NZZ Folio 04/99 - Thema: Im Vatikan   Inhaltsverzeichnis

Raucherfreuden -- Holy smoke!

Von Thomas Brunnschweiler

OHNE VORWARNUNG werden sie aus ihrem feuchten dunklen Kerker geholt und mit der Guillotine geköpft. Aber oh Wunder, sie haben ihr Leben noch nicht ausgehaucht. Erst nachdem man sie angezündet hat, verzehren sie sich langsam und mit Wohlgeruch für ihre Freunde . . .

Nicht von Märtyrern ist die Rede, sondern von Cigarren. Und auch wenn die martyrologische Metaphorik frivol erscheinen mag, ganz abwegig ist sie nicht, denn Hagiographen berichten, dass viele Heilige in ihrer Todesstunde von einem einzigartigen Wohlgeruch umgeben gewesen seien. Heiligkeit und Rauch gehören seit jeher zusammen. In vielen Kulturen gibt es Rauchopfer oder Räucherungen, und eine weihrauchgeschwängerte Kirche hat etwas eigentümlich Mystisches an sich, woran auch die Tatsache nichts ändert, dass Zwingli das Schwingen des Weihrauchkessels als Zünselwerk verdammte.

Es ist kein Wunder, dass die Diener der Kirche nach der Entdeckung des Tabaks bald auf den Geschmack kamen. Einerseits als Erfindung des Teufels gebrandmarkt, anderseits heiliges, göttliches, ja Kraut des heiligen Kreuzes genannt, wurde der Tabak zur Versuchung. Anfangs verstörte das Tabaksaufen die Kirche. Rodrigo de Xeres, einer der Entdecker der indianischen Schornsteinmänner, führte in Spanien das Rauchen vor und kam flugs hinter Gitter, wo er noch schmorte, als schon Zehntausende von Iberern qualmten. 1642 drohte Urban VIII. all jenen mit Exkommunikation, die in der Kirche rauchten. Dass er sich in seiner Bulle auch an Priester und Angehörige von geistlichen Orden wandte, beweist, dass die Raucherfreuden die Grenze des Laienstandes längst übersprungen hatten.

Cabrera Infante hält denn auch den Tabak für eine «sehr katholische Angelegenheit», was man ihm fast glauben möchte, wenn man zum Beispiel an rauchimprägnierte Kapuzinerzellen denkt. Während des Betens darf man nicht rauchen, aber es ist nicht verboten, beim Rauchen zu beten. Eine klerikale Spitzfindigkeit, zu der mir der Schluss eines der kubanischen Sonette von Gilbert de Montsalvat einfällt: «Betet der Bischof qualmend für die Pfarren, spendier ich gegen Ablass die Cigarren.»


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.