ALS GERI WEIBEL die Hair-&-Style-Gala verlässt, ist die Aufräumequipe des Caterers bereits dabei, die Geschirrkisten in die Lieferwagen zu laden. Ein Putzwagen zieht seine Kreise durch die Halle H1. Geri hatte an der Bar gewartet, bis Sandra sich aus den Fängen des Ex-Curling-Europameisters befreien konnte. Der Anlass war immer übersichtlicher geworden, und langsam hatte er sich eingestanden, dass Sandras Abgang noch diskreter gewesen war als seine Überwachung. Von da an hatte er sich mit Rolli unterhalten.
Rolli ist der Erfinder des interaktiven Tischsets und dadurch weit über die Werbebranche hinaus zu Prominenz gelangt. Ein Status, der ihm zunehmend lästig wird, weil er ihn zwingt, an Anlässen wie diesem aufzutauchen. Auf dieser Ebene - der Verachtung für Anlässe wie diesen - finden sich Rolli und Geri. Obwohl Rolli naturgemäss stärker betroffen ist. Er gesteht Geri, dass er an manchen Abenden bei bis zu drei Prominentenanlässen reinschaut. Nicht aus Publicitysucht, sondern einfach, weil man als öffentliche Person - das interaktive Tischset hat mehrere Auszeichnungen gewonnen - der Öffentlichkeit eine gewisse Medienpräsenz schuldig ist.
Geri, dem keine Art von gesellschaftlichem Dilemma fremd ist, zeigt so viel Verständnis, dass sie über dem Thema und den temperierten Rosé-Cüpli die Zeit vergessen. Erst als die Aufräumarbeiten die Bar erreichen, merken sie, dass auch die Hair-&-Style-Gala ein Ende hat. Wie alles Schöne im Leben.
Geri geniesst noch das Privileg, den Erfinder des interaktiven Tischsets in seinem Taxi bis vor dessen Haustür fahren zu dürfen. Als er ein paar Stunden später in seiner Wohnung erwacht und die Toilette aufsucht, begegnet ihm im Badezimmerspiegel Geri Weibel im zerknitterten Smoking. Erst jetzt wird ihm seine Anwesenheit bei der Hair-&-Style-Gala in ihrer ganzen Tragweite bewusst.
Geri sind die Orte geläufig, an denen man sich nach dem Kodex der Szene besser nicht allzu oft, lieber selten oder am besten nie zeigen sollte. Aber in den ersten Stunden dieses Sonntagmorgens fällt ihm keiner ein, an dem man sich dermassen unter keinen Umständen je im Leben blicken lassen darf, wie die Leute-Seite. Von allen uncoolen Dingen auf der Blacklist der uncoolen Dinge ist das Sichfotografierenlassen mit Ex-Missen, Autoimporteuren und Wetterfeen das mit Abstand uncoolste. Das Sichfotografierenlassen mit der örtlichen Coiffeurprominenz ist auf der Uncool-Skala nicht einmal vorgesehen.
Und er Idiot hat sich während Stunden dem Blitzlichtgewitter der versammelten People-Presse ausgesetzt! An der Hair-&-Style-Gala 2001! In einem Smoking! Marke TIPTOP!
Geri duscht konzentriert, bis sich das dumpfe Brummen der Rosé-Cüpli in seinem Schädel etwas gelegt hat, und schlendert dann unauffällig zu den nächsten Zeitungskästen. Erst zu Hause durchblättert er die Sonntagspresse und sieht seine Befürchtungen bestätigt: Er ist auf der Leute-Seite zu sehen. Zwar nur von hinten und in der Unschärfe, aber er ist es. Die Beachtung, die bereits die Sonntagspresse dem Anlass schenkt, lässt ihn für die Illustrierten der kommenden Woche das Schlimmste erwarten. Die Hoffnung, dass die Berichterstattung über die Hair-&-Style-Gala an der Szene vorbeiläuft, kann er begraben. Zwar machen Robi Meili, Susi Schläfli, Carl Schnell und Freddy Gut offiziell einen weiten Bogen um die einschlägigen Medien. Aber irgendjemand blättert dann doch immer rein zufällig im Wartezimmer in einem dieser Heftchen.
Vielleicht erkennt man ihn nicht. Das gibt es doch, dass man Bekannte nicht erkennt, wenn man ihnen unerwartet in völlig fremder Umgebung begegnet. Wer erwartet Geri Weibel schon im Smoking inmitten von Ex-Missen und Ex-Sportlern an einer Coiffeurgala?
Die Woche beginnt vielversprechend. Die grösste Illustrierte bringt zwar eine ganze Seite über den Anlass, aber nur auf einem der zweiunddreissig Fotos ist Geri abgebildet. Sein Gesicht von einer preisgekrönten Frisur verdeckt. Auch die Zeitschriften der folgenden Tage widmen der Hair-&-Style-Gala viel Raum. Aber von Geri ist auf allen Bildern nur zweimal der rechte Arm (er erkennt ihn an der Armbanduhr) und einmal das rechte Ohr zu sehen.
In Geris Erleichterung über den glimpflichen Ausgang seines Ausrutschers beginnt sich etwas wie verletzter Stolz zu mischen.
Nach drei Wochen scheint die Sache überstanden. Da kreuzt eines Abends Robi Meili im Steel auf. Er kommt direkt vom Coiffeur. «Gratuliere, Geri, du bist auf der Leute-Seite von <Frisur heute> fünfmal abgebildet. Super Fotos!»