NZZ Folio 04/98 - Thema: Boomtown Moskau   Inhaltsverzeichnis

Moskau einfach!

Streifzüge durch die Metropole der Dekadenz.

Von Peter Haffner

DER MANN WAR VON DER SORTE, vor der man gewarnt wird. Er drängte sich vor, liess mich zum Zeichen seiner Vertrauenswürdigkeit an der unleserlichen Kopie eines Ausweises riechen und wollte mich vom Flughafen zum Hotel fahren. Tatsächlich würde er irgendwohin fahren, wo ein Haufen finsterer Gesellen es kaum erwarten konnte, mich bis auf die Unterhosen auszuziehen und im Schnee stehenzulassen. Keine besonders angenehme Vorstellung bei einer Temperatur von minus zwanzig Grad.

Eine bange halbe Stunde zogen Wälder, Felder und Gebäudekomplexe am verdreckten Seitenfenster vorbei, bis sich etwas abzeichnete, das vielleicht doch Moskau war. Endlich machte der Fahrer halt, und ich kletterte aus dem klapprigen Lada, erleichtert, den Fängen der Russenmafia entkommen zu sein. Für lumpige siebzig Dollar.

Das Hotel Ukraina ist eine jener «Sieben Schwestern», die Stalin nach dem Krieg hat errichten lassen. Die Hochhäuser sind, mehr als die Kirchen und Klöster mit ihren goldenen Kuppeln und bunten Zwiebeltürmen, das Wahrzeichen Moskaus. Erwecken jene den Eindruck, als hätten sich Gotteshäuser in eine Trachtengruppe verwandelt, sehen diese aus, als kämen sie vom Himmel, wenn nachts die Scheinwerfer Lichtstreifen aus den Fassaden schneiden: Raumstationen aus den Weiten eines barocken Alls, von denen man sich nicht wundern würde, wenn sie eines Tages weiterzögen zu einem anderen Planeten.

Vielleicht war dies der Grund, weshalb der Hoteleingang bewacht wurde von jungen Sportstypen, die aus knappsitzenden Anzügen quollen, in Ermangelung einer Kalaschnikow mit ihrem Handy herumfuchtelten und tänzelnd jeden Gast danach taxierten, wie viele Faustschläge es brauchte, ihn zu Boden zu strecken. War die Lobby so gross, dass ein Jumbo darin hätte landen können, bot das Zimmer den Komfort der Economy zum Preis der First class. Meines hatte die Nummer 2713, befand sich im 27. Stock und wies eine konstante Temperatur von 27 Grad auf, egal, wie viele Flügel des mehrteiligen Fensters ich aushängte.

Schwer vermummt, machte ich mich gleich auf den Weg zum Kreml, dem Mittelpunkt der Welt. Es dunkelte ein und war so kalt, dass mir der Speichel im Mund gefror. Überall standen Gruppen von pausbäckigen Männern und Frauen herum, die Bierflaschen leerten oder ein Eis lutschten. Sie mussten gentechnisch manipuliert worden sein, wie die Tomaten mit eingebautem Frostschutz.

Dann stand ich auf dem Roten Platz. Ich war verblüfft, wie klein das alles war, der Kreml, die Basilius-Kathedrale, das Kaufhaus Gum und das Lenin-Mausoleum. Dieses vor allem hatte ich mir monumental vorgestellt. Nun war es nicht viel mehr als ein Luxussarg. Auf dessen Deckel also hatten jene steinern salutierenden Greise gestanden, die scharf darauf waren, Vertreter von Bruderparteien auf den Mund zu küssen, vor sich die geballte Potenz vorbeiparadierender Panzer und Raketen, unter sich Lenins Leiche. Marx hatte einst als sein Motto angegeben, nichts Menschliches sei ihm fremd. Aber ob er an so was gedacht hatte?

Befriedigt, bereits am ersten Abend alles von Moskau gesehen zu haben, legte ich mich zu Bett. Um zwei Uhr nachts klingelte das Telefon. Ich fürchtete schon das Schlimmste, aber es war bloss eine Frau, die fragte, ob ich Sex wolle. Ich bedauerte, gerade zu schlafen, was sie ihrerseits bedauerte. Es blieb dies im übrigen der einzige Service, den zu leisten das Hotel sich Mühe gab.

TAGS DARAUF spazierte ich bei leichtem Schneetreiben flussaufwärts dem Ufer der gefrorenen Moskwa entlang. In der Nacht war ich an Baustellen vorbeigekommen, wo in gleissendem Flutlicht Männer Eisen legten und Atemschwaden ausstiessen wie Dampflokomotiven. Jetzt sah ich, wozu: Von einem riesigen Plakat prangte die Vision eines neuen Stadtteils, dem gegenüber die Pariser Défense geradezu dörflich erscheint. Da zielten nadelförmige Wolkenkratzer in den Himmel, balancierten gläserne Tetraeder auf der Spitze, gruppierten sich Quader in lichtem Stahlblau.

Bereits fertig war die Fussgängerpassage, die über den Fluss in diese Stadt innerhalb der Stadt führen soll. Es gab mehr Leute, die sie bewachten, als die sie benutzten. Rollbahnen trugen einen lautlos durch die geheizte Glasröhre, flankiert von Läden, in denen man, sollte das Geld für den Pelzmantel nicht reichen, sich auch für wenige hundert Dollar italienische Schuhe besorgen konnte. Die Verkäuferinnen, die den gelangweilt-herablassenden Ausdruck ihrer Kolleginnen vom Sunset-Boulevard gut draufhatten, standen stumm herum wie Paradiesfische, bewundert von Paaren, die eingeschüchtert und neugierig durch diesen Warenzoo schlenderten. Nicht um zu kaufen. Ich sah, wie ein Mann seine Frau fotografierte, besorgt, möglichst viel vom exotischen Hintergrund draufzukriegen.

Man kann in Moskau in keinem Gebäude einen Schritt tun, ohne dass jemand mit dem Schrubber hinter einem her ist und die Spuren verwischt. Hier tat diese Arbeit ein nagelneues Elektrofahrzeug, das eine Frau, proper wie eine frisch gestärkte Sonntagsbluse, pausenlos über die bereits sterilen Marmorfliesen schob.

Am Ende der Passage stand das Modell der künftigen City. Es drehte sich gravitätisch wie ein Karussell; eine Wunderwelt leuchtender Kristalle im grauen Häusermeer; der Glanz einer Zukunft, die alle Vergangenheit überstrahlen wird. Die Betrachter flüsterten, wenn sie sich darüberbeugten. Man sagt, der Russe lebe entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft, nie aber in der Gegenwart. (Wofür die Russinnen zuständig sind.) Dies jedenfalls war so wirklich wie ein Märchen, und das kann die Gegenwart ja nie sein.

NACHDEM ICH DIE ZUKUNFT GESEHEN hatte, war es Zeit für die Vergangenheit. Und da es zu den befriedigendsten Erlebnissen einer Reise gehört, seine Vorurteile bestätigt zu finden, hoffte ich nach der Enttäuschung mit der Mafia auf eine Konfrontation mit der Bürokratie und der Korruption. Für beides schien mir die Lenin-Bibliothek das geeignete Versuchsobjekt. Mit dreissig Millionen Bänden ist sie eine der grössten öffentlichen Bibliotheken der Welt, aber sie zu betreten erfordert einen speziellen Ausweis, den ich mit meinen paar Brocken Russisch bestimmt nicht, mit einem Bündel Dollars aber vielleicht doch kriegen konnte.

Als ich der jungen Dame an der Pforte mein Begehren vortrug, verwies sie mich an ein Büro, wo eine nicht minder zuvorkommende Kollegin mich kaum ausreden liess, meinen Pass und mein Visum behändigte und mir, ehe ich mich's versah, einen in feuerrotes Kunstleder gebundenen Bibliotheksausweis in die Hand drückte, gültig für die gesamte Dauer meines Moskauer Aufenthalts. Was das kostete? Keine Kopeke. (Ob ich denn auch versucht hätte, ein Buch auszuleihen, fragten mich Moskauer Habitués mit wissendem Lächeln. Nein - wozu auch?)

Aber auch so kam ich auf meine Rechnung. Ins Allerheiligste, den grossen Lesesaal, führte eine von Marmorsäulen flankierte Treppe, auf deren Zwischenboden die alten, hölzernen Karteikästen standen - eine ganze Kolonie von Karteikästen mit Tausenden von Schublädchen, die abzuschreiten eine Wanderlust war. Im Lesesaal selbst, nur schwach erhellt von einem Dutzend Kronleuchtern, sassen ein paar würdige Herren verstreut an Vierertischen, die mit einem Fächerkorpus versehen waren wie Schreibsekretäre. Ganz versunken waren sie in ihre Bücher, die im Schein der grünen Schirmlampen leuchteten wie Meeresquallen. Sie sahen nicht aus, als wären sie jemals draussen gewesen und hätten Kenntnis davon, dass es die Sowjetunion nicht mehr gab. Zumal ein übergrosser bronzener Lenin, flankiert von den Gipsköpfen Marx' und Engels', vorne vor einem Wandfresko thronte, dessen Heldenmotive die Triumphe praktischer Wissenschaft feierten und das zu dieser Atmosphäre zwecklos reinen Geistes passte wie die Häkeldecke zu Sokrates.

Seltsamerweise roch es in der ganzen Bibliothek nach frischgebackenem Brot. Die Quelle konnte ich nicht ausfindig machen, ich verirrte mich indes über mehrere Stockwerke und Seitenflügel in immer neue, kleinere Lesesäle, in denen nur noch Bruchstücke von Mobiliar herumstanden und ein paar Einsame in Studien vertieft waren, als hätte man sie beim Wegräumen der Einrichtung mitzunehmen vergessen.

Als ich die Bibliothek verlassen wollte, packte mich der Türsteher am Arm. «Towarischtsch!» Aber er wollte nur die Tageskarte, die ich mit dem Ausweis bekommen hatte, zu welchen Archivzwecken auch immer.

Draussen toste der Verkehr. Ein Moskauer Privatsender, war in der Presse zu lesen gewesen, unterhält das TV-Publikum mit Verfolgungsjagden: Zwei falsche Diebe stehlen ein Auto, werden von zwanzig echten Polizisten gejagt und erhalten, entwischen sie diesen für länger als eine halbe Stunde, das Auto als Belohnung. Offensichtlich waren die Strassen voll von Gewinnern dieses Rennens, die nicht gemerkt hatten, dass es vorbei war. In Moskau zu Fuss unterwegs zu sein ist so vergnüglich wie eine Camel Trophy ohne Fahrzeug. Hat man eine Ampel gefunden, die einem erlaubt, die bis zu zehnspurigen Magistralen zu überqueren, und schaltet diese scheinheilig auf Grün, wartet schon eine hungrige, mit dem Gaspedal spielende Meute von Desperados darauf, einen vor Erreichen des rettenden Ufers plattzufahren.

Dass einem der Ruf nach sofortiger Wiederaufnahme des kalten Krieges im Halse steckenbleibt, dafür sorgen die Moskauerinnen. In der Innenstadt kann man an einem Tag mehr Schönheiten in Nerz und Zobel begegnen, als Helmut Newton je vor der Kamera hatte. Selbst in männlicher Begleitung versäumten sie es nicht, mir ihr Lächeln zu schenken und schöne Augen zu machen. Ich schrieb dies meiner Ausstrahlung zu, bis ich merkte, dass die Moskauerinnen mit allem flirten, was irgendwie als Mann erkennbar ist.

Wenn Lenin gesagt hat, Kommunismus sei Sowjetmacht plus Elektrifizierung, dann heisst heute die Parole, Kapitalismus ist Megabass plus Plastifizierung. In der Twerskaja, Moskaus Zürcher Bahnhofstrasse, geriet ich nachmittags in ein Restaurant, dessen trompetengoldene Gartenstühle und Ghettoblaster mich sofort hätten die Flucht ergreifen lassen, wäre ich nicht vor Erschöpfung umgefallen. Enerviert blickte ich zur Decke - und hielt inne vor Entzücken: immense alte Kristalllüster hingen in einem altrosafarbenen, stuckgeschmückten Gewölbe, das getragen wurde von üppigen, barbusigen Frauengestalten, die sich um reichverzierte Säulen rankten. Versonnen deutete ich auf etwas in der Speisekarte, was ich für eine Kleinigkeit hielt, und kaute dann zwei Stunden an einem Schweinsfuss, der beidseits über den Tischrand lappte.

MOSKAU IST EINE STADT, als hätte ein Riese für Zwerge gebaut. Wer an einem der grossen Prospekte eine nur ein paar Hausnummern entfernte Adresse sucht, tut gut daran, sich für einen halben Tagesmarsch auszurüsten. Die Strassen sind so breit wie die Gebäude gross, damit man das Monumentale nie aus den Augen verliert und sich unten, wie etwa in den Strassenschluchten New Yorks, nie so etwas wie Gemütlichkeit breitmachen kann. Auch was kein Denkmal ist, präsentiert sich als solches.

Irgendwann gibt man es auf, das alles zu Fuss zu erkunden. Ich stand auf der Krimbrücke, als es soweit war. Eben hatte ich den alten Stadtteil Samoskworjetschje abgelaufen, mit seinen pastellfarbenen Bürgerhäusern ein kleiner Rest des alten Moskau mit menschlichen Dimensionen. Auf der Moskwa bahnte sich ein Eisbrecher seinen Weg, und rundum stand eine monströse Kulisse von Kuppeln, Kraftwerken, Kranen und Schornsteinen nebst dem neuen Denkmal für Peter den Grossen, den Gründer der russischen Flotte, das ihn auf einem wirren Stapel von Schiffswracks zeigt. Er war es gewesen, der St. Petersburg zur Hauptstadt erkoren hatte, und dies war offenbar Moskaus späte Rache dafür.

Ich war reif für die Metro. Einmal drin, wollte ich nicht mehr hinaus. Nein, nicht wegen der berühmten Stationen, die mit ihren Bronzeleuchtern, Deckenmosaiken und Figurenfriesen aussehen, als sei der ganze französische Hofstaat 1789 hier in den Untergrund gegangen. Die weltweit grösste Kollektion von Marmorsorten in diesen «Palästen für das Volk» muss jeden Geologen begeistern. Hätte man bloss Gelegenheit, die Sache in Ruhe zu betrachten. Aber von den offiziell 9 Millionen Einwohnern (inoffiziell sind es 11) sind mehr als die Hälfte tagtäglich mit der Metro unterwegs.

Warum, wurde mir rasch klar, ist doch die Richtung, die einer einzuschlagen gedenkt, selten die, die er auch einschlägt. Einem Korken gleich wird man vom Strom der Menschen erfasst, auf Rolltreppen in grundlose Tiefen geschleust, durch Korridore gespült und über Brücken und Galerien irgendwo in einen der Züge geschwemmt, die alle zwei Minuten heranbrausen und ihrerseits einen Schwall von Menschen ausspucken, dem man sich lieber nicht in den Weg stellt. So gerät man auf irgendeine Linie - wo man sich unversehens in einem fahrenden Salon findet mit Deckenlampen in Messing, dunklem Täfer, blankpolierten Haltegriffen und Bänken, auf denen in Lektüre vertiefte Menschen sitzen, die nicht den Eindruck machen, als hätten sie vor, jemals wieder auszusteigen. Mit ungeheurer Geschwindigkeit rattert der Waggon durch nie endende Tunnels, während die Stationsansagen, heruntergebetet wie ein Rosenkranz, einen in den Schlaf lullen.

Als ich erwachte und ausstieg, fand ich den Ausgang nicht mehr. Ich glaube nicht, dass ich das russische Wort dafür je wieder vergesse.

Die Metro ist eine Errungenschaft der Sowjetzeit. Eine ganze Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR kann man an der Metrostation WDNCh besichtigen. Die in den fünfziger Jahren erstellte Parkanlage voller Triumphbögen, Säulengänge, Rotunden und Pavillons war ein Versuch, Neubauten die Patina einer antiken Agora zu verleihen. Nirgendwo kommt die Neigung des sozialistischen Realismus, das Selbstverständliche ins Überirdische zu erhöhen, konzentrierter zum Ausdruck: Mit der triumphalen Geste eines Admiral Nelson, der eben die Armada versenkt hat, stemmt die Kolchosbäuerin die Weizengarbe, während der Arbeiter die Speichen des Triebrades packt wie Herkules den Stier.

Am Ende des Geländes steht die Kosmoshalle. Sie ist leicht zu finden, zwei Passagiermaschinen der Aeroflot stehen davor, die offenbar wirklich nicht mehr fliegen dürfen. In der Halle selbst hängen drei verstaubte Raumkapseln, Prunkstücke der sowjetischen Raumfahrt. Niemand schenkt ihnen Beachtung. Denn die Halle, so gross wie ein Fussballfeld, ist bis unter die Decke voll gepackt mit importierten Fernsehapparaten und Staubsaugern. Dafür also standen die Mütterchen draussen mit den leeren Einkaufsrollis Spalier - die Deregulierung des Transportdienstes.

Zur Raumfahrt kam ich dann doch noch. Es gibt ein Museum, in dem nebst ein paar Satelliten zwei ausgestopfte Hunde, Gagarins Weltraumsocken und mumifizierte Reste seiner Wegzehrung zu besichtigen sind. Wie das Ganze dargeboten wird, ist eine Sache für sich. Es ist die Inszenierung eines Weltraummärchens; mit Lichtgirlanden, Buntglasfenstern und einem engelsgleichen goldenen Kapitän Sowieso - ein Phantasien, als hätte sich das Raumschiff Enterprise mit einem Lebkuchenhaus gepaart. Ich kaufte als Souvenir einen vergnügten kleinen dicken Kosmonauten aus Ton, der pfeift, wenn man in das Loch am Hintern bläst.

Vor dem Museum steht das Denkmal, eine Sprungschanze in den Himmel mit einer verschwindend kleinen Titanrakete an der Spitze und einem Sockelfries, aus dem ersichtlich ist, dass Kind und Kegel, Mann und Weib, Tier und Mensch auf dieser Erde nichts anderes zum Lebenszweck haben als die Erstürmung ebendieses Himmels. Es ist die glatte Umkehrung der christlichen Demut, wonach gute Mär ist, was vom Himmel hoch herkommt.

Ein ordentliches Wegstück weiter gelangte ich dann selbst fast in den Himmel. Der Fernsehturm von Ostankino, 540 Meter hoch, hat auf 337 Metern eine Aussichtsplattform, zu der man hinauffahren kann, falls es nicht zu sehr windet und der Turm seine paar Meter hin und her schwankt. Ich hatte Glück, denn das Wetter war so obszön klar, dass ich bis ans Ende Moskaus sehen konnte.

Das heisst, hätte sehen können, denn ein Ende gibt es nicht. Wie in einem unüberblickbaren Architekturmodell dehnten sich unter mir die tausend Quadratkilometer Stadt mit ihren Radial- und Ringstrassen, Wohnsilos und Bahnhöfen, Sportstadien und Sakralbauten bis in jene Fernen, wo, als seien es aus dem Himalaja in die Alpen versetzte Gebirgsmassive, Stalins «Sieben Schwestern» die Skyline überragten. Rauchfahnen stiegen aus Schloten, wurden da nach Westen, dort nach Osten verweht.

Nun glaubte ich auch, dass es bisweilen am einen Ende Moskaus donnert und blitzt, wenn am andern die Sonne scheint.

WO BLIEB DAS LEBEN, die Gegenwart? Vor die Frage gestellt, ob ich meinen letzten Abend im Konzert oder im Theater verbringen solle, entschied ich mich für das «Hungry Duck». Das Etablissement steht im Ruf, die dekadenteste Bar der nördlichen Hemisphäre zu sein. Es war Montag, der Abend, an dem man für den Preis von einem Wodka vier erhält, was an der deutlich fortgeschrittenen Stimmung erkennbar war, die herrschte, als ich gegen Mitternacht eintraf. Wer noch konnte, tanzte auf dem schmalen, ovalen Tresen, was dem Barkeeper einiges an Geschick abverlangte, zwischen all den trampelnden Füssen die Gläser nachzufüllen. Die weiblichen Gäste, die nicht vier Wodkas trinken mochten, schütteten sich die überzähligen drei in die Bluse, worauf sie sich dieser entledigten. Das Lokal ist berühmt für diese Sorte von Spontanstrips, und wenn mir das Gymnasium nie so recht eine Vorstellung von einer römischen Orgie hat vermitteln können, hier bekam ich Nachhilfeunterricht.

Als um vier Uhr morgens ein russisches Lied aus den Boxen röhrte, kam der Hälfte das grosse Heulen. Die andere Hälfte tröstete sie mit neuen Wodkas. Um sechs verliess ich das Lokal, lief in eine Polizeikontrolle und sah nach drei Stunden Schlaf Moskau und die Welt in einem neuen Licht.

ES WAR ZEIT für die Leiche. Der Rote Platz war abgesperrt. Rauchen verboten, Reden verboten, Fotografieren verboten. Vermutlich ist es auch verboten, die Leiche umzubringen, denn man muss einen Kontrollposten mit Metalldetektor passieren, um überhaupt zum Mausoleum zu gelangen.

Ich war der einzige, der hineinwollte. Lenin leuchtete im Halbdunkel der Gruft wie eine Walt-Disney-Lampe fürs Kinderzimmer. Auch er eine Figur der russischen Märchenwelt. Aber das war ein Schauermärchen gewesen.

Und wird wohl nicht wieder lebendig.


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