Noch nie hat sie jemand gewollt, meine Unterschrift.
Dabei gäbe ich sie so gerne her für die gute, die gerechte, die wichtige Sache. Auch mich macht nämlich vieles sehr betroffen. Und meine Betroffenheit, die möchte auch ich einmal in aller Öffentlichkeit einbringen können. Wofür es, wie ich finde, keinen besseren Ort gibt als die Zeitung, genauer, den Aufruf, den die vielen Gleichgesinnten und Gleichgesinntinnen unterschreiben.
Die Welt soll erfahren, dass ich für den Frieden bin und gegen die Armee, gegen das Ozonloch und für den Regenwald, für Frauenpower und gegen Männerherrschaft, gegen Autobahnen und für Biotope, für den Walti und gegen den Sepp, gegen grüne Äpfel und für Nicabananen, für den Kulturraum und gegen die Überbauung.
Vorbild sind mir unsere nördlichen Nachbarn. Wie meistens, sind uns die Deutschen voraus. Dort bringen es die fortschrittlich Bewegten schon manchmal auf eine dreiviertel Seite der «Zeit», (macht ca. 37 auf 35,5 cm). Allerdings, wenn die Jens / Richter / Mitscherlich / Rinser / Bastian / Kelly ihre Gesinnungsgefährten und -gefährtinnen zum kollektiven Angst- und anderweitigem Bekenntnis aufrufen und mich ihrer Sorgen teilhaftig werden lassen, bleibt kein Füller trocken. Da leistet jede(r) seinen Beitrag, da will dazugehören, wer bewusstseinsmässig auf der Höhe ist. Dazu das schöne Gefühl, den eigenen Namen - wenn auch kleingedruckt - in so einer wichtigen Zeitung zu sehen, die Gewissheit, wieder mal auf der richtigen Seite gestanden, mehr noch, diesmal rechtzeitig Widerstand geleistet zu haben. Einen Beitrag an die Inseratenkosten ist das immer wert.
Doch wir holen auf. Auch wir haben unsere Schriftsteller / Publizisten / Geistesarbeiter / Seelentröster / Film-, Theater- und LiedermacherInnen, unsere Vor- und Nachdenker, die uns Namenlosen verlässlich den Weg weisen und immer zu sagen wissen, worüber wir uns sorgen sollen. Welch tiefen Eindruck, ja welch schwerwiegende Auswirkung so eine Unterschriftensammlung auch bei uns hinterlässt, das hat in diesem Jahr der Kulturboykott vor Augen geführt. Wie gerne wäre ich dabeigewesen, wie gut hätte ich dazugepasst!
Warum bloss will nie jemand meine Unterschrift?