NZZ Folio 12/93 - Thema: Diamanten   Inhaltsverzeichnis

Carte blanche -- Der alte Dichter

Von Christof Stählin

DER ALTE DICHTER kam mit zwei prallgefüllten Plastictüten voller Manuskripte. Es waren Versepen, die Titel hiessen «Ilias» und «Odyssee». Bärtig, gebückt, mit Baskenmütze, so stand er in seinem alten Trenchcoat vor der Tür der Redaktion.

«Sehr schön, Herr Homer, aber viel zu lang!» war der Kommentar, wie eigentlich immer. «Machen Sie kurze Sätze, und bedenken Sie: achtzig Prozent unserer Leser haben kein Abitur. Knapp, zündend, verständlich!»

Schliesslich erklärte sich eine Rundfunkanstalt bereit, Auszüge in Fortsetzung zu senden. Als aber der Dichter im Studio ein Musikinstrument auspackte und stimmen wollte, wurde er gebeten, nur zu lesen. Hier sei Literatur, nicht Musik. Die Abteilung für ernste Musik verwies an die Folkloreabteilung, diese erklärte wegen des hohen Textanteils wiederum die Literaturabteilung für zuständig. Die Redaktion Unterhaltungsmusik wollte nur «Instrumentals» von maximal anderthalb Minuten, ohne Text, um die Autofahrer nicht zu verwirren.

Nach einer langen Irrfahrt durch viele Stationen und Enttäuschungen gelang es Homer, gegen Druckkostenbeteiligung bei einem kleinen Verlag in der Provinz, dem Piniensamen-Verlag, unterzukommen und sogar eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Ein Feuilleton schrieb von «unerträglicher Heimattümelei mit ätzenden Längen», eine Illustrierte bemängelte zu wenig knackigen Sex, trotz vielversprechender Ansätze. Es kamen dennoch Angebote: Eine Videofirma interessierte sich für die Rechte an den brutalen Schlacht- und Racheszenen, eine grosse Fernsehanstalt wollte sogar eine Serie mit prominenter Besetzung herstellen, aber die Götter und ihr Eingreifen durchweg streichen. Das seien irrationale Vernebelungen der sonst erfreulich realistischen Darstellungsweise, die den Blick auf den prägnanten Plot von Krieg und Heimkehr verstellten. Darin aber sei gerade die versteckte Aktualität enthalten: die Fragen nach Frieden und Heimat, gerade hier und heute.

In einer Kleinstadt mit Universität fand eine schlecht besuchte Dichterlesung in einer Buchhandlung statt. Der Chefredaktor der einzigen Zeitung am Ort und sein Stellvertreter, die sich beide mehr für überregional bedeutsame Ereignisse zuständig fühlten, schickten einen jungen Mann, der sich gegen freien Eintritt und etwas Zeilenhonorar die Langeweile zwischen Gymnasium und Sportstudium mit einer gelegentlichen Tätigkeit als Kunstrichter vertrieb. Der schrieb folgendermassen: «Artig hält sich der Autor an das in der Schule eingepaukte Versmass. Dieses Grossmärchen von zwanzigjähriger Treue der Heldengattin mag einem pensionierten Standesbeamten Gelegenheit geben, sich von seinem Leichtbier nachzuschenken. Immerhin weiss der Poet bisweilen durch originelle Metaphorik zu gefallen, aber im ganzen kann seine Arbeit doch ihren ländlichen Charakter nicht verleugnen, und inzwischen dürfte doch wohl selbst in der griechischen Provinz etwas Spannenderes aufzutreiben sein.» Freunde bewogen den Dichter, sich dergleichen nicht zu nahe gehen zu lassen. Als aber die Reisebeilage einer grossen Tageszeitung ungefragt einzelne Zeilen als Bildunterschriften zu einem Bericht über Mittelmeerkreuzfahrten abdruckte, als er dann auf seinen Protest hin zu hören bekam, er sei schliesslich namentlich genannt worden und habe ein dreifaches Zeilenhonorar überwiesen bekommen, da zog sich der Dichter Homer in ein entlegenes vorchristliches Jahrhundert zurück.

Dort kam er schnell zu dem Weltruhm, unter dem wir ihn heute noch kennen. Blind, sagt man, sei er gewesen, und zwar für die Vorzüge eines Kunst- und Literaturbetriebes, der es ihm doch immerhin ermöglichte, sich durch Flucht ganz an den Anfang zu setzen, auf eine erste Stelle, von der ihn keiner vertreiben kann.


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