NZZ Folio 05/07 - Thema: Das Dorf   Inhaltsverzeichnis

Nur die Kirche liess sie im Dorf

© Markus Bühler-Rasom
Steht die Tür allen offen? Die Sigristin der reformierten Kirche. Linktext
Entnervt zog im letzten Oktober die Pfarrerin aus dem Pfarrhaus. Vertrieben von den unzeitgemässen Erwartungen und dem Argwohn der Gemeinde.

Von Charlotte Heer

Sonntagmorgen. Die reformierte Kirche, leicht erhöht über dem Dorf thronend, leuchtet majestätisch in den ersten Sonnenstrahlen. Mit hellem Klang beginnt die kleinste Glocke zu schlagen, dröhnend fallen die andern ein, sechstimmig wird zum Gottesdienst gerufen. Wie aus dem Nichts tauchen die Kirchgänger auf, viele sind es nicht. Kaum mehr als 30 von gut 1800, die der reformierten Kirchgemeinde brav ihre Steuer zahlen, verlieren sich in den Kirchenbänken. Aber noch grösser als die Leere in der Kirche ist jene im Pfarrhaus nebenan. Es ist seit Monaten verwaist – seit Pfarrerin Evelyn Goetschel entnervt von dannen gezogen ist.

Ihr Abgang gab viel zu reden im Dorf und erhitzt manches Gemüt bis heute. Eine alte Frau, die gerade die Chilegasse hochkommt, sagt: «Ich gehe erst wieder in die Kirche, wenn da alles in Ordnung ist. Wenn ein Pfarrer hier ist und hier wohnt, wenn möglich mit einer rechten Frau und einer Familie. Dann kommt wieder Licht ins Haus, und der Garten kommt auch wieder in Ordnung.» Murrend geht sie an der Kirche vorbei, hinüber zum Friedhof.

Evelyn Goetschel war noch keine 28 Jahre alt, als sie Mitte Juli 2005 mit Mann und Baby im Weisslinger Pfarrhaus einzog. Sie hatte kurz vorher ihr Theologiestudium abgeschlossen, ein Jahr vikariiert und war praktisch einstimmig zur neuen Pfarrerin gewählt worden. Alle waren glücklich. «Habemus Mamam» betitelte der «Zürcher Oberländer» seinen Bericht über die Wahl von Goetschel. Aber dann ist alles falsch gelaufen, was falsch laufen konnte. Evelyn Goetschel ist Mutter ihres Sohnes. Die Rolle der Kirchgemeindemutter hatte nichts mit ihrem Rollenverständnis als Pfarrerin zu tun. Sie mochte nicht eine Quasi-Heilige sein mit Vorzeigegarten, mit Vorzeigeehemann und Vorzeigekind.

Eine bauliche Massnahme, initiiert von der Kirchenpflege, sorgte für ersten Unmut. Nachdem der ehemalige Pfarrer mit seiner Familie das Pfarrhaus verlassen hatte, wurde renoviert. Mit einer grossen geschwungenen Mauer trennte man den privaten Hausteil vom öffentlich zugänglichen Raum, von Büro und Besprechungszimmer, ab. Sie habe den Eindruck, sagt Goetschel, dass einige Wisliger diese Trennung, die betonen sollte, dass auch der Pfarrer eine Privatsphäre hat, nicht akzeptiert hätten. Der direkte Zugang zum Pfarrer schien ihnen durch die Mauer versperrt. Andererseits hatte die Pfarrerin trotzdem nie das Gefühl, in diesem Haus ihren privaten Raum zu haben: «Es ist ein sehr grosses Haus. Es hat meterdicke Mauern. Aber egal wie dick die sind, man kann sich dahinter nicht abgrenzen. So schön das Haus auch ist, ich habe mich darin nie wohl gefühlt.»

Goetschel, die Stadtzürcherin, hatte mit Umstellungen gerechnet, nicht aber mit der Wucht althergebrachter Vorstellungen und Erwartungen. Nichts Bösgemeintes war es, das ihr zusetzte. Aber im Pfarrhaus habe sie sich ständig wie auf einem Präsentierteller gefühlt. «Ah, Frau Pfarrer, konnten Sie heute ausschlafen?» Oder: «Gestern Nacht, Frau Pfarrer, waren Sie aber ordentlich lange wach. So lange gearbeitet?» Und: «Der Garten, Frau Pfarrer, kommen Sie zurecht damit?» Nicht die Fragen selbst empfand sie mit der Zeit als Belästigung, sondern das Unterschwellige darin. Wann werden die Fensterläden geöffnet? Wann erlischt das Licht?

Goetschel fühlte sich so überfordert in ihrem Amt, dass sie im März 2006 um ihre Entlassung aus dem Kirchendienst ersuchte. Massive Erschöpfungssymptome – neudeutsch: Burnout – gab sie als Gründe an. Daraufhin wurde das Pensum der Pfarrerin reduziert: Sie teilte fortan die Stelle hälftig mit ihrer Kollegin Regula Metzenthin aus Winterthur, wohnte aber weiter im Pfarrhaus. Für die Weisslinger Kirchgemeinde schien dieses Jobsharing eine akzeptable Lösung zu sein. Aber nicht für Goetschel: Im Oktober 2006 zog sie mit ihrer Familie definitiv aus dem Pfarrhaus aus. Von Wetzikon aus versieht sie seither im Wechsel mit der Pfarrerin aus Winterthur ihr Amt. So lange, bis eine neue Pfarrerin oder ein neuer Pfarrer gefunden ist.

Manche zentrale Figur des Weisslinger Dorflebens ist in den letzten Jahren verschwunden: die Hebamme, der Dorfpolizist, der Zivilstandsbeamte. Aber der Kirchenpflegepräsident Matthias Kuhn, im Berufsleben Pilot, ist guter Hoffnung, dass wenigstens im Pfarrhaus wieder die Lichter angehen. Vier bis fünf Pfarrer sind derzeit in der engeren Auswahl, Frauen haben sich diesmal keine beworben. Das Anforderungsprofil ist breit gefasst. Es sollte einfach einer sein, der auch hier wohnt. «Die Kirche und das Pfarrhaus gehören zusammen. Die Wisliger wollen, dass ihr Pfarrer hier lebt.»

Der junge Mann, der am Sonntagmorgen in der Weisslinger Kirche predigt, ist einer der Bewerber, und ein Teil der wenigen Kirchgänger sind die Mitglieder der Pfarrwahlkommission. Der junge Pfarrer hat seine Familie mitgebracht. Den Gottesdienst beginnt er mit einem Lied. Kein Kirchenlied. Er begleitet sich dabei selbst auf der Gitarre, sekundiert von seinem Neffen, seiner Nichte und einem Freund. «Du gibst alles, wenn du gibst», schmettern sie vierstimmig und ohne Verstärkung in den Chor.

Charlotte Heer ist freie Journalistin in Zürich.


Leserbriefe:

Zu Nur die Kirche liess sie im Dorf - NZZ-Folio Das Dorf (05/07)

Nicht nur die Pfarrerin ergriff die Flucht! Auch wir, eine junge Familie, ergriffen die Flucht aus Wislig, nach sechs Jahren. Die Politik und die Einheimischen bevorzugen die sogenannten klassischen Familiensysteme (Mutter zu 100% zu Hause tätig). Als wir 2000 nach Wislig zogen, konnten wir noch nicht ahnen, wie es für uns ausgehen würde. Wir ahnten nicht, dass Familien so viele Steine in den Weg gelegt werden, dass Familien fast dazu genötigt werden, in diese klassischen Rollen zu gehen.

Als 2004 unser Kind zur Welt kam, war für mich und meinen Partner immer klar, dass ich meine berufliche Ziele weiterverfolgen würde. Doch da habe ich die Rechnung ohne die Willkür der Wisliger Behörde gemacht. Die ortsübliche familienergänzende Kinderbetreuung ist das Tagesmüttersystem, welches vom Familienverein Illnau-Effretikon organisiert wird. Anfangs hat sich die Sozialbehörde noch finanziell beteiligt (Familien zahlten nach steuerbarem Einkommen), doch immer mehr Familien nahmen dies in Anspruch und so entschied die Behörde, dieses Kinderbetreuungssystem nicht mehr mitzufinanzieren; da kann sich jeder selber seine Rechnung machen wie viele Familien umdisponieren mussten.

In den sechs Jahren, da wir in Wislig wohnten, bekamen wir auch hautnah mit, wie es immer wieder Probleme mit dem Mittagstisch gab. Es gab immer zu wenig Anmeldungen - und da sagt Herr Bolliger, dass er im Neubau eine Lokalität für den Mittagstisch einplanen möchte?! Meiner Meinung nach wünscht Herr Bolliger diesen Neubau nur, um potenzielle neue Steuerzahler ins Dorf zu locken. Es fehlt an jungen Paaren, die gut verdienen und nicht zu viele Abzüge bei den Steuern machen können (Hypotheken).

Wislig zeichnet sich vor allem durch viele Einfamilien- und Reihenhäuschen aus. Nur gerade in zwei Siedlungen, die in Richtung Theilligen liegen, gibt es Mietwohnungen, die für Familien mit Kindern zahlbar sind. Am Iltisrain, wo vor allem Familien mit Kindern wohnen, liegen die subventionierten Wohnungen und Alterswohnungen, da können keine Paare einziehen. Unter dem Illtisrain liegen die Slums, wie sie von den meisten Einwohnern genannt werden. Es sind die ehemaligen Fabrikarbeiterwohnungen von der Mosi, sie sind nicht auf dem üblichen Standard von Wohnungen, die junge Paare wünschen, und spätestens wenn im Winter die Zimmertemperatur auf knapp 17 Grad sinkt, ziehen die meisten Leute aus. Auch daher braucht Herr Bolliger neue Mietwohnungen; fraglich ist, warum er noch mehr Alterswohnungen braucht, da es ja bereits welche hat.

Als mein Kind drei Monate alt war, konnte ich meinen Wunsch wahr werden lassen und endlich mein Studium beginnen. Wir suchten über den Familienverein, wie es eben üblich war in Wislig, nach einer Tagesmutter. Doch diese nahmen Kinder erst ab dem 1. Lebensjahr, also mussten wir nach einer anderen Lösung suchen und fanden diese in einer Kinderkippe. Wir stellen ein Gesuch bei der Sozialbehörde, also bei Frau Marianne Friedrich. Bis heute warte ich auf eine offizielle Stellungnahme, warum mein Gesuch abgelehnt wurde. (Behörden müssen in angemessener Zeit eine schriftliche Begründung der Absage dem Gesuchsteller zu kommen lassen.) Inhalt des Gesuchs war, dass die Gemeinde einen Krippenplatz einkaufen und uns subventionieren würde, damit wir den Krippenplatz nach unserem steuerbaren Einkommen bezahlen könnten. Am Telefon sagte mir Frau Friedrich, dass ich bei so einem kleinem Kind doch zu Hause bleiben müsse, das sei die Pflicht einer jeder Mutter. Die Gemeinde Wislig würde solch ein Gesuch nie gutheissen, ich müsse bei der Sozialhilfe anfragen. Welch ein Hohn. Aufgrund meines Studiums wusste ich in der Zwischenzeit, dass man uns niemals Sozialgelder für den Krippenplatz bezahlen würde, da wir über der SKOS-Richtlinien lagen. So mussten wir wohl oder übel wegziehen, als uns das Ersparte ausging, und dorthin ziehen, wo unser Kind in die Krippe geht, damit wir einen subventionierten Platz bekamen.

Auch eine Asylbewerberfamilie ergriff die Flucht aus Wislig, weil ihnen das Wohl ihrer drei Kinder wichtig war, was jeder Schweizerfamilie auch tun würde!! Und diese Amtswillkür! Jedesmal wenn einer der Asylbewerber laut wurde, gegebenfalls auch drohte, wurde die Polizei gerufen?! Da vergessen die Damen aber auch zu sagen, dass es oft am Mangel ihrer Sprachkenntnisse lag!! Da mussten dann die Polizisten diese Leute verhaften und auf dem Posten verhören und durch einen Dolmetscher erfahren, dass es sich lediglich um Missverständnisse handelte. Warum wird nicht bereits an den Auszahltagen ein Dolmetscher beigezogen? Deutschkurse dürfen diese Menschen ja nicht besuchen! Fazit: Nicht nur die Pfarrerin floh, wir, eine junge Familie, und sogar Asylbewerber flohen aus Wislig.
Heidi Holenweg, per E-Mail




Zu Nur die Kirche liess sie im Dorf - NZZ-Folio Das Dorf (05/07)

Ehrlich und differenziert sprachen die Journalistin Charlotte Heer und ich ihr über meine Geschichte als Pfarrerin in Weisslingen. Von meiner Überforderung, meinem Zusammenbruch, meiner Erschöpfung aber auch von meinem herzlichen Empfang und auch von den Schwierigkeiten als erste Frau in einem von männlichen Vorgänger geprägten Pfarramt. Enttäuschend, was aus dem Gesprächsmaterial gemacht wurde. Frau Heer reizte ihre journalistische Freiheit bis über die Grenzen hinweg aus. Mit ganz unglücklich gewählten Begriffen und Formulierungen beschwört die Journalistin eine Stimmung herauf, die meiner Meinung nach nicht zutreffend ist. Ja, es war für mich der falsche Arbeitsort zur falschen Zeit. Doch ich habe in dieser Zeit viel gelernt. So verlasse ich im Sommer diesen Jahres die Gemeinde definitiv und steige in einer anderen Kirchgemeinde von Anfang an mit einem kleineren Pensum ein. Dennoch fühle ich mich nicht „vom Argwohn der Gemeinde vertrieben.“ Sondern ich gehe, weil die Teilzeitfrage der Pfarrämter im Kanton Zürich leider sehr unbefriedigend gelöst ist und weil für mich ein Vollamt in der Grösse der reformierten Kirchgemeinde Weisslingen einfach zu viel ist.
Evelyn Goetschel, Wetzikon



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