NZZ Folio 05/95 - Thema: Nach Kriegen   Inhaltsverzeichnis

Die Rosen der Picardie

Wie der Krieg in die Landschaft einging.

Von Cora Stephan

«April is the cruellest month, breeding
Lilacs out of the dead land, mixing
Memory and desire, stirring
Dull roots with spring rain.»
(T. S. Eliot, The Waste Land)

DER WALD. Der Wald - das sind der Staatsforst von Verdun und der Staatsforst von Mort-Homme, im Department Meuse in Nordfrankreich, der eine rechts, der andere links der Maas nördlich der lothringischen Stadt Verdun. Beide zusammen bedecken eine Fläche von 12 416 Hektaren. Das sind 0,14 Prozent des nicht bewirtschafteten europäischen Waldes. Immerhin.

Der Wald, von dem hier die Rede ist, ist ein sehr junger Wald. Erst seit 1929 wachsen auf seinem Boden Schwarzkiefern, die bis 1933 auf 5000 Hektaren angepflanzt wurden, und Rottannen, die 3500 Hektaren einnehmen. Seit 1974 gibt es in ihm auch Buchen, hier und da, in nicht ganz so grossem Umfang wie die Nadelhölzer.

Zwischen diesen Anpflanzungen und dort, wo sie nicht vorgenommen wurden, findet sich undurchdringliches Gehölz, von wilden Rosen und Waldreben durchwachsen, aus Lärchen, Eichen, Ebereschen, aus Weissdorn und Sanddorn, Wacholder und Holunder, von Wildblumen und Sumpfgewächsen am Rande schillernder Tümpel durchwirkt - verkrüppelt, niedrig, wuchernd, dunkel und duftend, geheimnisvoll, unbetretbar . . .

AMTLICHE VERLAUTBARUNG. Die Gegend um Verdun ist stets ein waldreiches Gebiet gewesen. Im Zuge der Industrialisierung jedoch wurde selbst der dichte Argonner Wald erheblich dezimiert. Dieser Trend konnte im 20. Jahrhundert durch Zugewinne aufgehalten werden. Denn das Terrain, auf dem sich heute die Staatsforste Verdun und Mort-Homme befinden, war noch nach der Jahrhundertwende zu zwei Dritteln anders genutzt: Hier befanden sich Äcker, Strassen, Wiesen, Obstbaumplantagen und Dörfer wie Fleury, Vaux oder Douaumont.

Dieses Areal wurde in den Jahren 1929 bis 1933 in einer im europäischen Raum bis dato beispiellosen Aktion wiederaufgeforstet, und zwar zunächst ausschliesslich mit Nadelgehölzen, um die zerstörte Humusschicht des Bodens wiederherzustellen. Wo sonst Wüste gewesen wäre, heisst es in einer amtlichen Veröffentlichung, konnte somit nach sechzig Jahren bereits mit der Anpflanzung der anspruchsvolleren Laubhölzer begonnen werden. Wo die natürliche Entwicklung drei oder vier Jahrzehnte benötigt hätte, bewirkte menschlicher Eingriff eine Besserung bereits in kürzester Zeit.

VOM WALDMACHEN I. Wie umfangreich, lautet da die Frage, muss eine Zerstörung sein, damit menschlicher Eingriff so grosse Besserung bewirken kann? Ein Was oder ein Wer zerstört einen Humus - diese kostbaren dreissig Zentimeter, diese hauchdünne Haut mit ihren empfindlichen Kapillaren, mit ihren Bakterien und Pilzen, Milben und Asseln, Springschwänzen und Regenwürmern?

Die Schwarzkiefern und Rottannen des Staatsforstes von Verdun und Mort-Homme stehen auf einem Boden, der 1916 seines Humus verlustig ging. Sie stehen auf einem Boden, der manchenorts bis in zehn Meter Tiefe um und um gewühlt wurde. Sie stehen auf der Höhe des Mort-Homme, des Toten Mannes, die vor 1916 um sechzehn Meter höher in die Landschaft ragte. Sie stehen auf der Côte 304, die aus ähnlichen Gründen heute eigentlich Höhe 297 heissen müsste. Sie stehen auf den fein zermahlenen Trümmern des Dorfes Fleury. Sie stehen über dem eingestürzten Bunkernetz unter dem ehemaligen Dorf Douaumont. Sie stehen auf den Überresten der Tunnelsysteme Gallwitz und Kronprinz. Sie stehen über einem Betonbunker im zerstörten Dorf Haumont, der bei seinem Einsturz achtzig französische Soldaten und zwei Maschinengewehre unter sich begrub.

GEBRAUCHSANLEITUNG. Wie zerstört man einen Humus? Vielleicht so: Man nehme den Wald von Caures. Man nehme auf einer Länge von einem Kilometer und in einer Tiefe von vielleicht fünfhundert Metern die Überreste zweier französischer Bataillone - etwa achthundert Mann. Man konfrontiere diese achthundert Mann in ihren von vorhergegangenen Angriffen fast plattgewalzten Schützengräben mit etwa fünftausend deutschen Soldaten und mit deren Waffen. Man denke sich unter diesen Waffen etwa vierzig schwere Batterien, sieben Feldartilleriebatterien und fünfzig Minenwerfer. Man lasse auf dieses schmale Kampfgebiet 80 000 schwere Geschosse niedergehen -? das sind vielleicht 10 000 Tonnen Eisen, Blei, Kupfer, die von Nitrotolluol zerfetzt und in die Luft, in den Boden, in die Leiber getrieben werden. Man lasse pro Minute zwanzig Stück dieser Geschosse explodieren, den Boden aufreissen, die so geschaffenen Trichter mit dem nächsten Einschlag wieder zuschütten, bis der Boden jene von Fotos vertraute Dünung angenommen hat, aus dem da und dort ein verkohlter Baumstumpf wie ein überdimensionierter Spargel ragt.

Man übertrage solches auf ein Gebiet von schätzungsweise 26 000 Hektaren. Man versuche sich vorzustellen, wie auf diese Fläche weit über 20 Millionen Granaten und Minen niedergehen: 240 000 Abschüsse und Einschläge pro Tag oder 10 000 Explosionen in der Stunde.

MYTHEN. In zehn Monaten - vom Februar bis zum Dezember 1916 - entstand bei Verdun eine zweihundertsechzig Quadratkilometer grosse Wüste, ein riesiger, stinkender Schutthaufen, ein Leichenfeld. Diesen Boden betraten um die vier Millionen Soldaten mitsamt Waffen, Baumaterial, Gepäck, Schanzgerät, Rationen. Wie viele Menschen darin verblieben sind, verdeckt der Mythos von Verdun, demzufolge der Erste Weltkrieg hier die grösste Anzahl von Toten pro Quadratmeter hinterlassen habe: 700 000 Mann sollen auf dem Feld geblieben sein. Vermutlich sind 150 000 bis 200 000 Soldaten auf dem Schlachtfeld umgekommen, und die liegen keineswegs alle daselbst begraben. Aber viele.

VOM WALDMACHEN II. Der Wald ist Kulturlandschaft besonderer Art: künstlich ist sogar die Urwüchsigkeit dort, wo der Wald bis heute unbetretbar ist. Damit dieser Wald entstehen konnte, mussten zunächst andere Kulturlandschaften beseitigt werden, die Dörfer und Bauwerke zum Beispiel, die dort zuvor den Boden besetzt hielten.

Und das ging etwa so: Im Januar 1916 begannen deutsche Pioniertrupps die Kirchtürme in den Etappendörfern zu sprengen, um zu verhindern, dass die feindliche Artillerie diese weithin sichtbaren Bauwerke als Orientierungspunkte für die Justierung ihres Geschützfeuers nahm. Auch historische Bauwerke wie die Abtei von Montfauçon, die im Laufe von Jahrhunderten sieben Eroberungen und Zurücknahmen mehr oder weniger heil überstanden hatte, mussten den Erfordernissen des modernen Krieges weichen.

Das Dorf Fleury und das Werk Thiaumont wechseln im Sommer 1916 viermal den Besitzer. Das Dorf Samogneux ist von den Franzosen mit gewaltigem Aufwand im Februar genommen worden - in Verkennung dessen, dass es entgegen anderslautenden Gerüchten noch in französischer Hand war.

Nach diesem Hin- und Herwogen bietet keines der umkämpften Gebiete besondere Vorzüge mehr. Alles ist die gleiche Stein- und Schlammwüste, blosses Terrain, das um jeden Preis zu halten sich beide Seiten verpflichtet haben. Es ging um nichts oder vielmehr: um ein paar Meter Boden. Nackten Boden, von allen - fast allen - menschlichen Zutaten befreiten Boden. Der Boden, in dem heute die Wälder von Verdun und Mort-Homme wurzeln.

BODENBEFREIUNG. Landwirtschaft findet sich dort, wo keine Wälder stehen. Landwirtschaft ist ein sozusagen natürlicher Widersacher des Waldes, ist dem Wald feind. Denn Dörfer, Äcker, Wiesen bedürfen des von Bäumen befreiten Bodens. Wo Wälder sind, gedeiht keine Landwirtschaft. Wo es Wälder geben soll, kann keine menschliche Ansiedlung bestehen. Wälder also bedürfen des von Dörfern, Äckern und Wiesen befreiten Bodens. Dies ist 1916 geschehen.

Das ehemalige Schlachtfeld rechts der Maas wurde nach 1918 von der französischen Regierung zur «Zone rouge» erklärt. Zunächst mussten Kriegsgefangene das Gelände säubern. Dreissig bis vierzig Tonnen Kriegsmaterial sind innerhalb von zehn Jahren von jeder Hektare entfernt worden. Doch damit ist der Boden noch längst nicht von allen Hinterlassenschaften des Krieges befreit. Die Aufräumungsarbeiten waren mit Lebensgefahr verbunden, denn immer wieder explodierten Blindgänger, wie jene unzähligen Granaten, die französische Artillerie im März 1916 vom Bois Bourrus aus auf deutsche Trupps am linken Maasufer regnen liess, und die im weichen Uferschlamm, ohne zu detonieren, versanken. Auch auf anderen, weniger heiss umkämpften Abschnitten der Verdun-Front gab es Nachkriegsverluste unter der Zivilbevölkerung - so etwa, wenn ein Bauer beim Pflügen auf eines der vielen im Boden verbliebenen aktiven Geschosse traf.

Die Spuren sind allgegenwärtig. Man kann die grosse Schlacht von vor über siebzig Jahren noch an den Eindrücken erahnen, die Artillerie und Schützengräben bis heute in der Landschaft hinterlassen haben. Und bestimmt lagern noch viele Tonnen Sprengstoff im Boden. In manchen Abschnitt dieser riesigen Müllkippe hat man, so heisst es, nach 1918 selbst die Kriegsgefangenen nicht hineingeschickt.

GESCHICHTSLOSER RAUM. Nicht nur dort, wo Menschen bis heute keinen Fuss hinsetzen sollten, ist das Gebiet der Schlacht von Verdun aus dem Kontinuum herausgerissen. Es ist ein mit Geschichte getränkter und um so geschichtsloserer Raum. Die Zeit ist stillgestellt. Die Menschen haben sich diesen Boden derart unterworfen, dass sie sich selbst von seiner künftigen Nutzung ausgeschlossen haben. Er ist aus dem Fortschritt, der beständigen Umwälzung herausgesprengt und kann, auf der Grundlage von Verwüstung und Verseuchung, ein ungestörtes Eigenleben entwickeln.

Der Wald von Verdun und Mort-Homme illustriert auf besonders paradoxe Weise das Verhältnis von Krieg und Natur. Der Wald, der, ungeachtet aller Kultivierung und Bewirtschaftung, noch als Naturmacht erscheinen mag gegenüber menschlichen Ansiedlungen oder Ackerbau, hat sich hier als gefrässiges Ungeheuer entpuppt und zeigt ein wenig romantisches Gesicht. Dreierlei hat er sich einverleibt: einmal die Überreste des alten Waldes, der nach getaner Arbeit des Krieges nur noch in Stümpfen aus der Schlammwüste ragte. Zum anderen die Überreste der zerstörten menschlichen Ansiedlungen und Bauwerke, der Dörfer und Befestigungen. Drittens aber, neben den Menschen, den Soldaten, auch alle anderen Paraphernalia des Krieges. Der Wald wurzelt in einem Boden, der nicht nur Totenteile enthält, sondern womöglich auch Sedimente der verschiedenen Giftgase, die im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurden - Chlorgas, Lost, Phosgen. Hinzu kommen Masut-Öl, das in den Feuerwerfern verbrannt wurde; Chlorkalk zum Desinfizieren der Leichen; Metalle jeglicher Art, Waffen, Stacheldraht, Planken, Befestigungen für die Schützengräben. Und manches mehr.

KULTURDÜNGER. Der menschenfressende Wald ist nachgerade das Sinnbild jenes (von Modris Eksteins so genannten) spezifischen Vitalismus insbesondere deutscher Provenienz, demzufolge noch aus der schlimmsten Zerstörung neues Leben wachse - eine Vorstellung, die während und nach dem Ersten Weltkrieg auf allen Seiten eine grosse Rolle spielte. Der Bericht eines der vielen, die in den zwanziger Jahren das Schlachtfeld von Verdun besuchten: «Es ist Frühling. Die Natur deckt die Erde mit einem dünnen Tuch. Primeln schiessen saftig in die Höhe und wackeln im Winde. Diese Schlüsselblumen sind viel voller und grösser denn anderswo. Sie haben guten Boden.»

Also: Was immer der Mensch sich und seinesgleichen antun mag, wie sehr er auch mit seiner Selbstvernichtung seine Umgebung mitzerstört - am Ende siegt die Natur in ihrem ewigen Kreislauf und nährt sich auch noch, sinnfälligerweise, von den Überresten ihrer Vernichter. Alles ist wieder gut. (Zur Erinnerung: «Kulturdünger» nannte man das in den deutschen Kolonien, wenn der eine oder andere Neger im Zuge der deutschen «Kulturmission» und auf dem Wege der «Menschwerdung», etwa beim Strassen- oder Eisenbahnbau, umkam.) Diese idyllische, ja entlastende Hoffnung auf die Selbstheilungskräfte der Natur ist nicht nur, heutigem Empfinden nach, widerwärtig; sie ist auch falsch, wenn man einmal zusammenfassend betrachtet, was sich über den Boden des Waldes von Verdun in Erfahrung bringen lässt. Noch Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges war, so will es die Legende, die Chance dort um ein Vielfaches grösser, sich eine gefährliche Infektion zuzuziehen. Das mag bezweifelt werden. Doch eines ist gewiss: dass das Schlachtfeld nach 1918 einen guten, gesunden, fruchtbaren Boden gehabt habe, kann ernsthaft nicht behauptet werden. Nicht nur Pietät verhinderte seine Wiederbesiedlung durch die einst vertriebenen Bauern. Er war für Landwirtschaft nicht mehr geeignet, war verseucht und vergiftet, und er ist es wahrscheinlich noch heute.

TOPOGRAPHIE DES KRIEGES. Mit dem Ersten Weltkrieg hat sich etwas drastisch verändert, was man erst seither «Kriegslandschaft» zu nennen gewohnt ist - zuvor hätte man von «Theater» wie in theatrum belli gesprochen. Diese Naturalisierung des ja erstmals (den amerikanischen Bürgerkrieg beiseite gelassen) im hohen Masse mechanisierten Krieges entsprach indes nicht nur dem Geist der Zeit, sondern fand, sozusagen, Nahrung auf dem Schlachtfeld selbst, in der Art und Weise, wie der Krieg in den Boden eindrang und wie der Boden sich über das Geschehen legte.

RÜCKBLICK. Die Feldschlachten früherer Zeit, die sich noch vom Zweikampf ableiteten, bedurften vor allem einer von grösserem Bewuchs möglichst freien Ebene, die der Kavallerie Raum zur Attacke gab. Die Vorstellung von der ehrenhaften, fairen Auseinandersetzung gebot, auf die Ausnutzung von Geländevorzügen zu verzichten: List, Hinterhalt, Überraschung waren im soldatischen Ehrenkodex nicht vorgesehen. Zur Hochzeit der grossen Ritterheere soll sogar darauf geachtet worden sein, dass keine Seite durch den Sonnenstand bevorzugt oder benachteiligt war. Auch Nachtangriffe galten viele Jahrhunderte lang als unehrenhaft, wären aber mit den auf hohe Disziplin angewiesenen Heeresformationen etwa des 18. Jahrhunderts, die in dünner Linie operierten, gar nicht durchführbar gewesen. Mit der Entwicklung von Distanzwaffen, erst der zunächst weitgehend verpönten bis geächteten Pfeilbogen, später der Musketen und anderer Feuerwaffen, wurde indes «Landschaftsschutz» durch Wälder oder Gräben um so nötiger. Jetzt wurde der Geländevorteil zu einer neuen Dimension der Kriegstechnik. Hans Delbrück berichtet über den Dreissigjährigen Krieg, dass die Schlacht am Weissen Berge im Jahre 1620 gegen Kaiser Ferdinand für die Böhmen verloren ging, weil die fürs Schanzen nötigen Spaten aus Prag nicht schnell genug herbeigeschafft worden waren.

KRIEGSSPIEL. Eine wichtige Konsequenz aus den Verheerungen des Dreissigjährigen Krieges war die Entwicklung der Heereslogistik, d. h. eines ausgefeilten Systems zur Selbstversorgung der Heere, damit Menschen und Pferde nicht mehr die Ressourcen der Gegend plünderten, die sie durchzogen. Das, und der humaner gewordene Geist der Zeit, veränderte die Kriegsführung Ende des 17. und, bis Napoleon, des 18. Jahrhunderts, das als Zeitalter der Kabinetts-, Form- oder Manöverkriege bekannt ist. Berühmte Feldherren debattierten nun, ob eine Schlacht überhaupt notwendig sei im Krieg, denn jetzt führten nicht mehr die Schlachten zur Entscheidung, sondern die geschickten Manöver, die das Heer des Gegners von seinem Nachschub abtrennten. Das verleiht der Kartographie eine hervorragende Rolle. Der Kunsthistoriker Martin Warnke: «Die Landschaft gewinnt dabei den Charakter eines Schachbrettes, sie wird für den Strategen einzig und allein ein Operationsfeld, für das Sonderlichkeiten und Eigenformen den Wert eines taktischen Elementes haben.» Friedrich der Grosse formulierte: «Das Terrain ist das erste Orakel, welches man befragen muss. Danach kann man die Disposition des Feindes erraten.»

Der Feldherr, nun nicht mehr in der Mitte des Geschehens, sondern abseits der Kämpfe auf erhobenem Hügel, wird zum Regisseur des Kriegstheaters einer Kampfmaschine. Martin Warnke: «Dem Feldherren aber ist Landschaft nur konkretisierte Karte, so wie ihm die Karte operationalisierte Landschaft ist.»

ENTREGELUNG. Der Krieg als Spiel, als leidenschaftslose Inszenierung auf dem Schachbrett der relativ wenig in Mitleidenschaft gezogenen Landschaft, war den unvorstellbaren Zerstörungen des Dreissigjährigen Krieges wahrlich vorzuziehen. Erst Carl von Clausewitz fiel es ein, solch unnütze «Klopffechterei» verächtlich zu finden und mehr Leidenschaft zu fordern. Die war in Frankreich schon unterwegs: Das Szenario eines erstmals in Europa seit den Ritterheeren eingehegten, fast gezähmten Krieges zerstob mit den napoleonischen Massenheeren, die das der Bewegung hinderliche logistische System ausser Kraft setzten und sich von den Ländern versorgen liessen, deren Befreiung sie vorgaben. Die Auflösung der beschwerlichen Linientaktik durch Tirailleurs-Schwärme, wie sie die Entwicklung der Feuerwaffen gebot, und die nationalen Leidenschaften der Revolutions- und Befreiungskriege machten das Geschehen chaotisch und die geschickte Geländeausnutzung lebensnotwendig, etwas, das schliesslich im 19. Jahrhundert von den franc tireurs kultiviert wurde, den Nichtregulären, den Partisanen, die das alte soldatische Reglement unterliefen, wonach man dem Gegner sichtbar, und an der Uniform kenntlich, in freiem Gelände gegenübertreten sollte. Die grossen Tableaus früherer Schlachten sind wie durch Vexierbilder ersetzt: man kann von einer Symbiose der Krieger und ihrer Taktiken mit der Landschaft sprechen.

DRILLICH. Ein regelrechtes Verschmelzen mit der Natur, mit der Umgebung, mit dem Boden aber findet erst im Ersten Weltkrieg statt, in dem endgültig von den letzten Rudimenten des Duells, nämlich dem Kampf Mann gegen Mann, Abschied genommen wurde. Das Ende der auffällig bunten Uniformen zeigt den Übergang vom Soldaten zum Kriegshandwerker. Die Deutschen tragen feldgraue Uniform, die zuvor besonders farbenfroh ausgestatteten Franzosen bald Nachtblau, die Pickelhaube wird durch den Stahlhelm ersetzt. Krieg ist ein künstliches Naturschauspiel geworden.

Der Erste Weltkrieg hat nicht nur die Landschaft zerstört, die Landschaft selbst hat den Krieg eingeholt, ihn bestimmt. Die Landschaft in Gestalt des um und um gewühlten Bodens, der Staubwüste, des Schlamms.

VOM SPRENGEN DES GARTENS I. Die Massengräber, Tausende davon, zwischen Wiese, Rübenfeld und Wald; die Monumente, Totenhallen, Kapellen, Denkmäler und Felder weisser Kreuze bis an den Horizont, unter denen die Leichenteile von Neufundländern, Engländern, Kanadiern, Franzosen, Südafrikanern, Deutschen liegen - manchmal vielleicht sogar der Männer, deren Namen oben auf den Kreuzen und Steinen stehen, mitsamt Rang, Geburts- und Todestag: die Somme und ihre Gräber. Das zieht noch immer, über 75 Jahre später, die Menschen in die sonst nicht mit Attraktionen gesegnete Picardie im Norden Frankreichs.

Reisende berichten von der umwölkten Stimmung, die über diesem Landstrich hänge; von wortkargen und misstrauischen Bauern, deren Pflüge noch heute auf alte Blindgänger träfen, auf Stacheldraht und Knochen, auf Geschosshülsen, Bajonette, Koppel, auf menschliche und andere Teile der grossen Maschinerie, die hier wütete; von einem Geruch nach rostigem Eisen sogar. Gegen Abend lasse die tiefstehende Sonne noch die Umrisse der Schützengräben erkennen.

1918 glaubte man, die Spuren des Krieges würden nie vergehen. 1918 hoffte man, die Spuren blieben immer gegenwärtig, zur Belehrung der Menschen: die zerstörte Tuchhalle im zerstörten Ypern. Die zerschossene Kathedrale von Amiens. Und die Basilika von Albert, so, wie sie bis kurz vor Kriegsende aussah, für beide Seiten von tiefer Symbolik. Die goldene Madonna mit Kind, oben auf dem kitschigen Neubau, stand nach Beschuss nicht mehr aufrecht und strahlend, sondern hing abgeknickt herunter, so, als würfe sie sich selbst oder den Sohn Gottes angesichts der schauderhaften Geschehnisse jeden Moment in den Abgrund.

Das meiste ist wieder aufgebaut. Auch Peronne, an dessen Rathaus die deutschen Truppen bei ihrem Abzug ein Schild hinterlassen hatten: «Nicht ärgern, nur wundern.»

TROGLODYTEN. Mancherorts kann man die weichgespülten Konturen der einstigen Schützengräben hüben und drüben des Niemandslandes noch erkennen, dieser neuen Kriegsortschaften, die Horden von Höhlenbewohnern beherbergten.

Im Laufe des Krieges entwickelte sich eine Schützengrabenphilosophie der Nationalcharaktere, wonach die Gräben der Franzosen zynisch, effizient und vorübergehend angelegt seien, die der Engländer amateurhaft und planlos, die der Deutschen hingegen sauber, pedantisch und dauerhaft. Die Höhlenbewohner phantasierten von einer Welt, die zumindest zwischen Belgien und dem Elsass nur aus Erdwällen und Tunnelsystemen bestünde. Tatsächlich hätte man die Strecke zwischen Nieuport und Mulhouse wohl zu Fuss durch das verbundene System der Schützengräben bewältigen können. Ein englischer Soldat phantasiert beim Geräusch feiernder Deutscher gegenüber, die offenbar ihre Essnäpfe aneinanderschlugen, dieses Geräusch setze sich wie eine riesige Welle, wie eine laute Post, bis nach Belfort und Mulhouse fort . . .

COUNTRY LIFE. Den flandrischen Schützengräben oder auch denen der Picardie war England so nah, dass man dort noch das Geschützfeuer hörte. Es war so nah, dass die Post jungen Offizieren pünktlich jede Woche die Zeitschrift «Country Life» in den Schützengraben liefern konnte. Das ist kein Zeichen, wie die Deutschen unterstellten, einer Frivolität der Briten. Für die englischen Intellektuellen, aber auch in der britischen Propaganda war die Heimat während des Kriegs zu einem einzigen riesigen Garten geworden, zu einer Art Arkadien, zu einem pastoralen Idyll. Ein britisches Plakat, das Kriegsfreiwillige rekrutieren sollte mit dem Slogan «Your Britain, fight for it now», zeigt einen Schäfer mit seinen Schafen, ein einsames Gehöft und sanfte Hügel mit saftigen Wiesen und lichten Wäldern. Keine Fabrik, keine Stadt ist in Sicht. Im flandrischen Schlamm, in der verwüsteten Picardie sollten junge Männer für die Erhaltung eines Traums aus den Zeiten von König Artus und der Tafelrunde kämpfen.

HEIMATERDE. Eine Epoche war aufs entsetzlichste zu Ende gegangen, die Zeit der Pax Britannica, die nun im Rückblick verklärt erschien - bezeichnenderweise in Metaphern der Natur, deren Idylle in den finsteren Erdlöchern um so nachhaltiger wirken musste, als sich hier nur ein sehr beschränkter Ausblick auf den Himmel eröffnete. Doch die Existenz im Bauch der Erde, im Angesicht nur des Himmels, bedeutete für sensible Gemüter vielmehr eine Entwertung, eine Vernichtung der Natur. Samuel Hynes zitiert in seiner Studie über den Ersten Weltkrieg und die englische Kultur den Maler Paul Nash, der plötzlich, an der Westfront, den Realismus der modernistischen Manier erkennt. Nash schreibt 1917 nach Hause: «Sonnenuntergang und Sonnenaufgang sind die reine Blasphemie, sie machen sich über die Menschen lustig. Nur der schwarze Regen aus den blaugeschlagenen und geschwollenen Wolken die ganze bittre schwarze Nacht hindurch passt zu der Atmosphäre eines solchen Landes. Der Regen peitscht, der stinkende Schlamm nimmt ein bösartiges Gelb an, die Granattrichter füllen sich mit grünweissem Wasser, die Strassen und Wege sind zentimeterhoch mit Schleim bedeckt, die schwarzen sterbenden Bäume triefen und schwitzen, und das Artilleriefeuer hört niemals auf.»Natur ist nichts mehr, bei dem man sich sicher fühlen kann. Natur ist keine Heimat mehr.

NIEMANDSLAND. Für den amerikanischen Autor Paul Fussell, der ein vielbeachtetes Buch über die Wahrnehmung des Ersten Weltkriegs vor allem in der britischen Literatur geschrieben hat, sind die Schützengräben der Westfront Ausgangspunkt der polarisierten Weltsicht, die dem 20. Jahrhundert seinen Totalitarismus beschert hat. Die Schützengräben und das Niemandsland, die Unsichtbarkeit des Feindes, ein auf nackten Boden und den Himmel zusammengeschnurrter Kosmos und die sinnlichen Sensationen von Leichengestank und Geschützdonner erzeugten Bilder eines furchterregenden Gegenübers: des Feindes, dessen man ja nicht mehr ansichtig wurde.

Dieses Grauen wurde verstärkt durch das militärische Ritual des Morgen- und des Abendappells, zu dem man schweigend über die Wüste des Niemandslandes in Richtung Feind blickte, um sich schaudernd vorzustellen, dass sich dort drüben eine graue Linie erhebt und im Nebel und Zwielicht langsam näher kommt. Monate-, jahrelang sahen englische Soldaten zweimal am Tage mit Angst und Erschütterung das, was über ein Jahrhundert lang der romantischen Poesie als Zeichen von Hoffnung und Frieden galt - Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Das Zwielicht, so Fussell, wurde zum Charakteristikum des Ersten Weltkriegs.

Die Sensation eines «leeren Schlachtfeldes» war eine der neuen Erfahrungen, die der Erste Weltkrieg bereit hielt. Sie erzeugte langanhaltende Paranoia und übertrug sich auf die Welterfahrung: der ehemalige Frontsoldat dachte auch im Frieden in Kategorien von «Them and Us». Diese Erfahrung hat es unzähligen Männern offenkundig unmöglich gemacht, sich in den Nachkriegsgesellschaften wieder zurechtzufinden. Das bipolare Denken wurde zur Signatur einer Zeit, die erst 1989, allerdings unter Androhung neuer Schrecken, geendet hat.

VOM SPRENGEN DES GARTENS II. «. . . some corner of a foreign field / That is for ever England» - die englischen Soldatenfriedhöfe in der Picardie scheinen diese Zeilen aus einem Gedicht von Rupert Brooke (gestorben 1915 auf dem Weg nach Gallipoli) unterstreichen zu wollen. Sie versammeln Sträucher, Stauden, Gewächse, Rosen vor allem, die zur Eigenart eines englischen Gartens gehören. Das Bild des pastoralen, unendlich friedlichen, unendlich fernen England, das mancher Soldat mit in sein schlammiges, stinkendes Grab genommen haben dürfte, entfaltet einen duftenden Widerschein auf seinem Grab. «Roses of Picardie» heisst ein beliebtes englisches Soldatenlied.

DEAD GOOD. In die Torpfosten der Soldatenfriedhöfe sind Kästchen eingelassen, in denen man die Listen der hier vorgeblich Beerdigten findet - und Besucherbücher. Die Kommentare der Besucher enthüllen nicht nur, dass jemand endlich die Grabstätte von Vater oder Grossvater gefunden hat. Man findet hier auch, neben Platitüden und Sentimentalitäten, politische Statements wie etwa: «Danke für die Freiheit», «Ich bin stolz, Kanadier zu sein» oder «Europäer, vereinigt euch».

Der verrückteste Kommentar, den Modris Eksteins kolportiert, stammt von zwei jungen Frauen, die ins Besucherbuch am Menin Gate schrieben: «Dead good.»

TRAGISCH. Die deutschen Soldatenfriedhöfe sehen anders aus als die Dorffriedhöfen in England nachempfundenen englischen Soldatenfriedhöfe in der Picardie oder in Flandern. Der Rasen ist militärisch kurzgeschoren, im Kasten am Tor gibt es Listen der Gefallenen, kein Besucherbuch, und anstelle von Blumen und Sträuchern wachsen Bäume zwischen den Reihen strenger schwarzer Holzkreuze. Die deutsche Kriegsgräberfürsorge verfolgte andere Vorstellungen als die der Imperial War Graves Commission: sie präferierte den «heroisch-tragischen Geist» anstelle des angeblich verspielten Gestus der Briten und zog den Baum vor als Symbol des «natürlichen» Bündnisses zwischen Zerstörung und Auferstehung.

Der deutsche Gartenarchitekt Willi Lange schlug 1917 vor, die deutschen Soldaten damit zu ehren, dass man jedem Gefallenen in der Heimat eine Eiche pflanzte. Inmitten solcher «Heldenhaine» sollte eine Linde stehen, um die Anwesenheit des Kaisers zu symbolisieren. Bei den Heldenhainen, die schliesslich geschaffen wurden, stand indes eine sogenannte Friedenseiche im Mittelpunkt, und als Monument diente ein Felsblock, der Urkraft und deutsches Schicksal symbolisieren sollte. Wahrscheinlich entspricht das dem Empfinden vieler deutscher Soldaten. In einer Schützengrabenzeitung von 1916 heisst es: «Der Wald, der die Linien umgibt, teilt das Schicksal mit den Soldaten, die darauf warten, über den Wall vorgehen zu müssen, und wenn Wolken die Sonne verdecken, vergiessen die Fichten, wie die Soldaten unter ihnen, Tränen endlosen Schmerzes. Der Wald wird gemordet, ebenso wie der Soldat sicherlich sterben wird, der den Angriff anführt.»

1932 wurde ein offizieller Wettbewerb ausgeschrieben für einen Reichsehrenhain im Waldgelände bei Bad Berka in Thüringen, zwischen Tannroda und Blankenhain, zu dem 1828 Entwürfe eingingen. Die Nationalsozialisten verzichteten auf die Umsetzung.

EPILOG. Der menschenfressende Wald: die Dialektik des Ersten Weltkrieges schuf Raum für ungestörtes Wachsen, weil zuvor der Mensch in einer ungeheuren Vernichtungsaktion alle vorhergegangenen Eintragungen der Kultur in die Natur mit Stumpf und Stiel ausgelöscht hatte. Die Verbindung von Natur und Katastrophe kennzeichnet insbesondere den germanischen Vitalismus, der, wie Goebbels, für das Neue und «Natürliche» gewaltsam Raum schaffen will. Im Ersten Weltkrieg hat jegliches unschuldige Verständnis natürlicher Prozesse seine Legitimität und seine Plausibilität eingebüsst. Die Künstlichkeit, das Geregelte, die Zivilisation erscheinen als menschlicher denn jene pervertierte Vorstellung von den natürlichen Urgewalten, wie sie später die Nazis pflegten. Natur ist keine Heimat. Sie war es, im übrigen, nie.

Cora Stephan, Publizistin, lebt in Frankfurt a. M.


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