Der Markt hat recht. Bauern können heute in der Schweiz einfach nicht mehr soviel verdienen wie früher. Gerade ein Vergnügen ist es für den Ökonomen allerdings nicht, dem Bauern plausibel zu machen, warum in diesem Jahr die Preise für Weizen, Fleisch und Milch wohl ein weiteres Mal fallen müssen. Schliesslich ist er hier zu Gast, will er seine «Ferien auf dem Bauernhof» geniessen; er hat keine Lust, mutwillig die gute Stimmung zu stören. Dennoch - es wäre unehrlich, zu allem nur zu nicken. So sucht er dem Bauern vorzurechnen, wieviel dessen Tätigkeit die Allgemeinheit eigentlich kostet, zitiert er möglichst schonend die Zahlen der OECD, wonach die hiesige Landwirtschaft ihre Einnahmen zu vier Fünfteln staatlichen Schutzmassnahmen zu verdanken hat. Vor dreissig Jahren - allerdings lagen da auch die Löhne noch weit tiefer - kostete ein Kilo Emmentaler gut 7 Franken, heute kostet es um die 18 Franken; der Preis für ein Kilo mittelprächtiges Rindfleisch hat sich in der gleichen Zeit von etwa 8 Franken auf gut das Doppelte erhöht. Er sucht darzulegen, dass die Weltmarktpreise keineswegs eine Erfindung der Ökonomen sind und wie billig die Nahrungsmittel eigentlich zu haben wären, liesse man sie frei über die Grenze kommen.
So war Butter an der Landesgrenze schon für zwei Franken pro Kilo zu haben, importierter Weizen kostet gegenwärtig etwa einen Drittel des einheimischen, und für billiges Fleisch fahren ganze Scharen nach Frankreich. Solche Preise zeigen deutlich, dass die Nahrungsmittel weit weniger knapp sind, als es die Schweizer Landwirte gerne hätten. Was der Ökonom seinen Studenten täglich als Kompass der Wirtschaftswissenschaften vor Augen zu führen versucht, bringt er in seinen Ferien nun auch noch dem Bauern nahe, dessen Einkommen direkt von Preisen abhängt. Der Refrain geht noch leicht von der Zunge: Preise bringen Angebot und Nachfrage in Übereinstimmung; wie Wegweiser deuten sie an, wo Gewinne winken und wo man besser nicht investiert. Und sie zwingen jene, die zu teuer produzieren, zum Ausscheiden aus der Branche, sagt der ausgeruhte Gast zum Bauern, der sich nach zwölf Stunden Arbeit zu ihm gesetzt hat.
Dies klingt auch deshalb hart in des Bauern Ohren, weil er sich seit der Übernahme des Hofes vor zwanzig Jahren durch etliche finanzielle Engpässe geschlängelt und dabei immer geglaubt hat, er habe bei Gebäuderenovation und Maschinenkäufen jeweils vorausschauend kalkuliert. Schliesslich sind in dieser Zeit seine Kosten weit stärker gestiegen als die Produktepreise, die heute im Schnitt nur etwa 20 Prozent über den damaligen Ansätzen liegen. Die Preise für Schweine haben sogar nachgegeben. Nun also muss er - dies merkt er auch ohne die Belehrungen - aus nachgebenden Produktepreisen ablesen, dass es offenbar immer weniger sinnvoll ist, in einem Land wie der Schweiz traditionelle Nahrungsmittel zu produzieren. Dass er zurückstecken soll, kommt ihm vor allem dann ungerecht vor, wenn er all die Angestellten und Beamten rundherum betrachtet, die jedes Jahr mehr verdienen. Und beileibe nicht alle von ihnen haben sich an ihrem Arbeitsplatz so abgemüht wie er - auch viele der Bürokraten nicht, die an den Preisen für seine Produkte herumbasteln und nun die Marktkräfte entfesseln wollen. Bestraft soll der Bauer also dafür werden, dass er sich an einem jahrzehntelangen Rennen beteiligt hat, in welchem die Landwirtschaft mit immer weniger Personal immer höhere Erträge und immer perfektere Produkte aus dem Boden holte.
Des Ökonomen leise Frage, ob er sich nicht vielleicht für ein anderes Rennen anmelden möchte, geht vorerst in der bäuerlichen Argumentenflut unter: Weltmarktpreise würden, sollten sie kommen, hierzulande weit mehr wegfegen als nur eine teure Produktionsmaschine für Nahrungsmittel. Dass die Landwirte nicht nur Nahrungsmittel produzieren, sondern auch die Landschaft pflegen oder für den Fall von Versorgungskrisen eine Art Versicherung sind, kann der Ökonom nicht abstreiten, ebensowenig die Tatsache, dass Grossverteiler und Konsumenten solche Leistungen nie freiwillig über den Produktepreis honorieren würden. Die Vergangenheit sollte doch hinlänglich gezeigt haben, dass die Leute im Laden meist nur für uniforme Gurken, makellose Kartoffeln und blendende Äpfel etwas zu zahlen bereit sind.
Zudem dürfte mittlerweile klar sein, dass unter den herrschenden Marktregeln die Transportkosten zu tief sind, weil die Transporteure bei weitem nicht für alle Belastungen aufkommen müssen, die sie der Umwelt aufbürden. Auch wenn niemand genau beziffern kann, wie gross die Differenz zu den «ökologisch ehrlichen» Ansätzen ist, findet es der Bauer ziemlich fehl am Platz, die sogenannten Weltmarktpreise, solch unfaire Dumpingpreise, zum Leistungsmassstab für seine Branche zu nehmen. Unverständlich ist ihm zudem, dass man ausländischen Lieferanten den Weg ins Land ebnen will, während die einheimischen Landwirte Vorschriften befolgen müssen, die im Ausland nicht gelten; dass sie höhere Löhne bezahlen als ihre ausländischen Kollegen; dass sie Maschinen, Dünger und Hilfsmittel teurer einkaufen müssen; dass sie einen teureren Boden beackern.
Und wenn man schon die Preise der Landwirte zurückstutzen will, möchte der Bauer zumindest auch die hiesigen Verarbeiter unter Beobachtung wissen, machen doch die Rohprodukte oft nur einen geringen Teil des späteren Ladenpreises aus. Kartoffeln etwa können allein dadurch ihren Preis verdreifachen, dass sie ungewaschen in ein Säcklein schlüpfen. Milchprodukte wären selbst dann nicht so billig zu kaufen wie im nahen Ausland, wenn die Verarbeiter die Milch von den Bauern geschenkt erhielten. Und von all den offiziellen Stützungsmassnahmen kommt nur etwa die Hälfte auf den Höfen an, der Rest bleibt sonstwo hängen. Und schliesslich: wozu ein solches Aufhebens um die Agrarpreise, wo doch die Nahrungsmittelkäufe nur noch gegen 14 Prozent der Haushaltsausgaben ausmachen, während sie vor dreissig Jahren noch fast 30 Prozent des Budgets absorbiert hatten. Heute gibt man für Versicherungen oft mehr aus als für Nahrungsmittel, aber bei keiner Prämienerhöhung wird so lamentiert wie bei einer Erhöhung des Milchpreises um fünf Rappen.
Wenn die Richtung falsch ist, findet der Ökonom eben auch einen Fünf-Rappen-Schritt schlimm, denn auch dieser führt näher an jenen Abgrund, der sich bei einer Hochpreispolitik früher oder später auftut. In ein anderes Rennen umzusteigen wäre also tatsächlich keine schlechte Idee. Preise können nicht Märkte im Gleichgewicht halten und zugleich Einkommen garantieren. Grundsätzlich müssen, erläutert er, jene Branchen, die ihre Produktivität überdurchschnittlich steigern, schneller schrumpfen als andere Zweige, sonst gibt es eine Überschwemmung. Schrumpfen ist das Schicksal einer Landwirtschaft, die immer produktiver wird. Denn die Bauern haben technischen Fortschritt in Form von Züchtung, Dünger, Maschinen, Chemie oder moderner Biotechnologie so findig genutzt und ihre Produkte dadurch so reichlich auf die Märkte zu werfen vermocht, dass die zahlungsfähige Bevölkerung immer wählerischer werden und auf die Preise drücken konnte.
Spielen die Märkte so frei wie in Australien oder Nordamerika, so erodieren Erfindergeist und Fleiss die Preise und Einkommen in der Branche nämlich rasch. Wenn Forscher oder Landwirte neue Verfahren oder Sorten anwenden, fällt schnell auf, dass damit höhere Erträge zu erzielen sind. Die Nachahmer sind rasch zahlreich, und bald wird das Neue zur Normalität - nur eben bei tieferen Kosten und Absatzpreisen. Zur Freude der Konsumenten und zum Leidwesen der Bauern müssen somit die Produktivitätsfortschritte der Landwirtschaft im Prinzip weitgehend an die Abnehmer weitergegeben werden. Einfach immer mehr zu produzieren bringt die Landwirtschaft einkommensmässig also kaum vorwärts - sofern nicht jemand die Preise gewaltsam hoch hält. Genau das haben die Bauernvertreter aber in den fünfziger Jahren mit der gesetzlich verankerten Versicherung gegen Einkommenseinbrüche erreicht. Im schweizerischen Landwirtschaftsgesetz wurde - wozu Erinnerungen an die Krise des Zweiten Weltkrieges einiges beigetragen haben - seinerzeit versprochen, dass sich bäuerliche Einkommen künftig etwa gleich entwickeln sollen wie die Löhne der übrigen Branchen. Erreichen wollte man dies über die Garantie kostendeckender Abnahmepreise. Dieser so versprochene Paritätslohn war denn auch über Jahrzehnte hinweg der Massstab, an dem sich die offiziellen Agrarpreise zu messen hatten.
Dass man damit eine Zeitbombe geschärft hatte, zeigte sich, als die Produktepreise bald darauf ihre Fähigkeit verloren, Anbieter und Nachfrager miteinander ins Gespräch zu bringen. Denn um die Bauern einkommensmässig nicht hinter die übrigen Branchen zurückfallen zu lassen, wurden viele Abnahmepreise fast Jahr für Jahr erhöht. Dass die Agrarpolitiker lange Zeit fast nur dieses eine Instrument zur Einkommenspflege gebrauchten und missbrauchten, führte dazu, dass Angebot und Nachfrage immer weiter auseinanderklafften. Unter dem Befehl von Politikern, Bundesrat und Verwaltung sahen die Milchpreise beispielsweise sozusagen tatenlos zu, wie Butterberge und Milchseen entstanden. Als dann die Milchmenge in den siebziger Jahren praktisch ausser Kontrolle geriet, begrenzte man jene Menge Milch, die ein Bauer zum offiziellen Preis abliefern durfte, und vergab die Eintrittskarten zu diesem lukrativen Zweig nach willkürlichen Kriterien.
Auf offizieller Seite begriff man die Landwirtschaftspolitik lange Zeit als Feinmechanik: Man drehte an den Preisen wie an Rädchen, Einfuhrbegrenzungen waren ergänzende Schieberchen, und Exportsubventionen für Überschüsse, etwa Käse, dienten als Ventile. Die Nahrungsmittelpreise stiegen immer weiter über jenes Niveau, das sich bei freiem Warenverkehr ergeben hätte. Die Kosten daraus bürdete man Steuerzahlern und Konsumenten auf, wobei sich die Politiker bei der Aufteilung dieser Lasten ebenfalls in Feinmechanik übten: Murrten die Konsumenten, verlagerte man die Belastung etwas stärker auf die Bundeskasse. Wuchs der Aufwand des Bundes allzu auffällig, spannte man die Konsumenten wieder ein bisschen stärker ein.
Am meisten stört den Ökonomen am Ganzen, dass die verdrehten Preise weiterhin ihre (falschen) Signale aussenden. Die Schweizer Landwirtschaftsprodukte sind oft zwei- bis dreimal teurer als jene in der EU, von den Weltmarktpreisen gar nicht zu reden. Während Preise in freieren Märkten Nachfragern und Anbietern als Orientierungshilfe dienen, führen sie unter dem Diktat der schweizerischen Landwirtschaftspolitik die Bauern fast zwangsläufig in die Irre. Die Politiker haben die Wegweiser verstellt, so dass die hohen Preise den Bauern eine Nachfrage vortäuschen, die es nicht gibt. Genauso, wie Irrlichter im Moor den Wanderer in den Sumpf locken, haben die dauernd steigenden Abnahmepreise viele Landwirte zu Investitionen verleitet, die sie bald bereuen könnten.
Dass auch der Bauer, bei dem der Ökonom zu Gast weilt, auf die verlockenden Preisanreize reagiert hat - wie es unter Unternehmern üblich ist -, kann er ihm kaum verübeln: Wer ein Sensorium fürs Geschäftliche hat, liest aus steigenden Preisen eben heraus, dass ein Engagement sich da lohnt. So hat der Bauer in all den Jahren steigender Preise aus Boden und Stall und den eigenen Kräften herausgeholt, was herauszuholen war, und sich dabei stets als echter Unternehmer gefühlt. Denn ob die Preise nun «da oben» oder in Märkten gemacht wurden - es gab immer noch genügend Unsicherheiten zu parieren. Und lange Zeit hat sich das Rennen um hohe Erträge ja gelohnt, hat es den Landwirten ein wachsendes Einkommen beschert.
Gewiss, allmählich sieht der Bauer ein, dass die Preise für die Massenprodukte sich dem ausländischen Niveau tatsächlich wohl weiter annähern müssen, wenn man sich das Wohlwollen der Bevölkerung erhalten will. Dann möchte er aber die als wertvoll eingestuften Nebenleistungen der Bauern, ökologisches Wirtschaften etwa, durch direkte Einkommenszuschüsse abgegolten sehen, wie es Agrarökonomen seit langem vorschlagen. Der jüngsten Wendung der Agrarpolitik in diese Richtung traut er indessen nicht ganz, denn bei der Frage, was nun alles auf diesem neuen Weg zu honorieren sei, tun sich riesige Ermessensspielräume auf. Wie entzückt müssen die Exponenten der Agrarpolitik sein, wenn sie die tausend Hebel und Hebelchen erblicken, über welche sie Entschädigungen für Brachflächen, Güllemengen oder Baumstammhöhen in ihre Gewalt bringen können.
Der Bauer selber wird ab morgen also etwas entschlossener nach neuen Marktnischen suchen, nach Leuten ausschauen, die beispielsweise für artgerechtere Haltung von Tieren etwas zu zahlen bereit sind. - Und welch hübsche Zusatznische sich doch eröffnen könnte, wenn er agrarökonomische Fachgespräche mit Gästen künftig separat verrechnen würde.
Beat Gygi ist NZZ-Wirtschaftskorrespondent in Bonn.