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NZZ Folio 06/03 - Thema: Düfte   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Eisenhammer gegen Schienbein

Vor 100 Jahren erprobte August Bier eine neue Betäubungsmethode – an seinem Assistenten.

Von Reto U. Schneider

VIELLEICHT WAR ES Nervosität, oder die falsche Nadel lag bereit. Als August Hildebrandt bei seinem Chef August Bier die Spritze ansetzte, ging alles schief: Viel zu viel Rückenmarksflüssigkeit floss ab, und der grösste Teil der Kokainlösung ging daneben. Es war der 24. August 1898 abends um sieben, und was dann folgte, war ebenso sehr bahnbrechendes Experiment wie schwarze Komödie. Bier würde damit zum Starmediziner werden, Hildebrandt zum Assistenten mit Prellungen, Stich- und Brandwunden.

August Bier war Oberarzt an der Königlichen Chirurgischen Klinik zu Kiel und hatte bereits bei mehreren Beinamputationen eine neue Betäubungsmethode ausprobiert. Er spritzte den Patienten Kokainlösung in den Wirbelkanal, wo alle Nerven des Körpers nach ihrer Position geordnet zusammenkommen. Im oberen Teil zum Beispiel jene von Armen, Schultern und Brust, im unteren jene von Unterleib und Beinen. Die Kokainlösung wirkte betäubend auf diese Nerven, so dass je nach Ort und Stärke der Injektion der Körper bis zu einer bestimmten Höhe schmerzunempfindlich wurde.

Zwar verwendete man damals bereits Lachgas, Äther und Chloroform als Betäubungsmittel. Doch die versetzten die Patienten in eine tiefe Bewusstlosigkeit, die bei falscher Dosierung tödliche Folgen haben konnte.

Die Spinalanästhesie war ein Ausweg, und nach seinen Patienten wollte Bier ihre Wirkung auch am eigenen Leib testen. Doch nach dem Missgeschick mit der Nadel hatte er viel Rückenmarksflüssigkeit verloren und wollte das Experiment verschieben. Da bot sich Assistent Hildebrandt als Versuchsperson an. Abends um halb acht spritzte Bier ihm einen halben Kubikzentimeter einprozentige Kokainlösung. Dann führte er Protokoll:

«Nach 10 Minuten wurde eine grosse gestielte Nadel bis auf den Oberschenkelknochen eingestossen, ohne den geringsten Schmerz zu erzeugen.

Nach 13 Minuten: Eine brennende Zigarre wird an den Beinen als Hitze, aber nicht als Schmerz empfunden.

Nach 20 Minuten: Ausreissen von Schamhaaren wird als Erhebung einer Hautfalte, von Brusthaaren oberhalb der Warzen dagegen als lebhafter Schmerz empfunden. Starkes Überbiegen der Zehen ist nicht unangenehm.

Nach 23 Minuten: Starker Schlag mit einem Eisenhammer gegen das Schienbein wird nicht als Schmerz empfunden.

Nach 25 Minuten: Starkes Drücken und Ziehen am Hoden ist nicht schmerzhaft.»

Nach drei Viertelstunden kam das normale Schmerzempfinden zurück, und die beiden Männer gingen essen, tranken Wein und rauchten mehrere Zigarren. Das war «mehr, als gut war», wie Bier später schrieb. Er lag neun Tage mit Kopfschmerzen im Bett. Hildebrandt erbrach sich, hatte unerträgliche Kopfschmerzen, Blutergüsse und Schmerzen am ganzen Körper.

Nach der Publikation des Experiments verbreitete sich die Spinalanästhesie rasch. Heute gehört sie (nicht mehr mit Kokain) zu den Standardverfahren in der Medizin.

Hildebrandt wandte sich später gegen seinen früheren Chef: Nicht Bier sei der Vater der Spinalanästhesie, sondern der Amerikaner James Leonhard Corning. Tatsächlich hatte Corning ähnliche Versuche unternommen. Doch es war Bier, der ihr Potential erkannte.

Warum Hildebrandt gegen Bier kämpfte, ist bis heute nicht geklärt. War es seine schwierige Persönlichkeit? Hildebrandt war als unfreundlich und jähzornig bekannt. Oder war es die Tatsache, dass Hildebrandt in Biers Artikel zwar als Versuchsperson, nicht aber als Mitautor genannt wurde? Damit ging er für alle Zeiten als Assistent in die Medizingeschichte ein, dessen Chef ihm an die Hoden griff.




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