NZZ Folio 12/91 - Thema: Verführungen   Inhaltsverzeichnis

Häuser, Häuser -- Wie ein Tempel über dem Eichenhain

Von Roman Hollenstein

Zeitgenössische Idealstädte mit klassizistischer Aura sind der Traum, den der in Luxemburg geborene 45jährige Architekt und Theoretiker Léon Krier mit Prinz Charles teilt. Gleichwohl konnte der umstrittene Querdenker Krier - im Gegensatz etwa zum Traditionalisten Quinlan Terry - die Vision einer kleinmassstäblichen Stadt, bestehend aus eigenständigen Quartieren, vielgestaltigen Häuserblocks und belebten Plätzen, in seiner britischen Wahlheimat noch nicht realisieren. Kriers Städtebau des menschlichen Masses fand seinen Niederschlag bisher einzig in Entwürfen, etwa im Berliner IBA-Projekt einer «Insula Tegeliensis», in der Neugestaltung der Londoner Spitalfields und im antikisch konzipierten «Atlantis», einer Stadt in den Bergen von Teneriffa, mit der er sich als Nachfolger der romantischen Klassizisten Schinkel und Koch erweist.

Ende der achtziger Jahre machte sich Krier, der lange Zeit die Maxime vertrat, er könne nicht bauen, gerade weil er Architekt sei, erstmals an die Verwirklichung einer seiner Ideen. In Seaside, einer nach seinen urbanistischen Vorstellungen zusammen mit dem amerikanischen Architektenpaar Anders Duany und Elizabeth Plater-Zyberk konzipierten Neugründung am Golf von Mexiko in Nordflorida, fand er die ihm zusagende Umgebung. Dort wurde auf dem mit Bezug auf Vorbilder wie Savannah und Charleston entwickelten urbanistischen Netz mit Avenuen, intimen Strassen und kleinen Plätzen eine bald antik anmutende, bald an die Greek-Revival-Architektur des Alten Südens gemahnende Polis errichtet. Dieses Städtchen aus dicht beieinander stehenden weissen und pastellfarbenen Holzhäusern fand in den USA als Alternative zur weitläufigen autogerechten amerikanischen Stadt von heute, aber auch wegen einiger interessanter Einzelbauten viel Lob und Beachtung.

Das Krier-Haus bildet den architektonischen Höhepunkt der Siedlung. Ohne es zunächst zu erblicken, nähert man sich vom Meer her dem hinter dichtem Gehölz versteckten Gebäude auf sandigen Pfaden. Dann weitet sich plötzlich der ansteigende Weg, und über dem silbrig schimmernden Blätterdach der knorrigen Lebenszeichen erscheint der strahlend weisse Tempel, der das Gebäude krönt: ein Bild, das im fieberfeuchten Süden der USA die geheimnisvolle Magie eines von Olivenhainen umgebenen, im Licht flimmernden mediterranen Tempelbezirks beschwört. Krier, ein architectus doctus, träumt in diesem Sommerhaus von Plinius' Villa Laurentium, mit deren Rekonstruktion er sich bereits 1981 beschäftigt hatte. Der dort zweifach erscheinende Belvedereturm mit Tempelaufsatz, seither zentrales Motiv in Kriers architektonischem Vokabular, wurde entscheidend für die Formfindung des Hauses in Seaside.

Kriers Turmhaus markiert den nordwestlichen Stadteingang. Hin zum davorliegenden kleinen Platz, dem Tupelo Circle, gibt es sich kubisch geschlossen. Leise Erinnerungen an nordamerikanische Getreidespeicher klingen an, zumal wenn man weiss, dass Krier sich kurz mit dem Gedanken trug, das Gebäude rot zu streichen. Doch der überhöhte Kubus öffnet sich durch die Portikus- und Logiaanbauten zum Aussenraum. Mit Säulen und Giebeln schaffen sie Bezüge zum klassischen Plantagenhaus. Selbstbewusst demonstriert das Haus seine Bindung an traditionelle Formen, distanziert sich in seiner Schmucklosigkeit und geometrischen Klarheit aber entschieden von der ironischen Verspieltheit der postmodernen Architektur. Klare Proportionen, die an Bauten der klassischen Moderne gemahnen, bestimmen dieses karge Haus von platonischer Schönheit, das gleichsam die Vermählung von Loos' kubischer Bauweise mit einem rationalistisch gestrafften antiken Formenkanon und der Holzbautechnik des Alten Südens darstellt.

Damit löst Krier eines seiner zentralen Postulate ein - nämlich das einer klassisch gedachten, jedoch der lokalen Bautradition verpflichteten Architektur, die auf dem Handwerk und nicht auf industrieller Massenproduktion beruht. Hingegen widersprechen die monumentalen Formen, etwa die des Dachtempels, seiner Forderung, das Einzelhaus müsse sich zugunsten der architektonisch inszenierten öffentlichen Bauten dem Gesamtkontext unterordnen. Doch kann er hier den Einsatz von Säulen und Giebeln mit dem Verweis auf die Architektur des Südens rechtfertigen, weiter mit der Funktion des Hauses als «Stadttor», aber auch dadurch, dass es dereinst der Öffentlichkeit als Museum oder Bibliothek übergeben werden soll.

Das monumentale Erscheinungsbild des mit einer Grundfläche von 7 auf 10 Metern und einer Höhe von 13 Metern vergleichsweise kleinen Hauses lässt sich zudem aus seiner Entstehungsgeschichte erklären. Krier plante ursprünglich ein Haus aus kleinen, sich um einen Hof gruppierenden Einzelbauten. Das ihm als Lohn für die Mitarbeit am urbanistischen Konzept von Seaside zur Verfügung gestellte Grundstück verlangte dann aber nach einer kompakteren Bauweise. Die geplanten Einzelhäuser wurden als Ädikulen - Eingangsportikus im Osten, Badehäuschen im Süden, offener Loggiaanbau im Westen und Dachtempel - an den Zentralkubus angefügt. Die anfangs stark erzählerische Komposition wurde dadurch abstrakter, ohne jedoch das Bildhafte zu verleugnen. Das Ergebnis wirkt wie die Verschmelzung des auf hohem Unterbau ruhenden Nike-Tempels auf der Athener Akropolis mit dem dreiteiligen Erechtheion.

Gleichwohl ist das Haus von innen heraus gedacht: Die Annexbauten sind integrale Bestandteile des Raumgefüges, dessen Wirbelsäule eine Wendeltreppe bildet. Sie beginnt im Hochparterre, das man über eine von zwei eleganten dorischen Säulen getragene Eingangsädikula erreicht. Am Bad vorbei gelangt man in einen Wohnraum mit Schlafnische, der vom Schatten des Eichenhains profitiert, zu dem das offene Verandazimmer über eine Treppe Zutritt gewährt. Eine Etage höher öffnet sich die Wendeltreppe zum doppelgeschossigen Wohn-/Essbereich, von dem aus man die als Aussichtscockpit inszenierte Küche und die luftige, von einem auf zehn ionischen Pfeilern ruhenden Giebel überdachte Loggia erreicht. Eine raffinierte Lichtregie saugt einen förmlich die letzten zwei Windungen des Schneckengangs hinauf in die Cella des Dachtempels, wo sich ein lichtdurchflutetes Studiolo befindet, dessen in die Säulenhalle hinein gewölbte Fensterfront einen weiten Blick über den Golf von Mexiko bietet. Hier erinnert man sich wieder an Kriers Vision des auf hohem Fels über dem Mittelmeer sich erhebenden Blevedereturms der Villa Laurentium.

Doch dieser Tempeltum ist mehr als die Verwirklichung eines Traums. Krier versteht sein zeitlos rationales, aber unmissverständlich in der lokalen Tradition wurzelndes Haus als gebaute Architekturkritik: als ein Beispiel von Einfachheit und Sorgfalt. Mit konstruktiver Logik und dem gekonnten Spiel von Symmetrie und Asymmetrie beweist er, dass man auch mit herkömmlichen Mitteln ehrlich bauen kann. Vorab für Nordamerika, wo das Privathaus meist ohne formales und technisches Feingefühl noch heute in Holz ausgeführt wird, ist dieses poetische und gelehrte Haus bedeutend.


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