NZZ Folio 02/07 - Thema: Teheran   Inhaltsverzeichnis

Experiment -- Blutsschwestern

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Es gibt nur eine Regel: Besucherinnen eines gymnasiastischen Tanzkurses 1970. Linktext
Synchronisieren Freundinnen ihre Menstruation? Um diese Frage zu beantworten, rieb man vor
30 Jahren fünf Frauen den Achselschweiss einer Kollegin unter die Nase.

Von Reto U. Schneider

Während ihres Studiums merkte Genevieve M. Switz, dass sie eine besondere Gabe hatte: Jeweils nach einigen Monaten hatten die Frauen, die mit ihr die Wohnung teilten, ihre Periode zum selben Zeitpunkt wie sie. Damit konnte sie zwar nicht im Zirkus auftreten, aber das Interesse der Wissenschaft war ihr sicher.

Dass Frauen, die engen Kontakt haben, ihre Menstruation synchronisieren, hatte Ende der 1960er Jahre eine Studentin vom Wellesley College in Massachusetts belegt. Martha McClintock war gerade 20 Jahre alt, als sie bei einer Diskussion zugegen war, bei der Forscher darüber sprachen, wie Pheromone (Duftbotenstoffe) den Eisprung bei Mäusen steuerten, so dass das Ei bei allen gleichzeitig reifte.

Das Gleiche geschehe auch bei Frauen, warf McClintock ein. Doch die Wissenschafter – alles Männer – wollten ihr nicht glauben. «Ich hatte den Eindruck, dass sie meine Äusserung lächerlich fanden. ‹Wo ist der Beweis?› fragten sie.»

Den Beweis wollte Martha McClintock liefern. Sie befragte während eines Studienjahres die 135 Studentinnen in ihrem Wohnheim, wann sie ihre Periode hatten. Die Auswertung zeigte: Bei engen Freundinnen lag der Zeitpunkt der Menstruation unmittelbar nach den Sommerferien im Schnitt sechseinhalb Tage auseinander; sieben Monate später waren es nur noch viereinhalb Tage.

Zwei Tage Annäherung waren für die renommierte Fachzeitschrift «Nature» Beweis genug: 1971 publizierte sie die Studie – der erste Hinweis darauf, dass Pheromoneauch beim Menschen eine Rolle spielten. Gaben Alphafrauen so den Menstruationstakt an?

Genevieve Switz studierte 1977 organische Chemie an der San Francisco State University, wo sie auf Michael J. Russell traf, der sich für die Geruchskommunikation des Menschen interessierte. Da sie den Zyklus anderer Frauen beeinflusste, eignete sie sich für Russells Experiment – oder besser, ihr Schweiss eignete sich dafür. Falls wirklich Pheromone die Synchronisation der Menstruation verursachen, müsste regelmässig verabreichter Schweissgeruch von Genevieve Switz den Zeitpunkt der Menstruation bei anderen Frauen beeinflussen.

Switz musste ihren Schweiss in Watte sammeln, die sie unter den Armen trug. Einmal pro Tag wurden die Bäusche ersetzt, mit vier Tropfen Alkohol beträufelt, in vier Stücke geschnitten und tiefgefroren. Switz durfte keine parfümierte Seife verwenden und sich unter den Armen weder rasieren noch waschen.

Aus der Studie geht nicht hervor, ob die Versuchsteilnehmerinnen wussten, was es mit den Wattebäuschen auf sich hatte. Es heisst lediglich: «Wir baten sie um Erlaubnis, einen Duft auf ihre Oberlippe aufzutragen.» Während vier Monaten gelangte Switz’ Schweissgeruch so in die Nasen der Hälfte der Versuchsteilnehmerinnen; die andere Hälfte, die Kontrollgruppe, bekam Wattebäusche, die lediglich Alkohol enthielten.

Das Ergebnis: Bei den fünf Frauen, die Switz’ Duftstoffe verabreicht bekamen, lag die Menstruation nach vier Monaten 3,4 Tage auseinander, 6 Tage weniger als zu Beginn der Studie. Bei den sechs Frauen der Kontrollgruppe kam es zu keiner Annäherung der Zyklen.

Trotz dem scheinbar eindeutigen Resultat zweifeln heute viele Fachleute daran, dass es so etwas wie die Synchronisation der Menstruation überhaupt gebe. Denn obwohl später alle möglichen Frauengruppen daraufhin untersucht wurden – von Beduinenfrauen über Basketballspielerinnen bis zu lesbischen Paaren –, ergab sich kein eindeutiges Bild. Bei einigen zeigte sich der McClintock-Effekt, bei anderen nicht. Kritiker führen die positiven Resultate auf methodische Mängel zurück. Dass viele Frauen trotzdem daran glauben, habe damit zu tun, dass sich die Perioden oft zufällig überlappten.

McClintock ist immer noch von Existenz und Wirkung der Pheromone überzeugt. Doch sei die Sache komplizierter als angenommen. So wirkten die Duftstoffe nicht immer synchronisierend, und eine Taktgeberin gebe es wahrscheinlich nicht. Auch was die Funktion des Phänomens angeht, tappen die Forscher im Dunkeln.

Dass sich die zwei Lager einigen, ist unwahrscheinlich, denn die naturwissenschaftliche Diskussion wird von einer feministischen überlagert. Wenn Frauen zur selben Zeit menstruieren, sehen das manche als biologischen Ausdruck der Frauensolidarität.

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.




Leserbriefe:

Zu Experiment -- Blutsschwestern - NZZ-Folio Teheran (02/07)

Dass "viele Fachleute daran zweifeln, dass es so etwas wie eine Synchronisation der Menstruation unter Frauen überhaupt gebe ... und im Dunkeln tappen, was die Funktion des Phänomens angeht" (Zitat aus dem Artikel), erstaunt etwas, wenn man das Folgende weiss. In den Wildschwein-Rotten werden die Menstruationen aller zeugungsfähigen Bachen von der Leitbache streng synchronisiert. Als Ergebnis kommen alle Frischlinge in einer Rotte, die von verschiedenen Bachen geworfen werden, nur um wenige Stunden, selten um Tage verschoben, d.h. praktisch gleichzeitig zur Welt. Die Funktion dieses Phänomens ist klar: Die Überlebenschancen der Jungen steigen gewaltig, wenn man sich gegenseitig in der gleichen Situation aushelfen kann. Zudem ist die ganze Rotte nur in einer optimal kurzen Zeit durch das Aufziehen der Frischlinge "behindert". - Irrtum vorbehalten, gibt es diese "natürliche Einrichtung" auch bei anderen Tierarten. Mensch und Schwein sind bekanntlich ähnlicher als "man" das gerne annehmen würde. Warum sollte darum das Phänomen aus gleichen Gründen beim Menschen nicht auch funktionieren ? Dass man das heute nicht mehr allzu sicher mit Versuchen belegen kann, könnte daran liegen, dass das von der Natur vorgesehene Phänomen nicht mehr so dringend gebraucht wird auf der hohen Entwicklungsstufe der Gattung Mensch.
Dr. Fritz Zollinger, Otelfingen



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