NZZ Folio 02/03 - Thema: Haushalt   Inhaltsverzeichnis

Wenn Laura mit Dyson

Vom heimlichen Treiben der Haushaltgeräte.

Von Isolde Schaad

Die Dinge sind am Ende ihres Lateins, sie fangen nun auch im Haushalt mit Frühenglisch an. Sie müssen ja schliesslich reden, sie sind das neuzeitliche Personal.

Laura Star Magic Evolution zum Beispiel, die geht dem Hausmann direkt an die von ihm selbst gewaschene Wäsche und auf Knopfdruck sofort in die Knie und überallhin, wo man sie haben will. Man müsste Laura Star als die Muse des Singlehaushaltes bezeichnen, wäre ihr nicht manche Ehefrau dankbar für die Entlastung beim Bügeln. Dyson Dual Cyclone saugt in einer Intensität, die man im Rotationsfilter violett anlaufen sieht, wenn er sich kopfüber in Yogistellung begibt. Sofix Easy Clean kann zwar erst lächeln, und Aerolatte Creamer stottert noch, doch was Laura und Dyson und Sofix und Aerolatte und Eva solo, zu welchen wir noch kommen, auch immer tun, sie tun es offen. Sie zeigen, was sich früher bedeckt hielt und flüsterte, mit Silber, Damast und Monogramm.

Es sieht fast so aus, als seien Haushaltwaffen künftig auch bei Beate Uhse zu haben, zur Anmache in Küche und Haushalt. Lauter Darlings, zum Anschauen und Anfassen, formschön, zu formschön, als dass man an eine im Gleissen ihres Designs verborgene Absicht denken würde. Die Antwort auf den Mann allein daheim ist Eva solo, die Produktelinie schmeichelt mit Nussham mer und Messerhalter dem neu entworfenen Tête-à-tête.

Es muss im Ausstattungshaus, wo früher die Verlobung einkehrte, nichts mehr hervorgekramt, enthüllt und empfohlen werden. Die Ware zeigt sich gern selbst, ganz vorn an der Verkaufsfront, mit Serviette und Kerzenlicht. Das nennt die eingesessene Branche «auf Tischkultur machen». Erstaunlich, dass dann ein schlichter Gebrauchsartikel wie Aerolatte Creamer im Verkauf triumphiert, doch bei einem Kassenschlager fragt man nicht mehr nach Gründen. Sehen Sie, das geht so: Die Verkaufsdame steckt ein leise surrendes Drahtgeflecht in einen Behälter mit Milch und wartet. Ein wenig muss der Schaum der Erinnerung auf dem Caffè macchiato gaukeln, für welchen Aerolatte vorwiegend arbeitet, und der Schaum heisst Gian Carlo oder auch Mäge. Es war an einem Strand auf Capri, sagt Aerolatte, der Milchvibrator, und darauf kommt es an. Die Dame des Hauses dürfte das praktischer sehen, denn Aerolatte ist in seinem Auftritt so diskret, dass er nicht einmal eine Assoziation an seine unausgeschöpfte Möglichkeit als leise surrender Handstab zulässt.

S chonungslos ist das meiste ausgebreitet. In der Bettenabteilung fällt man beinahe über das Arrangement von Daunen mit Plüschtier. Wo doch das Wesen des nordischen Schlafens im Verzicht besteht: kein Oberleintuch, kein Unterleintuch, keine Wolldecke. Das nordische Schlafen hat sich in den gemässigten Zonen dermassen niedergelassen, dass niemand mehr an seinen Namen denkt. Schlafen ist ja längst keine Frage des Klimas mehr, sondern der Einstellung, und die Unterlage ist der Humus der Nacht. Sie haben die Wahl zwischen Naturlatex fest oder weich als Füllvariante für die Federkörper, auf denen Sie ruhen. Das ist wichtig, jetzt wo die Bettflasche fehlt.

Freud hätte im nordischen Schlafen einen Fundus gehabt und die Traumdeutung nicht Jung überlassen müssen. Trotz der Bedingung, dem Fixleintuch, vorzugsweise in Baumwollsatin mercerisiert. Bis 60 Grad maschinenfest, sagt Frau Dünki und sieht dabei aus, als sei das Bett aus dem Pfuhl seines Brauchtums gestiegen und ganz vom Thema abgekommen, das früher Aussteuer hiess. Dafür bekamen wir Zen, sagt sie und legt zur Urteilsvermeidung, die ihr der Job abverlangt, die Stirn in Falten. Um Zen herum lassen sich spirituelle Zutaten wie Teeservice, naturgefärbte Meditationskissen und handgestickte Seidenkimonos einigermassen placieren. Dabei ist doch das Fixleintuch nichts Geringeres als der Aufbruch des Bettzeugs in die dritte Dimension. Schluss mit den Zeiten, da die Hausfrau beim Bettenmachen den Tag glattstrich bis in die endlose Fläche traumlosen Liegens, nun entführt uns allein schon der Name des Schlafs in den Sommernachtstraum.

Zum Beispiel der Sato.Schlaf.Raum, aus reinster Natur. Der Schlaf ist der Bewohner des Satoraums: wenn wir Frau Dünki richtig interpretieren, heisst das, der Satoraum ist der Bewohner des schlafenden Kundenkörpers. Von Schläfern spricht das Bettgeschäft nicht mehr, man bleibt terminologisch lieber in der vertrauten Intimität, wo der Mensch Tricot an Tricot in der Calida-Ehe ruht. Einträchtig wie die Einmachzwetschgen unter Verschluss, die roh vom Baum niemand will. Vorzugsqualität schützt vor Erkenntnis, und ein Bett ist kein Baum. Meint das helvetische Schlafbusiness auf dem Weg ins Land des Futons und der aufgehenden Sonne, wo das Tagwerk früh beginnt und Schlafen nicht mit Erotik verwechselt wird.

A lles im Haushalt wird gegenständlich. Das ist nicht gut für die Raumpflegemoral. Dagegen offerieren die Abholhäuser als Mehrwert den Lifestyle, was sie meinen, ist die Optimierung von Sinn und Zweck zum System . So entrinnt man der häuslichen Plackerei durch Abstraktion. Weil das System etwas ist, das einer höheren Ordnung entspringt. Und die gibt Gewähr. Statt Versprechungen und Garantien setzt man das System vor die Sache, um das Risiko zu neutralisieren. Das Abstrakte ist unanfechtbar, aber Achtung, Nachteil: es verführt nicht. Das Ding muss einen Namen kriegen, um markttüchtig zu sein.

Also spricht Laura ganz persönlich zu dir, Laura Star, das vollautomatische Bügelsystem. Und Dyson summt: ich bin trocken und verbrauche keine Bäume für Filter wie mein Vorgänger Hoover, der Kriecher, der nie übers Pampersalter hinauswuchs. Sich mit seiner Bürste brüsten, das hat er gelernt, wegen Laura. Laura ist nämlich der neuste Haushaltentwicklungsbeistand. Sie trinkt gegen Verkalkung nur Leitungswasser, ganz Effizienz und ganz Nachhaltigkeit. Ihr Verkäufer heisst Romeo und ist kein Zuhälter. Daheim regelrecht aufräumen mit der Geschlechterrolle, tremoliert Romeo mit baumelnder Streifenkrawatte, und man sieht, dass es ihm ernst ist. Laura pustet jetzt Dampf, und als Romeo sie an einer ganz speziellen Stelle bedient, bläht sich ihr antibakteriell imprägnierter Origamibezug, um den häuslichen Wäschekorb aus seiner Zerknirschung zu lösen. Das auf dem Luftkissen liegende Kleidungsstück reckt und streckt sich zu seiner wahren Statur, so dass die Trägerschaften an ihm wachsen können und Bügelfalten endlich im freien Entscheid entstehen. Laura ein Star? Im Umgang zeigt sie sich vielmehr als das demokratisch schaffende Prinzip am Fusse der niedergescheuerten Alpen. Dort pflegt sie ausführlich die soziale Kompetenz in Teamarbeit mit dem im Stillen wirkenden Zubehör, bestehend aus Silikonmatte, Einfüllflasche, Softpressing-Sohle, Bedienungsvideo, Auffangschale und Kabelhalter. (Kann für Fr. 51.– im Monat gemietet werden.)

Wer Dyson Dual erblickt, wird sich hüten, ihn einen Staubsauger zu nennen, er ist ein Geschöpf zwischen Himmel und Erde. Den Briten scheint das Thema Pulver und Dampf zu liegen, schon das erste Modell dieser Vertilgungsmethode wurde von einem Engländer gebaut, nämlich 1901 von H. C. Booth, war aber in der Dimension einer Dampflokomotive noch nicht heimkonform, da Mister Booth wohl an ein Castle dachte. Worauf die Amerikaner dem Kolonialherrn von gestern das Steuer entrissen, bis Dyson Dual, der Kleine, ins Geschäft kam und alle andern überflügelte mit dreieinhalb Millionen Verkäufen im Jahr. Das muss an seiner bemerkenswerten Erscheinung liegen.

Dieser bunte Hund, der aussieht, als würde er in seinem transparenten Kunststoffgehäuse schon seinen Klon ausbrüten. Als Exzentriker schert er aus der Sippe von normgläubigen Saugreptilien aus, die auf dem Teppich bleiben und in Eintracht mit dem Parkett leben. Als bunter Hund besitzt er lauter unbeschreibliche Eigenschaften, auch eine aus Indien, der erfolgreichsten britischen Kolonie aller Zeiten, und so ist das Karma von Teppich, Parkett und Polstermöbel schon vorgezeichnet, wenn Dyson Dual in seiner behenden Artistik auch den Fakir macht, der alles schluckt.

Was er angesaugt hat, treibt er durch eine Turbine aus schmetterndem Gelb. Es ist jenes Gelb, das Kinder lieben; demnächst auch ihr Vater auf dem Pfad der Gleichstellung, weil es Sonne im Herzen hat und Dyson im Purzelbaum will, so dass Dyson dann wirkt, als wäre er lieber ein Schweizer Clown aus diesem strapazierfähigen ABS und Polykarbonat, das ihn festigt.

Wen oder was immer er gerade mimt, er macht sein Geschäft sichtbar, während er ein Reich der Milben-und Bakterienfreiheit schafft und dabei selber stubenrein bleibt. Auch als bunter Hund kennt er Umgangsformen und geht herkunftsgemäss in Stellung, bevor man ihn ausführen kann, am ergonomisch gestalteten Griff mit komfortabel placiertem Saugkraftregler.
Wir erkennen einen schnaufenden Vormotorfilter in seiner geladenen, heftig mit Schaumstoff gedichteten Elektrostatik, wie unter Bann. Das muss eine Dauererregung ergeben, und die Situation ist schwer einzuschätzen, wenn wir an Laura hinter der Schlafzimmertür denken.

Doch liegt die Sache ganz anders, wenn sich herausstellt, dass das, was Dyson im Innersten antreibt, ausschliesslich um sich selber rotiert. Wir atmen auf, es herrscht nun unter Haushaltwaffen abstinente Verträglichkeit. Also ist absolut bahnbrechend, wenn Laura nachts hinter der Schlafzimmertür steht, aufrecht und flach wie eben, Verzeihung, ein Bügelbrett, und zusammen mit Dyson bei Fuss eine Multifunktionssymbiose bildet, mit zwei Jahren Garantie. Wenn das keine Haushaltperspektive ist!

Wenn sie steht und er liegt, sie also die Stellung im Schlafzimmer hält, so muss etwas passiert sein mit dem innerbetrieblichen Rollenverkehr, wo es doch das ganze Industriezeitalter lang und bis heute umgekehrt war. Als bildeten sie ein politisch korrektes Gerätepaar, obschon von der Ausstrahlung her ziemlich «gay gender», und ganz gewiss happy an und für sich. Wenn solches der Fall ist, so wie wir es sahen wahrhaftig und in Prospekten, dann ist da etwas in Ordnung gekommen und das Gerücht ausgeräumt, das seit einem halben Jahrhundert im Haushalt schwelt. Dass die Hausfrau es trieb mit Meister Proper auf Kacheln und Fliesen und mit den Heinzelmännchen in der Kommode und hinten herum.

Nun ist Schluss mit dem blanken Winkewinke, das Mutti seit den fünfziger Jahren mit Potz-Blitz-Sprechblasen kirre macht. So dass Mutti sich durch die Jahrzehnte geputzt hat, ohne zu fragen, warum, und ohne zu wissen, dass Putzen Erosion ist. Dass Putzen der Heimat schadet. Wenn Mutti bloss gewusst hätte, dass sie Schmutz in Entsorgungsgut verwandelt, das dann auf der andern Seite der Erde wieder als Schmutz austritt. Vom Stubenteppich zum Ölteppich: das ist die Topographie des Themas. Aber lassen wir das, wir müssen uns ja um den Haushalt kümmern.

Isolde Schaad ist Schriftstellerin; sie lebt in Zürich.

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