NZZ Folio 09/92 - Thema: Der Krieg auf dem Balkan   Inhaltsverzeichnis

Wenn Kriegsangst den Alltag beherrscht

Der Konflikt um Kosovo.

Von Andreas Oplatka

Der serbische Polizist ist misstrauisch. Dabei könnte die Frage harmloser nicht sein: welchen Weg man zu fahren habe, um zum Patriarchenkloster zu kommen? Wir sind in der Kleinstadt Pec, dort, wo das weite Flachland endet und jäh aufragendes, felsiges Gebirge die Provinz Kosovo von Albanien und Montenegro trennt. Die Augustsonne brennt. Der Polizist, der vor einem klotzigen Gebäude Wache steht, zerrt am Riemen seiner Maschinenpistole, schiebt die Mütze über die schweissnassen Haare zurück und will, ehe er eine Antwort gibt, zuerst einmal die Pässe der Fremden sehen. Touristen sind hier rar geworden, und es ist ein seltenes, auch unheimliches Gefühl, inmitten der Ferienzeit auf südlichen Landstrassen unterwegs zu sein, ohne einem anderen Ausländer zu begegnen. Die Pässe scheinen unsere Harmlosigkeit zu bezeugen; wir erhalten die gewünschte Auskunft: weiter dem Fluss entlang, dort, wo Scharen von Kindern sich im trüben Wasser tummeln.

Hinter den Steinmauern des Patriarchatssitzes scheint dann mit einemmal alles zurückzubleiben: Staub und Lärm des aufgeregten Marktfleckens und jeder Gedanke an den Krieg. Eine alte Nonne reinigt die Blätter der Rosensträucher, bärtige Mönche ziehen vorbei und grüssen würdig-gemessen, und in den kühlen, engen Innenräumen der Kirche richten die vielen goldglänzenden Heiligen an den Wänden ihren starren Blick auf ein Reich, das nicht von dieser Welt ist. Und dennoch: «Gott schütze Serbien», die Fürbitte kehrt im Gästebuch immer wieder. Das, was sich in diesen Tagen auf dem Balkan abspielt, macht auch vor der Schwelle von Kirchen nicht halt, und am allerwenigsten hier, in Pec.

Der jüngste Balkankrieg hat Kosovo bisher verschont; die Auseinandersetzung um die Provinz ist aber in vollem Gange. Dem Anspruch der Albaner, die heute 90 Prozent der gegen zwei Millionen Einwohner stellen, begegnen die Serben, indem sie an die Vergangenheit erinnern: daran, dass Kosovo im Hochmittelalter das Herzstück ihres Grossreichs war, dass die serbische Unabhängigkeit 1389 hier, auf dem Amselfeld, im schweren Gefecht gegen die Türken verlorenging, und eben daran, dass es hernach der serbisch-orthodoxen Kirche zufiel, das Serbentum zu verkörpern und auch zu führen. Die vielen stillen Klöster machen das Land zu einem «Heiligtum der Serben». Der Gedanke an einen Verzicht, gar zugunsten der Albaner, erscheint in Serbien einstweilen als undenkbar.

Mit im Spiel ist ein guter Schuss Überheblichkeit gegenüber den «Skipetaren»; serbisches Selbstgefühl sieht in ihnen immer noch gern die im Gebirge hausenden Hirten, die, ihren Nacken türkischem Druck gebeugt, widerstandslos den Glauben der muslimischen Herren angenommen und dann die von Serben verlassenen fruchtbaren Ebenen Kosovo und Metohija in ihren Besitz gebracht haben.

«Ach wo», winken die Albaner ab; ihr Geschichtsbild ist radikal anders. Und ein jeder von ihnen, der wild gestikulierende Gemüsehändler im verfallenen Vorstadtladen von Pristina ebenso wie die professionell argumentierende Politiker, tritt als leidenschaftlicher Verfechter der albanischen Sache auf. Nein, die eigenen Vorfahren, die Illyrer, hätten dieses Land schon in der Frühantike bewohnt, die Serben dagegen seien späte Zuwanderer. Ihre Kirchen und Klöster? Da handle es sich um byzantinische Hinterlassenschaft, wie sie sich auf dem Balkan überall finde. Ob man denn auf albanischer Seite gar kein Verständnis dafür aufbringen könne, dass sich auch das serbische Volk mit Kosovo tief verbunden fühle und an diesem Stück Erde hänge? Verstehen, so ist die Erwiderung, könne man das nur beim Gedanken an die Bodenschätze Kosovos, an die Kohle-, Blei-, Silber- und Zinkvorkommen. Verdächtigt werden die Serben, mit Geschichtsmythen wirtschaftliche Interessen zu bemänteln. In Belgrad offen diskutierte Pläne, die 11 000 Quadratkilometer umfassende Provinz zu teilen und dabei für sich den fetteren Brocken zu behalten, geben Vorwürfen dieser Art Nahrung.

In der Tat: man hält sich besser an die Gegenwart und lässt die Geschichte Sache der Historiker sein; heute gültige Besitzrechte sind aus den vergilbten Urkunden ferner Jahrhunderte ohnehin nicht herauszulesen. Hinzuzufügen ist indessen, dass die Albaner als Volk wohl im gleichen geschlossenen Siedlungsgebiet, doch jetzt in drei verschiedenen Staaten leben: in Albanien selber, in Rest-Jugoslawien und in Mazedonien. Und man trage als historische Anmerkung nach, dass die bestechende Ignoranz westlicher Staatsmänner und Diplomaten auch in diesem Fall als eine Wurzel osteuropäischen Elends freigelegt werden kann: Kosovo, bis zum Balkankrieg 1912/13 türkischer Besitz, wurde zuerst zu Serbien und 1918 zum neu entstehenden Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen geschlagen, dem späteren Jugoslawien.

Die nach dem Zweiten Weltkrieg bestätigte Aufsplitterung des albanischen Siedlungsraums führte dann in den letzten Jahrzehnten zu den seltsamsten Verhältnissen, wofür jugoslawische Politik wenig, die albanische Geburtenrate aber, die höchste in Europa, alles kann. Die Zahl der Albaner in Kosovo lag 1945 unter einer halben Million; heute wird sie, vermutlich mit etwas politischer Grosszügigkeit, mit zwei Millionen angegeben. Wie auch immer: Gut sieben Millionen Albaner im Südwesten des Balkans werden am Ende dieses Jahrhunderts eine Realität sein, und nur wer Staatsgrenzen für ewigwährend und unverrückbar hält oder wer sie mit Gewalt zu verteidigen bereit ist, kann ernsthaft daran glauben, dass es auf die Dauer gelingen kann, diesem Volk die Vereinigung in einem Land zu verwehren. Ob in den armseligen, abfallbedeckten Gässchen der Altstadt von Pristina, ob in den staubigen Dörfern: Mütter mit Kindern am Arm und am Rockschoss prägen das Bild; Halbwüchsige, Jugendliche überall. Ein Politiker sagt: «Man kann uns unterdrücken, doch die Zeit arbeitet für uns; 70 Prozent der Einwohner Kosovos sind unter 30jährig.»

Unterdrücken? Die Rechte der einzelnen Völker und Minderheiten im Jugoslawien der Nachkriegsjahre standen nicht auf dem Papier allein, und die Serben rechnen denn auch heute den Kosovo-Albanern bitter vor, was diese vom gemeinsamen Staat alles empfangen haben: Selbstverwaltung in der Provinz selber, die von 1974 an - ebenso wie die Vojvodina im Norden - für autonom erklärt und damit faktisch aus Serbien ausgegliedert wurde; Beteiligung an der jugoslawischen Zentralmacht; bedeutende wirtschaftliche Unterstützung aus den anderen Teilrepubliken; ein Bildungssystem in der Muttersprache, Schulen und selbst eine Universität in Pristina. Und mochte Kosovo auch das Armenhaus Jugoslawiens geblieben sein, an Freiheitsrechten und an Wohlstand genossen seine Einwohner immer noch weit mehr als die Albaner jenseits der Berge im stalinistischen Mutterland. Warum also, so fragen die Serben, warum die Unzufriedenheit der Albaner? Die Antwort ist einfach und läuft auf einen Territorialkonflikt hinaus: Am Anfang war der Wunsch nach Gleichberechtigung, nach der Erhebung Kosovos in den Status einer Teilrepublik. Dies aber wollte Belgrad nicht zugestehen aus Furcht, der nächste Schritt könnte die Abspaltung dieser Republik vom jugoslawischen Staatskörper sein.

Wer in Kosovo wen terrorisiert und vertrieben hat, welche Volksgruppe die andere zu unterdrücken suchte - das Gestrüpp gegenseitiger Beschuldigungen ist undurchdringlich, und der Aussenstehende verzichtet besser auf ein Urteil. Der serbisch-albanische Konflikt, der sich zum erstenmal Anfang der achtziger Jahre in schweren Unruhen entlud, verschärfte sich erheblich, nachdem Belgrad 1989 die Autonomie der Provinz abgeschafft und die Regierungsgewalt selber übernommen hatte. Im Zuge der Auflösung Jugoslawiens kam es zur Ausrufung einer Republik Kosovo und zu Parlamentswahlen, Handlungen, die nach serbischer Auffassung null und nichtig sind. Der Fall der letzten kommunistischen Hochburg in Albanien verstärkte Belgrads Argwohn, die Irredentisten in Kosovo würden fortan die Vereinigung mit dem Nachbarland offen anstreben. Serbien allein verteidigt nach eigener Auffassung auf legitime Art sein Territorium. Die Mittel allerdings, die es dabei anwendet, machen Kosovo zu einer der Regionen Europas, in denen die Menschenrechte besonders krass missachtet werden.

Was in Pristina Albaner in dichtem Zigarettenqualm mit vielen Worten erzählen, ist die Geschichte einer schweren Repression. Hunderttausend Albaner haben in Kosovo seit 1989 ihren Arbeitsplatz verloren, unter ihnen alle Ärzte, Richter und Lehrer; die Schulen und die Universität wurden geschlossen, die Fernseh- und Radiosendungen in albanischer Sprache eingestellt, die einzige albanische Tageszeitung verboten. Die Rede ist von hundert ungesühnten Todesopfern, die aufs Konto der Polizei gehen. Prozesse fänden ohne Verteidiger statt, Menschen verschwänden ohne Haftbefehl und Anklage monatelang hinter Gittern. Polizei und Militär - die Soldaten patrouillieren mit Maschinenpistolen und kugelsicheren Westen - durchsuchten auf dem Land nachts regelmässig Häuser nach Waffen. Mag auch die andere Seite angehört werden? Sie mag nicht. Die serbischen Behörden in Pristina geben barsch zu verstehen, dass sie keinen Journalisten zu sehen wünschen.

Noch sei es in Kosovo ruhig, noch gelinge es, die Bevölkerung zu überzeugen, dass sie besonnen bleiben müsse, sagen albanische Politiker. Hinter den Provokationen stecke der serbische Wille, Vorwände zu schaffen für einen militärischen Eingriff. Die Angst, dass der Krieg auf den Südosten übergreifen könnte, beherrscht in Kosovo den nur scheinbar normalen Alltag. Die ethnische Zusammensetzung der Provinz zu ändern und damit das Gebiet Serbien zu erhalten, dies bleibt nach albanischer Überzeugung das Ziel Belgrads. Menschen in solcher Zahl aus ihren Heimen vertreiben, zwei Millionen Albaner - ein undenkbares Unterfangen, so hätte man vor kurzem noch gesagt. Jetzt, da sich in Kroatien und Bosnien zweieinhalb Millionen auf der Flucht befinden, ist manches denkbar geworden.

Andreas Oplatka ist Auslandredaktor der NZZ.


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