien gefällt», und er meint dann, das Ganze sei weniger ein Problem von Schwarz und Weiss als eines von Reich und Arm. Doch für die schwarzen Zuhörer ist es «das System». Diszipliniert reihen sie sich vor dem Mikrophon auf, aber dann schreien sie ihre Wut über Polizei und Justiz heraus, die sich nicht erst seit dem Resper-Fall aufgestaut hat. Eine schwarze Frau erzählt weinend: «Mein Mann ist von der Polizei umgebracht worden. Aber nie ist der Fall vor Gericht gekommen.» Der Bezirksanwalt sagt nur, die Autopsie habe keine genaue Todesursache ergeben.
Das System. - Gut 20 Prozent der Einwohner Ashevilles sind schwarz. Aber das Rechtssystem kontrollieren ausschliesslich Weisse. «Es gibt keine schwarzen Richter, keine schwarzen Staatsanwälte», sagt Kenneth Brantley, «es gibt auch kaum schwarze Führungskräfte in Behörden und Wirtschaft.» Brantley ist Journalist und hat in Asheville eine schwarze Radiostation aufgezogen. Ausserdem ist er «Executive Director of the National Organization for the Preservation of African-American Man». Die Afro-Americans - so nämlich nennt sich die schwarze Gemeinschaft inzwischen - sind eine Bevölkerungsgruppe, deren Zahl stagniert. Gefängnis, Drogen, Krankheiten - besonders Aids - und Kriminalität dezimieren die Zahl der potentiellen Familienväter. Das sind Probleme, die auch längst ins abgelegene Asheville gedrungen sind, selbst wenn es hier kein verkommenes Grossstadtghetto, keine verslumte Innenstadt gibt. Brantley spricht nicht von brutalem und offenem Rassismus in Asheville - keiner von denen, die wir befragt haben, tut das. Aber Diskriminierung spüren die Schwarzen allenthalben, und sie klagen, dass sie zuwenig Unterstützung bekämen, dass zuwenig Geld da sei und zu wenig gut bezahlte Arbeit. Die Folge ist, dass ein Drittel von Ashevilles Schwarzen unter der Armutsgrenze lebt - bei Weissen sind es «nur» 10 Prozent. Die Arbeitslosenquote der Schwarzen ist mit über 10 Prozent doppelt so hoch wie jene der Weissen.
Das System. - «Das System erwartet das Schlimmste von uns, und das ist es, was es bekommt», sagt John Hayes, der «Bürgermeister» von Hillcrest. Hayes arbeitet hier als städtischer Beauftragter für Jugend- und Familienarbeit. Hillcrest ist eine Sozialsiedlung für Schwarze: Einfamilienreihenhäuser, in den fünfziger Jahren gebaut, vor nicht allzu langer Zeit renoviert und auf den ersten Blick sehr ordentlich aussehend. Alles andere als ein Slum. Trotzdem ist Hillcrest so etwas wie der Slum von Asheville. 215 Familien wohnen hier, mehr als die Hälfte lebt von der Wohlfahrt, 185 sind «Familien mit nur einem Elternteil», was soviel bedeutet wie alleinstehende Frauen mit Kindern. Im ganzen Country gibt es weit mehr schwarze Familien mit einer alleinstehenden Mutter als komplette Familien mit Mann und Frau.
Nach Hillcrest kommen die Weissen nur, um Drogen zu kaufen. Hier ist gefährliches Territorium, und das nicht einmal nur für Weisse. In Hillcrest machen junge schwarze Dealer das schnelle Geld, einige hundert Dollar im Tag, wenn nicht mehr. Verlockend und bequem für einen Siebzehnjährigen ohne Schulbildung: Wenn er nach der Schule doch keinen oder nur einen schlecht bezahlten Job findet, was soll er sich da noch um einen Abschluss scheren? Schulbildung geniesst ohnehin geringes Ansehen. Was zählt, sind die neuesten 100-Dollar-Turnschuhe. Sich um Bildung zu bemühen wird von vielen als «acting white» verachtet.
«Fehlende Hoffnung ist das Problem», sagt John Hayes, «Drogen, Prostitution und Glücksspiel sind die Folgen.» Hayes hat sich dem Kampf dagegen verschrieben und es sich zur Aufgabe gemacht, die Jugend von der Strasse wegzuholen, ihr so etwas wie Lebenssinn, Selbstachtung und Selbstbewusstsein zu vermitteln. Erziehung, Motivation, Erholung sind die drei Säulen seiner Arbeit. Er möchte den Kindern beibringen, mit dem Leben zurechtzukommen.
Hayes gehört nicht zu jenen, die nur auf Hilfe von aussen warten: «Wir können uns nicht von Bill Clinton abhängig machen. Was wir brauchen, ist Selbstachtung.» Als wir ihn besuchen, führt er uns in eine Art Turnhalle in Hillcrest: an der Wand die Insignien seines Kampfes gegen die Hoffnungslosigkeit; es sind Photos von «herausragenden schwarzen Persönlichkeiten», von Erfindern, Technikern, Ingenieuren. «Wir müssen unsere Wurzeln wieder entdecken und uns immer an unseren Beitrag für den Fortschritt erinnern», ist Hayes' Botschaft, mit der er den Kids bedeuten will, dass es Schwarze nicht nur in Sport oder Showbusiness zu etwas bringen können, sondern auch Nützlicheres für die Menschheit zu leisten imstande sind. «Sport ist nicht der Ausweg; er ist nur ein Mittel für Reiche, noch reicher zu werden, und bringt Wohlstand nur dem Einzelnen.» Mind instead of muscles, Geist statt Muskeln, das ist Hayes' Anliegen. Eine Fahne hängt unter der Decke. Sie gehört den Hillcrest Dragons, die in diesem Raum ihr Lokal haben. Die Dragons sind die Trommler- und Majorettengruppe, die Hayes auf die Beine gestellt hat. «Sich selber lieber zu können ist die grösste Liebe von allen», heisst ihr Motto.
Hayes Anstrengung ist nur zu bewundern angesichts der Gegenkräfte. Die Situation vieler Schwarzer ist seit den achtziger Jahren noch verzweifelter geworden, seit die Administration Reagan die Sozialausgaben drastisch beschnitten hat. Kinder bewegen sich in einem Teufelskreis: Elternhäuser, von denen keine Hilfe und keine Rollenvorbilder zu erwarten sind, sowie überforderte Lehrkräfte führen zu Schulversagen und einer hohen Drop-out-Rate vor allem bei männlichen Jugendlichen. Ohne Schulabschluss haben sie noch weniger Chancen auf einen vernünftigen Job; also landen sie mit grosser Wahrscheinlichkeit in der Kriminalität. Der Abstieg ist programmiert. «Wenn sie sich nicht als Teil des wirtschaftlichen Lebens fühlen, holen sie sich das Geld anderswo», stellt Hayes trocken fest.
Während die jungen Männer einen Ausweg im Drogenhandel suchen, sehen die Mädchen einen Vorteil darin, Mutter zu werden - Kinder, die Kinder bekommen, sind ein Problem, das in den letzten Jahren auch in Asheville epidemieartig zugenommen hat. Den Ausschlag geben nicht Ignoranz oder fehlendes Geld für eine Abtreibung. Für viele Mädchen ist die Mutterschaft eine Möglichkeit, vom Elend des Elternhauses wegzukommen und sich dank der Sozialhilfe für ledige Mütter mehr oder weniger auf eigene Beine zu stellen; und sie wollen etwas, was nur ihnen gehört. Viele finden es ohnehin normal - sie kennen es von zu Hause nicht anders -, von der Wohlfahrt zu leben, statt einen Job zu suchen, der mies bezahlt ist.
Derrick de Verger gibt ein spezielles Branchentelefonbuch für Schwarze heraus und kennt deren wirtschaftliche Probleme. Ein Ausweg aus der Arbeitslosigkeit wäre es, denkt er, wenn mehr Schwarze den Schritt in die Selbständigkeit wagten, weil es dann mehr schwarze Firmen gäbe, die erfahrungsgemäss vorwiegend schwarze Mitarbeiter beschäftigen. «Aber», so Derrick de Verger, «Schwarze müssen erst lernen, wie ein Geschäft überhaupt zu führen ist, also ziehen sie es vor, als Angestellte zu arbeiten.» Nur in den Branchen Schönheitssalons und Hausmeisterdienste sind sie überdurchschnittlich vertreten; in allen anderen Bereichen sind sie stark unterrepräsentiert. Derrick de Verger: «Es mangelt ringsum an den einfachsten Kenntnissen, zum Beispiel im Umgang mit der Bürokratie. Oft sind die Leute schon überfordert, wenn sie nur ein Formular ausfüllen sollen. Wie sollen sie da fähig sein, ein eigenes Unternehmen aufzubauen?» Solche Voraussetzungen sind nicht vertrauensfördernd, und deshalb ist für Schwarze der Zugang zu Bankkrediten denn auch viel schwieriger als für Weisse. Wer es trotz allen widrigen Umständen in Asheville zu einer guten Ausbildung gebracht hat, der muss sich nach entsprechenden Berufsaussichten oft anderswo umsehen und wandert ab in die grösseren Städte - womit auch die positiven Vorbilder abwandern.
Ein Fazit? Monroe Gilmour schreibt es in seinem Leserbrief so: «Es geht um Macht und darum, wie ein kleines Segment der Gemeinschaft eine Politik aufrechterhält, die diese Macht stützt und die Botschaft weitergibt, dass der Rest von uns den Mund halten soll, speziell die Farbigen.»