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Türen zur Welt
© Newsha Tavakolian, Teheran
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| 25-Jährige begutachtet ihre operierte Nase. |
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Die Buch- und die Industriemesse in Teheran haben Millionen von Besuchern. Für Studentinnen und Studenten die grosse Chance, Kontakte mit dem Westen zu knüpfen.
Von Ulrich Tilgner
Anfang Mai gibt es in Teheran nur einen Treffpunkt – die Buchmesse. Zehn Tage lang muss Gedrucktes für so mancherlei herhalten, denn es kommen ebenso viele Bücherliebhaber wie Flirtwütige. Gerade die Jüngeren nutzen die Anonymität im Gedränge und Geschiebe von Zehntausenden, um sich ungestört mit Freunden zu treffen. Für einen Messebesuch erteilen Eltern und Verwandte nur zu gern ihre Erlaubnis; Bücher haben in der Islamischen Republik Iran grosse Anziehungskraft.
Aber Kaufen mit Lesen gleichzusetzen, hiesse, den Sammeltrieb der Iraner zu unterschätzen. Es gehört zur Tradition, Bücher zu besitzen. Doch wenn ausländische Verlage glauben, in der Islamischen Republik besonders grosse Umsätze machen zu können, werden sie enttäuscht. Nur zu oft müssen sie erkennen, dass der iranische Markt bereits mit billigen Raubkopien überschwemmt wurde. Bei den subventionierten Papierpreisen lohnen sich für die Verlage bereits kleine Auflagen. Auch ein Grund, weshalb Zensoren über jeden Titel entscheiden wollen, denn nur so können sie den Markt kontrollieren.
Meist paaren Besucher Bücherliebe mit der Bewunderung des Fremden, wenn sie an den Ständen vorbeischlendern. Doch beim Angebot der ausländischen Verlage folgt die Ernüchterung. Denn die treffen oft nicht den Geschmack ihrer Kunden. Avantgardistische Lyrik oder modernes Theater wird nur von Experten geschätzt. Im Mai 2006, also kurz vor der Fussballweltmeisterschaft, wäre bestimmt ein signierender deutscher Starkicker interessant gewesen. Denn vor allem junge Iranerinnen hoffen auf eine Begegnung mit einem netten Ausländer, der ihnen die Türen zur Welt öffnen könnte. Die Sprechstunden von Konsulatsmitarbeitern über die Erteilung eines Visums sind besser besucht als Diskussionsrunden mit angereisten Autoren.
Die Buchmesse wird jeweils vom Präsidenten eröffnet. Vor einem Jahr versetzte Mahmud Ahmadinejad die Zuhörer in Staunen, als er den Messeverantwortlichen mit Gefängnisstrafen drohte, falls die Veranstaltung in kommenden Jahren auf dem Messegelände im Norden der Stadt wiederholt würde. Das von drei Millionen Messebesuchern verursachte Verkehrschaos sei der Öffentlichkeit nicht mehr zuzumuten. Rückblickend schmunzeln die Verantwortlichen über die Drohung. Wissen sie doch längst, dass markige Präsidentenworte in der Regel ohne Folge bleiben. Das gilt auch für die versprochenen Subventionen, die die Aussteller bei Laune halten sollten. Eigentlich sind sie erleichtert: Die Verwirklichung der Ankündigungen hätte ihnen eine noch höhere Staatsverschuldung und zusätzliche Inflationsschübe beschert.
Über die Widersinnigkeit der Wirtschaftspolitik klagen die Aussteller der Industriemesse. Freuen sich Studenten über den hohen Wert des iranischen Rial, wenn sie ausländische Bücher kaufen, stöhnen iranische Industrielle über die Tauschrate, weil sie ihre Produkte nicht verkaufen können. Der billige Benzinpreis hat zwar die Automobilproduktion angekurbelt und zu einem Jahresausstoss von einer Million Fahrzeugen geführt, aber die Fahrzeuge sind immer schwerer zu verkaufen, weil der Markt die steigende Produktion nicht mehr verkraftet.
Hoffnungen, die Überproduktion mit Exporten abfedern zu können, gehen nicht in Erfüllung. Zwar freuen sich Verkehrsplaner, dass nicht alle Fahrzeuge verkauft werden, aber die Direktoren der Automobilfirmen sehen mit Unbehagen die Halden der Neuwagen auf den Werksgeländen, und Bankiers machen sich Sorgen um die Rückzahlung der Milliardenkredite, die den Autofirmen in den Boomjahren gewährt wurden.
Der Versuch, mit der Forcierung des Fahrzeugbaus die Industrialisierung westlicher Staaten zu kopieren, erweist sich als Sackgasse, solange die Konjunktur mit Billigstbenzin und Subventionen für Industriebetriebe angeheizt wird. Jeder kennt die Probleme, doch es fehlt der Wille, sie zu lösen. Ankündigungen, die Abhängigkeit der Wirtschaft des Landes von den Ölexporten zu beenden, sind so alt wie die Islamische Republik. Wie wachsende Staatsverschuldung die Entwicklung westlicher Staaten lähmt, so erweist sich der Ölreichtum als Hemmschuh einer langfristigen Entwicklung Irans. In der Präsentation haben Schiffbau, Roboterindustrie und selbst Computerfirmen Weltniveau erreicht – doch Abschlüsse bei den Messen werden fast ausschliesslich mit inländischen Kunden getätigt.
Exportiert werden vor allem Spezialisten. Junge iranische Ingenieure besuchen die Messestände ausländischer Konkurrenten oft in der Hoffnung, abgeworben zu werden, wenn sie mit ihrem Wissen glänzen. Absolventen der renommierten Sharif-Universität erhalten problemlos gutdotierte Angebote aus dem Ausland. Die Jahrgangsbesten der iranischen Spitzenuniversitäten verlassen die Islamische Republik in Scharen. Viele von ihnen jedoch erst, nachdem sie sich Zähne oder Nase haben richten lassen. Denn so drückend die Krise der Industrie geworden ist, der Boom für Schönheitschirurgen bleibt ungebrochen. Selbst Kritiker der Islamischen Republik reisen zurück in die Heimat, um sich ihr Gesicht richten zu lassen.
Es gehört zum Geheimnis iranischer Politik, gute Miene zu einem eigentlich bösen Spiel zu machen.
Ulrich Tilgner berichtet als Nahostkorrespondent für das ZDF und das Schweizer Fernsehen; seit 2002 leitet er das ZDF-Büro in Teheran.
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