NZZ Folio 01/98 - Thema: Der Boss   Inhaltsverzeichnis

Fundstücke -- Der letzte Fall des Continental Op

Von Dashiell Hammett

Die Sekretärin des Alten, eine Wasserstoffblonde, nickte. Ich ging an ihr vorbei und fuhr mit dem Lift hoch.

Der Alte wartete hinter seinem Pult. Auf seinem Gesicht lag ein warmes Lächeln. Nur seine Augen waren kalt wie zwei Eiswürfel. Er kam sofort zur Sache. «Habt ihr Carmady?»

«Nö», sagte ich. «Ist uns durch die Lappen. Und da ist noch was . . .»

«Was denn?» fragte der Alte und starrte mich mit seinen Eiswürfelaugen an. Sein Blick fühlte sich so angenehm an wie zwei Harpunen.

Ich sagte: «Carmady war es nicht.»

«Sind Sie verrückt?» fragte der Alte mit ausdruckslosem Gesicht. «Ich habe selten so klare Beweise gesehen.»

«Das mit dem verrückt kann stimmen», erwiderte ich, «aber das mit der Klarheit stimmt nicht.» Ich dozierte: «Routine-Idiotie nennt man so was. Gerade Profis bekommen es, wenn sie zu lange im Job sind. Plötzlich verlieren sie jeden Sinn für Tatsachen oder begehen Fehler, die kein Idiot begehen würde. Beispielsweise Sie, Boss. Zum Beispiel den Fehler, am Tatort neben Fettgesichts Leiche das Notizpapier zu verlieren, wie das Ding gedreht werden soll. Und das mit Firmen-Briefkopf.»

Der Alte sagte nichts. Er wurde nur weiss wie ein Fischbauch. Zum erstenmal, seit ich ihn kannte, stand er als Trottel da. Okay, früher oder später passiert das uns allen, dachte ich. Aber ich fuhr fort: «Ein hübscher Plan, bei der Ermordung Carmadys gleich auch Fettgesicht Einauge mit umzulegen, um eine plausible Erklärung für Carmadys Verschwinden zu liefern. Wahrscheinlich liegt er längst mit Betonsocken unter der Golden Gate. Bleibt die Frage nach dem Warum. Erste Vermutung: Da Carmady ebenfalls mit Ihrem Blondschopf ausgegang . . .»

«Reden Sie kein Blech», unterbrach mich der Alte. «Sie wissen doch, dass ich von Gefühlen nicht viel halte. Als Boss kann man sich einen Luxus wie Eifersucht nicht leisten. Die drei Lösungen heissen: Ehe, Bordell oder Impotenz. Also Fakten, bitte.»

Ich holte ein Bündel Papiere aus der Tasche: «Ich will nicht moralisch werden, Boss. Aber Sie sollten nicht die eigenen Kunden erpressen. Und dann noch mit einem Miesling wie Carmady. Und die Papiere im eigenen Schreibtisch liegenlassen.»

Der Alte lächelte sein freundlichstes Lächeln: «Wenn Sie schon meinen Schreibtisch knacken, wollen Sie nicht mein Teilhaber werden?»

«Ich bin seit 30 Jahren bei Continentals», sagte ich. «Und ich mag meinen Job. Ich bekämpfe Verbrecher.»

«Wie der Terrier den Hasen?» fragte der Alte.

«Wie der Terrier die Ratte», antwortete ich.

Der Alte zuckte nicht einmal mit den Augenbrauen. «Sie sind ein Idiot. Warum verdiene ich im Monat 20mal mehr als ein normaler Op? Weil ich 20mal besser bin? Kaum. Sondern weil ich mehr von der Welt kapiere als Sie. Sie wollen Ihr ewiges Terrier-Ratten-Spiel, ich will echtes Geld und echte Macht . . . Sie wollen nichts als Ihre Ruhe. Phantasielosigkeit: Das ist der Unterschied zwischen Chef und Angestelltem.»

«Ich will nicht von Carmady und Fettgesicht reden», sagte ich. «Beide waren keine 50 Cents wert. Aber Mord war es trotzdem. Und das ist nun mal der Unterschied zwischen Recht und Verbrechen.»

«Unfug», sagte der Alte: «Was tun Bullen und wir? Wir verteidigen das Eigentum. Aber: Wie kommt man zu so was? Durch Erbschaft oder durch Diebstahl, Erpressung, Ausbeutung. Kurz: Das Gesetz ist für die Reichen. Deshalb gibt es für gesetzestreue Bürger die heilige Pflicht, reich zu sein. Wie, ist egal.» Mitten im Reden hatte er plötzlich eine Pistole in der Hand.

«So ist nun mal die freie Wirtschaft», sagte er.

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Alte auf mich abdrücken würde. Er war immer wie ein Vater zu mir gewesen. Er hatte uns Continental Ops alles beigebracht, vor allem: auf nichts zu zählen und niemand zu vertrauen. Niemand. Ich warf mich zur Seite und schoss.

Zehn Jahre früher hätte ich keine Chance gehabt. Der Alte war wirklich gut gewesen. Aber das Büroleben hatte seine Reflexe ruiniert. Er traf in die Mitte der Tür; ich traf in die Mitte der Stirn. Zufall. Der Alte wurde nach hinten geworfen und starrte mich einen Moment mit drei Augen an. Die beiden blauen blickten auch nicht freundlicher als das rote.

Ich ging vor und sah ihn mir an. Was ich in den nächsten fünf Minuten tat oder dachte, geht niemand etwas an.

Im Empfang lackierte die Sekretärin die Fingernägel.

«Zwei Telefonmünzen», verlangte ich.

«Sonst noch was?»

«Ja, führen Sie den Kommunismus ein.»

«Macht 38 Cents», sagte sie. «Der Rest ist Sache der Gewerkschaft.»

Ich nickte und nahm den nächsten Flug nach Moskau.

Übersetzung: Constantin Seibt.


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