NZZ Folio 09/06 - Thema: Privatisierung   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Top of the Tops

© Patrick Rohner
Shirt «207 Richelieu» und Boxershorts, Baumwolle, Zimmerli, 72 bzw. 80 Franken. Linktext
Von Jeroen van Rooijen

Es gibt Zehntausende von Tanktops oder trägerlosen Ärmelleibchen, aber nur ein Richelieu. Es kommt von Zimmerli aus Aarburg, laut Einschätzung von Fachleuten und Fans der beste Hersteller exklusiver Herrenwäsche. Stars wie Keanu Reeves, Robert De Niro, Denzel Washington oder Cameron Diaz können das bezeugen. Richelieu, benannt nach dem französischen Kardinal und Kunstförderer, ist um ein Vielfaches feiner als alle anderen Rippshirts. Und es hat keine Schulternaht. Daran erkennt Walter Borner, CEO und mit seinem Cousin Hans Borner Inhaber von Zimmerli, auf einen Blick, ob jemand ein Richelieu trägt.

«Richelieu ist anders gestrickt als normale Wäsche», erklärt Borner den Unterschied. Denn das Material wird auf Flachstrickmaschinen gefertigt, die kaum noch jemand betreibt, weil sie teurer und langsamer sind als Rundstrickmaschinen. Ausserdem hat die von der Firma Steiger in Vionnaz gebaute Zimmerli-Flachstrickmaschine nicht wie üblich 16 Nadeln, sondern 20. Diese werden mit stranggefärbtem, langstapligem Baumwollzwirn gefüttert – ein hochwertigeres Garn gibt es nicht. Weil es ausserdem sehr hoch «gedreht» ist, bekommt das Gestrick noch mehr Elastizität; es lässt sich um etwa das Dreifache seiner Breite dehnen. Diesen Effekt könnte man sonst nur durch Beimischung von synthetischen Stretchfasern erzielen – Richelieu aber ist aus 100 Prozent Baumwolle.

Anders als beim Rundstrick produziert die Zimmerli-Flachstrickmaschine keinen Verzug in der Schussrichtung des Materials. Dafür muss später jedes Teil von Hand aufgelegt und mit einer Schablone einzeln zugeschnitten werden. «Richelieu ist eine äusserst lebendige Ware, das Zusammennähen ist der Horror», beschreibt Walter Borner die weiteren Produktionsschritte, die alle im südschweizerischen Coldrerio stattfinden.

Nach dem Zuschnitt führt die Näherin die beiden Teile des Shirts mit einer langen Nadel unter den Fuss der Maschine und schliesst die Seitennähte. Dann werden die Bündchen angesetzt. Für die Männer werden zwei Ober- und drei Unterteile gefertigt, bei den Damen gibt es einige Varianten mehr. Jedes Stück geht durch die Hände von vier Näherinnen. Ein Fünftel der Arbeitszeit entfällt auf Kontrolle, Bügeln, Fädenabschneiden und Einpacken.

Die Produktion für das Richelieu-Gestrick, das seit dreissig Jahren einen sicheren Wert im Zimmerli-Programm darstellt, ist praktisch konstant ausgebucht. «Wenn aber einer wie Marc Jacobs kommt und etwas mehr will, dann wird einfach in drei statt zwei Schichten gearbeitet», sagt Borner. Für den Designer habe man die sonst nur in Schwarz und Weiss erhältliche Richelieu-Qualität auch schon gefärbt. Eine eigene Farbedition des Kultprodukts hat Zimmerli aber vorläufig auf Eis gelegt, weil ein Produkt dieser Qualitätsklasse im Grunde nicht stückgefärbt werden kann. Und für eine garngefärbte Version müssten erhebliche Vorinvestitionen getätigt werden. Vielleicht könnte es dennoch bald dazu kommen, denn das Geschäft läuft für Zimmerli gut. 2005 verbuchte das Unternehmen neun Prozent Wachstum.




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