Vladimir Horowitz soll einmal gesagt haben: «Er ist mein Mund, mein Ohr, mein Herz und mein Kopf.» Er sprach von seinem Steinway, dem Flügel, mit dem er um die Welt flog zu allen seinen Konzerten.
Ein Bechstein mag feiner sein, ein Bösendorfer teurer - aber nur der Steinway bietet neben äusserlicher Vollendung, raffiniertester Präzisionsmechanik und unvergleichlichem Klang auch noch jenes Tonvolumen, das in einem Konzertsaal neben und mit einem vollen Orchester bestehen kann. Nur der Name Steinway verbindet sich deshalb wie von selbst mit den grossen Pianisten: Jan Paderewski, Sergei Rachmaninoff, Dinu Lipatti, Clara Haskil, Vladimir Horowitz, Vladimir Ashkenazy, Claudio Arrau, Rudolf Serkin . . . Die Liste der sogenannten «Steinway Artists», Pianisten, die einen Steinway besassen oder besitzen, nennt fast 500 Namen.
«Das Instrument der Unsterblichen» hiess ein Werbeslogan von 1872 - auch der türkische Sultan, Königin Victoria und der Baron Rothschild wollten damals dazugehören und bestellten Flügel bei Steinway & Sons in New York. Und natürlich steht ein Steinway, Produktionsnummer 300 000 von 1938, im Weissen Haus.
In den 139 Jahren seit der Firmengründung (1853) ist Steinway & Sons heute «erst» beim 515 000sten Instrument angelangt; vom ersten an wird jedes Instrument bis heute mit Nummer, Typ, Preis und Käufer handschriftlich eingetragen in schwarze ledergebundene Bände. Der erste Flügel wurde für 500 Dollar verkauft - er hat seinen Platz im Metropolitan Museum of Art gefunden. Heute kostet ein Steinway, je nach Modell, zwischen 22 000 und 57 000 Dollar, 63 000 der De-Luxe-Nussbaum-Konzertflügel. Eine gute Investition, betont die Firma: Die Wertsteigerung liege weit über derjenigen eines Mercedes-Benz . . .
Das Mutterhaus steht im Stadtteil Queens in New York City (eine zweite Pianomanufaktur wurde 1880 von einem Steinway-Sohn in Hamburg errichtet und beliefert den europäischen Markt). Alles atmet Tradition in den alten Werkhallen in Queens, die hundertjährigen Hobelbänke und Schraubenzwingen ebenso wie die alten Backsteinmauern mit den Eisenringen, wo früher die Pferde angebunden wurden. Und noch immer werden die Flügel und Klaviere gebaut wie damals: weitgehend von Hand, jedes Instrument als ein Individuum. Schon die ersten verleimten Bretter tragen die Nummer jenes schwarzglänzenden Wunderwerks, in die sie sich im Laufe eines Jahres verwandeln werden.
Fast ein Jahr Arbeit (die Lagerungszeit des Holzes nicht eingerechnet) und 12 000 Einzelteile gehen in einen Steinway. Mit Ausnahme des gegossenen Eisenrahmens und der 88 Tasten werden sie alle in Queens hergestellt. Es beginnt mit den unansehnlichen Holzstapeln auf dem Hof, die indes die edelsten Hölzer aus aller Welt enthalten: weiche Pappel für den Kern des Deckels, harten Ahorn für den Stimmstock und für die Hunderte von Präzisionsteilchen der Mechanik, Fichte für den Resonanzboden, Birke für die geschnitzten Füsse, Mahagoni fürs Furnier. Dann kommt das Holz vom Hof in die Werkstatt. Und von nun an liegt alles in den Händen der Meister: Früher waren sie fast ausschliesslich europäische Einwanderer - noch bis zur Jahrhundertwende wurde in der Fabrik fast nur Deutsch gesprochen, oder Ungarisch, Schwedisch, Tschechisch. Heute sind immer noch viele Meister Einwanderer, aber mit brauner oder schwarzer Haut. Voraussetzung für die Arbeit, ob als Schreiner, Vorarbeiter oder Klangtechniker, ist immer eines: eine Klavierbauerlehre bei Steinway. Auch unser Begleiter, heute im Aussendienst, hat so angefangen. Sein Vater war der persönliche Steinway-Klaviertechniker von Horowitz. Eine derartige Bindung an die Firma über Generationen war und ist bei Steinway sehr häufig.
Gehobelt, zugeschnitten, verleimt, geschliffen, lackiert und poliert, wandern diese Bretter - längst sind es Teile eines Flügels - langsam vom untersten Stockwerk der Fabrik nach oben, bis im dritten Stockwerk dann endlich alles zusammenkommt: Der Resonanzboden wird in den nun schon schwarz glänzenden Rahmen nach Mass eingepasst, der schwere Eisenrahmen an Seilwinden von oben heruntergelassen und mit den Saiten bespannt, schliesslich werden Präzisionsmechanik und Tastatur eingebaut.
Die Besonderheit des Steinway-Flügels ist sein aus einem Stück geformter Rahmen. Fünf bis sechs Arbeiter leimen zunächst die etwa zehn langen, dünnen Bretter des inneren und äusseren Rahmens aufeinander, tragen dann diesen noch feuchten «Sandwich» zu einer massiven Eisenform, in die sie ihn auf Kommando heben und mit Schraubenzwingen langsam in die Flügelform pressen. Für jedes der fünf Steinway-Flügel-Modelle steht hier eine Form, von Theodor Steinway, dem ältesten Sohn des Gründers, entworfen und um 1870 installiert, vom kleinsten, dem etwa 150 cm langen «Baby Grand» bis zum «Model D Concert Grand», dem über drei Meter langen Konzertflügel.
In den alten Werkhallen stehen aber auch ganz moderne Maschinen: zum Beispiel die elektronisch gesteuerte Presse, die den weissen Filz um den Holzkern der Leiste presst, die dann mit einer Präzisionssäge in die einzelnen Hämmerchen zersägt wird. Beim sorgfältigen Einspielen der Mechanik, bei der tagelangen Arbeit an der Klangentwicklung jedes einzelnen Instrumentes in schalldicht abschliessbaren Räumchen, sind allerdings keine elektronischen Geräte mehr zu sehen: Steinway verlässt sich, wie von jeher, ganz auf das Gehör seiner Meister.
Wie geradezu putzig-altmodisch diese Produktionsweise ist, zeigen die Zahlen. Steinway & Sons in Queens fertigt heute etwa acht bis neun Flügel (oder Klaviere) pro Tag, etwas mehr als zweitausend pro Jahr. Das ist gleich viel wie vor hundert Jahren. Damals allerdings war Steinway eine der grössten Klaviermanufakturen Amerikas, während er heute ein Zwerg ist in einer Industrie, die von japanischen und koreanischen Riesen beherrscht wird: Yamaha zum Beispiel produziert 200 000 Klaviere im Jahr, an einem einzigen Tag so viel wie Steinway in vier Monaten.
Der Aufstieg von Steinway & Sons zur Weltfirma ist eine amerikanische Erfolgsgeschichte wie aus dem Bilderbuch. Heinrich Engelhard Steinweg, Möbelschreiner und Klavierbauer aus Seesen im Harz, kam 1850 nach New York City. Den ersten Flügel hatte er 1836 in seiner Küche gebaut. Doch die Geschäfte gingen schlecht nach dem Revolutionsjahr 1848; zuviel politische Unruhe behinderte den Verkauf von Instrumenten. Steinweg schickte einen Sohn in die Neue Welt, um die Chancen zur erkundigen; er selbst war schon 53 Jahre alt, als er dann mit Frau, vier weiteren Söhnen und drei Töchtern in Amerika ankam. Nach drei Jahren Klavierbauen in fremden Diensten amerikanisierten die Steinwegs 1853 ihren Namen zu Steinway und eröffneten in Manhattan eine Pianomanufaktur (erst 20 Jahre später zog die Firma nach Queens). Die älteste Tochter der Steinwegs bot damals beim Kauf eines Pianos Gratisklavierstunden an, Sohn Henry war der geniale Tüftler (er erfand die sieben wichtigsten frühen Verbesserungen) und Sohn William der nicht minder geniale Verkäufer. Damals begann aber nicht nur der kommerzielle Aufstieg einer Qualitätsfirma, es begann auch die Vervollkommnung eines Instrumentes: Über 130 technische Erfindungen hat Steinway patentieren lassen, viele von ihnen haben die Klavier- und Flügelbautechnik revolutioniert.
Doch nun gehört Steinway & Sons nicht mehr der Familie Steinway: 1988 wurde die Firma verkauft (an Steinway Musical Properties, Inc.); der letzte der vielen Söhne über vier Generationen, Henry Z. Steinway, ein Urenkel des Gründers und Direktor der Firma von 1937 bis 1988, ist heute ein «consultant».