NZZ Folio 10/05 - Thema: Reich und Schön   Inhaltsverzeichnis

Sportlexikon -- Trifft sich gut

Von Richard Reich

Schiessen: Schweizer Nationalsport, vorwiegend männlich. Vorschrift: «Teilnahmeberechtigt am Eidg. Feldschiessen sind Schützinnen und Schützen, die im Wettkampfjahr das 1 0. Altersjahr erreichen.» Tip: «Die technischen Abteilungen können auf Gesuch hin Stellungserleichterungen gewähren» (SSV, 2005).

Knatternde Gewehre, donnernde Geschütze, jubelnde Menschenmassen, und das alles auf grüner Wiese, unter einem tiefblauen Himmel … So beginnt Meinrad Inglins politischer Heimatroman «Schweizerspiegel». Wir schreiben das Jahr 1912, unser Militär führt zu Ehren des deutschen Kaisers ein Manöver durch. «Wohl alles supponiert?» erkundigt sich der grosse Wilhelm ironisch und versetzt damit seinen Gastgebern einen gut gezielten Stich. Denn genau darin lag und liegt mittlerweile schon seit Jahrhunderten das Dilemma unserer Armee wie auch des zivilen Schützenwesens: Jeder Schuss ist «supponiert», und Treffer gibt es in der Praxis nur auf Papierscheiben oder dann als Fiktion mit Platzpatronen.

Neun Jahre nachdem die Schweiz in ihrer heutigen Form komplettiert war, 1824, wurde in Aarau der Schweizerische Schützenverein gegründet, als erster «vaterländischer Grossverband» noch vor den Turnern, Sängern und Musikanten. Natürlich kümmerte sich diese sofort sehr mächtige Organisation vorab um die zivile Aufrechterhaltung der Wehrfähig keit. Jedes Schiesstraining und jedes fröh liche Schützenfest zielte letztlich immer mit heiligem Ernst auf die Stunde X: auf den scharfen, auf einen Feind angelegten, eben nicht «supponierten» Schuss.

Aber obwohl der Schützenverein zeitweise gar ein freiwilliges Schützencorps «für den Ernstfall» unterhielt, wollte die grosse Bewährungsprobe für unsere kollektive Schiessfertigkeit nicht kommen; allenfalls schossen Schweizer statt «gegen aussen» direkt aufeinander, etwa um sich ihre pointierten Vorstellungen von der richtigen Religion zu erläutern. Im «Schweizerspiegel» wird diese Staulage in der Seele des Schützen anschaulich geschildert: Nach dem Kaisermanöver zu Beginn malt Inglin – in unverkennbarer Reverenz an Gottfried Kellers «Fähnlein der sieben Aufrechten» – das pulverdampfende Tableau eines kantonalen Schützenfestes von anno 1914, auf dessen Höhepunkt ausgerechnet die Meldung von der Generalmobilmachung eintrifft. Der Weltkrieg beginnt, das Schweizer Volk steht stante pede wie ein Fähnlein von Aufrechten bereit, doch schiessen werden unsere Präzisionsgewehre nun weniger denn je.

Weil dieses neutrale Nichtschiessen im Grunde ja doch eine begnadete Sache ist, haben unsere Schützen ihren Ehrgeiz bald einmal in die sportliche Variante ihrer Leidenschaft gelegt. Hatte ein preussischer Agent bereits 1822 nach Berlin berichtet, dass sich die Schweizer «mit unbeschreiblichem Eifer» im Schiessen übten und dass in diesem seltsamen Land einfach überall Zielscheiben herumstünden, so trat unser ganzes Potential so richtig erst mit der Einführung des internationalen Wettkampfsports zutage. An den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit räumten wir 1896 in Athen gleich gründlich ab, sei es im Nationenwettbewerb, mit der «freien Sportwaffe» oder in der Sparte «Armeegewehr».

Auf diese ersten Triumphe folgten, wie der Sportjournalist R. Häusermann im Buch «Stadion Schweiz» festhielt, zahllose weitere Trophäen in der «nie mehr abreissenden Schatzkammer des Schweizer Schützenruhmes». Dies dank Koryphäen wie dem 22fachen Weltmeister Konrad Stäheli (St. Fiden), der 1912 in Biarritz stehend, kniend, liegend einen bis heute unfassbaren Dreistellungs-Weltrekord er zielte. Oder dank Norbert Sturny (Tafers), der seine schöne Karriere nach dem Liegend-WM-Sieg 2002 in Finnland heuer am Eidgenössischen Schützenfest in Frauenfeld mit dem Gewehr-Königstitel krönte.

Selbst wenn wir Schweizer hin und wieder herbe Rückschläge hinnehmen mussten (etwa die schwere Niederlage gegen die Amerikaner 1920 in Antwerpen) und selbst wenn die Zahl unserer Sportschützen neuerdings auch nicht mehr wächst, gilt nach wie vor, was Meinrad Inglin in seinem Roman 1938 festhielt: «Aus dem Bewusstsein des ganzen Volkes war nicht zu tilgen, dass die Schweiz die besten Schützen der Welt besass.»


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