NZZ Folio 05/06 - Thema: Fussball-WM   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Die Simplexität

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin

Am einen Ende blau, am anderen rot, wie ein Schreinerbleistift – das Wort Simplexität wurde von der Künstlerin Laura Duke geprägt, um die Kombination von kühler, blauer Eleganz und überbordender, roter Kompliziertheit zu bezeichnen, auf die die Wissenschaft überall stösst. Es gibt sie auch in der Kunst: Die besten Schöpfungen verbinden immer beides, klare Struktur und Reichtum im Detail.

In der Parfumerie ist Simplexität bereits auf der Ebene der elementaren Bausteine allgegenwärtig: zwei Qualitäten von Lavendelöl können am blauen Ende identisch sein, sich aber dennoch völlig anders anfühlen, weil das rote Ende jedem eine eigene Signatur aufdrückt. Wenn man die Substanzen analysiert und das Ergebnis maximal vergrössert, dann sieht man vor einem alles überragenden Everest aus Linalool ein kleines Vorgebirge: Dies sind die Unreinheiten, die darüber entscheiden, ob es eher wie Kaschmir aussieht oder wie auf dem Mond.

In den Labors der Duftstoffindustrie, wo man heute Parfums produziert, strebt man nach grösster Reinheit: blau. Blumen dagegen sind Lebewesen; sie legen es darauf an, Bienen anzulocken, und Bienen mögen’s lieber komplex: rot. Für Chemiker und Buchhalter ist die Komplexität von Natursubstanzen eine permanente Zumutung: Es gibt gute Jahre und schlechte Jahre, und ausserdem schwanken die Preise – weshalb rein blaue Parfums überhandnehmen. Entweder sind sie fleischlos oder gepanscht.

Ich stand kurz davor, die Hoffnung für immer aufzugeben, als zwei wundervolle Düfte hereinwehten: Beweise, dass die Poesie der Chemie noch nicht das letzte Wort verloren hat. Beide stammen von relativen Neulingen. Beide haben den verräterischen Schimmer vom Simplexität und riechen an keinen zwei Tagen gleich.

Das eine ist Andy Tauers Air du Désert Marocain. Tauer ist ein in Zürich lebender Autodidakt. L’Air du Désert ist sein zweiter Duft, ein karger, holzig-balsamischer Akkord, der exakt mit so viel Ambra und Vanille versüsst wurde, wie es brauchte, um das edle Gerippe in ein Lächeln zu hüllen. Es ist wahrscheinlich das beste Parfum aus den Händen eines Amateurs, seit Coty seinen Brotberuf bei Antoine Chiris et Compagnie aufgab und 1904 La Rose Jacqueminot komponierte.

Der andere Duft heisst Chinatown und stammt von einer witzigen, frechen und sehr erfolgreichen New Yorker Firma namens Bond No. 9. Er wurde von Aurélien Guichard, dem Sohn von Givaudans grossem Jean Guichard, komponiert. Aurélien soll in seinen Zwanzigern stehen, und Chinatown ist gewissermassen sein Lehrstück. Es wurde als «gourmand», sattsüss, beschrieben, doch der Begriff trifft nicht wirklich. Chinatown ist die Interpretation eines alten Clausewitzschen Gedankens: Was Liebende nachts um drei miteinander tun, ist nichts als die Fortführung des Desserts mit anderen Mitteln.




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