Dr. Alexander Borbély wurde 1939 in Budapest geboren. Nach dem Medizinstudium in Zürich setzte er seine Ausbildung in den USA fort. Seit 1968 widmet er sich der Schlafforschung am Pharmakologischen Institut der Universität Zürich, wo er sich 1971 habilitierte und heute als Professor forscht und lehrt. Borbély war Präsident der Europäischen Gesellschaft für Schlafforschung und hat über 200 Publikationen auf den Gebieten der Pharmakologie, Schlaf- und Rhythmusforschung verfasst. 1984 erschien in der Deutschen Verlags-Anstalt sein Buch «Das Geheimnis des Schlafs. Neue Wege und Erkenntnisse der Forschung» (1991 bei Ullstein-Sachbuch als Taschenbuch aufgelegt). Das Interview mit Alexander Borbély führte Lilli Binzegger.
Herr Professor Borbély, wieviel Schlaf braucht der Mensch?
Das Gros der Bevölkerung schläft zwischen sechs und neun Stunden. Dann gibt es die extremen Kurz- und Langschläfer. Warum kommen die einen mit weniger Schlaf aus als die anderen?
Tatsächlich kann man das Schlafbedürfnis relativ wenig variieren, plus/minus eine Stunde liegt drin. Das ist wahrscheinlich grösstenteils eine angeborene Sache. Wir schliessen gerade eine Untersuchung ab, in der wir Kurzschläfer und Langschläfer miteinander verglichen haben. Es zeigt sich, dass die Kurzschläfer effizienter schlafen. Sie brauchen weniger lang zum Einschlafen, haben mehr Tiefschlaf, also intensiven Schlaf, und packen den sozusagen dichter, während die Langschläfer zum Einschlafen länger brauchen und dann gemächlicher dahinschlafen.
Sind Schlafverhalten und Schlafstörungen erblich bedingt?
Es lässt sich schwer nachweisen, weil die Erbfaktoren, die dafür verantwortlich sind, nicht identifiziert sind. Aber man beobachtet, dass es in Familien Häufungen von Kurzschläfern, Langschläfern oder auch Schlafgestörten gibt. Auch aus Zwillingsstudien schliesst man, dass bei Schlafstörungen vermutlich eine Erbkomponente vorhanden ist.
Erwachsene schlafen in der Regel en bloc einmal am Tag, das Kleinkind schläft in viel kürzeren Phasen. Ist das physiologisch bedingt, oder ist Schlafverhalten anerzogen?
Der Säugling kann nicht 16 Stunden wach sein und 8 Stunden schlafen, auch die Nachtzeit wird unterbrochen von Wachzeiten, die vor allem der Nahrungsaufnahme dienen. Später verschiebt sich das hin zum Tag-Nacht-Rhythmus. Natürlich passt sich das Kind auch den Eltern an.
Hat das Kind im Mutterleib auch schon Schlaf- und Wachphasen?
Ja, nur kann man den aktiven, den REM-Schlaf im frühkindlichen oder vorgeburtlichen Alter vom Wachzustand nur schwer unterscheiden. Auch der Erwachsene bewegt sich im REM-Schlaf, doch sind beim Kleinkind die Bewegungen so stark, dass sich dieser Schlaf kaum vom Wachzustand unterscheiden lässt.
Und im Augenblick seiner Entstehung - «schläft» der Mensch, oder ist er «wach»?
Eine interessante Frage; aber nicht zu beantworten, fürchte ich. Das Gehirn muss ein gewisses Entwicklungsstadium erreicht haben, ehe man von Schlaf und Wachsein sprechen kann.
Dann gehen wir besser zurück zum Geborenen: Wie verläuft bei einem Erwachsenen der Schlaf?
Wenn man einschläft, kommt man in einen immer tieferen Non-REM-Schlaf und erreicht nach 30 bis 40 Minuten den Tiefschlaf. Nach 70 Minuten wird der Schlaf oberflächlicher, und die erste REM-Phase tritt ein. Der REM-Schlaf ist ein anderer Schlaftyp: die Hirnstromwellen verändern sich, die Muskelspannung verschwindet praktisch, und die Augen beginnen sich unter den geschlossenen Lidern rasch zu bewegen (REM = Rapid Eye Movements = Schnelle Augenbewegungen). Diese REM-Schlafphase dauert zu Beginn 10 bis 15 Minuten, wird in späteren Phasen immer länger und kann gegen den Morgen bis eine Stunde dauern. Die REM-Phasen erfolgen phasisch ungefähr alle 90 Minuten. Der Non-REM-Schlaf ist am tiefsten zu Schlafbeginn und wird im Laufe der Nacht immer oberflächlicher.
Seit wann erforscht man den Schlaf überhaupt?
Schlafforschung im modernen Sinn gibt es seit den zwanziger Jahren, als mit der Elektroenzephalographie die ersten Hirnstromwellenableitungen durchgeführt werden konnten.
Welches sind die wichtigsten Entdeckungen der Schlafforschung?
Zweifellos jene des REM-Schlafes Anfang der fünfziger Jahre. Bis dahin hatte man den REM-Schlaf nicht gekannt, weil er äusserlich sehr dem Einschlafstadium gleicht. Man nahm an, es sei ein oberflächlicher Schlaf.
Und welches sind die Irrtümer?
Es gibt eigentlich keine, wenn man von Theorien der frühen Naturforscher und Philosophen absieht, die Schlaf mit dem Aufsteigen von Dämpfen aus dem Magen in das Gehirn und ähnlichem zu erklären versuchten.
Wie wird Schlaf eigentlich bewirkt: aktiv oder indem etwas ausbleibt, also passiv?
Wahrscheinlich beides. Es gibt zwar keine Schlafzentren, aber man weiss, dass Schlaf begünstigt wird, wenn gewisse Bezirke im Hirn gereizt werden. Schlaf ist somit nicht nur ein Ausschalten von allen äusseren Einflüssen, eben ein passiver Vorgang, sondern man kann ihn auch induzieren.
Auf diese Erkenntnis hin hat man ja nach der körpereigenen Schlafsubstanz gesucht, die alle Schlafprobleme lösen könnte. Ist man da fündig geworden?
Es gibt leider nicht die Schlafsubstanz, von der man einmal hoffte, dass man sie finde. Es gibt vielmehr ein ganzes System von Substanzen, die im normalen Schlaf eine Rolle spielen, aber man kennt ihre Funktion im einzelnen nicht. Was wir wissen sollten, ist: was geschieht, wenn man lange wach ist und die Schlaftendenz wächst? Da muss etwas im Gehirn, im ganzen Körper geschehen, das sich progressiv verändert, zum Beispiel eben eine Substanz vorhanden sein, deren Spiegel während des Schlafes ansteigt und dann wieder sinkt.
So wird man bis auf weiteres auf Medikamente angewiesen bleiben?
Ja. Allerdings hat man von diesen Pharmaka mittlerweile genauere Vorstellungen, wie sie den Schlaf bewirken. Es ist nicht so, dass die modernen Schlafmittel, die Benzodiazepine, oder auch die früher gebräuchlicheren Barbiturate einfach eine Narkose verursachen, sie aktivieren doch auch normale Schlafmechanismen. Nur wirken sie eben nicht nur auf den Schlaf, sondern beeinflussen auch andere Gehirnfunktionen.
Laborforschungen haben ja ergeben, dass der Tagesrhythmus der Menschen nicht 24, sondern 25 Stunden beträgt; dass Leute in Räumen ohne zeitgebende Faktoren wie Tageslicht usw. am 13. Tag statt abends morgens um 9 Uhr zu Bett gingen. Wie erklärt man sich das?
Neuere Forschungen haben das inzwischen etwas korrigiert: der Rhythmus des Menschen beträgt im Schnitt 24,3 Stunden. Aber er weicht damit immer noch vom äusseren Tagesrhythmus ab. Eine Hypothese ist, dass der Tag vor Urzeiten länger war als 24 Stunden und der Mensch sich noch nicht vollends angepasst hat.
Wie lange dauern solche Laborschlafversuche?
Erstaunlich lange. In Andechs, wo die klassischen Versuche durchgeführt wurden, variierten sie zwischen drei Wochen und zwei Monaten. Ich kenne Fälle, in denen Versuchspersonen sechs Monate lang isoliert lebten.
Allein?
Allein. Das sind natürlich Leute, die interessiert sind an der Sache.
Schlaf sei der Bruder des Todes, sagt man. Ist Schlaflosigkeit Angst vor dem Tod?
Schlaf ist etwas Geheimnisvolles, kann etwas Angsterregendes sein, weil man die Kontrolle über sich verliert. Es ist schon möglich, dass jemand den Schlaf aus Angst, nicht zu erwachen, unbewusst meidet.
Gibt es eine Verbindung zwischen Schlafforschung und Psychotherapie?
Als der REM-Schlaf entdeckt wurde, erhofften sich die Psychoanalytiker einen direkteren Zugang zu den Träumen, weil viele Leute über Traumerlebnisse im REM-Schlaf berichteten. Aber diese Hoffnungen haben sich nicht erfüllt.
Und im therapeutischen Bereich?
Der Schlafentzug ist beispielsweise eine interessante, wenn auch nur beschränkt anwendbare Behandlungsmöglichkeit bei Depression.
Wir nähern uns der dunkelsten Jahreszeit. Unterscheidet sich der Novemberschlaf vom Junischlaf?
In unseren Breitengraden wenig. Unterschiede haben, sofern überhaupt vorhanden, eher mit dem Sozialverhalten zu tun, das anders ist, wenn es länger hell ist.
Stichwort Lichttherapie?
Das ist eine Therapie ausschliesslich für die saisonalen Formen der Depression, und die machen nur wenige Prozente aller Depressionen aus. Man hat indessen schon mit Erfolg versucht, bei Schlafstörungen bestimmter Art mit Licht den körpereigenen Rhythmus mit dem Tagesrhythmus in Übereinstimmung zu bringen. Es gibt ja Menschen, die bis vier Uhr morgens nicht einschlafen können, weil ihr persönlicher Rhythmus phasenverschoben ist.
Wie lang sind Träume? Sind die wirklich nur sekundenlang?
Nein, Träume können eine lange Zeit dauern. Man hat in Versuchen bei Träumenden durch äussere Reize Markierungen gesetzt, die Versuchsperson nach einer gewissen Zeit geweckt und dann untersucht, wo im Traumgeschehen die Markierungen zu finden waren. So konnte man feststellen, dass der Traum nicht im Zeitraffer, sondern in realer Zeit abläuft.
Wird hier nicht durch die Beobachtung das Resultat beeinflusst?
Ein Stück weit ja. Dennoch teile ich nicht die These vom Sekundentraum, die von einem französischen Forscher stammt. Er berichtet von einem recht komplizierten Traum, der damit endet, dass der Träumende von der Guillotine geköpft wird. Er erwachte im selben Moment, als ihm von der Wand ein Brett auf den Kopf fiel. Er schloss daraus, dass er in dieser Sekunde, also durch diesen äusseren Reiz, rückwirkend in einem Sekundenbruchteil diesen ganzen Traum erlebte. Das ist unglaubwürdig.
Manche Leute träumen oft, andere sagen, sie träumten nie.
Man nimmt an, dass man jede Nacht träumt, und zwar nicht nur einmal, sondern mehrfach. Denn man kann bei den meisten Versuchspersonen aus jeder REM-Schlafphase Träume gewinnen, auch bei Leuten, die meinen, sie träumten nie. Bloss die Erinnerung an die Träume ist oft sehr mangelhaft.
Ist nur REM-Schlaf Traumschlaf?
Nicht nur. Man träumt auch im Non-REM-Schlaf.
Gibt es Tricks, Träume festzuhalten?
Ja, durch sofortiges Aufschreiben. Auch wenn man nachts aus einem noch so eindrücklichen Traum aufwacht, weiss man am Morgen den Inhalt oft nicht mehr. Schlaf hat eine sehr starke amnestische Wirkung. Kann man eigentlich vorschlafen?
Bis zu einem gewissen Grad ja. Wenn jemand tagsüber schläft, so ist das Schlafbedürfnis nachts herabgesetzt.
Und nachschlafen?
Das ist etwas schwieriger zu beantworten, da hier der Begriff der Erholung aufkommt, und der ist schlecht definiert. Wenn jemand während drei, vier Tagen anstatt wie normalerweise sieben Stunden nur vier Stunden schläft und dann ein normallanger Schlaf erfolgt, weist während der drei folgenden Tage das Gehirn noch Veränderungen in den Hirnpotentialen auf. Man erholt sich also nicht in der ersten Nacht, auch wenn man subjektiv diesen Eindruck haben kann. Der Schlaf in der ersten Nacht ist allerdings sehr viel intensiver, der Tiefschlaf im Non-REM-Schlaf ist nach Schlafentzug sehr verstärkt.
Was passiert, wenn man jemanden am Schlaf dauerhaft hindert?
Es wird mit der Zeit immer schwerer, jemanden am Schlafen zu hindern. Das Schlafbedürfnis wird so stark, dass man den Betreffenden kaum noch wachhalten kann. Man müsste starke Reize, wohl Schläge, anwenden. Schlafentzug ist auch eine Foltermethode, um Gefangene mürbe zu machen.
Gibt es da Tierversuche?
Ich lehne sie ab, nicht nur aus ethischen, sondern auch aus wissenschaftlichen Überlegungen. Weil bei solchen Versuchen kaum feststellbar ist, was auf den Schlafentzug und was auf den Stress durch die äusseren Reize zurückzuführen ist, ist ihre Aussagekraft gering.
Welche Tiere eignen sich besonders für die Schlafforschung?
Früher hat man vor allem mit Katzen gearbeitet, heute sind es vor allem Ratten, weil sie leicht zugänglich sind. Aber es gibt die verschiedensten Tiere, die untersucht werden; das hängt ganz von der Fragestellung ab.
Also lassen Sie mich fragen: Schläft eine Schnecke?
Das wissen wir nicht. Da ist der Schlaf sehr schwer zu definieren . . .
. . . die Frage ist hier wohl eher, ob sie je wach ist . . .
. . . nun, sie bewegt sich ja und reagiert auf äussere Reize, also ist sie wohl wach. Aber ob sie schläft, wenn sie sich in ihr Haus zurückzieht - man weiss nicht, was Schlaf ist bei solchen Tieren. Hingegen ist bei fast allen Säugetieren REM-Schlaf nachgewiesen, überhaupt bei allen Warmblütern, auch bei Vögeln. Bei Reptilien, Amphibien und Fischen weiss man zwar, dass sie schlafen, aber ob REM-Schlaf vorhanden ist, ist unsicher.
Ist der Winterschlaf von Tieren normaler Schlaf?
Nein. Die Hirnpotentiale sind fast nicht mehr zu registrieren, so dass wir die herkömmlichen Kriterien für den Schlaf gar nicht mehr anwenden können. Aus dem Winterschlaf kann man auch nicht so leicht geweckt werden wie aus einem normalen Schlaf.
Ist der zweiphasische Schlaf eigentlich eine Folge der Sozialisation?
Er ist sicherlich bedingt durch Umwelt und Arbeitswelt. Der Nachtschlaf war zu allen Zeiten aber auch nützlich in bezug auf das Überleben: nachts ist es dunkel, Gefahren lauern, es ist somit besser, man verhält sich ruhig. Auch die wildlebenden Tiere passen ihr Schlafverhalten den Schlaf- und Wachzeiten ihrer Feinde und ihrer Beutetiere an. In südlichen Gegenden ist klimabedingt indessen zusätzlich der Mittagschlaf üblich, aber der Hauptschlaf erfolgt auch dort in der Nacht.
Was raten Sie jemandem, der abends im Bett lesen möchte, aber stets einschläft?
Er oder sie soll sich über den guten Schlaf freuen.
Und was raten Sie dem, der nicht einschlafen bzw. nicht durchschlafen kann oder am Morgen zu früh erwacht?
Generell ist darauf zu achten, dass der Schlaf regelmässig erfolgt. Koffein, Alkohol, grosse Mahlzeiten sind zu vermeiden. Zuviel Bewegung, zuviel Aktivität am Abend ist ebenfalls nicht schlaffördernd. Man sollte in einem dunklen und möglichst lärmfreien Raum schlafen. Schlafstörung kann aber auch ein Symptom von Krankheit psychischer oder physischer Art sein, daher sollte man bei anhaltenden Störungen den Arzt aufsuchen.
Alkohol ist also kein gutes Schlafmittel?
Nein. Alkohol wird sehr rasch abgebaut, so dass ein zu Beginn guter Schlaf schon nach kurzer Zeit oberflächlich wird.
Es gibt ja den Unterschied zwischen Rotwein und Weisswein. Weiss man, warum Weisswein wachhält?
Man müsste erst einmal untersuchen, was da wirklich dran ist.
Und was ist dran an der Aussage, dass Schlaf vor Mitternacht erholsamer sei als der danach?
Nichts. Das ist Volksmund und hat mehr mit Erziehung als mit Wirklichkeit zu tun.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Wetter und Schlaf?
Wahrscheinlich besteht eher ein Zusammenhang zwischen wetterbedingter Befindlichkeit und Schlaf.
Und zwischen Vollmond und Schlaf?
Es ist auch da zweifelhaft, ob ein Zusammenhang besteht, ob nicht einfach das Wissen, dass Vollmond ist, den Schlaf stört. Ausschliessen will ich aber den Einfluss des Mondes nicht.
Da bleibt in der Schlafforschung aber noch viel zu tun.
Ja, zum Beispiel herauszufinden, wozu man schläft, was der Zweck des Schlafens ist. Viele sind überrascht, dass man das nicht weiss. Bei allen anderen biologischen Vorgängen kennt man die Funktion, nur beim Schlaf nicht: Was geschieht im Schlaf, das so wichtig ist, dass alle Lebewesen schlafen müssen? Das ist nicht ein Ausruhen, das muss etwas viel Fundamentaleres sein. Das ist die Kernfrage der Schlafforschung überhaupt.