NZZ Folio 06/95 - Thema: Kokain   Inhaltsverzeichnis

Küchengeographie XX -- Von der Wonne zur Ware - die Erdbeere

Von Paul Imhof

DIE MEISTEN MENSCHEN gestalten ihr Jahr nach Arbeitszeiten; andere vielleicht nach Sportveranstaltungen, nach Mondphasen oder Fahrplänen. Eine besonders sinnenfrohe Reihe von Zeitmarken hat der Ästhetikprofessor Herbert Heckmann beschrieben: «Feinschmecker neigen dazu, jedes Jahr als einen Reigen kulinarischer Genüsse zu sehen; sie feiern die ersten Spargeln, die ersten Trüffeln und die ersten Steinpilze.»

Und die ersten Erdbeeren? Kann er die einfach vergessen? Früher hätte man die roten Köstlichkeiten nicht so lieblos übergehen dürfen, denn früher waren sie noch eine begehrte Rarität.

Jeremias Gotthelf berichtet in seiner Erzählung «Erdbeeri Mareili» von einer Tochter, die dank ihrer feinen Nase die köstlichen Beeren auch an den verstecktesten Plätzen aufzuspüren verstand - eine Gabe, die der Familie, im Einklang mit der Natur und unbedrängt von Konkurrenz und Neid, ein genügsames Leben in gottergebener Rechtschaffenheit ermöglichte. Die Frau, lobt Gotthelf, «konnte den Beeren vollständig Zeit lassen, auszureifen, brauchte sie nicht halb hart und weiss zu nehmen, wenn sie dieselben haben wollte. Ja, es ist ein beträchtlicher Unterschied nicht bloss zwischen halb und ganz reifen Erdbeeren, sondern überhaupt zwischen halb und ganz reifen Menschen und Früchten. Ja, und wie es Jahrgänge gibt, wo keine Frucht recht reifet, alle sauer und bitter bleiben, so gibt es Zeiten, wo die Menschen nicht reifen, wo man sie nicht reifen lässt, wo sie bloss unreif Mode sind wie in Deutschland die Stachelbeeren.»

Heute hätte das Erdbeeri Mareili null Chance, sich den Lebensunterhalt mit dem Sammeln und Verkaufen von Erdbeeren zu verdienen, auch wenn es sich in Gotthelfs Geschichte um Walderdbeeren handelt, die kleinste und köstlichste Art. Ein Körbchen Erdbeeren der heute handelsüblichen Sorte kostet nicht einmal mehr zwei Franken und liegt fast das ganze Jahr über in den Gestellen.

Früher diktierte der Wechsel der Jahreszeiten die beerenlosen Phasen, heute gibt es nur noch in der Länge der Transportwege begründete Preisdifferenzen. Frühe Erdbeeren stammen aus Spanien, Winterfrüchte aus Kalifornien oder Australien, und kurz ist der Sommer der einheimischen Gewächse. Die Erdbeere ist dank Technologie zur ganzjährigen Kolonialware geworden, zum Symbol für den wirtschafts- und verkehrspolitischen Unsinn unserer Zeit, zum Symbol dafür, wie man lukullische Vorfreuden totschlägt. Das Erdbeeri Mareili müsste heute im Supermarkt Plastic-Körbchen stapeln.

Die Walderdbeere ist hierzulande schon seit Jahrhunderten in den Küchen bekannt. In prähistorischen Ausgrabungen bereits hat man ihren Samen gefunden. Sie wurde zur Zeit der Römer und im Mittelalter kultiviert, man lernte gar, zwei Ernten im Jahr zu gewinnen. Jedoch vergrössern liess sich die Beere nie. Die Fragaria vesca blieb, was sie immer war: zart von Wuchs, aber ausgesprochen wohlschmeckend dank mehr als 250 verschiedenen Komponenten, zumeist flüchtigen Alkoholen, die das unvergleichliche Aroma der Erdbeere bilden.

Das Aroma der Walderdbeere zu geniessen, dazu fehlen uns heute freilich Zeit und Gelegenheit - denn diese müssten wir schon selber suchen. Was uns dafür überall gross und rot entgegenleuchtet, ist die Art Fragaria ananassa, eine Zuchterdbeere, die zufällig aus zwei Arten entstanden ist, die zwischen 1715 und 1760 in einem bretonischen Garten nebeneinander angebaut wurden. Beide Arten - die eine aus Nord-, die andere aus Südamerika importiert - bestachen durch Grösse und Geschmack ihrer Beeren. Und der Bastard Fragaria ananassa gedieh zu einer «Erdbeere, so gross wie ein mässiges Hühnerei», wie ein Sachverständiger vor bald 200 Jahren frohlockte. «Gott im Himmel - welche Wohltat für unsern Gaumen und unsere Zunge, und nur ein halbes Dutzend solcher Erdbeeren, welch ein Göttergericht!»

Die Grösse, der blosse Schein war zum Mass der Dinge geworden.


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