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Keiner tanzt aus der Reihe
Computerunterricht seit der ersten Klasse, keine Fremdsprachen und das Mittagessen mit der Lehrerin im Schulzimmer: Eine 4. Klasse in Japan.
Von Urs Schoettli
Die Morisaki-Primarschule steht im Vorort Kitakurihama. Er gehört zu Yokosuka, einer der mittelgrossen Städte in der Grossregion Kanto rund um Tokio. Die Zugfahrt vom Stadtzentrum aus dauert eine Viertelstunde. Dann passiert man die schläfrige Hauptgeschäftsstrasse beim Bahnhof und fährt durch ein Industrieviertel einen Hügel hinauf, auf dem sich das weitläufige Schulareal erstreckt. Der Pausenplatz wird von den obligaten Kirschbäumen flankiert. Es gibt allerlei Spielgerät, das, wie üblich in Japan, von den Benutzern im besten Zustand gehalten wird. Die Pausen sind zwar so laut und hektisch wie überall in der Welt, doch insgesamt gehen die Kinder miteinander und mit ihrer Umgebung sorgsamer um als anderswo.
Die Schule liegt in einer für Japan typischen, durchmischten Wohngegend: mittelständische Einfamilienhäuser neben Wohnblocks und Sozialwohnungen. In Yokosuka gibt es 48 staatliche Primarschulen. Während die Stadt für die allgemeinen Unkosten der Schulen aufkommt und dafür einen Zuschuss von der Zentralregierung erhält, wird die Lehrerschaft aus dem Haushalt der Präfektur Kanagawa bezahlt. Die Eltern zahlen die Schulmaterialien und 45 Franken pro Monat für das Mittagessen, das die Kinder jeden Schultag bekommen.
Beim Betreten des Klassenzimmers erregt ein Fremder grosses Aufsehen. Später, in den Korridoren und im Pausenhof, wird man immer wieder zögernd angesprochen: «What is your name?» Zwar tauchen weder eine Fremdsprache noch das lateinische Alphabet im Lehrplan der Grundschule auf, doch einige Schüler haben in Freikursen ein paar Brocken Englisch gelernt.
An der Wand vor dem Klassenzimmer hängen säuberlich die Kalligraphien jedes Schülers. Sobald die Lehrerin zu sprechen beginnt, herrscht Stille. Aoki-sensei, wie Yoko Aoki von ihren Kindern genannt wird, ist seit 25 Jahren Lehrerin. Sie hatte nie einen anderen Berufswunsch. Ihre ganze Persönlichkeit strahlt Liebe und Begeisterung für ihre Arbeit aus. Während mit dem Suffix sensei, Lehrer, die Kinder ihrer Achtung Ausdruck geben, spricht Aoki-sensei die Schüler während des Unterrichts mit dem Familiennamen und der Höflichkeitsformel san, beispielsweise Suzuki-san, an. In den Pausen verwendet sie den Vornamen mit dem etwas mehr Intimität ausdrückenden Suffix chan, beispielsweise Makiko-chan.
Die 45-jährige Yoko Aoki ist ledig und verdient im Jahr brutto rund 8,2 Millionen Yen, was in Yokosuka der Kaufkraft von rund 140 000 Franken entspricht. Angesichts der unsicheren Wirtschaftslage ist der Lehrerberuf mit seiner Arbeitsplatzsicherheit wieder attraktiver geworden. Die Förderung der Erziehung, wozu auch die Erhöhung der Lehrerstellen gehört, zählt zu den Prioritäten der Regierung. Allerdings läuft die sinkende Geburtenrate dem Bedarf an Lehrern entgegen. Die Morisaki-Primarschule hat mehrere Klassenzimmer geschlossen, da in den letzten zwanzig Jahren die Schülerzahl beinahe um einen Drittel gesunken ist.
Ein Schüler hat ein Bein gebrochen und trägt einen Gipsverband. Neben ihm sitzt seine Mutter, die ihn während der Zeit seiner Behinderung ständig begleiten darf. Wenn Aoki eine Frage stellt, fliegen die Hände nach oben. Später, im Computerraum, stellt sie der Klasse eine Expertin vor, die die Stunde leitet. Die Schüler erhalten nach einer kurzen Einführung eine Aufgabe, die sie in Zweiergruppen zu lösen haben. Zwischen den Tischen setzt hektisches Treiben ein, doch stört niemand den Unterricht. Die Kinder zögern nicht, die beiden Lehrerinnen um Hilfe zu bitten. Alle arbeiten selbständig und diszipliniert.
Für die Kinder beginnt die Schule um 8.25 Uhr. Am Dienstag findet die Morgenversammlung statt, an der alle Klassen teilnehmen. Zwischen 12.20 und 13 Uhr nehmen Aoki-sensei und ihre Kinder im Schulzimmer das Mittagessen ein. Der Lunch hat eine wichtige soziale Funktion, und die Lehrerin achtet auf das korrekte Essverhalten sowohl mit Stäbchen als auch mit Löffel und Gabel. Heute wird niemand mehr gezwungen, den Teller leerzuessen, doch dient das gemeinsame Mahl auch dazu, die Kinder zu einer ausgeglichenen Ernährung anzuhalten.
Die Küchenbrigade besteht aus Kindern in weissen Schürzen und mit weisser Kopfbedeckung. Einige tragen einen Mundschutz, was in Japan nicht ungewöhnlich ist. Die Kinder sitzen an ihren Tischchen, und ehe alle im Chor «itadakimasu» («ich beginne zu essen») gerufen haben, greift niemand zu den Stäbchen. Nach dem Essen reinigen die Kinder mit Besen und Putzlappen Klassenzimmer und Korridor.
Im japanischen Schulsystem schliessen sich an die sechs Jahre Grundschule drei Jahre Mittel- und weitere drei Jahre Oberschule an. In staatlichen Schulen haben die Kinder bis zum Übertritt an die Oberschule keine Prüfungen zu bestehen. Es gibt in der Grundschule keine Kinder, die am Ende des Schuljahres nicht weiterkommen, und alle werden automatisch in die Mittelschulen befördert.
In den Privatschulen ist der Wettbewerb härter. Das Prestige einer Ausbildung hängt von der Reputation der Schule oder der Universität ab, und bereits beim Eintritt in den Kindergarten werden wichtige Weichen gestellt. Der Andrang zu den berühmtesten Privatschulen ist so gross, dass viele Kinder auch nach endloser Paukerei nicht aufgenommen werden. Wer es schafft, braucht zudem wohlhabende Eltern: Eine sechsjährige Primarschulausbildung kommt auf etwa 130 000 Franken zu stehen. Nicht nur die Superreichen in Japan, das sich ohnehin als eine Mittelstandsgesellschaft versteht, sondern auch die Mittelschichten versuchen, ihre Kinder in einer Privatschule unterzubringen.
Die Morisaki-Primarschule hat 500 Schüler in 17 Klassen, verteilt über die Stufen eins bis sechs. Neben einem Rektor und Konrektor zählt die Schule 21 Lehrer und 8 Hilfspersonen, darunter 4 Köche und eine Krankenschwester. Bis zur 4. Klasse werden die Kinder von einem einzigen Lehrer unterrichtet, danach von Fachlehrern. Yoko Aoki unterrichtet eine 4. Klasse mit 34 Zehnjährigen, 17 Mädchen und 17 Knaben. Nach Gesetz dürfen maximal 40 Kinder in einer Klasse sitzen. Ein Mädchen aus den Philippinen ist die einzige Ausländerin. Japan ist kein Immigrationsland.
Yoko Aoki unterrichtet Japanisch, Mathematik, soziale Studien (Heimatkunde), Naturwissenschaft, Musik, Zeichnen und Turnen. In den ersten beiden Jahren lernen die Kinder die je 46 Zeichen der Lautsprachen Hiragana und Katakana, als Viertklässler sollten sie dazu 200 Kanjis beherrschen, chinesische Schriftzeichen, die in der japanischen Sprache gebraucht werden. Nach sechs Jahren kennen sie 1000 Kanjis - doppelt so viele sind nötig, um eine Qualitätszeitung zu lesen.
Am Ende jedes Semesters werden die Kinder in einem ausführlichen Bericht bewertet, dazu wird bei jedem Fach vermerkt, ob die Leistung gut oder schwach war. Die Berichterstattung nehme viel Zeit in Anspruch, sagt Yoko Aoki. Zweimal im Jahr absolviert sie für jeden ihrer 34 Schützlinge das aufwendige Exerzitium.
Japan ist das Land der Arbeitsbesessenen, die das Haus vor sieben Uhr morgens verlassen und in der Regel erst nach elf Uhr abends zurückkommen, ihre Wochenenden häufig im Betrieb verbringen und am Ende des Jahres dem Arbeitgeber ohne Entgelt einen Teil der Ferientage zurückgeben. Auch Yoko Aoki arbeitet viel. In den letzten Jahren reichte es in ihrer Freizeit nur einige Male für einen Abstecher nach Yokohama, kein einziges Mal in das 50 Kilometer entfernte Tokio. Pro Woche gibt Yoko Aoki 28 Lektionen, doch kommt sie am Morgen vor acht Uhr und geht am Abend kaum je vor sechs Uhr. Zu Hause braucht sie weitere zwei Stunden täglich für Korrekturen und Vorbereitung. Es wird auch erwartet, dass sie einen grossen Teil ihrer Ferien - sechs Wochen im Sommer, zwei im Winter, zehn Tage im Frühling - an Weiterbildungskursen verbringt, die sie dem Rektor rapportieren muss. Auch der Samstag, der neuerdings schulfrei ist, sollte für Kurse benutzt werden.
Die Einführung der Fünftagewoche ist unter den Politikern umstritten. Der prominente Tokioter Gouverneur und Schriftsteller Shintaro Ishihara bezeichnet sie als «einen fatalen Fehler». Für die Befürworter reduziert sie den Leistungsdruck und bringt mehr freie Zeit für schöpferische Aktivitäten. Viele Kinder verbringen ihre freien Samstage allerdings in Jukus, den berüchtigten privaten Paukschulen, in die sie von ehrgeizigen Eltern geschickt werden. In Yoko Aokis Klasse besuchen 8 der 34 Kinder eine solche Schule. 12 nehmen Klavierstunden, 19 gehen in Sport- und Schwimmclubs, 4 lernen Englisch, und 5 üben sich in Kalligraphie.
Mit den Eltern trifft sich Yoko Aoki neun- bis zehnmal pro Jahr: viermal im Jahr ist Besuchstag, und der Lehrer-Eltern-Ausschuss tagt rund fünfmal. Darüber hinaus trifft Yoko Aoki die Eltern, das heisst meistens die Mutter, mindestens zweimal im Jahr zum Einzelgespräch.
Auf ihre Berufsjahre zurückblickend, meint Aoki-sensei, dass heute die Kinder viel weniger diszipliniert seien. Während man in Mittelschulen eine Zunahme von Verwahrlosung registriert, macht die Morisaki-Primarschule einen sehr ordentlichen Eindruck. In der Umgebung des Schulareals sind keine Graffiti zu sehen. Obschon in der Morisaki-Primarschule keine Uniformen getragen werden, scheint es einen Kleiderkodex zu geben: weisse Leibchen und dunkle Hosen oder Röcke. Niemand tanzt aus der Reihe, und unter den Schülerinnen sieht man nur wenige mit gefärbtem Haar. In den letzten Jahren hat unter jungen Frauen und Mädchen der Trend eingesetzt, die Haare blond oder braun zu färben. Einige Privatschulen verbieten dies, weil sie es für ein Zeichen der Verwahrlosung halten.
Ein Grund für die Disziplinprobleme sieht Yoko Aoki in der Zunahme der Einzelkinder. Der Geburtenrückgang führt dazu, dass immer mehr Kinder ohne Geschwister aufwachsen. Die Folgen sind wachsender Egoismus und Schwierigkeiten bei der Sozialisation im Klassenverband. Zudem seien auch die Eltern anspruchsvoller geworden und erwarteten, dass Erziehungsaufgaben, die bisher Sache der Familie waren, von der Schule übernommen würden.
Wie überall ist auch in Japan das Schulsystem Gegenstand dauernder politischer Debatten. Die Auseinandersetzung dreht sich vor allem um die Förderung von Individualität und schöpferischer Initiative. Zu diesem Zweck wurde ein neues Fach eingeführt: Ab der dritten Primarschulklasse stehen drei Wochenstunden Sôgôteki na gakushû no jikan zur Förderung unabhängigen Denkens auf dem Stundenplan. Zur Debatte stehen auch verschärfter Wettbewerb zwischen den Schülern und vermehrtes Elitetraining. Dieser Wandel ist in Privatschulen schon im Gange, die Schule von Yoko Aoki hält aber am japanischen Prinzip fest: Niemand soll zurückbleiben.
Urs Schoettli ist NZZ-Korrespondent in Tokio.
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