«DIESEN RAUM könnte man als begehbaren Tresor bezeichnen. Wir bewahren hier das Schönste auf, was wir an Büchern haben: mittelalterliche Handschriften, illustrierte Inkunabeln, besonders schön intarsierte Einbände des 16. Jahrhunderts, Originalmanuskripte berühmter Schriftsteller und all die Dinge, auf die wir uns in den fast zwei Jahrzehnten spezialisiert haben, die wir unser Antiquariat nun betreiben.
Der Raum ist ungefähr 5 × 5 m gross, fast ein Kubus. Er befindet sich im Souterrain eines dreistöckigen Herrschaftshauses, das ein Albert Sulzer aus Winterthur 1918 hier in den Scheitel der Rheinbiegung zwischen Stein am Rhein und Diessenhofen hat bauen lassen. Es ist Teil der Bibermühle, deren alte Bauten aus dem frühen 18. Jahrhundert stammen und die bis Ende letzten Jahrhunderts als Mühle in Betrieb war. Das Haus hat über 30 Zimmer und ist sehr schön. Sein wirklicher Luxus liegt aber in der Stille und seiner Lage acht Meter vom Rheinufer entfernt. Nachts ist hier der reinste Urwald. Wir haben Biber und Marder, Rehe, einen Fuchsbau auf dem Grundstück, Dachse. Und Vögel, die Bibermühle ist ein bedeutendes Vogelschutzgebiet.
Mit dem Haus war es Liebe auf den ersten Blick. Als wir in den Anfängen unseres Antiquariats zum erstenmal herkamen, weil der Besitzer, ein Kunde, uns eingeladen hatte, seine Bibliothek anzuschauen, sagte ich zu meiner Frau: Das ist es. Hier werden wir wohnen. Sie dachte, ich sei wohl übergeschnappt. Vor vier Jahren konnten wir das Haus dann tatsächlich kaufen, nachdem wir zuvor mit einem Teil unseres Geschäftes schon zur Miete hier waren. Seither leben wir mit unseren beiden Kindern da. Wir haben vor, nach und nach das ganze Geschäft vom bayrischen Rotthalmünster in die Bibermühle zu verlegen, und bauen zu dem Zweck zurzeit die Remise aus. Wenn es gestattet wird und wir es finanziell machen können, würden wir hier später gerne ein Zentrum für Handschriftenstudien errichten.
Wie viele Bücher hier drin sind? Etwa 2000. Das älteste ist eine griechische Synaxarion-Handschrift von ungefähr 1050, noch im Originaleinband, also bald 1000 Jahre alt. Das letzte, das hinzukam, ist eine dreibändige Ausgabe des Gesamtwerks Salomon Gessners in Französisch, mit allen Originalzeichnungen Jean-François Le Barbiers. Der erste Band lag 1786 vor, der letzte 1793. Das Buch, auf dem meine Füsse ruhen - natürlich ruhen sie aber nur auf dem Schuber! -, ist Gratians «Decretum», das massgebende Werk des Kirchenrechts, 1472 von Peter Schöffer gedruckt. Es besteht aus 413 Pergamentblättern und enthält 38 eingemalte Miniaturen aus dem Atelier des berühmten Hausbuchmeisters. Es ist ungefähr eine Million Franken wert. Nein, den Gesamtwert der Bücher möchte ich, um noch ruhig schlafen zu können, lieber selber nicht wissen.
Der Raum ist ein Haus im Haus, mit eigenem Fundament, eigener Decke, 50 cm dicken Stahlbetonwänden, mit Alarmanlage gesichert. Er ist nach menschlicher Massgabe einbruchsicher, feuer- und wasserfest. Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind geregelt. In trockener Luft wirft sich Pergament leicht, so dass bei illuminierten Handschriften ganze Farbpartien herausbrechen könnten. Es soll ja nicht etwas, was so lange Bestand gehabt hat, jetzt durch Nachlässigkeit Schaden erleiden. Nicht so sehr um der materiellen Werte, sondern um des geistigen Kosmos willen ist es mir schon recht, wenn diesen Dingen nichts passiert.
Ich bin oft in dem Raum, sei es, um Interessenten Bücher zu zeigen, sei es, weil ich sie selber studieren will. Dann sitze ich schon auch einmal nur da und geniesse die Anwesenheit dieser Bücher. Die Ergriffenheit dessen, der sie zum erstenmal sieht, habe ich aber nicht mehr.
Wie viele Bücher es im ganzen Haus hat? Vielleicht 10 000, dazu noch etwa 6000 Bände Sekundärliteratur sowie gegen 20 000 Kataloge. In unserer deutschen Firma lagert das Zehn- bis Zwölffache davon. Als Antiquariat sind wir klein, als Händler von Handschriften sind wir, das darf man sagen, die grössten. Von den ungefähr 230 bis 250 mittelalterlichen Manuskripten, die weltweit auf dem Markt sind, sind 200 bei uns. Und niemand hat mehr als 10 oder 15 illustrierte Inkunabeln. Wir haben 80, und was für welche.
O doch, zum Bücherlesen komme ich schon noch. Auch neue Literatur, Martin Walser, Botho Strauss, Thomas Pynchon. Aber wenn man gewohnt ist, die Dinge an 2000 Jahren zu messen, dann fällt halt doch das meiste durch. Da komme ich, was das 20. Jahrhundert anbelangt, immer wieder auf meine Favoriten zurück, auf Doderer, Rudolf Borchardt, Karl Kraus, Musil und auf Leute, die keiner kennt, wie Albert Vigoleis Thelen. Dann Faulkner, Proust. Proust habe ich im Original und in zwei Übersetzungen gelesen.
Wir haben auch einmal in einer Mietwohnung gelebt, als Studenten, in Freiburg, ganz fremd ist mir das nicht. Eigentlich war es hübsch, aber eine Rückkehr wäre sehr hart. Dann müsste ich ja meinen Büchern Lebewohl sagen. Das könnte ich nicht. Da würde ich eher sterben.
Mein Traumraum? Wenn es denn noch eine Steigerung gäbe, dann die Schatzkammer der Bayrischen Staatsbibliothek mit dem Codex aureus von St. Emmeram, dem Perikopen-Buch Heinrichs II. und der Gutenberg-Bibel. So ist das halt bei uns: Unser Sohn träumt von einem Schäferhund, und ich träume von einer Gutenberg-Bibel.
Mein Albtraumraum? Ein Raum ohne Bücher. Nein: ein Raum, in dem man ohne Bücher bleiben müsste. Denn einen leeren Raum würde ich einfach sofort mit Büchern füllen.»