Rassismus beginnt im Kopf. Bevor Rassismus manifest wird, ist er latent. Nämlich versteckt, subtil, differenziert, verkleidet.Diesem verborgenen, alltäglichen Rassismus - als Nährboden für den offenen und gewalttätigen Rassismus - möchte ich nachspüren. Zum Beispiel in Langenthal Kanton Bern. Warum ausgerechnet in Langenthal? Es gibt keinen besonderen Grund, genausowenig, wie Langenthal ein besonderer Ort ist. Langenthal ist keine Ausnahme, Langenthal ist überall.
Drei Kilometer breit, vier Kilometer lang. 15 000 Einwohner. In Langenthal hat es 23 Agenturen von Versicherungsgesellschaften und 1 Pferdeversicherer, je 2 Metzger, Kirchgemeinden und Kinos, die sich mit Videotheken selber kaputt machen. Ferner je 3 Eheberater, Fitness-Center und Liegenschaftenhändler, 29 Ärzte, 2 Tierärzte und 1 Kinderärztin sowie 6 Malermeister und je 1 Vertrauensmaler, Korbflechter, Flugplatz, Fussballklub, psychiatrischer Stützpunkt, Waffenhändler, Bildhauer und Insider (für Versicherungs- und Finanzberatung) und 1 Regionalspital.
Während neun Tagen möchte ich, als Zürcher selber ein Fremder hier, möglichst genau beobachten und sorgfältig hinhören. Und mit den Leuten über ihre Befindlichkeiten gegenüber den Fremden reden - mit Schweizern genauso wie mit Ausländern. Denn manchem Ausländer sind manche Schweizer vielleicht ebenso fremd wie manchen Schweizern manche Ausländer. Frauen immer mit eingeschlossen.
Zum Beispiel die pensionierte Martha Oberli: «Ich höre sie abends manchmal nach Hause gehen. Die sind halt lauter als wir, die lafern halt rücksichtslos.» Gemeint sind tamilische Familien, die, neben Schweizer Familien, in Wohnblöcken der Nachbarschaft «horsten». Ob sie Kontakt zu ihnen habe? Fast empört über meine Frage: «Absolut keinen!» Ob sie von Ausländern in Langenthal schon einmal belästigt worden sei? «Nein. Ja, doch! Angebettelt von einer Frau mit einem Kind auf dem Arm. Sie sagte, sie habe kein Geld.» Martha Oberli wohnt an der Farbgasse in einem hübschen, alten Haus. Auf der Wiese nebenan plante die Gemeinde, eine Unterkunft für 60 Asylbewerber zu erstellen. Das schreckte sie auf: «Wenn wir im Sommer in den Garten möchten - wo wollen wir da noch sein?»
Sie schloss sich mit zwei Nachbarinnen zusammen und machte ein Joint venture mit dem Gewerbetreibenden Max Gerber, SVP, unter dessen Management eine Initiative gegen die geplante Unterkunft auf die Beine gestellt wurde. Sie kam locker zustande: 950 Unterschriften wären nötig gewesen, 1469 kamen zusammen. So viele Leute können nicht alle, auch beim besten Willen nicht, Nachbarn der geplanten Unterkunft sein.
«An sich haben wir nichts gegen eine Asylantenunterkunft», sagt Max Gerber, «wir sind nur gegen den Standort.» Nur gegen den Standort? «Dort ist es zu eng, da haben sie keinen Auslauf und nichts.» Und gerade nebenan wohne ja Frau Oberli «in dem schönen Haus, und hinten ist ja noch das schöne Doktorhaus». Immer wieder von heftigen Hustenanfällen unterbrochen, erklärt er, rauchend: «Man müsste ja nicht unbedingt diese Häuser durch ein Asylantenheim gefährden. Wenn ich die Zeitung lese, so passiert ja an allen Orten etwas, wo Asylantenheime sind.» Er meint Brandanschläge.
Was er denn von der Asyl- und Flüchtlingspolitik des Bundes halte, möchte ich von ihm wissen. Antwort: «Ich halte sie für eine Schweinerei.» Und: «Ich habe nichts gegen echte Flüchtlinge, aber siebzig Prozent sind Wirtschaftsflüchtlinge.» Und er erinnert sich an ein Erlebnis aus seinem Zivilschutzleben: «Ich musste letztes Jahr nach Brienz, um Bäumchen zu pflanzen. Da sah ich etwa zwanzig Asylbewerber, die im schönsten Hotel von Brienz untergebracht waren, beim Tschuten», während Max Gerber in der Zivilschutzanlage übernachten musste. «Das geht vielen Schweizern nicht mehr auf.» Wenn man sie wenigstens «zu einem vernünftigen Arbeitseinsatz verpflichten könnte», meint er, «dann kämen vermutlich viele schon gar nicht mehr hierher, weil sie etwas arbeiten müssten als Dank dafür, dass sie dableiben dürfen».
In einem Brief an die Gemeinde bringt ein Anwohner der Farbgasse die Sache mit der geplanten Unterkunft für Asylbewerber kurz und bündig auf den Punkt: «Hören Sie endlich auf, alles Mögliche und Unmögliche in der Farb zu placieren und zu deponieren; wir sind nicht der Abstell- und Müllplatz von Langenthal.»
Asylbewerber als eine Art Sondermüll zur Zwischendeponierung? Eine Anwohnerin drückt sich etwas poetischer aus. Sie befürchtet, «dass bei einem Brandanschlag die Enten, Tauben, Elstern und andere schöne Vögel» gefährdet sein könnten. Weder auf noch in der Nähe der fraglichen Parzelle Nr. 355 kann ich irgendwelches Federvieh entdecken. Nur Gras ist da.
Zynismus hat viele Gesichter. Auch der versteckte, «ganz normale» Rassismus, dem man «ja Schritt auf Tritt begegnen kann», wie Margrit Salm, Gemeindehelferin der reformierten Kirche, meint. Ich frage sie nach Beispielen. Sie denkt nach: «Da in Langenthal fallen mit eigentlich keine ein.»
Später dann doch. Als sie für eine tamilische Familie eine Wohnung suchte, musste sie «x-mal» hören: «Für Tamilen! Kommt überhaupt nicht in Frage!» Die Gründe: Tamilen seien «nicht so sauber, tragen keine Sorge zur Wohnung, die andern Leute im Haus würden das nicht so gerne sehen, weil Tamilen abends spät noch kochen». Dabei, so Margrit Salm, «sind sie im grossen und ganzen ja ruhige Leute, die Tamilen». Auch die Kinder seien «pflegeleicht», habe ihr die Hortleiterin gesagt. Einzig: «Sie haben halt gern Besuch, das kann man ihnen nicht nehmen, das gehört zu ihrer Kultur.»
Und da hat Margrit Salm im Moment gerade ein Problem. Sie möchte einer tamilischen Familie helfen, einen Raum zu finden, in dem sie eine Geburtstagsfeier für 80 Personen machen können. Da wird gekocht, und alle bezahlen etwas dran. Aber es ist kein Lokal zu finden. «Das stinke nachher nach Räucherstäbchen, noch tagelang», sagten die Leute zu Margrit Salm am Telefon.
Kürzlich sei ein Langenthaler mit seiner Frau zu ihr gekommen und habe seinen Kirchenaustritt erklärt, weil die Kirche das Geld ja nur den Asylanten gebe. Er habe zu Hause noch fünf Patronen. Die brauche er noch für diese «Cheibe». Sie hat ihm erklärt, dass sie die tamilische Familie privat betreut und für Kirchenaustritte als Gemeindehelferin nicht zuständig ist.
Langenthal ist ein beliebter Ort für Marketingspezialisten: als Testgelände für neue Produkte. Findet eine neue Guezli-Sorte Akzeptanz in Langenthal, so kann davon ausgegangen werden, dass das auch für die Restschweiz gilt. Und umgekehrt. Auffallend an Langenthal ist seine Unauffälligkeit. Und die Freundlichkeit der Leute. Sogar die Behörden sind nicht nur zugänglich, sondern ausgesprochen hilfsbereit. Kein (wie etwa in Zürich mitunter wahrnehmbares) Klima der Aggressivität und Gewalttätigkeit. Hier wird vor Fussgängern, die eine Strasse überqueren, nicht erst im letzten Moment hart gebremst. Keine Graffiti, keine Schmierereien.
Auf der Einwohnerkontrolle sind 12 172 Schweizer Bürger registriert und 2354 Ausländer, die sich in folgende Kategorien (!) aufteilen: Kategorien C und B (Niedergelassene und Jahresaufenthalter): 2185; Kategorien A und L (Saisonniers und Kurzaufenthalter): 65; Asylbewerber: 104.
Ein beliebtes Klischee lautet: die Asylbewerber kosten uns nur Geld. Von den 104 Asylbewerbern müssen 7 von der Gemeinde unterstützt werden, die andern 97 sind finanziell selbständig, sorgen also selber für Lebensunterhalt und Wohnungsmiete. Sie haben der Steuerverwaltung letztes Jahr insgesamt gut 100 000 Franken Quellensteuer abgeliefert. Der Delegierte für das Flüchtlingswesen, Peter Arbenz, schätzte kürzlich die gesamtschweizerischen Quellensteuerabgaben durch Asylbewerber und Asylanten auf etwa 60 Millionen Franken. Diese Zahl wäre noch deutlich höher, bestünde nicht für Asylbewerber während der ersten drei Monate ihres Hierseins ein Arbeitsverbot und wäre nicht der Arbeitsmarkt rezessionsbedingt überfüllt.
Ein weiteres beliebtes Klischee: sie klauen überall. Gemeint sind die Ausländer überhaupt, die Jugoslawen, die Türken, die Araber, die Asylbewerber. Ich will es genau wissen:
«Coop-Super-Center». Der stellvertretende Geschäftsführer nimmt mich mit in sein Büro, zieht einen Ordner aus dem Regal und sagt: «Machen Sie Striche.» Bilanz: wegen Diebstahls angezeigt wurden seit Anfang 1991 bis März 1992 insgesamt 82 Personen. Davon sind 60 Schweizer und Schweizerinnen, 15 Ausländer und 7 Ausländerinnen.
Kantonspolizei in Langenthal. Frage an den Postenchef Willy Nydegger: «Wo wird am meisten geklaut und von wem mehr: von Ausländern oder von Schweizern?» Antwort (ohne lange nachzudenken oder nachzusehen): «Im Coop-Center, von Ausländern. Eindeutig.» Ich konfrontiere ihn mit den Zahlen.
Er ist baff. Und er fragt sich, warum er sich so gründlich geirrt hat. Seine Erklärung ist zumindest nicht abwegig. Mit den Ausländern hätten sie, die Polizeibeamten, oftmals «ein grosses Gschtürm», da sie meistens, «vor allem die Jugoslawen und Türken, immer zuerst abstreiten», geklaut zu haben. «Weil wir mit den Ausländern mehr zu tun haben als mit den Schweizern», sei bei ihm wohl dieser falsche Eindruck entstanden, vermutet Willy Nydegger.
Bei der Lektüre einer Titelgeschichte im «Spiegel» über die Zuwanderung von Asylsuchenden («Sie kommen, ob wir wollen oder nicht») fällt mir die Sprachregelung auf. Die Rede ist von Ansturm, Asylantenflut, -strom, -zustrom, -welle, -anstieg, -lawine, -front. Beginnen sich jetzt auch Gewässerforscher, Lawinenexperten und Generäle mit Migrationsproblemen zu befassen?
Bisher sind Asylbewerber in Langenthal in Zimmern und Wohnungen von Privaten untergebracht worden, verstreut in der ganzen Stadt. Zusammen mit dem Sozialarbeiter Albert Weibel besuche ich eine Wohnung in einem zweigeschossigen Haus an der Thunstetterstrasse. Sechs junge Männer aus fünf Nationen (Somalia, Afghanistan, Pakistan, Bangladesh und China). Einer ist Hindu, die andern sind Muslime. Jeder hat ein Zimmer für sich, gemeinsam teilen sie Küche und Toilette. Freundlich werden Tee und Biskuits serviert.
Noch nie in meinem Leben habe ich eine so piccobello aufgeräumte Wohngemeinschaft gesehen. Nicht, dass da etwa eine extra Putzaktion gestartet worden wäre, das würde anders aussehen. «Who is the boss?» möchte ich wissen. Jeder zeigt auf den andern, grosses Gelächter. Tagsüber hat jeder seine Arbeit, nach Feierabend sind sie zu Hause. Keiner geht abends noch aus. Sie haben gehört, dass nachts manchmal Skins auf der Strasse herumlungern. Kollegen von ihnen seien schon verprügelt worden. Ob sie sich dennoch sicher fühlen hier?
Zuerst beschwören sie: «No problems for Ausländerpeople here. All is good.» Es widerstrebt ihnen offensichtlich, etwas Unhöfliches über das Land zu sagen, das ihnen Gastrecht gewährt. Dann sagen sie es doch, was mir fast alle andern Asylbewerber auch sagten: sie seien manchmal etwas beunruhigt über die Brandanschläge gegen Asylbewerberunterkünfte, von denen sie hören und lesen. Da schrecke man nachts halt manchmal auf, wenn man ein Geräusch höre, draussen vor dem Haus. Aber sonst gehe es ihnen gut: «No problems, all is good.»
Allabendliche Lektüre in meiner umfangreichen Dokumentation zum Thema Rassismus. Die Frage ist nicht, ob genügend informiert wird, sondern warum sie offenbar nicht gelesen werden, die klugen Erörterungen, Analysen, Expertenmeinungen. Eher ernüchternd, um nicht zu sagen erschütternd, sind gar manche Ratschläge, wenn es um die simple Frage geht: «Was tun gegen den Rassismus?»
«Interkulturelle Begegnungen und Erfahrungen machen», lese ich da von einem bekannten Fachmann für Flüchtlingsfragen, indem man «auf den Fremden zugehen, ihn ansprechen, zu einem Tee einladen, mit ihm reden» solle. Morgen früh gleich ausprobieren.
Marktgasse, Langenthal. Eine asiatisch aussehende Frau kommt auf mich zu. Ob ich sie zu einem Kaffee oder Tee einladen dürfe? Sie bleibt stehen und sagt: «Fuck yourself!» Ich gehe auf eine türkisch aussehende Frau mit einem Kopftuch zu und frage sie, ob ich ihr mit ihren schweren Einkaufstaschen behilflich sein kann. Und ob ich sie zu einem Tee einladen dürfe. Die Frau flieht, von Panik ergriffen.
Endlich habe ich Glück. Ein Jugoslawe ist bereit für einen Kaffee. Nach zehn Minuten will er mir sein altes Auto verkaufen. Fast alles sei neu daran: das Stereoradio/Kassettengerät, die Reifen, der Panoramarückspiegel, die Bremsen und die Zündkerzen. Ich erkläre ihm, dass ich schon ein Auto habe und kein anderes brauche. Er meint, ein Auto könne man immer brauchen. Ich kriege ihn nicht mehr los, er will meine Adresse. Und er beginnt mir auf die Nerven zu gehen, und wie! Ich muss schliesslich einsehen, dass auch ein Ausländer das Recht darauf hat, ein Arschloch zu sein.
Wollen die Fremden das eigentlich: dass man interkulturell auf sie zugeht, sie anspricht und zu einem Tee einlädt? Woher wissen das die kordialen Antirassisten, die sich lieber Menschenfreunde nennen, so, als wäre ein Menschenfreund eine Art modifizierter Tierfreund?
Eine dieser alltäglichen, hässlichen Szenen. Im Regionalzug nach Bern. Nach dem vierten Zwischenhalt bleibt der Kondukteur plötzlich wie angewurzelt stehen. Nicht vor mir, sondern vor den beiden Pakistani, die im Abteil neben mir sitzen. Etwas verunsichert schauen die beiden zu ihm hoch, dem weissen Mann, der schweigend dasteht wie einer, der herunterblickt auf zwei, die etwas ausgefressen haben. Endlich sagt der Kondukteur: «Mached scho, los!» Die beiden verstehen nicht. Der Kondukteur noch einmal: «Los, mached scho!» Diesmal mit gereiztem Unterton. Ob er wohl die Fahrkarten, die sie ihm schon nach der Abfahrt in Langenthal zeigten, noch einmal sehen möchte? Sie kramen nach ihren Billetten, zeigen sie her. Der Kondukteur: «Eis zwänzg!» Wieder verstehen sie nur Bahnhof und schauen sich ratlos an.
«Mached scho, los!» herrscht der Kondukteur sie zum drittenmal an, auf schweizerdeutsch, das sie ohnehin schlecht verstehen, und streckt seine offene Hand aus. Die Pakistani verstehen: es muss um Geld gehen. Sie greifen nach ihren flachen Geldbeuteln, zählen Münzen heraus, legen sie auf die hingestreckte Hand. Der Kondukteur zählt nach, hält seine Hand wieder hin und sagt, eine Spur zu laut: «Mached scho! Eis zwänzg!» Einer legt noch eine Münze dazu. Der Kondukteur steckt sie ein, schreibt fein säuberlich ein Zettelchen, streckt es hin und geht. Kein Gruss, kein Adieu, keine Erklärung. Nur ein schweigender Abgang. Ende der Szene. Es fiel keine einzige rassistische Bemerkung.
Meine Wut über die herablassende Behandlung, die Arroganz und die demonstrative Unfreundlichkeit gegenüber den beiden Fremden ist gross. Am grössten ist sie auf mich selber: dass ich nicht eingegriffen habe, nur Voyeur geblieben bin.
Restaurant Stadthof. In der Küche arbeiten zwei tamilische Asylbewerber, zur vollen Zufriedenheit von Peter Hässig, dem Wirt. Er hat sie auch kochen gelehrt. Niemand habe bisher wegen des Essens reklamiert, «obwohl es die Gäste nicht so gern sehen», wenn Tamilen in der Küche sind. «Sie sind pünktlich, trinken keinen Alkohol, rauchen nicht, fluchen nicht, machen kein Gschtürm, sie sind freundlich und nett und lachen immer.» Und er sagt es ohne Umschweife: «Wenn wir die Asylbewerber nicht hätten, könnten wir das halbe Gastgewerbe schliessen.»
Einziges Problem: Nachts, nach der Arbeit, «haben sie Angst, nach Hause zu gehen». Sie wurden einmal angegriffen, «von jungen Typen mit Bomberjacken. Da rannten sie um ihr Leben.» Ein Freund der beiden Tamilen sei kürzlich zusammengeschlagen worden, «von Skins. Spitalreif.» Jetzt habe er ihnen Velos gekauft, damit sie nachts auf Umwegen nach Hause fahren können. «Damit fühlen sie sich sicherer.» Von einem andern Wirt weiss Peter Hässig, dass er seine Küchengehilfen aus Sri Lanka, die auf dem Heimweg schon verprügelt wurden, jetzt jede Nacht nach Hause fährt. «Sie haben einfach Angst.»
Blöde Sprüche über Tamilen duldet Peter Hässig nicht in seinem Restaurant. Genausowenig wie Skins und Rechtsextremisten. Kürzlich seien einige hereingekommen, hätten die Arme hochgerissen und «Sieg Heil!» geschrien. «Die habe ich gleich rausgeworfen.»
Zu Besuch bei Brigit Maniccam, Mutter von zwei kleinen Kindern, verheiratet mit einem Tamilen. Gemeinsam führen sie ein Lädeli mit tamilischen Spezialitäten. Als kürzlich ihr Mann Illamurugan den Laden verlassen wollte, stand draussen ein Auto. Der Fahrer kurbelte das Fenster herunter, schaute Illamurugan an, deutete mit dem gestreckten Zeigefinger einen Schnitt durch die Gurgel an und fuhr davon.
Die Soziologiestudentin Dorothea Navaratnam ist ebenfalls mit einem Tamilen verheiratet. Sie hat ihren Mann Satheeskumar als Mitarbeiterin im Durchgangszentrum Roggwil kennengelernt. Rassistische Erlebnisse? Dumme Sprüche halt manchmal, sagt Dorothea. «Eine Amsel und ein Fink paaren sich schliesslich auch nicht», habe vor ein paar Wochen an einem Fest jemand gesagt. Satheeskumar hat keine Angst vor den Skins und «Faschos», wie sie auch in Langenthal genannt werden. Er flüchtet nicht, wenn sie nachts auf der Strasse lauern, er geht auf sie zu. Sahteeskumar hat Erfahrung im Nahkampf, er war früher bei den «Tamil Tigers». «Ich mache nie den ersten Schlag», sagt er. Inzwischen ist er in Langenthal gewissermassen zum Spezialisten für den zweiten Schlag geworden.
Die Skins und Faschos hält er für Spinner, für aggressive Bubis, und er lacht über sie. Es gefällt ihm in der Schweiz, nur die Polizei, findet er, sei zu parteiisch. «Wenn sie bei einer Schlägerei mit Skins kommen, dann gehen sie immer zuerst auf mich los. Für die Polizisten ist immer schon zum vornherein klar, wer den Streit begonnen hat: der Ausländer.»
Über den Notfallarzt im Spital habe er sich kürzlich gefreut. Während sein Kollege nach einer Schlägerei mit Skins genäht werden musste, seien Polizisten in die Notfallstation gekommen und hätten den Arzt gefragt: «Haben Sie Tamilen da?» Der Arzt habe geantwortet: «Ich habe keine Tamilen da, sondern Patienten.» Da seien sie wieder gegangen.
Während der Fasnachtszeit gab es eine Anschlagsdrohung «gegen eine Asylantenunterkunft». Es passierte nichts. Jetzt gibt es eine neue. Ob er davon gehört habe, möchte ich von Albert Weibel wissen, der unter anderem verantwortlich ist für die Betreuung von Asylbewerbern. Er ist überrascht, dass ich davon weiss.
Ja, er habe das auch erfahren, und er ist besorgt. Zwar hat er sogleich die Polizei informiert. Doch weiss er nicht recht, wie er sich gegenüber den Asylbewerbern verhalten soll. Orientiert er sie über die Drohung, riskiert er, dass er ihre Angst vor Anschlägen noch verstärkt. Sagt er ihnen nichts, so müsste er sich Vorwürfe machen, falls etwas passiert. Noch sind die Anschläge in den Nachbardörfern Lotzwil und Roggwil vom letzten November und Dezember nicht vergessen. Die Angst geht um im Städtchen.
Das Flüchtlingszentrum SRK in Roggwil wurde im Dezember heimgesucht. Die jugendlichen Täter kamen mit Autos, die sie etwas abseits abstellten. Den Plan, beim Flüchtlingszentrum ein bisschen Stunk zu machen, fassten sie im Laufe des Abends. Kurz vor Mitternacht ging's los: Stürmung der Eingangstür mit Pfählen und schweren Stiefeln, begleitet von «Sieg Heil»-Rufen. Ausser dass sie Angst und Schrecken verbreitet haben, passierte nichts.
Ein junger Vater erzählt von einem Waldspaziergang vor ein paar Monaten: «Als ich mit meiner kleinen Tochter zur Waldhütte kam, formierten sich etwa zehn Faschos dem Weg entlang in ein Glied, schrien mit ausgestreckten Armen «Sieg Heil» und begannen eine Hymne zu singen.» Ausser dass sie Angst und Schrecken verbreiteten, passierte nichts.
Lotzwil, Kantonspolizeiposten. Ich frage nach dem Haus, auf das im November ein Brandanschlag verübt wurde, der von den tamilischen Bewohnern gelöscht werden konnte. Was haben die Ermittlungen bisher ergeben? Die seien noch nicht abgeschlossen, darüber könne man nichts sagen. «Es ist ja nichts passiert», meint der Beamte, und er glaubt, dass es ein Einzeltäter war. «Das könne auch ein Ausländer gewesen sein, die haben gäng Streit miteinander.» Auch die Tamilen, «die haben einander die Velos in den Bach geworfen», sagt er und lacht.
Immer wieder, schon seit Tagen, frage ich nach den Langenthaler Skins, und immer wieder, schon seit Tagen, stosse ich auf eine Mauer des Schweigens. «Das wird hochgespielt», glaubt etwa Bernhard Moor, Gemeindepolizist. Die habe es früher gegeben, «doch in letzter Zeit waren sie nicht mehr aktiv, nicht hier, nur auswärts», sagt Willy Nydegger, Postenchef der Kantonspolizei. Namen will niemand kennen. Ich besorge sie mir auswärts, bei Journalisten in Zürich und Bern.
Warum der Hass ausgerechnet auf die Tamilen, die in Langenthal Zielscheibe ihrer Aggression sind? Ich möchte die Skins einzeln kennenlernen, nicht in der Gruppe. Ich möchte die Antworten vom Einzelnen hören, ohne dass er den Rückhalt der Gruppe hat.
Anruf bei einem auch der Polizei mehrfach bekannten Skin: Ich schreibe an einer Geschichte, möchte ihn kennenlernen, ob wir uns zu einem Bier treffen könnten? Antwort: «Da muss ich erst die andern fragen.»
Anruf bei einem zweiten, der Polizei ebenfalls wohlbekannten Skin. Antwort. «Vergessen Sie's. Adieu!» Klack. Und so geht es weiter.
Unverhofft ein heisser Tip, wo ich sie finden kann: «In der Pizzeria Pinocchio, erster Tisch neben der Tür. Da treffen sie sich jeden Freitagabend.» Wie bitte? Ausgerechnet im «Pinocchio», das vor allem von Ausländern besucht wird? Und niemand wollte bisher etwas wissen von Skins, da es sie nicht mehr gebe?
«Pinocchio», Freitag abend. Ich setze mich an den Nebentisch unter die Tafel mit dem alternativen Angebot für Gäste, die italienische Küche weniger mögen: «Hitburger und Pommes frites 10.50, 2-l-Bierkrug 13.?».
Und da sitzen sie also bei ihrer Séance. Bomberjacken, aufgenähte Abzeichen, kurzer Haarschnitt, Bierkrüge. Das gehört zum Ritual. Genauso wie die schweren Stiefel. Oder die schnellen Turnschuhe, mit denen sich schneller sprinten lässt. Keiner beachtet mich. Nur dem Wirt, der mich eine Zeitlang scharf beobachtet, scheine ich nicht ganz geheuer. Vielleicht, weil ich genauso unauffällig gekleidet bin wie ein Polizist in Zivil: schwarze Lederjacke, Jeans, Pulli, Swatch.
Noch ist die Stimmung wenig aufgeheizt, noch ist keiner betrunken, noch wird nur geplaudert. Etwa über «eine Journalistensau», die angerufen habe. Vergessen Sie's, habe ich gesagt und aufgehängt.» Gelächter. «Prost!», sagt ein anderer. «Letzthin», so ein dritter, «habe ich einem gesagt, Ausländer sind alle Maden und Ungeziefer. Aber geschrieben hat die Zeitung das nicht. Ich will, dass die Zeitungen schreiben, was ich sage. Deshalb sage ich nichts mehr.»
Wie es gewesen sei in Bellinzona, will einer wissen. Der Bericht über den Besuch eines Fussballspiels besteht aus zwei Sätzen: «Die Jacke total zerrissen. Aber so einer Sau hat es den halben Finger abgerissen.» Mit der Sau ist diesmal ein Ausländer gemeint. «Prost!»
Einer zieht eine Tränengas-Spraypatrone aus der Jacke, zeigt sie herum. Sie ist zur Tarnung mit der Banderole eines Sprayleims versehen. Woher er das Ding habe, will einer wissen. «Us em Dütsche uss, 40 Demark.» Er hält die Patrone einem andern vors Gesicht: «De Seich isch nume: drücksch zwoimou druf, de isch dä Siech scho läär.» Was denn drin sei, möchte einer wissen. «CS», und er steckt die Patrone wieder weg. CS ist ein aggressives Kampfgas, das die Netzhaut verätzt, wenn es in die Augen gespritzt wird.
Langsam, aber sicher spüre ich, dass jetzt auch bei mir feindliche Gefühle hochkommen. Ja, ich möchte am liebsten jedem einzeln die Fresse polieren, wäre ich fit genug dazu. Ja, ich hasse sie, die kurzgeschorenen Köpfe da drüben am Tisch. Prost!
Zum Schluss wenigstens ein Trost. Im Hort an der Krippenstrasse verbringen Kinder im Alter von 2 Monaten bis 6 Jahren, darunter Ausländerkinder aus 7 Nationen, ihre Tage einträchtig zusammen. Rassismus, das steht fest, ist nicht naturgegeben. Rassismus beginnt im Kopf.
Kurt Gloor ist Filmemacher und Journalist in Zürich.