NZZ Folio 09/92 - Thema: Der Krieg auf dem Balkan   Inhaltsverzeichnis

Sein oder nicht

Mazedonien aus mazedonischer Sicht.

Von Nada Boskovska

Im Namen der Freiheit und des Selbstbestimmungsrechts der Völker hat der Westen das Ende des kommunistischen Systems in Osteuropa begrüsst und die Nachfolgestaaten der zerfallenden Länder anerkannt - und damit eine Lawine mit unabsehbaren Folgen losgetreten. Die Anerkennung erfolgte konzeptlos und recht unbesehen, ohne viel Rücksicht darauf, ob Minderheiten diskriminiert wurden, ob Grenzkonflikte mit Nachbarn bestanden oder ob gar kriegsähnliche Zustände herrschten.

Die Uno zögerte kaum, in beispielloser Art gleich im Dutzend Gebilde in die Weltgemeinschaft aufzunehmen, von denen viele bisher ausser der Unabhängigkeitserklärung noch kaum eigenstaatliches Profil vorzuweisen haben und immer noch am Rockzipfel Russland hängen. Vor einem Land machte der Anerkennungssegen allerdings halt: Mazedonien wird diese Gunst nach wie vor verweigert.

Mazedonien, die südlichste Republik des ehemaligen Jugoslawien, klein und arm, hat die Unabhängigkeit nicht gesucht. Bis zuletzt hat es sich, zusammen mit Bosnien-Herzegowina, für Verständigung und Zusammenleben in Jugoslawien eingesetzt und zu vermitteln versucht. Als dann allerdings die internationalen Anerkennung Kroatiens und Sloweniens absehbar wurde, blieb auch ihm nichts anderes übrig, als den Weg der Eigenständigkeit zu gehen. Ein Verbleiben in einem serbisch dominierten Restjugoslawien ohne die bisherigen föderalistischen Strukturen kam nicht in Frage.

Als einziger der ehemaligen Republiken gelang es Mazedonien in der Folge, die Ablösung auf friedlichem Weg durchzuführen und jeden bewaffneten Konflikt mit der Bundesarmee oder einem Nachbarn zu vermeiden. Inzwischen ist seine Staatlichkeit (inkl. eigener Währung) viel weiter fortgeschritten als in einigen der bereits anerkannten Neulinge. Innenpolitisch ist das Land bisher trotz der trostlosen wirtschaftlichen Lage, trotz komplexen ethnischen Verhältnissen und der unhaltbaren aussenpolitischen Situation erstaunlich stabil und macht einen durchaus wohlgeordneten Eindruck.

Auch unterscheidet es sich dadurch wohltuend von seinen Nachbarn im Norden wie im Süden, dass sich seine Bevölkerung vorläufig vom Bazillus des Nationalismus und Chauvinismus praktisch nicht hat anstecken lassen. Die massvolle innere Entwicklung ist zur Hauptsache ein Verdienst der besonnenen Führung durch den Präsidenten Kiro Gligorov, der um Ausgleich nach allen Seiten bemüht ist und im Volk Sympathie und Unterstützung geniesst. Dieser Staat, zwar noch mit allerhand Mängeln behaftet, in vielerlei Hinsicht jedoch ein eigentlicher Lichtblick in der jugoslawischen Tragödie, darf aber nicht unabhängig sein. Denn seine Anerkennung hätte die EG mehr als eine blosse Deklaration gekostet; in diesem Fall hätte die Gemeinschaft ihre moralischen Grundsätze und das Hochhalten des Selbstbestimmungsrechts und der Freiheit der Völker gegen Widerstand durchsetzen müssen. Mazedonien hat nämlich, im Gegensatz zu all den bereits anerkannten Ländern, das Pech, einem EG-Mitglied und somit einem Staat mit Einfluss ein Dorn im Auge zu sein.

Griechenland will um keinen Preis dulden, dass in seinem Norden ein Staat entsteht, der Mazedonien heisst. Wobei man davon ausgehen kann, dass es Athen nur vordergründig um den Namen geht. Im Kern möchte es diesen Staat an sich verhindern und kalkuliert sehr richtig, dass Mazedonien eine Namensänderung nicht akzeptieren kann und somit, bleibt Griechenland mit seinen Druckversuchen erfolgreich, auch auf längere Sicht hinaus keine Chance hat, von der EG und damit von der Welt anerkannt zu werden.

Warum denn wehrt sich Athen dermassen verbissen gegen die Anerkennung des Nachbarn? Die angebliche Angst Griechenlands, ein Staat mit dem Namen Mazedonien würde auch auf den griechischen Teil der Grosslandschaft gleichen Namens Anspruch erheben, ist angesichts der Kräfteverhältnisse lächerlich. Die Republik Mazedonien ist ein schwacher Zwerg, der sich glücklich schätzen kann, wenn er von seinen Nachbarn in Ruhe gelassen wird. Was Mazedonien Griechenland anhaben könnte, das als Mitglied von Nato und EG Teil zweier mächtiger und verlässlicher Systeme ist, bleibt unklar.

Triebkraft der griechischen Politik ist - ausser dem erschreckenden, ausser Kontrolle geratenen Nationalismus - viel eher die Befürchtung, die Existenz eines mazedonischen Staates könnte das Nationalbewusstsein der mazedonischen Minderheit im Norden Griechenlands stimulieren und diese könnte, womöglich auf internationalem Parkett durch Skopje unterstützt, Rechte einfordern. Bisher anerkennt Athen nicht einmal, dass es eine solche Minorität gibt, obwohl sich jedermann, der über Kenntnisse der slawischen Sprache verfügt, selbst von ihrer Existenz überzeugen kann. Die Angst vor Minderheitenproblemen und ihrer Spaltkraft ist angesichts der Vorgänge in ganz Osteuropa verständlich und nachvollziehbar. Allerdings muss Griechenland für seine diesbezüglichen Probleme einen eigenen Weg finden; es geht nicht an, dass es sie zu «lösen» versucht, indem es seinen Nachbarn im Norden in der Wiege zu ersticken sucht, nach dem Motto: «Wenn es kein Mazedonien gibt, gibt es auch keine Makedonier, erst recht nicht in Griechenland.»

Dass sich Athen dermassen in sein selbstgeschaffenes Mazedonienproblem festbeisst, ist für den ganzen Balkan ein schlechtes Zeichen und bietet Grund zur Besorgnis. In Anbetracht der tragischen Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien wäre es für Griechenland eine vorrangige Aufgabe, vermittelnd zu wirken und sich für Stabilität einzusetzen. Die unangemessene Reaktion auf den nördlichen Nachbarn zeigt jedoch, in welch schlechter Verfassung der hellenische Staat und sein Volk sich befinden müssen. Offensichtlich sind beide den gegenwärtigen Anforderungen im sich verändernden Osteuropa in keiner Weise gewachsen und wissen nicht, welchen Platz sie einnehmen sollen oder können, gerade auch angesichts einer erstarkenden und selbstbewusster werdenden, vom Westen gehätschelten Türkei.

Die EG hat nach längerer Hinhaltetaktik schliesslich am 15. Juni ein weiteres Mal in der Jugoslawienfrage in fataler Weise dem Drängen eines Mitglieds, diesmal Griechenlands, nachgegeben und beschlossen, dass Mazedonien den Anspruch auf seinen Namen aufgeben muss - von der internationalen Gemeinschaft wurde er früher in keiner Weise in Zweifel gezogen -, will es anerkannt werden. Sie hat es vorgezogen, den erklärten Willen eines Volkes und die friedliche Entwicklung eines Landes den eigenen Interessen zu opfern.

Inzwischen durfte die EG auch ernten: Griechenland, das gedroht hatte, bei einer Anerkennung Mazedoniens die Maastrichter Verträge nicht zu ratifizieren, hat diesen nun zugestimmt. Und wie: Nur 8 der 300 Parlamentsabgeordneten waren dagegen, 286 stimmten dafür. So konnte auf billige Weise auf Kosten eines ohnmächtigen und an sich unbeteiligten Dritten (was hat Mazedonien mit der Qualität der Maastrichter Abkommen zu tun?) ein Stückchen EG-Einheit gerettet werden. Dass dadurch Mazedonien immer weiter in den wirtschaftlichen Ruin getrieben und seine innere Stabilität untergraben wird, scheint niemanden zu kümmern. Auf Grund dieses vollständigen aussenpolitischen Misserfolgs war kürzlich die Regierung zum Rücktritt gezwungen.

Auch haben die EG-Politiker offenbar keine Bedenken, ein Volk zu zwingen, seinen Namen aufzugeben, womit es auf elegante Weise zum Verschwinden gebracht wird. Die Menschen leben (wie lange noch? Mazedonien ist nun Niemandsland und den Gelüsten seiner Nachbarn schutzlos ausgeliefert), aber sie sollen keinen Namen und keine Identität mehr haben. Und das Ganze wird von der Welt nicht einmal zur Kenntnis genommen, denn Mazedonien ist klein, wirtschaftlich und politisch unbedeutend und ohne Lobby. Bis vor kurzem war seine schiere Existenz fast nur Balkanexperten bewusst.

Wie soll es nun weitergehen? Eine Namensänderung kommt für Mazedonien nicht in Frage, darüber herrscht Konsens im Land. Ebensowenig ist zu erwarten, dass die EG von ihrem offiziell gefassten Beschluss vom 15. Juni abrückt. Wird Mazedonien schliesslich doch nichts anderes übrigbleiben, als sich dem neuen, verfemten Jugoslawien anzuschliessen? Wird es - abermals - Beute seiner Nachbarn? Kann es als Zwittergebilde die Krise aussitzen und auf schleichende Anerkennung hoffen, oder soll es auf eine günstigere Kräftekonstellation warten?

Nichts als Fragen, und wer wollte, wie auch für das übrige Jugoslawien, eine Prognose wagen. Und eine weitere Frage: Kann die EG derart krass die Ideale den eigenen Interessen opfern und sich dennoch ungeniert als die Hüterin der moralischen Autorität in Europa aufführen? Und warum betreibt die Schweiz keine eigenständige Aussenpolitik, sondern agiert bereits wie ein loyales EG-Mitglied?

Nada Boskovska stammt aus Bitola (Mazedonien); sie ist Osteuropa-Historikerin in Zürich.


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