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NZZ Folio 09/08 - Thema: Traumreisen Inhaltsverzeichnis
Editorial -- Mit dem Rücken zum Strand
© Mikael Krogerus
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| Ein Nordlicht auf dem Weg zum Nordlicht. |
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Von Mikael Krogerus
Warum reisen wir? Ganz früher war es der Klang von «Taka-Tuka-Land» in Astrid Lindgrens «Pippi Langstrumpf», der in uns Lust auf die Fremde weckte, später die Beschreibung der «Nautilus» bei Jules Verne, noch später die leblose Landschaft New Mexicos in Cormac McCarthys «Blood Meridian». Die Bücher sind nur eine Auswahl. Aber sie alle lösten eine starke Sehnsucht, einen Sog in mir aus. Geschichten versprechen das Unerwartete – und so trampte ich mit Jack Kerouac, stach mit Robert Louis Stevenson in See und suchte mit Alex Garland «The Beach». Dabei entwickelte ich einen Heisshunger auf die Welt, malte mir aus, wie es wäre, dahin zu reisen. In manche der Lesereisen verliebte ich mich geradezu. Topophilie nennt sich die kartologische Leidenschaft für einen oft nur imaginierten Ort. Eine Zwangsvorstellung, die manchmal an die obsessive Verliebtheit in einen Menschen erinnert.
Es gibt zwei Arten, mit dieser Obsession umzugehen: Wer bereits ahnt, dass in der Erfüllung seines Traumes eine Enttäuschung liegt, wer vielleicht schon erfahren hat, dass das Ziel oft im Weg ist, der sollte nicht reisen. Der sollte weiterlesen. Die Lektüre ist eine Reise mit einer eigenen Wertigkeit – und zudem die bessere Variante für Abenteurer, die weder besonders mutig noch besonders reich sind.
Wen aber die Sehnsucht nicht in Ruhe lässt, wer den Sog der Wirklichkeit spürt und eines Tages mit dem dringlichen Gefühl aufwacht, seinen Traum überprüfen zu müssen, der sollte das Buch weglegen und sich auf den Weg machen.
Was dann passiert, davon handelt dieses Folio.
Wir haben Autoren nach ihrer Traumreise befragt. Manche brachen unmittelbar auf, andere schrieben aus der Erinnerung. Erwartet hatten wir Berichte über kühle Laken und einsame Inseln, über gediegenen Luxus und weisse Strände. Die Träume unserer Autoren hielten sich aber nicht an das Beuteschema der Reisebürobranche. Es sind persönliche Geschichten, geschrieben, wenn man so will, mit dem Rücken zum Strand.
Mikael Krogerus ist NZZ-Folio-Redaktor.
Leserbriefe:
Zu Editorial -- Mit dem Rücken zum Strand - NZZ-Folio Traumreisen (09/08)
Im NZZ-September-Folio haben Sie ein Inserat der Plastic Art Foundation veröffentlicht. Ich würde es nicht als blasphemisch bezeichnen. Was ist denn heute noch blasphemisch? Man hat sich ja inzwischen an einiges gewöhnen müssen. Aber das Inserat zeugt von mangelndem Taktgefühl, von Respektlosigkeit und provoziert unnötig. Ganz abgesehen davon ist es einfach eine weitere Variante von schon oft Gesehenem. Hier wurde zwar die übliche halbnackte oder nackte Frau am Kreuz weggelassen, dafür das INRI-Schild durch das PAF-Schild ersetzt. Ist das kreativ? Ist das schöpferische Kunst? Ich empfinde das eher als primitiv und ziemlich phantasielos. Die Designer, die Inserenten und auch das NZZ Folio sollten sich schämen. Bernhard Ehrensperger, Eglisau
Zu Editorial -- Mit dem Rücken zum Strand - NZZ-Folio Traumreisen (09/08)
Das Inserat der Plastic Art Fondation auf Seite 91 im Folio vom September 2008 hat empörte Reaktionen ausgelöst. Tatsächlich ist die Abbildung des Kreuzes der Bergkirche Rheinau dazu geeignet, religiöse Gefühle zu verletzen.Das Kreuz ist ja bekanntlich das zentrale Symbol für den christlichen Glauben. Ausserdem ist auch kein inhaltlicher Zusammenhang zwischen dem Inserat und dem Produkt zu erkennen. Deshalb scheint die Provokation gewollt zu sein. Deshalb wäre es mir ein Anliegen, wenn solche Inserate das anspruchsvolle Niveau des Folio in Zukunft nicht mehr gefährden würden. Christoph Casetti, Informationsbeauftragter Bistum Chur
Replik der Plastic Art Foundation 1. In den ersten Stunden des 6. August (Tag der Verklärung Jesu) 2004 schlugen 2 Blitze in die Bergkirche Rheinau und steckten diese in Brand, der glücklicherweise rasch gelöscht werden konnte. Neben dem Dachstock (verbrannt) und den Glocken (verglüht) wurde der Christus-Torso vom an der Nordfassade angebrachten Kruzifix getrennt und zu Boden geschleudert, blieb aber wundersamerweise vom Feuer verschont und lediglich von seinen ihn am Kreuz haltenden Armen und der Dornenkrone (sic) befreit. Der Schriftzug "INRI" auf der Tafel am Kopfbalken des Kreuzes war vom Feuer völlig unleserlich gemacht worden. 2. Die im Inserat verwendete Photographie hält im Wesentlichen dokumentarisch den Zustand des Kreuzes am Morgen nach Abschluss der Löscharbeiten fest. Das Bild wurde dann vom Künstler Carlo A. Crameri farblich und gestalterisch leicht bearbeitet, eine Technik, die Andy Warhol bereits in seinem Werk praktizierte, nur dass das Motiv hier eine weit höhere Bedeutungsdimension erreicht. 3. Es ist üblicherweise nicht Sache des Künstlers, sein Werk erklären zu müssen. Hier geht es jedoch darum, eine Fehlinterpretation zu korrigieren, die ausschliesslich aus Kreisen der traditionellen Kirche zu hören ist. 4. Das Bild dokumentiert zusammen mit dem kurzen Erklärungstext ein tatsächliches Geschehnis, welches insbesondere durch die oben geschilderten Begleitumstände einen starken Symbolcharakter erhält. Das Ereignis und das im Bild festgehaltene Resultat kann von einem Betrachter, selbst wenn er von der Existenz der geistigen oder himmlischen Welten nicht überzeugt ist, nicht anders als ein Zeichen "von oben" gesehen werden, das zur Interpretation herausfordert. 5. Was will nun dieses uns geschenkte, in seiner Bedeutung weit über Rheinau/ZH hinausreichende Zeichen sagen? Ist es nicht die klare Aufforderung an uns Gläubige, Christus - die erste Schöpfung Gottes und König der Könige - endlich vom Kreuz zu nehmen, unser Haupt- Augenmerk auf seine Worte, sein lebendiges Beispiel und nicht auf seinen toten Körper zu richten? Das Kruzifix kann nicht einfach mit dem Kreuz - einem bereits zu vorchristlicher Zeit, aber auch vom predigenden Jesus verwendeten Ur-Symbol gleichgesetzt werden. Das Kreuz mit Torso legt die Betonung auf den sog. "Erlösertod" Jesu Christi und bringt uns durch die damit verbundene Todes-Verherrlichung in gefährliche Nähe zum Todeskult des fundamentalistischen, kriegerischen Islam. Andrerseits fördert die mittelalterliche Magie der bildlichen Darstellung des Toten unterschwellig - vom Kindesalter an - die Angst vor dem Tod und steht damit im Gegensatz zur Lehre Christi. Wenn das Kreuz endlich vom Leichnam, vom Märtyrertum befreit ist - eine Leistung, die bereits Zwingli und die Reformation vollbrachten - und damit seine eigentliche, kosmische Bedeutung zurück erhält, wird auch die nach römischer Sitte über dem Haupt des gekreuzigten Verbrechers angebrachte, seine Straftat dokumentierende Tafel obsolet, jeglichen religiösen Inhalts - den dieses Objekt niemals hatte, enthoben und damit disponibel. Im Übrigen ist die Bezeichnung "INRI" irreführend, da Christus der König von uns allen, zumindest der König aller Christen und nicht nur der Juden ist. 6. Sie kritisieren die Verletzung religiöser Gefühle und führen empörte Reaktionen auf unsere Anzeige als Rechtfertigung Ihrer Intervention an. Doch haben nicht alle geistigen Reformer in der Vergangenheit die religiösen Gefühle ihrer orthodoxen Zeitgenossen verletzt ? Hat nicht Jesus selbst - als er die Pharisäer mit seinen geisselnden Worten blossstellte (Matth. Kap. 23), als er in der Synagoge seiner Vaterstadt Nazareth lehrte (Matth. 13, 53ff.) oder anlässlich der in Joh. 8, 37ff. und 48ff. wiedergegebenen Begebenheiten - religiöse Gefühle vieler noch in alten Denkkäfigen gefangenen Menschen tangiert und damit ihr Bewusstsein ausgedehnt ? Wir stehen in der Tradition und im Geiste von Neuerern wie Meister Eckhart, Nicklaus von der Flüe, Ulrich Zwingli, Johannes Calvin, Erasmus von Rotterdam, Emanuel Swedenborg bis Henri Dunant. Es geht uns um die Justierung der Interpretation unserer Grund-Werte sowie die Analyse und Loslösung von veralteten, überholten Sekundärwerten - wir verstehen uns als geistige "Greenpeace". 7. Es ist eine Tatsache, dass heute ernsthafte, geistiges Brot vermittelnde Kunst - im Sinne Kandinskys und Beuys’ - in der übermächtigen Kultur-Industrie, im Event-Betrieb des Kommerz’ keine Beachtung mehr zu finden vermag. Die Werbung kann nun die wirksame Verbreitungsfunktion solcher Kunst von traditionellen Galerien, Messen und Museen übernehmen. 8. Über unsere Motive sollte nun keine Unklarheit mehr bestehen. Das Substantielle ergibt sich aus der Kunst, deren Freiheit zum Wohle und Überleben aller Menschen unangetastet bleiben muss. Wir können Ihnen deshalb auch nicht versprechen, "diese Art von Werbung" in Zukunft zu unterlassen. Im Übrigen ist die Anzeige bereits in der Juli/August 2008-Ausgabe des Kulturmagazins "Du" zum Thema <Die Seele> (S. 13) publiziert und wir in Kürze auch im Herbstheft der Deutschen Kunstzeitschrift "Lettre International" erscheinen. 9. Wenn die Kirche dem Fundamentalismus, der uns zunehmend aus andern Kulturen entgegentritt, mit den selben Mitteln begegnet (dem sog. Ayatollah-Christentum), droht unausweichlich Krieg. Die Theologie hat zur Bewältigung der heutigen Herausforderungen mehr denn je die Pflicht, geistig höher stehende, im Humanismus wurzelnde Denkformen zu entwickeln, zumindest aber zu fördern, darf jedoch solche Entwicklungen - etwa aus dem Bestreben der Machterhaltung oder anderen, unheiligen Gründen - keinesfalls behindern. Andernfalls geraten wir in ein Klima reglementierter Spiritualität und erneut würden Jesu Christi Worte zutreffen, wenn er sagt: " Wehe aber euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, dass ihr das Reich der Himmel vor den Menschen zuschliesst. Denn ihr kommt nicht hinein, und sie, welche hinein wollen, lasst ihr nicht hinein." (Matth. 23, 13). 10. Wir sind an einem echten, konstruktiven Dialog interessiert und haben deshalb bereits eine im Oktober stattfindende Aussprache mit interessierten Bürgern in der Pfarrei Liebfrauen/Rheinau initiiert. Dr. Christoph Hoffmann, Medienbeauftragter Golton
Zu Editorial -- Mit dem Rücken zum Strand - NZZ-Folio Traumreisen (09/08)
Zum Inserat der Plastic Art Foundation, Seite 91: Einem überzeugten Christen, Juden oder Muslim – um nur die drei Weltreligionen zu nennen – ist es gleichgültig, welche persönlichen Meinungen kursieren. Vielmehr ist es wichtig, die spezifischen Eigenheiten der Religionen zu kennen und dementsprechende – oftmals durch Jahrtausende bestehende und bis heute geltende – Glaubensüberzeugungen zu respektieren und zu achten. Überzeugende Christen sehen im Kreuz das Zeichen ihres Glaubens – das Kreuz verweist auf das ganze Leben Jesu über den Kreuzestod hinaus hin zur Auferstehung und damit auf die Erlösung der Menschen. Im Falle des Inserates der „Plastic Art Foundation“ ist die Provokation seitens der Künstler intendiert worden. Dieses Inserat kann keineswegs als produktiver Denkanstoss zur Auseinandersetzung mit dem Leben und der Botschaft Jesu führen. Grund dafür ist vor allem das Werbeschild „PAF“, das anstelle des Schildes „INRI“ platziert wurde. INRI bedeutet „Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum“, d.h. „Jesus von Nazareth, König der Juden“ und stellt damit nach biblischem Verständnis Jesus als Messias bzw. Heilsbringer der Menschen vor. Durch das Inserat wird dieser produktive Bezug gänzlich verunmöglicht – es geht um „PAF“, und das ist die Blasphemie! Rolf Maria Reichle, Pfarrer von Rheinau
Zu Editorial -- Mit dem Rücken zum Strand - NZZ-Folio Traumreisen (09/08)
Zum Inserat der «Plastic Art Foundation», Seite 91: Nicht nur die Kirche hat gelegentlich ein Übersetzungsproblem, sondern offenbar auch jene, die sich mit ihr befassen. Auf Nachfrage ist bei den Urhebern des Inserats zu erfahren, dass sie PAF auf der gleichen Ebene sehen wie DADA, dass die simple Bildmontage (PAF statt RIP) eine künstlerische Umsetzung sei und dass sie mithelfen wollten, das Christentum zu erneuern und den Vormarsch des Islams zu stoppen. Rübergekommen ist eher, dass da werbewirksam ein religiöses Symbol instrumentalisiert wird, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Das ist gelungen: Etliche Mitglieder unserer Kirchen fühlten sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt, weil Jesus Christus ihnen mehr bedeutet als DADA und PAF und er einmal mehr als Werbesujet hinhalten musste. Da wäre auch vom Folio etwas mehr Fingerspitzengefühl zu erwarten gewesen! Reformierte und katholische Kirche im Kanton Zürich
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