NZZ Folio 01/98 - Thema: Der Boss   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Dieter Bornemanns Bärenstube

© Christian Känzig, Zürich
Der 42jährige Zürcher Dieter Bornemann, gelernter Bankkaufmann, Nachtportier in einem Spital und nebenamtlicher Journalist, lebt mit seiner Teddybärenfamilie in Effretikon. Linktext
Von Lilli Binzegger

«ICH KOMME MORGENS um halb acht von der Arbeit nach Hause. Da ist es nicht immer so einfach, den Schlaf zu finden. Es ist ja eigentlich gegen die Natur. Natürlich mache ich dunkel, und zum Glück ist es ruhig hier. Ich arbeite seit zehn Jahren als Nachtportier in einem Zürcher Spital. Wenn ich am Morgen Arbeitsschluss habe, begegne ich im Bahnhof den Menschenmassen, die zur Arbeit strömen. Ich kann mir kaum einen Weg durch sie bahnen, sie kommen wie eine Walze auf mich zu. Diese vielen Menschen irritieren mich; sie sind alle noch so verschlafen und missmutig, und ich bin in erlöster Feierabendstimmung.

Wenn ich beim Nachhausekommen nicht gleich einschlafen kann, kommen meine Teddybären zum Zug. Vor allem Brummli, er ist besonders kuschelig und weich. Ihn nehme ich dann in den Arm. So brauche ich keine Schlaftabletten. Es können auch einmal andere Bären sein. Ich muss ihnen nur in die Augen schauen, und wenn sie bei einem glänzen, dann weiss ich: der will auch an die Wärme.

Ich schlafe meist in Etappen, im ganzen nicht sehr viel, vielleicht sechs Stunden. Der Schlaf am Tag ist nicht besonders erholsam. Ich bin in der freien Zeit daher jeweils nicht zu vielem imstande. Ins Kino zu gehen oder andere Leute zu treffen ist sowieso schwierig, die andern arbeiten ja dann. Daher meine Zurückgezogenheit. Und darum auch die Bären. Vermutlich können sie keinen Menschen ersetzen, aber in gewissem Sinn eben doch. Jedenfalls sind sie da, wenn ich sie brauche. Und sie sind mir nie böse. Und sie verlassen mich nie. Ich habe wohl schon etwas Angst vor dem Alleingelassenwerden.

Aber ich gehe fröhlich durch die Welt. Manchmal schaut man mich komisch an, wenn ich jemandem ein Lächeln schenke. Wenn man nicht mit strenger Miene durchs Leben geht, ist man ein Sonderling. Dabei bin ich eigentlich nur ein wenig scheu. Ich dränge mich mit den Bären ja auch niemandem auf. Aber ich bin schon sehr glücklich darüber, mit dieser Bärenfamilie leben zu können.

Ich bin auch nachts bei der Arbeit ziemlich allein auf mich gestellt.

Das hier ist eine Anderthalbzimmer-Wohnung, leider ohne Balkon. Ich habe gemerkt, dass mir eine kleine Wohnung lieber ist als eine grosse. Sie gibt viel leichter Wärme und Geborgenheit. Einen einzigen kleinen Raum einzurichten macht mir mehr Spass. Ich finde auch mehr Halt, als wenn alles auf mehrere Zimmer aufgeteilt ist. Hier schlafe ich, esse ich, schaue ich Fernsehen, alles passiert in diesem kleinen Raum. Hier schaffe ich mir mit meinen Teddybären meine überschaubare heile Welt. Die ist sonst ja nicht so heil.

Ich habe es gerne gemütlich. Ich nehme mir für mich und meine Bärenfamilie gern die Zeit für eine romantische Kaffeerunde, mit Kerzenlicht. Manchmal sehen wir zusammen fern. Ich lese gern, und manchmal lese ich ihnen etwas vor. Sie wollen dann nicht Bärengeschichten hören, sondern Anteil nehmen am Weltgeschehen. Wir hören auch gerne Musik. Sanfte Musik, die die Kerzenlichtatmosphäre unterstreicht, Soft Pop, Klassisches und auch Chansons, vor allem natürlich die von der Knef, die ich seit Jahren verehre und als Journalist auch schon interviewt habe.

Wir sind hier im zweitobersten Stock eines fünfstöckigen Blocks. Ich höre von den Nachbarn im Haus kaum etwas, ich kenne auch keinen, auch keinen im Ort. Zur einen Seite sehe ich in den Wald, der gleich hinter der Strasse beginnt, zur anderen auf die Effretiker Kirche, die aus der Ferne betrachtet ein wenig an die Berliner Gedächtniskirche erinnert, so dass ich mir vorstellen kann, ich sei in Berlin.

Dort habe ich ein zweites Zuhause, ich kann eine kleine Dachwohnung in einem Reihenhausquartier in der Nähe des Flughafens Tempelhof benutzen. Ich arbeite im Spital wochenweise zu 80 Prozent, so dass ich zwischen der Schweiz und Berlin pendeln kann. Dort steht meine Schreibmaschine, ich schreibe an einem Buch. Und in Berlin lebt vor allem auch das zweite Objekt meines grossen Interesses: Hildegard Knef. Ich bewundere die Frau, die Mut zum Risiko hat und auch Mut zur Blamage. Sie hat sich immer wieder aufgerappelt, immer wieder neu angefangen, diese Lebenskraft hat sich ein wenig auf mich übertragen. Das Bild an der Wand hat sie gemalt, ich habe es vor Jahren gekauft; es zeigt ihre Tochter Christina. Auch das Bild auf dem Porzellanteller ist von ihr.

Manchmal gehe ich in die Spielzeugabteilung von Warenhäusern, um zu sehen, wie die Teddybären dort behandelt werden. Ich kann nicht mit ansehen, wie sie lieblos in die Gestelle hineingestopft wurden. Manche sehen gar nicht recht aus den Augen. Ich muss mich ihrer annehmen und sie ein wenig streicheln.

Meine Bärenwelt - da gäbe es sicherlich viel zu analysieren. Doch Hauptsache ist, ich bin glücklich damit. Die Leute reagieren ganz unterschiedlich darauf. Meine Mutter mag es nicht, wenn mein Molly zu ihr «Sali Grosi» sagt. Sie hätte lieber ein Enkelkind. Sicher provoziere ich da auch ein bisschen; wenn Molly so etwas sagt, stecke natürlich ich dahinter. Dank den Teddys kann ich offen ausleben, was ich sonst unterdrücke. Ich kann frech oder vorlaut sein, meinen Phantasien nachgehen. Das Ganze ist ein Spiel, ein Theater, das ich in meinen vier Wänden inszeniere. Ich verleihe den Teddybären einen Charakter, beatme sie sozusagen.

Die Selbständigen unter ihnen spinnen das Theater dann weiter, und ich habe sie irgendwann einmal nicht mehr so ganz in der Hand.»


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