Jeder von uns hat vielleicht schon einmal versucht, eine besondere körperliche Eigenschaft zwischen Mitgliedern seiner eigenen Familie zu vergleichen und über Generationen hinweg zu verfolgen. Von alters her haben dabei auffällige Merkmale des Gesichts, der Haare und der Haut oder bestimmte Krankheiten hohe Aufmerksamkeit erhalten. Für aussergewöhnliche Merkmale in Familien des Hochadels haben sich die Wissenschafter stets ganz besonders interessiert, da sie dank oft einzigartig dokumentierter Genealogien eine methodische Möglichkeit erhielten, die Vererbung dieser Merkmale zu studieren. So bilden die besonderen Kopf- und Gesichtsmerkmale der Habsburger in Verbindung mit den weit verzweigten Stammbäumen für die Genetiker seit langem ein ergiebiges Studienobjekt. Ein früher Vertreter dieser Gelehrten, der ungarische Graf Theodor Zichy, fasste 1898 wohl als erster die auffälligen Kopf- und Gesichtsmerkmale der Habsburger zu einem «Familientyp» zusammen.
Spätere Forscher stimmten seinen Beobachtungen zu: Das grosse, nach unten spitz zulaufende und markant vorstehende Kinn ist ein Merkmal vieler Mitglieder des habsburgischen Herrscherhauses. In der heutigen Medizin spricht man von mandibulärer Progenie, die häufig auch zu einem Vorstehen der unteren Zähne führt. Betrachtet man alte Portraits und Fotografien der Habsburger, hat man keine Schwierigkeiten, dieses Merkmal wiederzuerkennen. Den Portraitmalern der Renaissance oder der Barockzeit mag es ein besonderes Anliegen gewesen sein, gerade derartig charakteristische Gesichtsmerkmale akkurat festzuhalten.
Vor zwei Jahren hat Harald Sander in seiner zahnmedizinischen Dissertation den Vererbungsmodus der mandibulären Progenie der Habsburger erneut analysiert. In einer erweiterten Studie hat er den Schluss gezogen, dass die Progenie von einem dominanten Gen mit hoher Penetranz gesteuert wird - das heisst, das Merkmal wird fast durchwegs direkt von einer Generation auf die nächste vererbt. Dem aufmerksamen Betrachter der Habsburger-Portraits fallen neben dem markanten Kinn als weitere eindrückliche Merkmale auch die fleischig verdickte Unterlippe, die flachen Wangenbeine, die grosse und gebogene Nase, die mitunter stark hervortretenden Augäpfel, der lange Kopf sowie das hohe und sehr schmale Gesicht auf. Es liegt hier ein fast geschlossener Merkmalskomplex vor.
Ganz ausgeprägte Vertreter dieses «Familientyps» sind zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert Maximilian I. von Habsburg, Karl V., Matthias I., Karl II. und Leopold I. Aber Harald Sander hat den Stammbaum der Habsburger, der mindestens 13 Familien mit 409 Mitgliedern umfasst, über 23 Generationen zurückverfolgt und die Merkmalsträger der Progenie und Unterlippe besonders gekennzeichnet. Die Genealogie reicht von Heinrich II. Trastamara in der 1. Generation bis zu Juan Carlos in der 22. Generation des heutigen spanischen Königshauses von Bourbon-Anjou. Die familiäre Häufung der Merkmale ist unübersehbar. Verschiedentlich kommen auch Familien vor, in denen beide Elternteile eine mandibuläre Progenie und eine verdickte Unterlippe zeigen. Diese Beobachtung entspricht durchaus den Erwartungen, denn aus machtpolitischen Gründen sind in bestimmten Jahrhunderten zahlreiche Verwandtenehen zwischen den 13 Familien des Herrscherhauses Habsburg geschlossen worden.
Das Progenie-Merkmal der Habsburger lässt sich bis zu Rudolf I. von Habsburg (1218-1291) zurückverfolgen, wenn man dem Steinrelief auf der Grabplatte seines Sarkophags im Dom zu Speyer glauben darf. Die prominente Nase und das markante Kinn des Herrschers sind unübersehbar - naheliegend, dass es individuelle Züge sind, die der Künstler festzuhalten sich bemühte. Durch Töchter aus dem Hause Habsburg ist die Progenie dann in andere europäische Dynastien gebracht worden: Farnese, Wittelsbach, Hannover-Braunschweig, Tudor, Sachsen, Braganza und Pfalz wurden dadurch «kinnlastig». In den Familien der Lothringer, Bourbonen und Medici wurde das Merkmal durch zahlreiche Ehen mit Habsburgerinnen verstärkt.
Die aus politischen Gründen stark betriebene Inzucht führte dazu, dass der Familientyp der Habsburger in beiden Geschlechtern über viele Generationen hinweg nahezu unverändert blieb. Verwandtenehen waren in den europäischen Dynastien häufig, vor allem zwischen Cousin und Cousine. Aber auch solche zwischen Onkel und Nichte kamen bei den Habsburgern vor. So heiratete beispielsweise Philipp II. von Spanien (1527-1598) sechzehnjährig in erster Ehe seine Cousine, Maria von Portugal, um den westlichen Nachbarn mehr an Spanien zu binden, und in vierter Ehe seine Nichte Maria von Österreich, um das östliche Herrscherhaus günstig für Spanien zu stimmen.
Naturgemäss spielt die Thronfolge in Hochadelsgeschlechtern eine zentrale Rolle. Daher wurde genetischen Eigenschaften, die die Fähigkeit zur Thronfolge in der männlichen Linie einschränkten, grosse Aufmerksamkeit zuteil, so zum Beispiel der Bluterkrankheit. Einige der männlichen Nachkommen der englischen Königin Victoria besassen ein Gen, das nicht in der Lage ist, das zur Blutgerinnung notwendige Eiweiss - antihämophiles Globulin - zu bilden. Die zum Erscheinungsbild der klassischen Hämophilie gehörenden Gendefekte äussern sich im Ausbleiben der Blutgerinnung oder in einer stark verzögerten Blutstillung. Heute erhalten Bluter durch Injektion oder Transfusion den ihnen fehlenden Gerinnungsfaktor.
Die entsprechende genetische Information liegt auf dem Geschlechtschromosom X und verhält sich rezessiv. Die Weitergabe des defekten Gens an die nächste Generation erfolgt über die gesunden Mädchen - ein Vater kann sein defektes Gen also nicht direkt an seinen Sohn weitervererben. Und es sind überwiegend Männer, die an der Bluterkrankheit leiden. Seit dem 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung hält zum Beispiel der Talmud Regeln fest, die einen Knaben von der Beschneidung dispensieren, wenn seine Mutter bereits zwei Söhne durch Verbluten infolge des Eingriffs verloren hat. Auch Frauen können unter Hämophilie leiden, wenn sie am Genort ihrer beiden Chromosomen dasselbe defekte Gen haben - was bei Verwandtenehen mit höherer Wahrscheinlichkeit eintritt.
Einer der bekanntesten Stammbäume für die Bluterkrankheit ist jener der englischen Königsfamilie. Der Sohn von Königin Victoria (1819-1901), Leopold Duke of Albany, war Bluter; also muss seine Mutter Trägerin des defekten Gens gewesen sein. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das defekte Gen in die königliche Familie gekommen ist durch eine Mutation in einem Chromosom einer Keimzelle des Vaters von Königin Victoria, des Duke of Kent (1767-1820). Heute kommt das Blutergen in der englischen Königsfamilie nicht mehr vor, obwohl Königin Elizabeth und Prinz Philipp durch eine Verwandtenehe miteinander verbunden sind: sie sind fast Cousin und Cousine dritten Grades. Offenbar hatte keine ihrer Vorfahrinnen dieses Blutergen besessen.
Durch die Tochter der Königin Victoria, Alice von Hessen, gelangte das Blutergen jedoch in das preussische Königshaus und in die russische Zarenfamilie der Romanows. Der letzte Zarewitsch Alexei war Bluter - und seine Krankheit bestimmte nicht nur die Geschicke seiner Familie, sondern auch das Geschehen der Politik vor dem Ersten Weltkrieg. Im zaristischen Russland war es im 19. und 20. Jahrhundert zu einer starken Verflechtung von Staat und Kirche gekommen. Der willensschwache Zar Nikolaus II. und die bigotte Zarin Alexandra räumten dem Scharlatan Rasputin eine Vertrauensstellung am Hof ein, da er Erfolge bei der Bekämpfung der Bluterkrankheit des Zarewitsch geltend machte. Auf diese Weise gelang es Rasputin, Entscheidungen der Zarenfamilie zu beeinflussen, was erst mit seiner Ermordung durch monarchistische Kreise 1916 sein Ende fand.
Wolfgang Scheffrahn ist Anthropologe an der Universität Zürich.