«DER GUCKUS chund den nöunte Abril, si der Früelig wa er wil», weiss die alte Bauernregel aus Graubünden. Andere Sprüche nennen Tiburtius, das ist der 14. April, oder sonst einen Tag um Mitte April als den Tag, an dem der Vogel auftaucht.
Kehrt der Kuckuck im Frühjahr tatsächlich an einem mehr oder weniger fixen Datum aus seinem afrikanischen Winterquartier zu den Brutplätzen nach Europa zurück? Untersuchungen über neun Jahre hinweg haben für die Ankunftsdaten in Nordeuropa eine Zeitspanne von lediglich zwölf Tagen ergeben. Der Kuckuck ist also mit seinem charakteristischen Balzruf ein zuverlässiger Frühlingsherold. Dass der Zugvogel seine Europareise nach dem Kalender und nicht nach dem Wetter richtet und so gelegentlich mit einem verspäteten Winter fertig werden muss, ist leicht zu erklären: Wie sollte der Vogel im südlichen Afrika wissen, was sich in Europa meteorologisch gerade tut? Deshalb ist sein Wandertrieb mit Hilfe der Sonnenuhr auf ein festes Frühlingsdatum programmiert.
Der frühe Reisetermin hat einen taktischen Grund: Der Kuckuck muss im Lande sein, bevor die andern Vögel mit dem Brüten beginnen. Denn legendär wie sein Ruf ist auch des Kuckucks Ei, das er klammheimlich einer Leihmutter unterjubelt. Schon die alten Veden vor dreitausend Jahren nannten den Kuckuck den «Von-anderen-Aufgezogenen». Die Manipulation am fremden Nest macht den Vogel zum Schmarotzer par excellence. Das uns schäbig erscheinende Verhalten setzt den sonst beliebten Frühlingsboten in ein schlechtes Licht. Dabei wäre (einmal mehr) darauf hinzuweisen, dass Moral halt eine menschliche Erfindung ist. Denn alles Tun und Lassen im Tierreich ist Ausdruck des natürlichen Bestrebens des Individuums, seine Gene erfolgreich weiterzugeben. Brutschmarotzertum ist lediglich eine Variante im ewigen Fortpflanzungspoker.
Die Kuckucksvögel gehören zu den ältesten Vögeln überhaupt; Fossilien sind bis vierzig Millionen Jahre alt. Das Brutschmarotzen scheinen sie erst nach und nach entdeckt zu haben, denn von den insgesamt 128 Arten der Kuckucksfamilie benutzen nur 50 den Trick. Und selbst bei den Brutschmarotzern zeigen sich noch immer Relikte früherer Brutpflege, etwa das symbolische Überreichen von Nistmaterial beim Balzen oder das Füttern des Weibchens durch das Männchen als Vorwegnahme der Fütterung des Nachwuchses.
Wie der Kuckuck auf die Idee gekommen ist, die Mühsal der Brutpflege fremden Vögeln aufzuhalsen, lässt sich nur vermuten. Ein Hinweis könnte das Verhalten des Ani liefern. Bei diesem südamerikanischen Kuckuck schliessen sich mehrere Paare zu einer Fortpflanzungskommune zusammen. Sie bauen gemeinsam eine Nestmulde, und jedes Weibchen legt ein halbes Dutzend Eier ins Gruppennest. Man hat schon Nester mit bis zu 150 Eiern gefunden - in mehreren Lagen und mit grünem Laub als Zwischenschicht. Beim Brüten wechseln sich die Weibchen ab oder liegen gemeinsam auf den Eiern. Gelegentlich aber drückt sich eine Dame vom Brutgeschäft, obschon auch ihre Eier im Gelege sind.
Solch kräftesparende «Untugend» könnte sich sehr wohl als evolutionärer Vorteil erwiesen und etabliert haben. Der Kuckuck zeigt eine enorme Anpassungsfähigkeit, was ihm die Ausarbeitung einer Schmarotzertaktik sicher erleichterte. So gibt es Kuckucke auf allen Kontinenten. Obwohl ursprünglich Waldvögel, haben sie sich ebenfalls an das offene Gelände adaptiert. Sie sprechen mittlerweile auch eine Vielfalt an Dialekten: Was bei uns als Doppelruf wie «gu-gugg» tönt, kommt beim südafrikanischen Einsiedlerkuckuck als dreisilbiges «piet-my-vrou» daher. Der indische Koël ruft «ko-el, ko-el»; in Lateinamerika verkünden die Madenhackerkuckucke «pedro-luis». Und der im dichten malaiischen Wald hausende Bubut soll wie eine Katze miauen.
Enorm vielseitig ist der Kuckuck auch bei seinem Trickgeschäft. Jede Kuckucksart nutzt eine ganze Reihe verschiedener Wirte. Der australische Blasskuckuck legt seine Eier in die Nester von achtzig Vogelarten; unser Kuckuck (Cuculus canorus) kommt sogar auf gegen 300. Als Ersatzeltern bevorzugt werden Singvögel; man hat aber auch schon Kuckuckseier in Nestern von Krähen, Elstern und Jagdfasanen gefunden. Meist beschränkt sich eine Kuckucksart in einem bestimmten Gebiet auf einige Hauptwirte.
Die wohl erstaunlichste Leistung ist das Kuckucksei selber, passt doch der Vogel sein Produkt den Eiern seines Wirtes an. So können die Eier unseres Kuckucks einfarbig weiss, blau oder lehmgelb sein oder ein dem Muster des fremden Eies verblüffend ähnliches Kleid tragen. Im Kaliber ist das Kuckucksei zwar meist etwas grösser (und dadurch stärker) als dasjenige des Wirtes. Um den Unterschied aber minim zu halten, legt das 100 Gramm schwere Kuckucksweibchen dem kleinen Singvogel ein nur 2 Gramm schweres, dem Raben aber ein 25-Gramm-Ei ins Nest. Bei der Hekkenbraunelle in England gelingt dem Kuckuck der Trick, ohne dass er sein braungesprenkeltes Ei dem grünen der Wirtin anpasst. Eine mögliche Erklärung: Die Heckenbraunelle ist erst vor wenigen Jahrtausenden in England heimisch geworden, eine zu kurze Zeit, den Eiertrick zu durchschauen und den Kuckuck zur Tarnung zu zwingen.
Ein bestimmtes Kuckucksweibchen legt immer dasselbe Modell. Es gibt also innerhalb der einzelnen Art biologisch unterschiedliche Rassen, die äusserlich völlig identisch aussehen, deren Eier aber - je nach Zielpublikum - in Grösse und Farbe erheblich variieren. Es stellt sich nun die Frage, wie der einzelne Kuckuck weiss, in welche Nester seine Eier passen. Man hat herausgefunden, dass das Kuckucksweibchen jeweils jene Wirtsvogelart heimzusuchen pflegt, in deren Nest es selber gross geworden ist. Durch eine Art Prägung auf die Ersatzeltern während des Gastaufenthaltes wird die «passende» Schmarotzerbeziehung über Generationen hinweg garantiert.
Damit das Küken des Kuckucks im Vorteil ist, sollte es möglichst früh schlüpfen. Mit einer Brutzeit von nur zwölf Tagen ist es fast immer Nummer eins, auch wenn seine leibliche Mutter nach der Wirtin legte. Nur wenige Stunden nach dem Schlüpfen erwacht im Wechselbalg ein unheimlicher Trieb. Nackt und blind ertastet er alle Gegenstände, die in der Nestmulde liegen. Er lädt sie auf seinen hohlen Rücken, kraxelt rückwärts die Nestwand hoch und wirft die Last über Bord. So entledigt sich der Schmarotzer der andern Eier sowie bereits geschlüpfter Konkurrenten. Dann reisst er seinen übergrossen Rachen auf. Und das betrogene Elternpaar beginnt den Fremdling eifrig zu füttern, obwohl dieser der arteigenen Brut ganz und gar nicht ähnelt - der weit offene Rachen wirkt unwiderstehlich als Fütterungsbefehl. Da der junge Kuckuck nun alle Portionen erhält, die für ein grosses Gelege bestimmt gewesen wären, wächst er mächtig. Nach drei Wochen ist er fünfzigmal schwerer als beim Schlüpfen. Sind die Pflegeeltern kleine Singvögel, müssen sie jetzt zum Füttern rüttelnd vor dem Riesenbaby in der Luft stehen oder sich dem Koloss auf den Rücken setzen, den Kopf tief im Schmarotzerrachen.
Wie raffiniert das Kuckucksweibchen seinen Eierbetrug inszeniert, haben unlängst Beobachtungen in England an Nestern von Teichrohrsängern gezeigt. Das Kuckucksweibchen observiert die betreffenden Wirtsvögel bereits beim Nestbau. Sobald der Singvogel mit dem Legen beginnt, wartet der Kuckuck im Versteck, bis das Brutpaar für kurze Zeit fortfliegt. Sofort landet er im Nest, nimmt eines der Eier in den Schnabel, legt das Kuckucksei und ist bereits wieder weg. Die Betrugsaffäre dauert keine zehn Sekunden. Später frisst der Kuckuck das gestohlene Ei und kommt so zu einer leckeren Mahlzeit. Er hat damit aber auch die Eiermenge im fremden Gelege justiert, denn viele Vögel scheinen durchaus zu wissen, wie viele Eier sie gelegt haben. Von den in England beobachteten 274 Nestern des Teichrohrsängers fand sich schliesslich in 44 ein Kuckucksei. Immerhin akzeptierten 8 Vogelpaare das fremde Ei nicht; sie warfen es aus dem Nest oder gaben das Gelege auf.
Mit experimentellen Manipulationen wollte man Schwachstellen im Kuckucksmanöver herausfinden. Dazu spielten die Forscher selber Kuckuck und vertauschten unauffällig ein Teichrohrsängerei mit einer Kukkucksei-Attrappe. Geschah dies bei Tagesanbruch, merkte der Singvogel fast immer den Betrug und warf die Attrappe aus dem Nest. Am Nachmittag aber zeigte sich der Vogel weniger aufmerksam und akzeptierte die Attrappe - weshalb wohl nicht zufällig das Kuckucksweibchen immer den Nachmittag für sein Tauschmanöver wählt. Auch gelang der Attrappentrick nur, wenn der Teichrohrsänger bereits ein eigenes Ei im Nest hatte. Auch Frau Kuckuck wartet, bis die andere mit dem Legen begonnen hat.
Dass die Singvögel aber ihren Feind doch kennen, zeigte sich, als die Forscher während der Abwesenheit des Teichrohrsängers einen ausgestopften Kuckuck ins Nest setzten. Sofort fielen die zurückkehrenden Singvögel über den «Eindringling» her. Danach konnte die Eierattrappe noch so täuschend ähnlich sein, sie wurde in aller Regel eliminiert. Der Kuckuck wird also wissen, weshalb er sich bei den Leiheltern nicht blicken lässt.