NZZ Folio 03/96 - Thema: Nordirland   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Der Teddy im Eukalyptuswald

Von Herbert Cerutti
HUNDERTTAUSENDE von Touristen kommen jährlich nach Australien. Und fast alle besuchen einen der vielen Wildparks, wo die herzigen Koalas scheinbar nur darauf warten, an die Brust gedrückt und liebkost zu werden. Für viele Japaner ist die Begegnung mit dem lebendigen Teddybären sogar der einzige Grund für die Australienreise. So sind Koalas zu den wohl wichtigsten Botschaftern des Landes geworden; ihre Präsenz in der Tourismuswerbung wie im Souvenir- und Konsumgütergeschäft ist allumfassend. Dabei gibt es in Australien nur noch zwischen 40 000 und 80 000 Koalas. Fachleute befürchten, dass in den kommenden dreissig Jahren der Koala von der freien Wildbahn verschwinden könnte.

Der Koala trägt den wissenschaftlichen Namen Phascolarctus cinereus : aschgrauer Beutelbär. Ein dichtes, weiches Fell, flauschige Ohren, Kulleraugen und seine lustige schwarze Nase prädestinierten das Tier zum Kinderliebling; als «Teddybär» gehört er längst zum internationalen Kuschelinventar. Doch sind sowohl der wissenschaftliche Name wie die Bärenrolle im Kinderzimmer falsch. Denn der Koala ist kein Plazenta-Tier wie der Bär, sondern ein Beuteltier – eine Säugervariante, die ihre Embryonen anstatt in der Gebärmutter in einem Aussenbeutel wachsen lässt.

Die ersten Beuteltiere kamen vermutlich vor 80 Millionen Jahren, als die Kontinente noch nahe beieinander lagen, aus Südamerika über die Antarktis nach Australien. Und als Australien dann vor 45 Millionen Jahren in seine geologische Isolation driftete, erhielten sie hier die Chance, sich zu enormer Artenvielfalt zu entwickeln: von der winzigen Beutelmaus und dem räuberischen Beutelmarder bis zum Riesenkänguruh und zum baumbewohnenden Koala.

Der Koala hatte sich im Laufe der Evolution auf eine Nahrung spezialisiert, die den andern Tieren weder schmeckte noch wohl bekam: die faserigen Blätter der Eukalyptusbäume. Mit 350 Arten gehört der Eukalyptus zur typischen Vegetation der Trockenwälder entlang der australischen Ost- und Südostküste. Die Eukalyptusblätter sind als Tiernahrung wenig attraktiv, weil sie weitgehend aus Zellulose bestehen und nur geringe Mengen an Nährstoffen enthalten. Manche Eukalyptusarten produzieren zudem als Schutz gegen Blattfresser unbekömmliche Phenole und giftige Blausäureverbindungen. Es ist beeindruckend, wie die Koalas mit dem nahrungstechnischen Handicap fertig werden.

Sie haben als Kuriosität einen über zwei Meter langen Blinddarm, in dem spezielle Bakterien siedeln, die dem Wirt die sonst unverdauliche Zellulose aufschliessen und damit wertvolle Nährstoffe verfügbar machen. Diese Vergärung mit Hilfe der Enzyme der Darmbakterien hat den Koalas den Ruf eingetragen, sie hockten den lieben langen Tag besoffen auf den Bäumen. Die Tiere sind jedoch keineswegs alkoholisiert; sie pflegen vielmehr ein schläfriges Verhalten, um so trotz karger Ernährung mit sehr langsamem Stoffwechsel überleben zu können. Wie die Koalas einer Blausäurevergiftung entgehen, ist erst ansatzweise bekannt. So nehmen sie kein Blatt in den Mund, bevor sie nicht sorgfältig am Zweig geschnuppert haben. Höchstwahrscheinlich können die Tiere mit ihren empfindlichen Nasen die je nach Eukalyptusart, Standort und Witterung unterschiedliche Giftigkeit der Blätter beurteilen und somit die stark giftigen Exemplare meiden. Koalas fressen auch gelegentlich Erde, was sowohl den Mineralhaushalt ergänzen als auch Entgiftungshilfe leisten kann. Und vermutlich werden kleinere Giftmengen im Darm selber neutralisiert.

Koalas nutzen etwa 70 Eukalyptusarten, ferner auch Blätter von 30 weiteren Baumarten, etwa Kapok und Akazie. Zur Tagesration von 600 bis 1200 Gramm Blättern gehört aber immer Eukalyptus, denn seine ätherischen Öle sind für das Tier lebensnotwendig. Auch deckt der hohe Wassergehalt der Eukalyptusblätter den gesamten Flüssigkeitsbedarf, was dem Koala den gefährlichen Gang zur Wasserstelle erspart. Die karge Ernährung bestimmt den Lebensstil: etwa 20 Stunden schlafen, 2 Stunden fressen, 2 Stunden Fortbewegung. Für Körperpflege und Gesellschaftsleben bleibt täglich ein Viertelstündchen.

Lieblingsplatz des Koalas ist der Baum. Dort findet er Nahrung, Schutz und Ruhe. Damit es sich in der Astgabel bequem dösen lässt, ist das Fell am Hintern wie ein Kissen besonders dicht. Im Laufe des Tages sucht sich der Koala im Baum das jeweils beste Plätzchen: die wärmende Sonne, den kühlenden Schatten, den frischen Wind oder Schutz vor dem Regen. Und meist nur in der Nacht wagt sich der Koala vom Baum. Mit seinen dolchartigen Krallen klettert er erstaunlich flink auf den Boden, sei es, um einen neuen Nahrungsbaum zu finden, sei es auf der Suche nach einer Partnerin. Da Koalas im Wald weit verstreut auf den Bäumen hocken, hat man geglaubt, die Tiere hätten nur eine rudimentäre Sozialstruktur. Diese Meinung musste in jüngerer Zeit gründlich revidiert werden.

So besetzt und verteidigt ein dominantes Koalamännchen ein Territorium von beispielsweise 30 Hektaren und markiert darin die Bäume mit dem Sekret einer grossen, auf der Brust sitzenden Duftdrüse. Die Randzone des männlichen Reviers überlappt mit mehreren kleineren, weiblichen Revieren. Und in diesen Überschneidungszonen stehen die «Grenzbäume» als Ort, wo sich im australischen Sommer Männchen und Weibchen zur Paarung treffen. In Unkenntnis solcher Struktur haben selbst Koala-Freunde lange Zeit geglaubt, man könne den Tieren den Wald, der dem Strassen- oder Siedlungsbau geopfert wird, einfach durch Neupflanzungen ersetzen. Der Verlust traditioneller Reviere und Grenzbäume kann jedoch eine ganze Fortpflanzungsgemeinschaft mit Dutzenden von Tieren ruinieren. Und auch der gutgemeinte Tunnel für die Tiere unter einer stark befahrenen Strasse hindurch ist wenig sinnvoll, denn der Tunnel kann nur gerade von jenem Tier benutzt werden, auf dessen Territorium die Röhre beginnt oder endet.

Nach einer Tragzeit von 35 Tagen wird der Embryo geboren: blind, nackt und weniger als ein Gramm schwer. Den Mutterbauch entlang erschnüffelt sich der rosarote Winzling den Weg von der Geburtsöffnung zum Beutel und saugt sich an der Zitze fest. Indem die Zitze im kleinen Mund schwillt, sitzt das Neugeborene für die nächsten Monate per Druckknopf an der Milchquelle fest. Mit 22 Wochen öffnet der Säugling seine Augen und streckt erstmals den Kopf aus dem Beutel. Und erhält für weitere Monate direkt aus dem After der Mutter als Zusatznahrung einen Brei, der nicht nur Kraft für das Wachstum liefert, sondern auch die lebenswichtigen Blinddarmbakterien von der Mutter auf das Junge überträgt.

Bis zum Ende seines ersten Lebensjahrs bekommt der kleine Koala Brei und Muttermilch und darf auf Mamas Rücken reiten, wo er den heiklen Umgang mit den Eukalyptusblättern lernt. Dabei gewöhnt er sich an eine individuelle Auswahl von knapp einem Dutzend Baumarten – was wiederum jene Leute ins Unrecht setzt, die glauben, man könne Koalas ohne weiteres von einem Wald in einen andern verpflanzen. Die Kinderzeit des Koalas endet, sobald ein neues Geschwister den Kopf aus dem Beutel streckt. Das Junge wird von der Mutter vertrieben und muss sich sein eigenes Revier suchen.

Der «Kultivierung» Australiens durch weisse Siedler sind in knapp 200 Jahren vier Fünftel der Wälder zum Opfer gefallen – und damit ein Grossteil der Lebensgrundlage der Koalas. Noch verheerender war die Jagd. Zwar haben schon vor der Ankunft der Weissen die Aborigines Koalas als Nahrung und Pelzlieferanten genutzt, indem sie auf die Bäume kletterten und sie dort wie Früchte pflückten. Die Neusiedler aber knallten die wehrlosen Fellbündel zu Tausenden von den Bäumen – erst aus purer Schiesslust und dann, weil sie merkten, dass sich die silbergrauen, weichen Koalapelze auf dem Weltmarkt gut verkaufen liessen.

Im Jahre 1908 gingen 57 533 Koalafelle über den Markt von Sydney; 1924 exportierte Australien über zwei Millionen Felle. Mitte der zwanziger Jahre war der Koala in den Bundesländern Südaustralien, Victoria und Neusüdwales auf wenige hundert Tiere dezimiert; grössere Populationen gab es nur noch in Queensland. Nachdem die Regierung von Queensland die Koalajagd erst verboten hatte, gab sie (um in der Pelzbranche Wählerstimmen zu gewinnen) 1927 die Jagd für den Monat August wieder frei. Und in nur 31 Tagen mussten 800 000 Koalas ihr Leben lassen. Die Regierung hatte allerdings die öffentliche Meinung unterschätzt: eine Welle der Empörung ging durchs Land; das Tier wurde 1937 endlich in ganz Australien unter Schutz gestellt.

Hauptverbreitungsgebiet der freilebenden Koalas ist heute die Gegend um Brisbane in der Südostecke von Queensland. Leider ist diese sonnige Küstengegend auch zum Gebiet mit dem höchsten Bevölkerungszuwachs Australiens geworden. So verdrängt nun auch hier die Zivilisation das Wild: Pro Jahr fallen etwa 4000 Koalas den Autos und Hunden zum Opfer oder ertrinken in den Swimmingpools. Seit einigen Jahren bemüht sich die private Australian Koala Foundation um den Schutz der Koalas und informiert die Öffentlichkeit über das wahre Schicksal dieser Tiere. So hat Ann Sharp unlängst einen Bildband verfasst («Koalas», BLV-Verlag, München), der auch Wege zur Rettung der letzten Koalas skizziert. Als wichtige Vorarbeit erstellt jetzt die Foundation einen Koala-Habitat-Atlas, der sämtliche noch existierenden Wildgebiete kartiert und bewertet. Gestützt auf diese Daten, hofft man Schutzmassnahmen wesentlich gezielter als bisher treffen zu können. Die letzte Chance für den Teddy?

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