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NZZ Folio 12/08 - Thema: Geschwister Inhaltsverzeichnis
Im Anfang war schon Streit
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| Genesis 4,8: Kain tötet Abel |
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Eifersucht, Hass, Vergebung – die besten Geschwistergeschichten finden sich in der Bibel. Drei alttestamentarische Parabeln, apokryph erweitert und frei nacherzählt.
Von Michael Köhlmeier
Kain und Abel – der neidische Bruder
Dem Kain misslingt alles. Gott liebt ihn nicht. Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen. Er tötet seinen Bruder. Und wir haben es immer schon gewusst. Wir haben es ihm zugetraut. Und Gott hat es ihm auch zugetraut. Aber warum? Gott weiss alles, er schaut in Kains Herz und sagt: Du bist böse. Ist Kain böse geworden, oder war er von Anfang an böse? Wenn letzteres: Warum hat ihn Gott böse gemacht? Aber wenn er im Lauf eines Lebens erst böse geworden ist: Was ist geschehen? Die Bibel ist wenig auskunftsfreudig.
Aber man wills wissen. Man sucht und findet. Auch die Erfindung ist eine Findung, und wenn ich daran glaube, dass meine Einbildung ein göttliches Geschenk ist, so darf ich getrost sein, dass die Erfindung sogar mehr Wahrheit enthält als eine seriöse Recherche – die bei einem Mythos ohnehin auf verlorenem Posten steht.
In einer Legende wird erzählt, wie es zum ersten Mord gekommen ist. Die Geschichte reicht bis zum Anfang zurück. Adam wollte nicht mehr allein sein, er verfiel in Schwermut. Also korrigierte Gott seinen ursprünglichen Plan, ein einziges, in sich vollkommenes Wesen zu schaffen. Zunächst formte er Adam um. Er modellierte in seinen Hinterkopf ein Frauengesicht und in seinen Rücken einen Frauenkörper. Das Ergebnis war unbefriedigend, weil keine Liebe entstehen konnte, deren Mangel aber gerade der Grund für Adams Depression war.
Nun schuf Gott ein neues, von Adam getrenntes Wesen. Er nannte es Lilith. Lilith weigerte sich, Adam zu unterliegen – wörtlich gemeint, aber auch im übertragenen Sinn. Sie verliess Gottes Schöpfung und mischte sich draussen unter die Dämonen. Der dritte Versuch – und auf ihn kommt es uns hier an – ist ein didaktischer. Gott wollte Adam zeigen, wie er den Menschen macht. Er begann mit dem Gesicht. So feine Züge! «Zuerst schauen sich Mann und Frau an», erklärte er Adam, «so entsteht Liebe.» Dann baute er die Hände. «Weil sich Mann und Frau anfassen wollen.» Und schliesslich machte sich Gott daran, den Körper zu formen. Das ging von innen nach aussen. Was Adam zu sehen bekam, gefiel ihm nicht – die Knochen, die Innereien. «Die will ich nicht haben», sagte er. Gott hüllte die unfertige erste Eva in ein Fell und liess sie allein und versetzte Adam in Schlaf und schnitt ihm eine Rippe aus dem Leib.
Als Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden, wurde auch die erste Eva, die unfertige, hinaus in die Wildnis geführt. Aber weil sie unschuldig war, musste sie nicht im Schweiss ihres Angesichts ihr Brot essen und auch nicht unter Schmerzen Kinder gebären; sie durfte sich draussen vor die Mauer des Paradieses setzen und sich den Rücken wärmen. Dort sollte sie Kains Bruder Abel finden.
Abel zog mit seinen Herden durchs Land. Er hatte viel Zeit zum Nachdenken. Er erfand nützliche Dinge. Den Pflug zum Beispiel. Für seinen Bruder Kain hat er ihn erfunden. Kain arbeitete zu Hause auf den Feldern. Die beiden Brüder tauschten ihre Produkte, und sie liebten einander. Kain war stolz auf Abel, weil der so gescheit war; und Abel hielt zu Kain, weil er so treu war. Und dann kam Abel eines Tages nach Hause und erzählte von der Frau, die bei der Mauer sass. Und er erzählte, dass das Fell, in das sie gehüllt war, nach dem Paradies gerochen habe und dass er sich zu ihr gesetzt und seinen Kopf in ihren Schoss gelegt habe und dass er glücklich gewesen sei. Das wollte Kain auch haben.
Abel führte ihn zu der Frau. Aber Kains Sehnsucht nach Liebe war sehr gross, und den Kopf in ihren Schoss zu legen, war ihm zu wenig. Er nahm ihr das Fell ab, in das sie sich hüllte. Und da sah er ihren unfertigen Körper, sah, dass sie keine Haut hatte. Und er dachte bei sich: Mein Bruder hat ihr die Haut weggenommen, weil er sie für sich allein behalten möchte. Von nun an hasste Kain seinen Bruder Abel.
Schimeon und Levi – der ungeliebte Bruder
Moses führte seine Herkunft auf Levi zurück. Das hat den Gelehrten Kopfzerbrechen bereitet. Warum ausgerechnet Levi? Levi war ein Sohn von Jakob und Lea. Lea war nicht die Lieblingsfrau des Jakob, die Lieblingsfrau des Jakob war Rahel. Lea ist dem Jakob untergeschoben worden, Laban, sein Schwiegervater, hat ihn betrogen. Ausserdem war Levi kein Mann von gutem Charakter, er war alles andere als grosszügig, alles andere als gütig, und gescheit war er auch nicht. Er war böse, unbarmherzig, grausam, plump. Levi war es, der dafür plädiert hatte, Josef, seinen Bruder, zu töten. Aus Eifersucht. Warum stammte Moses nicht von Josef ab, dem Liebling des Jakob, dem Schönen, dem Klugen, dem Liebling aller Israeliten? Oder von Jehuda? Jehuda war gerecht. Oder von Ascher? Ascher hatte einen klaren Verstand. Oder von Benjamin, dem Starken? – Nein, es war Levi. – Die Pläne Gottes sind unergründlich, wir können nicht wissen, was seine Motive sind. Was aber nicht heisst, dass man nicht suchen und forschen darf. Und so hat man gesucht und geforscht und hat eine Geschichte zutage gefördert, die dem Plan Gottes wenigstens eine menschliche Ahnung von Plausibilität verlieh.
Als die grosse Hungersnot herrschte, schickte Jakob seine Söhne nach Ägypten, um bei dem sagenhaften Vizekönig des Pharaos Korn zu kaufen. Die Brüder wussten nicht, dass dieser Vizekönig Josef war. Josef gab seinen Brüdern Getreide, aber er behielt einen von ihnen als Geisel, nämlich Schimeon, den steckte er ins Gefängnis. Was Levi nie für möglich gehalten hatte: Er vermisste seinen Bruder. Er vermisste ihn sehr. Er vermisste ihn so sehr, dass er, als er wieder zu Hause war, sein ganzes Hab und Gut, seine Herden, Kamele, Rinder, Ziegen, Schafe, seine Diener, seine Mägde, alles, was er besass, verkaufte und eintauschte gegen – ja: gegen eine Perle, gegen eine einzige Perle. Als Gott dem Urvater Abraham die Welt zeigte, war er mit ihm auch zwischen die Sterne geflogen, und da hat Abraham diese Perle aus dem Mond gebrochen. Wer in klarer Vollmondnacht genau hinschaut, der kann heute noch die Stelle sehen. Unvorstellbar wertvoll war diese Perle. Levi wollte sie dem Vizekönig von Ägypten vor die Füsse legen, damit er Schimeon ziehen lasse. Er machte sich auf den Weg durch die Wüste.
In der Hauptstadt Ägyptens traf Levi einen Bettler, die beiden kamen ins Gespräch, und irgendwann, da war es schon Nacht, fragte ihn der Bettler, ob er wisse, was das Glück sei, und Levi antwortete: «Was nützt es mir, wenn ich weiss, was das Glück ist, und nicht glücklich bin? Was schadet es mir, wenn ich nicht weiss, was das Glück ist, aber glücklich bin?» – Der Bettler sagte: «Ich weiss, was das Glück ist.» – «Warum bist du dann ein Bettler?» fragte Levi. – «Ich würde das Glück ja gern verkaufen», sagte der Bettler, «aber es ist so teuer, dass niemand den Preis dafür zahlen kann.» – «Wie teuer denn?» fragte Levi. – «Ach», sagte der Bettler, «kein Geld reicht aus. Es ist so teuer wie die Perle, die Abraham aus dem Mond gebrochen hat.»
Da fiel dem Levi ein, dass es in seinem ganzen Leben nicht einen einzigen glücklichen Augenblick gegeben hatte. Er griff in seine Tasche, wo er in einem Tuch die Perle aufbewahrte, und er dachte: Es ist nur eine Perle. Niemand sieht dieser Perle an, dass sie Abraham aus dem Mond gebrochen hat. Sie sieht aus wie eine gewöhnliche Perle, wie die Perlen, die es zu Hunderten hier auf den Märkten zu kaufen gibt. Der Vizekönig wird mich auslachen, wenn ich sie ihm vor die Füsse lege. Niemals wird er Schimeon für diese Perle aus dem Gefängnis lassen. Er wird sagen, ich sei ein unverschämter Kerl. Er wird mich zu ihm sperren! Was war ich doch für ein Esel! Für dieses elende kleine Ding habe ich mein ganzes Hab und Gut hingegeben. Ich bin der unglücklichste Mann auf der ganzen Welt! Ich habe nichts, das ist die Wahrheit. Was braucht einer, der nichts hat, um seinen Bruder aus dem Gefängnis des ägyptischen Pharaos freizubekommen? Er braucht vor allem Glück!
Und Levi sagte zum Bettler: «Nimm die Perle, gib mir das Glück!»
Der Bettler legte die Perle auf einen Stein und zerstampfte sie mit einem anderen zu Staub. «Was tust du!» schrie Levi. «Meinen gesamten Besitz hast du zerstört!» Der Bettler sagte: «Was ist das? Staub ist das.» Er blies darauf, und alles war weg.
Am nächsten Tag ging Levi zum Vizekönig und sagte: «Ich bin gekommen, um für meinen Bruder Schimeon zu bitten, ich habe nichts, was ich dir für ihn anbieten könnte, als diese Bitte.» Da hat sich Josef seinem Bruder zu erkennen gegeben. Und alles war gut.
Moses und Mirjam – die grosse Schwester
Eines Nachts, da war Mirjam noch ein Mädchen, kam ein Engel in ihren Traum, der setzte sie in Kenntnis, dass ihre Eltern, Jochebed und Amram, in ebendiesem Augenblick beieinanderlagen und den Erlöser Israels zeugten. Es ist verständlich, dass Mirjam ihr ganzes Leben lang zu ihrem Bruder Moses eine besondere Beziehung hatte, dass sie, noch als er der grosse Führer und Feldherr war, Verantwortung für ihn empfand; und auch als er schon ein sehr alter Mann war, liess sie kaum eine Gelegenheit aus, ihm vorzuhalten, was er zu tun und zu lassen habe.
Moses war hundertundzwanzig Jahre alt und seit neunzig Jahren mit Zippora verheiratet, da begegnete er der Frau aus Kusch, und er verliebte sich in sie und nahm sie zu sich. Mirjam gefiel das gar nicht. «Soll ich dir vorlesen, was auf den Gesetzestafeln steht? Du hast behauptet, Gott selber habe darauf geschrieben! Was steht da über die Ehe?» – «Hier steht», sagte Moses, «du sollst nicht ehebrechen.» – «Dann handle danach!» sagte Mirjam. «Du bist dem Volk ein Vorbild!» – «Das ist richtig», sagte Moses. «Ich bin dem Volk ein Vorbild.» – Dann zog er den Vorhang zu seinem Zelt zu, denn in dem Zelt wartete die Frau aus Kusch auf ihn. Da wandte sich Mirjam an ihren Bruder Aaron. «Das darfst du nicht durchgehen lassen!» sagte sie. «Du bist Aaron, der Richter! Was nützt ein Richter, wenn er nicht einschreitet? Was hast du für eine Macht, wenn einer vor deiner Nase den Vorhang zu seinem Zelt zuziehen darf?»
Aaron sprach mit Moses. «Bruder», sagte er, «du brichst das Gesetz.»
«Das weiss ich selber», fuhr ihn Moses an. «Ich sage dir etwas: Ich habe 120 Jahre alt werden müssen, um das einzusehen: Wir Menschen sind so. Ich will sie nicht wegschicken. Ich will bei ihr liegen! Ich weiss, dass ich das Gesetz breche. Und ich tue es trotzdem. Und ich weiss nichts zu meiner Verteidigung zu sagen. Und jetzt lass mich!»
«Nein», sagte Aaron, «ich lasse dich nicht! Du bist dem Volk Rechenschaft schuldig. Wenn du das Gesetz Gottes brichst, werden es die anderen nicht halten!» – «Also gut», sagte Moses. «Ich werde Gott fragen, ob er in meinem Fall eine Ausnahme macht. Warten wir die Nacht ab.»
In der Nacht lag Moses neben der Frau aus Kusch, in die er sich verliebt hatte, als wäre er ein junger Mann, und da brach ein Wetter los, der Himmel krachte, und Blitze fuhren nieder. Die Frau aus Kusch zitterte vor Angst, sagte zu Moses: «Das ist Gott, er will dir sagen, dass es nicht recht ist, wenn du bei mir liegst.» – «Nein, nein», sagte Moses, «ich kenne Gott, es hört sich ganz anders an, wenn er zu mir spricht. Das ist nur ein Unwetter.»
Am nächsten Tag kamen Mirjam und Aaron, und Mirjam sagte: «Hast du das gehört? Gott hat gesprochen, er will, dass du die Frau aus Kusch fortschickst!» – Moses sagte: «Lass mich! Gott spricht nicht als Blitz und Donner mit mir, das weiss ich. Ich liebe diese Frau, das weiss er, und darum macht er bei mir eine Ausnahme.» – Mirjam war empört. Aber es war nun einmal so, dass ihr nur ein Engel, ihrem Bruder aber Gott persönlich erschienen war. «Eine Nacht wollen wir noch zuwarten», sagte sie. «Gott wird dir ein unzweifelhaftes Zeichen schicken.»
In der folgenden Nacht lag Moses wieder bei seiner geliebten Frau aus Kusch, da tobte ein glutheisser Sturm durch das Lager, so trocken, so heiss, dass die Seile brachen und die Zelte weggeweht wurden. Die Frau aus Kusch fürchtete sich und sagte: «Das ist die Antwort Gottes auf unsere Liebe. Gott will es nicht!» – «Nein, nein, nein», sagte Moses. «Ich kenne Gott. Wenn er mir etwas sagen will, dann kommt er persönlich. Das ist ein Sturm, mehr nicht.» – Er drückte die geliebte Frau aus Kusch fest an sich. Sein Zelt hielt als einziges dem Sturm stand.
Mirjam konnte sich nicht damit abfinden, dass ihr jüngerer Bruder nicht auf sie hörte. «Das lasse ich nicht zu!» rief sie. «Bevor ich das zulasse, wird sich der Brunnen vor deinem Zelt wie ein Hund benehmen und winselnd hinter mir herlaufen.» – Etwas anderes fiel ihr in ihrem Zorn nicht ein.
Moses behielt die Frau aus Kusch in seinem Zelt. Sie war sein Liebling, sie hat sein Herz gewärmt. Die Karawane zog weiter, und vor der Karawane her, wie es die Leute gewohnt waren, zog die Rauchsäule, die ihnen den Weg wies. Da hörten die Menschen hinter sich ein Rumpeln, und sie drehten sich um. Was war geschehen? Die Legende erzählt, der Brunnen habe sich selbst aus dem Boden gerissen, ein schwerer Brunnen aus Stein, und er sei der Karawane nachgepoltert. Am Abend rollte er durch das Lager der Israeliten und legte sich vor dem Zelt der Mirjam nieder.
«Das ist der Mirjamsbrunnen», sagten die Leute. Und sie sahen ein, dass Gott eine Ausnahme gemacht hatte. «Im Fall des Moses», sagten die Leute, «hat Gott eine Ausnahme gemacht.» Aaron, der Pragmatiker, sagte: «Ja. Aber nur in diesem Fall! Nur in diesem einen Fall!»
Michael Köhlmeier ist Schriftsteller und lebt in Hohenems in Vorarlberg. Zuletzt erschienen von ihm «Abendland» und «Geschichten von der Bibel». Er hat eine ältere Schwester.
Leserbriefe:
Zu Im Anfang war schon Streit - NZZ-Folio Geschwister (12/08)
Kain – Abels neidischer Bruder. Warum wurde Kain böse? Michael Köhlmeier trägt für seine Geschichte verschiedene Quellen zusammen. Aber er hilft mir damit nicht, diese Frage zu beantworten. Ich bin auch so ein böser Bruder, genaugenommen eine so böse Schwester. Ich hab sie zwar nicht erschlagen, aber ich hatte manchmal Lust, ihr wehzutun. Natürlich war es der Neid auf meine Schwester. Aber warum wurde ich neidisch? Weil meine Mutter ungerecht war. Auch Kain sehnt sich nach Anerkennung. Er tut viel dafür und findet dennoch keinen Gefallen vor seinem Vater. Anstatt wütend auf seinen Vater zu werden, erschlägt er seinen Bruder. Das ist ja auch viel einfacher. Dabei kann der doch gar nichts dafür. Den Vater, die Mutter müssten wir töten! Diese schriftstellerische Freiheit in der Darstellung hätte ich mir von Michael Köhlmeier gewünscht. Maria Oppermann, Stans
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