NZZ Folio 09/01 - Thema: Europa   Inhaltsverzeichnis

Lira, addio!

Vor der Einführung des Euro am 1. Januar 2002 ist in Italien vor allem eines gewiss: Fast alles ist ungewiss.

Von Peter Hartmann

Wenn in Italien Untergangsstimmung aufzieht, fahren wir hinunter nach Cantù - 40 000 Einwohner, Möbelindustrie, viele kleine Handwerksbetriebe -, gleich hinter der Grenze, zu den Verwandten meiner Frau, damit wir uns ein Bild machen können. Am Sonntagnachmittag trifft sich die Familie im Haus der Eltern. Hier wird mehr und offener geredet als am Kabinettstisch.

Tiziano war schon da.

Werden die schlimmen Zeiten zurückkehren, als die Italienerinnen vergeblich ihre Hand- und Einkaufstaschen auf den Kopf stellten und die verzweifelnden Hände der Italiener in den Tiefen ihrer Hosentaschen nach Spiccioli wühlten? Nach Liremünzen, die kostbarer waren als irgendetwas in diesem Lande, unerlässlich beispielsweise im Bereiche der milden Gewohnheitskorruption, wenn man an der Bar dem Kellner mit einem Voraustrinkgeld von 50 oder 100 Lire, die man mit der Bestellung gleich auf den Tresen legte, Beine machte. Aber damals schien es die Nickelscheiben einfach nicht mehr zu geben. Ein unbekannter Goldfinger zog die Münzen mit einem geheimnisvollen Magneten aus dem kleinen Zahlungsverkehr. Die Alltagswährung war ausgelöscht.

«Du erinnerst dich, als dir die Kassierer an der Autobahn mit zusammengebissenen Zähnen statt Herausgeld klebrige Caramelle, Fruchtkaugummis, Kartongeld, bestenfalls Telefonchips oder sonstige Ersatzjetons in die Hand drückten, weil der Staat ausserstande war, genügend Kleingeld auszuspucken», sagt Tiziano. «Und im Supermercato wurdest du beim Herausgeben von der Verkäuferin abgefertigt wie ein Bambino, sie schob dir einfach ein paar Schokolädchen hinüber. Die Dauerschwäche der Lira, die galoppierende Inflation war nichts verglichen mit diesem Zustand.»

Die neuste Katastrophe, die Italien droht, könnte wieder die alte sein, nur heisst das Phänomen diesmal Euro. Und erst einer von drei Italienern weiss gemäss den Juliumfragen überhaupt, was diese Bedrohung bedeutet.

«Manche glauben, dass der Euro sie ärmer macht, weil er die vielen Nullen zum Verschwinden bringt», sagt Tiziano. «Aber noch mehr plagt sie die Vorstellung, dass keine Spiccioli mehr da sind.» Die Lage ist wieder einmal «hoffnungslos, aber nicht ernst», wie Federico Fellinis Drehbuchautor Ennio Flaiano Italiens Latenzzustand beschrieb. Die Banca d'Italia, die italienische Zentralbank, verspricht, dass bis zum Stichtag 7,24 Milliarden Münzen geprägt würden. 40 000 Tonnen Spiccioli. Acht verschiedene Werte statt wie bisher fünf. Aber kein Mensch, auch nicht der Notenbankchef Antonio Fazio, weiss mit Sicherheit, ob diese Reserve ausreicht. Vom 15. Dezember an geben die Banken Musterpakete mit einer Auswahl der verschiedenen Münzen aus: Wert 25 000 Lire (20 Franken). Ein Notbatzen.

Fazio hat auch vorgeschlagen, in ganz Italien die Auszahlung des 13. Monatslohns um zehn Tage vorzuziehen und die Italiener vor Inkrafttreten des Euro noch ein letztes grosses Lire-Weihnachtseinkaufsfeuerwerk zünden zu lassen, um damit die Rückgabe der ausgemusterten Nationalwährung zu beschleunigen. Irgendwie könnte es so ablaufen», sagt Tiziano, «dass die Leute sich am 31. Dezember 2001 oder ein paar Stunden nach Mitternacht schlafen legen und am 1. Januar 2002 erwachen und feststellen, dass nichts passiert ist, niente, einfach gar nichts, so wie beim Millenniumswechsel, als der computermässige Weltuntergang nicht stattfand.» Keine Apokalypse, keine Erstürmung der Banken, keine leeren Bancomaten, keine verstopften Automaten, die weder Kaffee noch Präservative, noch Zigaretten herausrücken.

«Keine Panik zu befürchten», sagt Tiziano. Schon weil am Neujahrstag, etwa im Unterschied zu Deutschland, wo die Schalter geöffnet sind, in Italien die Banken ohnehin geschlossen bleiben. «Aber es werden wahrscheinlich alle wie auf Kommando am 2. Januar zur Bank rennen und Euro haben wollen, obwohl die Übergangszeit mit Lira und Euro als Parallelwährungen ja zwei Monate beträgt und bis Ende Februar dauert.» Auch das ist, laut den Meinungsbefragungen von Ende Juli, erst drei von hundert Personen bekannt.

Tiziano ist ein erfahrener Fatalist gegenüber Politikern und der Staatsmacht, aber vor allem gegenüber den Italienern als solchen. Als Innenarchitekt hat er für die Firma seines Chefs einst die 500 Quadratmeter grosse Wohnung der Familie Craxi in Mailand eingerichtet, kaum hundert Meter vom Gefängnis von San Vittore entfernt, wo Craxi gelandet wäre, wenn er sich nicht nach Tunesien abgesetzt hätte; und später in Rom, als der Sozialistenduce noch im Saft der Herrschaft stand, dessen Privatgemächer im Palazzo Chigi. Den Euro-Katastrophismus, den die Medien als Sommerthema verbreiten, hält Tiziano für eine akzeptable Form der Aufklärung, für mehr nicht.

«Die gleiche Geschichte eines angekündigten Chaos erlebten wir mit der Umstellung der Vorwahlnummern beim Telefonieren. Wenn ich jetzt den Nachbarn anrufe, muss ich die Vorwahl einstellen», sagt Tiziano. «Noi siamo sempre quelli dell'ultimo momento. Die Italiener sind einfach so. Bis zum Tag vorher wissen sie nichts, am Tage danach sind alle Experten. Wir sind die Meister in der Kunst, uns im letzten Moment zu arrangieren. Wenn wir in Urlaub fahren, packen wir eine Stunde vorher, nicht am Vorabend.»

Es wissen auch erst 21 Prozent der Italiener, wie viel der Euro wert ist.

«Millenovecentotrentasei virgola ventisette Lire», ruft Nicolò, Tizianos Zwölfjähriger. 1936,27 Lire für einen Euro ist der Referenzkurs.

Immerhin lehnen 53 Prozent der Italiener den Euro ab, und 90 Prozent haben überhaupt keine Ahnung, wie das neue Geld aussieht, das sie demnächst in den Händen halten. Es könnte für viele, besonders für ältere Menschen, ein psychologisches Problem bedeuten, sich vom vertrauten Rechenschema der Millionen, Hunderttausender, Zehntausender und Tausender zu verabschieden.

Verschwinden wird die unfassbar gigantische Nullenanhäufung, die Entwertungsbilanz all der Abwertungen (die das Exportwunder am Laufen hielten) und Stützungsmanipulationen, der Währungskrisen und Staatsschulden, dieses Lire-Wolkengebirge eines halben Jahrhunderts, das nun verkleinert durch die Eurobrille neu wahrgenommen werden kann. Wie gross, gemessen in Euro, ist das schreckenerregende Haushaltsloch von 62 000 Milliarden Lire, das die Regierung Berlusconi kurz nach Amtsantritt feststellte und das ihre Steuerversprechen schon in Makulatur verwandelt hat? Eher wird die Wahnsinnssumme in Erinnerung bleiben, die Juventus Turin sich für den französischen Fussballer Zinédine Zidane überweisen liess: 150 Milliarden Lire.

Statt routinierten Hinblätterns der vielstelligen Scheine steht demnächst harte Kopfrechenarbeit mit den Stellen hinter dem Komma an. (34 Prozent der Italiener vermuten, dieses Problem nur mit Hilfe einer Umrechnungstabelle bewältigen zu können.) Der «Corriere della Sera», Italiens meistgelesene Zeitung, die am 24. Juni den Spiccioli-Alarm ausgelöst hat, kostet dann statt 1500 Lire den merkwürdigen Betrag von 0.77 Euro. Das sind im Idealfall vier Münzen zu 50, 20, 5 und 2 Cent, die mühsam zusammengeklaubt werden müssen. Ausser die Zeitungsverlage erhöhen den Tarif für die Blätter «kundenfreundlich» auf 0.80 Euro.

Der Italiener werde den Euro zunächst als eine Fremdwährung betrachten, schreibt der Psychologe Paolo Legrenzi in seinem Buch «Der Euro und der Alltag» - weil er nicht gewohnt sei, über Bella Italia hinaus «fremd zu denken». Internationale Vergleiche zu ziehen, müsse er erst noch lernen. Um diese Abschottung zu überwinden, sei noch eine pädagogische Werbeschlacht nötig.

«Das ist wahr», sagt Tiziano. «Keiner weiss hier, dass du dein Auto in Frankreich versichern lassen kannst. Oder dass Autos in Deutschland günstiger sind, auch italienische Marken. Die grossen Konzerne haben ein Interesse, dass das niemand erfährt. Mein Arbeitgeber hat anstatt von Telecom Italia ein Internet-Verkaufssystem aus Frankreich installiert. Die kamen aus Lyon und machten die Arbeit 40 Prozent billiger. Die Telecom sitzt in Monza, 10 Kilometer von hier, und ich fragte die Telecom-Leute: Sagt mal, spinnt ihr, oder spinnen die Franzosen? Die EU war für uns das Manna, das vom Himmel fiel. Zuvor waren wir die Bettler Europas . . . Ah, ciao, Marina, wie geht's? Hier hast du die Stimme einer Geschäftsführerin.»

Marina hat Biologie studiert und von einem Tag auf den andern die Bar mit der Bocciahalle und der Bowlinganlage übernehmen müssen, als ihr Vater schwer krank wurde. Ein Caffè in Euro? «Zerosessantadue Euro. 0.62 Euro. Es gibt natürlich ein Problem, wenn du aufrunden musst. Nicht beim Kaffee. Sondern ein ganz praktisches Beispiel: die 50-Lire-Briefmarke. Seit sechs Monaten gibt es keine mehr. Sie sind einfach verschwunden. Es gibt keine Münze in Euro, die 50 Lire entspricht.» Tiziano: «Also erhöht die Post einfach die Taxen. Alle werden aufschlagen, und alle werden selbstverständlich sagen, an der Teuerung ist der Euro schuld.»

Schreckgespenst Inflation. «In den grossen Einkaufsmärkten wird scharf kontrolliert», sagt Tiziano. «Die haben jetzt schon doppelte Preislisten in Lire und mit dem entsprechenden Umrechnungskurs in Euro. Und die Kunden werden aufgefordert: Wenn ihr überrissene Preise feststellt, erstattet Anzeige.»

Als verbindliche Regel gilt: Beim Umrechnen von Lire in Euro soll die dritte Stelle nach dem Komma bis zur Ziffer 4 abgerundet, von der Ziffer 5 an aufgerundet werden. Über 30 000 Läden und Verkaufspunkte haben sich bisher zu einer Art Korrektheitspakt mit einem sichtbaren Logo verpflichtet.

«Ich glaube eher an einen psychologischen Effekt», sagt Marina. «Die Leute werden plötzlich denken, die Dinge kosten eigentlich weniger», meint sie. «Etwas kostete hunderttausend. Das kostet jetzt weniger als zehn. Ein Caffè null Komma irgendetwas. Das wird seltsam sein, wenn wir mit diesen kleinen Beträgen zu rechnen beginnen.»

Bis Ende September muss Marina ihren Euro-Bedarf bei der Bank anmelden. «Ich bestelle vielleicht ein Euro-Paket im Wert von 70 Millionen Lire (rund 56 000 Franken). Dann werde ich sehen, ob ich genügend davon habe. Ich bin ja nicht gezwungen, Herausgeld in Euro zu geben. Aber es empfiehlt sich, das zu tun, damit die Lira möglichst schnell aus dem Verkehr gezogen wird. Ich fürchte schon den Tag, an dem die Bancomaten umgestellt werden. Das wird sicher mindestens eine Woche dauern, bis das bewerkstelligt ist.»

Und was geschieht mit den Schwarzgeldern aus der Schattenwirtschaft? Antonio Finocchiaro, ein Manager der Banca d'Italia, erklärt sich die Stärke des Dollars damit, dass momentan aus den europäischen Ländern sehr viel illegales Kapital, auch Mafiageld aus Italien, in die US-Währung getauscht und gewaschen wird. Finocchiaro glaubt auch, dass der italienische Markt bis zum Jahresende mit Lire-Falsifikaten überschwemmt wird, weil die Geldfälscher ihre Bestände noch loswerden wollen. Tiziano: «Hier in Cantù verdienen die kleinen Betriebe 80 Prozent ihrer Gewinne schwarz. Sie wären sonst gezwungen, zu schliessen, weil die Steuern derart hoch sind. Also zahlen sie die Löhne schwarz. Nicht den Angestellten, aber den freien Mitarbeitern. So können alle gut überleben.»

Und wie wird gehortetes Schwarzgeld in Euro gewechselt? «Schau, in Italien gibt es ein Sprichwort: Fatta la legge, trovato l'inganno. Wenn ein neues Gesetz in Kraft tritt, hat längst einer herausgefunden, wie es umgangen werden kann. Vielleicht wird beim Wechsel zum Euro vierzehn Tage lang Unsicherheit herrschen, aber dann werden sie das System finden. Die Guardia di Finanza (die Finanzpolizei) weiss selbstverständlich von diesem riesigen Schwarzgeldsystem. Aber sie kann ja nicht die ganze Wirtschaft schliessen. Allein letztes Jahr haben sie in der Region Brescia und Bergamo über tausend Betriebe gefunden, die den Steuerbehörden unbekannt waren.»

Zio Carletto meldet sich zu Wort, der Patriarch, der vierzig Jahre als Alleinunternehmer mit dem eigenen Camion Möbel aus Cantù nach ganz Europa lieferte: «Der Euro ist eine gute Sache. Wir versuchen etwas zu konstruieren wie Amerika . . .» «La seconda superpotenza del mondo!», ruft der kleine Nicolò, die zweitgrösste Supermacht. Tiziano: «Bis jetzt haben wir Amerika mit leeren Händen bekämpft.» Onkel Carletto: «Solange wir getrennt marschierten, konnten sie wunderbar exportieren.»

Er geht zur Kommode und zieht die Schublade heraus, in der griffbereit die Fotos liegen vom Karneval gerade nach dem Kriege, damals, als er, der blauäugige, blonde Sizilianer, den Frauen von Cantù den Kopf verdrehte. Aber diesmal holt er einige verschlissene Couverts heraus, die mit Gummibändern zusammengehalten werden. Alte Noten und Münzen von seinen Fahrten. »Vedi, schau, so kompliziert war Europa. Hier, Schillinge. Französische Francs, Schweizer Fünffrankenstücke, D-Mark. Jugoslawische Dinari, sind nichts mehr wert.»

Für die neuen Euro-Münzen wird Zio Carletto einen Geldbeutel brauchen. Weil die Münzen als Zahlungsmittel wieder wichtig werden, feiert das Portemonnaie aus Grossmutters und Grossvaters Zeiten eine zwingende Wiederkehr. Die lederverarbeitende Industrie, die letztes Jahr einen Umsatzeinbruch von 12 Prozent erlitt, produziert plötzlich auf Hochtouren. «Die müssen auch neue Brieftaschen herstellen», sagt Tiziano, «denn die Euro-Noten sind höher als die Lire-Scheine.»

Peter Hartmann ist freier Journalist und lebt in Zürich.


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