NZZ Folio 12/06 - Thema: Freiheit   Inhaltsverzeichnis

Guter Rat -- Vergessen Sie alles!

Von Christian Ankowitsch
Erklärungen dafür, wie es uns ständig gelingt, uns ins Verderben zu stürzen, gibt es viele. Eine sehr pointierte stammt von Blaise Pascal. Formuliert hat er sie in den «Gedanken über die Religion und einige andere Themen» von 1669. Darin heisst es, «dass das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können». Würden wir es bloss tun, gäbe es keine Kriege mehr, keine Eroberungen und kein Unrecht auf der Welt.

Doch was hindert uns bloss daran, still zusitzen? Für Pascal nichts Geringeres als das «Unglück unserer schwachen und sterblichen Beschaffenheit». Weil wir weder Tod, Elend noch Unwissenheit heilen könnten und dies auch wüssten, suchten wir verzweifelt nach einer Möglichkeit, «nicht daran zu denken». Welchen Rat also können wir der Lektüre Pascals entnehmen? Einen zweifachen: Wir sollten nach Zerstreuung suchen, hilft sie uns doch dabei, unsere Sterblichkeit zu vergessen – wobei Pascal mehrfach betont, dass selbst die ernsthaftesten Unternehmungen wie die Gründung von Web-2.0-Start-ups letztlich auf nichts anderes zielten, als uns über unsere Hinfälligkeit hinwegzutäuschen; es gehe uns bloss um «das Getümmel und die Aufregung», die unsere Aufgaben uns bescherten.

Und einen zweiten Rat gilt es nach Pascal zu beherzigen: Glücklich können Sie, zumindest vorübergehend, nur sein, wenn Sie den Grund Ihrer Betriebsamkeit vergessen – und damit auch, dass Sie das hier gelesen haben.

Christian Ankowitsch ist Autor und lebt in Berlin.

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