NZZ Folio 02/04 - Thema: WWW   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Innenansichten eines Handwerks

© Patrick Rohner
Handschuh, Lammnappaleder mit Reinseidenfutter, Böhny, 125 Franken. Linktext
Von Jeroen van Rooijen

FÜNF EINZELTEILE, mehr braucht die Näherin nicht, um eine passgenaue Hülle für das zu fertigen, was in der Natur mit 28 Knochen, 22 funktionellen Gelenken und unzähligen Muskeln arbeitet. Vier Jahre geht sie in die Lehre, um diese Kunst zu perfektionieren und die feinen Lederstücke in der Luft schwebend unter dem Füsschen der Nähmaschine zu führen.

In der Schweiz ist das Handwerk fast ausgestorben, in Deutschland und Frankreich wird es aber nach wie vor gepflegt. Denn kein Automat dieser Welt hat es bisher geschafft, die manuelle Präzisionsarbeit zu ersetzen. Zwar kann man seit der Erfindung der Fentierpresse im 19. Jahrhundert mehrere Lagen von Handschuhleder auf einmal stanzen, das Leder für edle Exemplare wird aber nach wie vor einzeln auf Länge gezogen und zugeschnitten, damit es beim Anziehen in der Breite elastisch ist. Dass die Deutschen und Schweizer eher für breitere Hände mit kürzeren Fingern nähen, die Franzosen für eine schlanke Silhouette, ist eine weitere Tradition des Fachs.

«Die Wahl eines guten Handschuhs beginnt beim Leder», sagt Margarethe Graf vom Zürcher Fachgeschäft Böhny, wo seit 1870 Handschuhe genäht, verkauft und repariert werden. Die allerbeste Wahl für Damenhandschuhe ist Zickelleder; die Haut dieser Babyziege hat nur etwa die halbe Fläche von der eines Lamms. Luxuriöse Männerhandschuhe sind dagegen oft aus dem Leder eines Pekari, einer Wildschweinart, gefertigt. Die Meister des Gerbens von Handschuhleder sind die Engländer, wenngleich auch in einigen französischen Orten, wo Geiss käse gemacht wird, gute Gerbereien ansässig sind.

Wahre Geniesser wählen für die Innenausstattung ein Reinseidenfutter. Das Vollfutter, teurer und aufwendiger als ein eingenähtes Teilfutter, wird auch bei edelsten Fabrikaten meist fertig angekauft und an den Fingerspitzen mit je einem Stich mit dem Oberleder verbunden, damit es beim Ausziehen nicht aus dem Handschuh gezogen wird. Sechs schmale Schichtel und manchmal (nicht beim abgebildeten Handschuh) drei weitere winzig kleine Zwickel geben den Fingerzwischenräumen Form. Genäht wird wahlweise mit der flachen Steppnaht (sitzt perfekt), der französischen Linksnaht (alle Nahtzugaben liegen innen), der eher billigen Rechtsnaht (Nähte aussen) oder der exklusiven Handnaht. Letztere wird oft in Akkord- und Heimarbeit gemacht. Den Handrücken ziert ein Trio von Aufnähten, die Richtung Fingerzwischenräume auseinanderlaufen. Eine Funktion haben diese Nähte nicht; sie sind Dekoration und sollen die Hand optisch verlängern.

Gemessen wird nach wie vor in englischen Einheiten, die sieben üblichen Damengrössen liegen zwischen 6 1/4 und 7 3/4 Zoll, die Herren wählen 7 1/2 bis 9 1/2 . Auch die Länge (ab Daumenwurzel Richtung Ellbogen) wird in Zoll berechnet. Das Feinhandwerk hat seinen Preis. Auf der nach oben offenen Skala gelten 700 Franken als sehr luxuriös. Entscheidend für den Preis sind nicht zuletzt auch die Garnituren, also Reissverschlüsse und Zierbesätze. 




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