Ein Kanzleiraum mit etlichen Schreibpulten. Brandmauern vor den Fenstern. Stahlfedern kratzen: es dauert noch eine Generation bis zur Erfind ung der Schreibmaschine. A, klein, ein wenig pockennarbig, ein wenig rothaarig, das Gesicht vom Ostseewind hämorrhoidal koloriert, kopiert unentwegt Akten, die andere Angestellte ihm mit spöttischen Bemerkungen hinlegen. B, ein steifleinener junger Mensch von erbarmungswürdiger Achtbarkeit, sitzt reglos hinter einem grünen Wandschirm.
A: (zu den Spöttern) Lasst mich doch! Warum müsst ihr mich immer kränken? (Er vertieft sich wieder in seine Schreibarbeit. Einige Buchstaben sind seine besonderen Lieblinge; wenn sie ihm begegnen, lächelt er in sich hinein, zwinkert, hilft mit der Lippe nach.)
B: (halb zu sich selbst) Als Kommis in einem Kurzwarengeschäft ist man zu sehr an einen Fleck gebunden. Nein, so ein Posten würde mir nicht zusagen.
A: Ich liebe meine Arbeit. Ich schreibe auch zu Hause Akten ab. Wenn alles erledigt ist, fertige ich zum Vergnügen noch eine Kopie für mich selber an, am liebsten Schriftstücke an neue oder wichtige Persönlichkeiten.
B: (wie oben) Als Reisebegleiter eines jungen Herrn nach Europa zu fahren, käme für mich nicht ernsthaft in Frage. Ich möchte gern sesshaft werden. Aber ich bin nicht wählerisch.
A: Mein Kapott fällt auseinander. Petrowitsch weigert sich, es nochmals zu flicken. Nun heisst es sparen: Keinen Tee mehr. Vorsichtig auftreten, um die Sohlen nicht frühzeitig durchzulaufen. Die Wäsche so wenig wie möglich zum Waschen geben, in der Kammer die Kleider sofort ablegen und im Demicoton-Schlafrock verbleiben. Kein Licht mehr am Abend.
B: (wie oben) Im Augenblick möchte ich mich lieber überhaupt nicht verändern.
A: Aber ich! Ich habe gespart: einen Kupfergroschen von jedem verausgabten Rubel. Jedes halbe Jahr ersetze ich das Kupfergeld durch silberne Scheidemünze. (laut) Erlauben Sie eine Frage: Wie können Sie denn nur ausschliesslich von den Pfeffernüssen leben, die der Kollege G. Ihnen überlässt?
B: Sehen Sie den Grund denn nicht selber?
A: (stutzt, wechselt das Thema) Was schreiben Sie gerade ab?
B: Ich habe das Kopieren ganz aufgegeben.
A: (beugt sich wieder über seine Blätter) So steht es also. Das ist doch . . . Tatsächlich! Ganz unerwartet, sozusagen . . . (laut) Seien Sie doch ein bisschen vernünftig!
B: Im Augenblick möchte ich lieber nicht ein bisschen vernünftig sein.
A: Ein sonderbarer Mensch! Soll früher in Washington einen Schreiberposten im Büro für unzustellbare Briefe innegehabt haben, ist dann aber entlassen worden. Ein Wechsel in der Verwaltung . . . (hat seine Abschrift beendet, schnürt das Bündel zusammen und ruft zum Wandschirm hinüber) Können Sie einen Moment Ihren Finger auf die Schleife legen?
B: (sanft, aber bestimmt) Ich möchte lieber nicht.
B bleibt unbeweglich sitzen, während A zum hundertstenmal überlegt, wieviel ihm noch zu einem neuen Mantel fehlt. Soll er sich doch einen Marderkragen leisten? Übrigens entsprechen die Buchstaben A und B den Initialen der Rufnamen der beiden Figuren. Noch ein merkwürdiger Zusammenhang: Sowohl B - sein Erfinder hatte es anderweitig mit grösseren Tieren als Schreibgehilfen zu tun - als auch der Schöpfer von A sind infolge verweigerter Nahrungsaufnahme gestorben.
Wer und wer? A ist Akakij Akakjewitsch Gamaschkin aus Nikolaj Gogols Novelle «Der Mantel» (1842); B ist die Hauptfigur aus Herman Melvilles Erzählung «Bartleby» (1855).