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NZZ Folio 06/08 - Thema: Perlen aus dem Internet   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Friedrich II., das Staunen der Welt

© Angelo Boog
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Von Wolf Schneider

Aus den vielen Kaisern des Mittelalters, die wir nur mühsam auseinanderhalten können, ragt einer turmhoch heraus: Friedrich II. von Hohenstaufen (1194 bis 1250), König von Sizilien und Jerusalem, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation – nach Jacob Burckhardt «der erste moderne Mensch auf dem Throne» und von vielen Untertanen noch lange nach seinem Tod als «Retter der Welt» erwartet.

Friedrich unternahm einen Kreuzzug, überstand die üblichen Intrigen der deutschen Fürsten, unterwarf sich mit den für seine Zeit typischen Kriegen grosse Teile Italiens und wurde zweimal vom Papst in Acht und Bann erklärt – und dies, obwohl er sich zunächst sehr kirchentreu verhalten, nämlich für Ketzer den Tod durch Feuer angeordnet hatte. Uns geht er nur mit dem etwas an, was er in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens unter den Augen einer teils bewundernden, teils erschrockenen Umwelt leistete.

Er schuf eine perfekte Staatsverwaltung, die über Jahrhunderte als Vorbild galt. Er entwarf mit eigener Hand an die zweihundert Kastelle, Lustschlösser und Jagdhäuser auf Sizilien, in Kalabrien und im Elsass, wählte die Baumeister aus und überwachte die Ausführung; das achttürmige Castel del Monte in Apulien, vom Felsendom in Jerusalem inspiriert, kündet noch heute von Friedrichs Willen zur Vollkommenheit. Er liess sich von den Anfängen der Gotik in den Kathedralen von Paris und Chartres berichten und steuerte seine Impressionen aus dem Morgenland bei.

Seinen Hof in Palermo machte der Kaiser zum Treffpunkt arabischer und jüdischer Gelehrter, mit denen er in ihren Muttersprachen plauderte; geistreich in der Konversation, gewalttätig im Jähzorn, ein sarkastischer Intellektueller von unermüdlichem Wissensdrang. Er korrespondierte mit Sultanen, Philosophen und Wissenschaftern der gesamten arabischen Welt; in Pisa liess er sich von ­einem berühmten Mathematiker unterweisen; er gründete eine Dichterschule, schrieb Gedichte, von denen vier erhalten sind, und war laut Dante der Vater der italienischen Poesie.

Einen Taucher liess Friedrich für sich arbeiten, der ihm Tiere, Pflanzen, Steine vom Meeresgrund heraufbrachte. Einen Zoo legte er an, um das Verhalten exotischer Tiere zu studieren, mit einer Giraffe und einem Elefanten. Er züchtete Falken, richtete sie zur Jagd ab und schrieb das Buch «Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen», das er eigenhändig illustrierte. Es beginnt mit dem Satz, der noch heute Kraft hat, im 13.?Jahrhundert aber eine Ketzerei ohnegleichen war: «Es ist die Absicht dieses Buches, die Dinge, die sind, so darzustellen, wie sie sind.» Es war dieser Satz, mit dem Friedrich das Tor zur Moderne aufstiess.

Galten nicht alle philosophischen Probleme als durch Aristoteles ein für alle Mal gelöst? Hatte nicht der Kirchenvater Augustinus geschrieben: «Die Autorität der Kirche ist stärker als die Kraft des menschlichen Geistes»? Hatte nicht erst 1163 das Konzil von Tours allen Geistlichen «das Studium der Physik und der Weltgesetze» bei Strafe der Exkommunikation verboten? Warum sollte man nach «Naturgesetzen» fahnden, wenn doch Gott die Macht besass, sie beliebig zu verändern? Und nun wollte der Kaiser die Dinge darstellen, «wie sie sind», ja seine Beobachtungen versuchte er durch Experimente abzusichern! Papst Gregor IX. nannte ihn den «König der Pestilenz»: Den Menschen wolle er weismachen, sie sollten nichts glauben, was nicht durch Natur und Vernunft bewiesen werden kann.

Die Experimente tragen freilich noch für uns unheimliche Züge. Einem Falken nähte Friedrich die Augen zu, um zu beweisen, dass Falken ihre Beute nur sehen und nicht wittern können. Auch vor Menschenversuchen schreckte er nicht zurück: Der Mönch Salimbene von Parma berichtete in seiner «Chronik», der Kaiser habe etliche Neugeborene ihren Müttern wegnehmen lassen und sie Ammen übergeben, die niemals mit ihnen sprechen durften. In welcher Sprache würden diese Kinder zu reden beginnen? Hebräisch, das bis ins 18.?Jahrhundert als die «Ursprache» galt? Oder Griechisch oder Arabisch oder in der Sprache ihrer Eltern? Wir wissen heute, dass isoliert aufgewachsene Menschen nur primitive Anfänge einer Wortsprache entwickeln können; der Kaiser erfuhr es nicht, denn die Kinder starben, bevor sie sprechen konnten.

Auch soll Friedrich angeordnet haben, einen Mann lebend in ein Fass einzuschliessen, um zu prüfen, ob seine Seele dem Fass entweichen würde, wenn er starb; und zwei Männern den Bauch aufzuschneiden, um herauszufinden, welcher von beiden ein gemeinsames Mahl besser verdaut hatte: der, der danach hatte ruhen, oder der, der hatte rennen müssen. Die Grausamkeit war mittelalterlich; doch dass der Kaiser der Erfahrung zum Sieg über den Glauben verhalf, markiert eine Zäsur in der Geschichte des Abendlands. Für den englischen Benediktinermönch Matthäus, seinen Zeitgenossen, war Friedrich immutator mirabilis et stupor mundi: bewundernswerter Veränderer und das Staunen der Welt.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).



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