Laurent Perrin spielt mit seinen Besuchern gern ein Spiel. Er legt zwei Gartenscheren auf den Konferenztisch und sagt, die eine sei der Prototyp aus dem Jahre 1945 und die andere der aktuelle Bestseller. «Welche ist welche?» fragt Perrin – mit frohlockendem Blick. Tja. Ur-Felco und Felco 2 sehen einander zum Verwechseln ähnlich: beide haben sogenannte lange Nasen als Klingen, beide haben den berühmten roten Griff, und beide liegen ursolide in der Hand. Mit ihrer unverwüstlichen, bestechend schlichten Mechanik muten sie in unserer Hightechwelt, in der ein Ding von der Nachfolgegeneration erschlagen wird, kaum dass es das Tageslicht erblickt hat, geradezu archaisch an. Der Bauer und sein Werkzeug. Man möchte hinauslaufen in die Natur, säen, ernten und irgendein Gewächs beschneiden.
Es war Perrins Grossvater Felix Flisch, der sich die Ur-Felco vor nunmehr 60 Jahren ausgedacht hat. Europa lag in Schutt und Asche, und die Herstellung von Gartenscheren war vermutlich nicht die naheliegendste unternehmerische Idee. Doch Flisch war Mechaniker, und ihm war schon viel früher aufgefallen, mit welch unhandlichen, schlechten Werkzeugen die Weinbauern in der Umgebung ihre Reben schnitten. «Das kann ich besser», dachte sich Flisch und entwickelte ein Modell, das handlich war und langlebig, das sich dem individuellen Bedarf anpassen liess und bei dem die Verschleissteile austauschbar waren.
Als er 1945 die Felco gründete, wusste Flisch genau, was er produzieren wollte. Und ihm war klar, dass er seine qualitativ hochwertige Gartenschere nur dann zu einem konkurrenzfähigen Preis würde anbieten können, wenn er sie industriell produzierte. Die notwendige Stückzahl aber erreichte er nicht, wenn er – wie damals üblich – nur die Nachbarschaft belieferte. Also machte Felix Flisch sich unverzüglich auf die Socken, um seine Gartenschere in der Welt herumzuzeigen. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als er und seine zwei Mitarbeiter nebenbei noch Schuhplättchen anfertigen mussten, um über die Runden zu kommen. Bereits ein Jahr später, 1946, wurde die Felco-Gartenschere nach Belgien, Holland, Südafrika und Israel exportiert.
Heute verkauft die Felco SA jährlich eine Million Baum-, Reb- und Gartenscheren sowie Drahtseilscheren. 90 Prozent der Produktion werden in über hundert Länder exportiert. Am Hauptsitz in Les Geneveys-sur-Coffrans arbeiten 135 Mitarbeiter, ausserdem hat Felco AS drei Tochterfirmen in Belgien, Frankreich und Australien. Von den weltweit 8 Millionen Hektaren Rebflächen und 15 Millionen Hektaren Fruchtbäumen werden 70 Prozent mit Felco-Werkzeug geschnitten; damit ist das Unternehmen aus dem Neuenburger Jura Weltmarktführer. «Mexikaner sagen ‹Felco›, wenn sie ‹Gartenschere› meinen», sagt Perrin.
Wenn ein Firmenname zum Inbegriff eines Gegenstandes geworden ist, ist die höchste Stufe der Markenwerdung erreicht. Handelt es sich dann noch um einen Gebrauchsgegenstand, der gebraucht werden wird, solange Menschen auf diesem Planeten die Vegetation kultivieren, kann man als Firmenchef getrost Golf spielen gehen. Oder nicht?
Laurent Perrin lacht. Er lacht überhaupt sehr viel. «Nein», sagt er, «so ist das nicht.» Zwar sei die Ur-Felco vom Prinzip her bereits ausgereift gewesen, aber dennoch unterliege sie wie jedes Urgetier der Evolution. So seien diverse Varianten für Spezialansprüche entwickelt worden (die Klauenschere zum Beispiel), die rote Farbe ist heute nicht mehr aufgemalt, sondern aus einem Kunststoffüberzug, und die Griffe haben eine ergonomischere Form. Bei einigen Profi-Modellen wird ein Rollgriff montiert, der die Muskelanstrengung auf alle fünf Finger verteilt, wodurch der Gefahr von Sehnen- und sonstigen Entzündungen vorgebeugt werde.
Überhaupt habe es in den 1970er Jahren einen Innovationsschub in Sachen Ergonomie gegeben, sagt Perrin, «zwanzig Jahre vor der Konkurrenz». Es wurden Scheren für Rechts- und Linkshänder entwickelt sowie für grosse und kleine Hände. Bei einigen Modellen wurde der Schneid kopf versetzt, um die Achse des Unterarmes zu verlängern, was wiederum den Komfort beim Arbeiten erhöht. Ausserdem versucht man laufend, das Gewicht eines Werkzeugs zu verringern; neuerdings werden die Aluminiumgriffe grosser Werkzeuge durch zweimal leichtere Rohre aus Karbonfaser ersetzt. Allein die Entwicklung des mittlerweile patentierten Verbindungsstücks hat ein Jahr gedauert.
Einen Quantensprung in der Firmenhistorie markierte 1974 die Lancierung der ersten pneumatischen Gartenschere und Anfang der 1990er die erste «Felcotronic», ein elektronisches Modell. Das jüngste Baby dieser Reihe, die «Felco 800» – gewissermassen der Airbus A 380 unter den Gartenscheren –, wurde im letzten Jahr der internationalen Fachpresse in der Champagne präsentiert. «Nicht ohne Ergriffenheit», wie es in der hauseigenen Zeitung heisst.
Doch den nächsten ganz grossen Schritt wird die Felco AS nicht mit den elektronischen Modellen unternehmen. «Wir wollen auf dem Profimarkt der Zukunft dabei sein – in Indien, China und Südamerika», sagt Perrin. Der Wandel in der dortigen Landwirtschaft werde radikal sein. Schon heute produziere China 40 Prozent des weltweiten Apfelkonsums. «So viele Apfelbäume!» Doch alle rennen nach China, und man kann vieles falsch machen, sagt Perrin. «Wir nähern uns behutsam.» Und so geht zunächst einmal wieder die gute alte mechanische Felco 2 auf Reisen.
Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.