Wenn Julia Roberts lacht, dass die Mundwinkel die Ohrläppchen knutschen, und Angelina Jolie den Kiefer aufklappt, dass hinten das Zäpfchen bimmel-bammel macht à la Big Ben, dann ist das wie eine Werkschau moderner Zahnmedizin: perlschnurartige Reihen makelloser, ultra-weisser Blinkezähne. Wichtigstes Equipment für den Fan am roten Teppich? Eine Hochalpinbrille. Sonst wird er schneeblind.
Daneben – Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat die hässlichsten Zähne im ganzen Land? – Hollywoodianer, die mit weithin sichtbarem Bäh im Mund unterwegs sind: Brombeergirlanden-Zahnfleisch bei Leinwandstar John Malkovich; himalajaartige Zahnsteingebirge in der unteren Beissschublade von Deutschlands Star-Mime in Hollywood, Armin Müller-Stahl.
Was lernen wir? Erstens: Nicht jeder geht gern zum Zahnarzt. Zweitens: Die, die gehen, kriegen auch manchmal die Türen durcheinander: David Bowie landete 1995 statt beim Dentisten in einem Geschäft für Musikzubehör; seither trägt er Klaviertasten im Mund.
Putzerfisch am Promi-Hai
Genug! Werfen wir lieber einen Blick nach Beverly Hills, 414 North Camden Drive. Hier ist das Zahnmekka der Julias und Angelinas, der Brads und Pitts. Hier hat Dr. Laurence Rifkin, eine Art Putzerfisch, der am Promi-Hai klebt, ein Gelbschnabel-Madenhacker, der den VIPs die Reste aus den Zähnchen pickt, sein Revier – pardon – seine Praxis. Schickes Ambiente für schicke Patienten: Wenn George Clooney hier auf dem Behandlungsstuhl liegt, um sich sein 54-Millionen-Dollar-Lächeln verschönern zu lassen (so viel kriegte der zuletzt für einen Film), dann blickt er, eingelullert von Duftkerzen und Orchideen, über seine Füsse hinweg auf die Hollywood Hills. (Basketballriese Earvin «Magic» Johnson leider nicht: Schuhgrösse 48, der sieht vom Behandlungsstuhl aus nur seine eigenen Quadratlatschen.)
«Mein Job ist es, etwas zu kreieren, das nicht aussieht, als ob es da wäre. Wenn ich neue Zähne mache, geht’s nicht um den Mund. Es geht ums ganze Gesicht. Ich will mehr als gerade weisse Zähne. Ich will einen frischen, verjüngten, believable Look», so Rifkin. Damit verdienen er und der Rest seiner Zunft im Jahr unbelievable Millionen Dollar. Oder machen ihren Backgroundsängerinnen für umsonst Füllungen wie Ex-Zahnarzt und Sänger Dr. Alban («It’s my life»).
… aber, huch, ups! … da sind wir wohl in eine andere Geschichte gerutscht. Von Hollywood in die Schweiz: 85 Prozent der Leute, die im Büro, auf der Strasse und beim Friseur rumfleuchen, halten (laut Emnid-Umfrage) eine gepflegte Lachluke für das Wichtigste am äusseren Erscheinungsbild und sind bereit, dafür Geld auszugeben. Zur Not in Ratenzahlung, die auch in der Zahnmedizin immer mehr in Mode kommt. Ebenfalls voll im dentalen Trend: «blass rosé gestippelt». Nein, nicht die neueste Lippenstiftkreation von Christian Dior, sondern die richtige Farbe von naturgesundem Zahnfleisch.
Claudia Schiffers Schönheitsfehler
Wissenschaftlich untermauert: Unsere Sympathie für jemanden steigt proportional zur Anzahl der oberen seitlichen Kauwerkzeuge, die diese Person beim Lächeln zeigt. Es ist das berühmte «Bis-zum-6er-Grinsen». Oder andersherum formuliert: Hallo Heidi Klum! Zufällig verdient das deutsche Topmodel mit genau dieser Art zu lächeln 50 000 Dollar am Tag. (Falsch gewickelt war allerdings der berühmte deutsche Kunstsammler, der mitten in der vollbesetzten Berliner Paris-Bar gleich die ganze Zahnprothese gut sichtbar auf den Tisch packte. Freundin zur Strafe futsch.)
Auch bewiesen: Die oberen Schneidezähne dürfen maximal einen Millimeter unter der entspannten Oberlippe rausluschern, sonst wirkt’s beschränkt. (Weswegen Claudia Schiffer, streng wissenschaftlich, voll daneben ist. Und wir all die Wissenschaft am besten gleich wieder in die Tonne treten.)
An dieser Stelle ein kleiner Trost für alle Zahn-Invaliden dieser Welt: «Natural born Beisser» sind die Ausnahme, die Regel sind kleine Aufhübschungen am Gebiss (selbst uns Heidi musste vier Jahre lang Zahnklammer tragen). Doch merke: Das Ergebnis kann nur so gut sein wie die Mühe, die ich mir mache, zu kapieren, was eigentlich Sache ist. Bei 11 und 34 (sprich: eins-eins, drei-vier) handelt es sich nicht um Koordinaten beim Schiffeversenken, sondern um Zahnpositionen im Kiefer. Die erste Zahl bezeichnet den Quadranten, beginnend (immer vom Patienten aus gesehen) oben rechts; dann weiter gegen den Uhrzeigersinn. Die zweite Zahl definiert den Zahn, gezählt von der Mitte aus.
Neben intensiven Beratungen mit dem Zahnarzt bieten sich auf Technikebene noch ganz andere Sachen an, Fotoanalysen vom Lächeln, Sprechen, oder 3-D-Modelle des Munds und Computersimulationen …oh! … wobei, wobei, wobei… Wenn Sie ohnehin schon wissen, was Ihnen steht und/oder wenn Sie keinen Bock haben auf das öde Gelaber vom Zahnklempner, dann machen Sie es doch einfach wie TV-Moderator Stefan Raab. Ziehen Sie Ihre neuen Zähne aus dem Kaugummiautomaten. Alle anderen lesen jetzt bitte hier weiter.
What to do bei welken Zähnen?
Ganz wunderbar funktioniert «Bleaching» – zu deutsch: Bleichen. Ähnlich wie beim Blondinen-Friseur wird mit Wasserstoffperoxid (H 2 O 2 ) gearbeitet. Das zerfällt unter anderem zu Wasser und löst dabei Kaffee, Tee, Zigaretten, Rotwein und ähnlichen Zahnschlick. Zum Vorschein kommen die Zähne in ihrer Originalfarbe. Der Haken an der Sache: Es gibt Menschen mit Originalzahnfarbe Dijon-Senf. Strafverschärfend wirkt das Alter: Mit der Zeit putzt und kaut sich nämlich der hellere Zahnüberzug (Schmelz) weg, der gelbliche Zahnkern (Dentin) schimmert immer stärker durch. Bleaching ist in diesen Fällen wenig effektiv.
Julia Roberts klebt sich immer sogenannte Whitestripes ( 1 50 bis 230 Euro) auf die Zähne, tesafilmartige Streifen, die mit H2O2 beschichtet sind. Das Ganze 14 Tage lang, zweimal am Tag für eine halbe Stunde. Kleine Erotik-Killer also. Apropos: Gerüchteweise prüft der Hersteller derzeit, ob er einen Ladyshaver mit in die Packung gibt. Zur Premiere von «Notting Hill» erschien Julia nämlich mit apart gepflegten Zähnen. Wie immer. Aber unter den Armen hatte sie Wuscheln.
Auch «Titanic»-Star Leonardo DiCaprio, Vanessa-Paradis-Beglücker Johnny Depp und Ex-Denver-Clan-Blondchen Sammy-Jo alias Heather Locklear haben sich schon die Beisserchen bleichen lassen. Wobei: Hollywoodstars gehen lieber ihren Hobbys nach, als zwei Wochen fürs Zahnbleichen in Kauf zu nehmen. Leo schmökert, hat er mal verraten, gern Pornos auf dem Klo. Johnny, weiss man, ritzt sich mit Vorliebe die Handflächen. Heather steht auf OPs (2-mal die Tüten, 1-mal die Nase).
Für diese Vielbeschäftigten hat ein findiger Nasa-Wissenschafter das System «Brite Smile» entwickelt. Das ist eine Art Bleaching-Quickie, dauert nur eine Stunde, der Patient bekommt zusätzlich zum H 2 O 2 eine Art Mini-Solarium mit Blaulicht über die Zähne geschoben (beschleunigt die Reaktion). Und Leo? Der kann’s solange mit Taschenbillard probieren. Was Hollywood recht ist, ist Otto Normalo billig: Seit einiger Zeit wird Brite Smile auch bei uns angeboten. Preis: gepflegte 600 Euro.
Und was sind die Kniffe der B-Prominenz für ein perfektes Blenderlächeln? Jenny Elvers zum Beispiel, der «3-Monats-Stand» von Udo Jürgens, steht auf Perlweiss, eine Art Schmirgelzahnpasta. Auf Perlweiss und auf die Checks vom Produzenten von Perlweiss, genaugenommen. Der zahlt ihr nämlich einen gemunkelten fünfstelligen Betrag, damit sie für sein Produkt Werbung macht. Drei bis sechs Wochen muss man damit schrubben.
Wie bitte? Ihnen ist alles zu anstrengend? Zu teuer? Zu überhaupt? Sie sind frustriert? Dann pinnen Sie sich einfach ein Foto von Joschka Fischer an den Spiegel. Das Tolle an ihm: Gegen seine mit einer dunklen Humusschicht aus Rotwein und Pfeifenrauch beschichteten Zähne sehen Ihre immer aus wie frisch polierte Südseeperlen. Pssst! Wobei jetzt nicht der Eindruck erweckt werden soll, Politiker gingen nicht zum Zahnarzt. Bei BRD-Kanzler Gerhard Schröder zum Beispiel ist die komplette Front überkront. Arnie Schwarzenegger, Gouverneur-Attrappe aus Kalifornien, liess sich den «Zigarrenhalter» zumauern (= Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen, auch Diastema genannt).
Von Hollywood bis Husum in puncto Zahnverschönerung ebenfalls schwer angesagt: Veneers (sprich: Wie-niers). Das sind Keramik- oder Kunststofflätzchen, die im Labor in Wunschfarbe und -form gefertigt und dann vorne auf den Zahn geklebt werden. Fertig ist eine Art potemkinsches Dorf der Zähne. Kulissen, die verstecken sollen, dass dahinter Gilb und Gammel wohnt. Veneers wurden in den 1930er Jahren als temporäre Zahnverblendung für Filmstars entwickelt und sind heute nur noch so dick wie ein Fingernagel.
Vorteil Nr. 1: Es muss nicht gebohrt werden. Lediglich die Oberfläche des alten Zahns wird vor dem Kleben mit etwas Säure aufgerauht. Vorteil Nr. 2: Transparenz, Schimmer, Natürlichkeit. Kein verräterisches dunkles Metall-Innenleben wie bei Keramikkronen, die im Gegenlicht oft den Charme von hartgekochten Eiern haben. (Stunde der Wahrheit ist meist beim Schmusen am Strand. Da kann man lustig zählen: «3 echte…, 1 falscher…») Vorteil Nr. 3: Haltbarkeit. Veneers halten fast so lange wie eine durchschnittliche Ehe. Nämlich 1 0 Jahre. (Ehen 1 3.) Vorteil Nr. 4: Der «Naddel»-Scheinwerfereffekt. (Naddel? Das ist die, die 1 3 Jahre mit Dieter Bohlen zusammen war und immer ihre leeren Sektpullen hinterm Vorhang versteckt hat.) Die Zähne strahlen wie auf einem Dianegativ, man wird auch in stockdunkler Nacht gleich erkannt. Dafür muss man allerdings vorher den Zahntechniker besoffen machen, damit der eine so völlig absurde Farbe aussucht, die’s in der Natur gar nicht gibt.
Nach drei bis fünf Sitzungen und fünf bis zwanzig Stunden Arbeit des Zahntechnikers im Labor kann das neue Veneer eingepasst werden. So lange empfiehlt sich ein Pappschild um den Hals: «Lachluke wegen Renovierungsarbeiten vorübergehend geschlossen». Das galt auch für Topmodel Kate Moss zu Beginn ihrer 20-Millionen-Euro-Karriere. Ihr gemunkeltes Handicap: «Retrodierte Einser» – die mittleren oberen Zähne waren also nach hinten gekippt. Aber zurück zu den Veneers: Gelbschnabel-Maden hacker Rifkin berechnet pro Stück bis zu 2000 Euro, Naddels in Hamburg kosteten 500. Der Rest der Welt nimmt um die 800.
What to do bei schiefen Zähnen?
Eine verschachtelte, krummgewachsene Kauleiste kann mit Brackets, festsitzenden Spangen, getunt werden. Das sind kleine Plättchen, die auf die Zähne geklebt werden. Die Zähne untereinander werden durch industriell vorgeformte Metallbänder verbunden. Die gibt’s als «Euro-Modell» (kleiner Zahnbogen) und für den US-Markt (eher Hufeisengrösse). So werden die Zähne in Position geschoben wie Gondeln auf der Seilbahn. Wer bei Brackets an Kussbremsen denkt oder an pickelige Teenager mit einem Mund voll Metall, liegt genau richtig. Aber: Auch Opis stehen auf Brackets (es gibt sogar 90-jährige Patientinnen). Smartie Tom Cruise war 41, Faye Dunaway 61, Topmodel Cindy Crawford über 30, als sie Zaumzeug bekamen. Ein Foto der verdrahteten Sängerin Gwen Stefani nahm das US-Magazin «People» sogar zum Anlass, festsitzende Zahnspangen zum Modeaccessoire für junge Frauen zu küren.
Grundsätzlich müssen zwei Bracketsorten unterschieden werden. 1. Metallene: etwa 1 800 Euro pro Kiefer – und zugegeben ziemlich hässlich. Solange Chelsea Clinton welche trug, erteilte Mama Hillary den Fotografen Knipsverbot. 2. Elegante aus Keramik: um die 2200 Euro pro Kiefer. Unschlagbarer Vorteil: Sie sind zahnfarben. Selbst die Metallbänder gibt’s in crème (werden dazu teflonbeschichtet wie Bratpfannen). Nachteil: bruchgefährdet. Bracket-Trägerin Britney Spears musste deshalb von ihrer lieben Gewohnheit Abschied nehmen, Schampus direkt aus der Pulle zu kippen. 3. Linguale – die Porsches unter den Brackets, um 3000 Euro pro Kiefer, aber nahezu unsichtbar, da sie von innen auf die Zähne geklebt werden.
Doch merke: Dafür, dass deine Lingual-Brackets unsichtbar sind, musst du in Kauf nehmen, dass es in Zukunft alle sehr lustig finden werden, wenn du ßprichst. Du lißpelst nämlich ein bißßchen. Auch ßauerkraut bleibt gern hängen.
Am Ende einer durchschnittlich zweijährigen Behandlung müssen «Retainer» geklebt werden: Drähte, die verhindern, dass die Zähne – einmal von der Leine beziehungsweise vom Bracket gelassen – tschüss sagen und zurückwandern. Oder ganz modern: Man durchtrennt per Skalpell die elastischen parodontalen Fasern, die den Zahn wie Gummibänder in seinem Zahnfach halten und die nach der Bracketbehandlung unter Spannung stehen. Ein ziemliches Gemetzel.
Porzellanmützchen
Wo Brackets, Bleaching und Veneers nichts mehr auszurichten vermögen – bei fehlenden oder zu zerstörten Zähnen zum Beispiel –, kann man sich den Mund immer noch mit konventionellen Kronen möblieren lassen. Da wären zum einen die Jacketkronen aus 100 Prozent Keramik oder Kunststoff, die wegen ihrer Klotzigkeit zu den dentalen Oldtimern zählen. Alternativ die moderneren VMK-Kronen aus hauchzartem Metall, über das der Zahntechniker ein Porzellanmützchen brennt.
Schon in den 1950er Jahren zum Beispiel wurde Rock Hudson von seiner Filmfirma Universal zum Verkacheln geschickt. Jack Nicholson hat welche. Die Uschi Glas und die Hera Lind auch. Selbst Pierce Brosnan 007 (in der Ausführung allerdings eher 08/15: dickrandiges keramisches Patchwork mit der Lizenz zum Gelblichen).
Dann lieber so zart und dezent wie bei TV-Moderatorin Christiane Gerboth. Apropos dezent. Merke: Hab, wenn du Kronen bekommst, immer eine Tube Sekundenkleber in der Tasche. Nachdem ihr der Zahnarzt vor ein paar Jahren den Frontzahn beschliffen hatte, trug Gerboth für ein paar Tage eine provisorische Kappe aus Kunststoff. Das Stumpfverhüterli fiel ihr dann vor laufender Kamera aus dem Gesicht.
Dr.Katja Kessler, ehemalige Zahnärztin, ist heute Societykolumnistin und Autorin. Sie lebt in Hamburg.