Das erste Mal, als er vor dem Vittorio-Emanuele-II-Denkmal stand, dessen Weiss unter der Römer Sonne blendete, schloss Alfred Hitchcock einen Moment lang gedankenversunken die Augen und sagte dann, er sehe die Eröffnungsszene für seinen nächsten Film schon klar vor sich: eine über die Treppenstufen rinnende Blutspur, die sich auf dem heissen Stein zu einer roten Lache verbreitert. Der launische Regisseur drehte diesen Film nie. Doch dieses Bild, das Blut, das die Treppe hinunterfliesst, ging mir in all den Jahren seither nicht mehr aus dem Kopf. Jedesmal, wenn ich vor diesem Meisterwerk des schlechten Geschmacks und Bestseller des internationalen Tourismus stehe, kommt es mir in den Sinn.
Der Vorschlag zur «Nutzbarmachung» des Denkmals, den ich der Öffentlichkeit einst unterbreitete, ist nicht so makaber, aber radikal und sicher brauchbar: nämlich das Riesenbauwerk (auch «Schreibmaschine» genannt) in einen grandiosen Steinbruch zu verwandeln.
Was man damals meinem Vorhaben entgegenzuhalten hatte, verdient erwähnt zu werden. Vor allem, hiess es, käme damit der Stadt Rom eine der wichtigsten Attraktionen für den Massentourismus abhanden. Die amerikanischen und die japanischen Touristen haben die allertiefste Bewunderung für das weisse Monument an der Piazza Venezia. Wahrscheinlich konzentriert sich auf kein anderes Bauwerk der Brennpunkt so vieler vorüberziehender Fotoapparate; offenbar überqueren ja viele Amerikaner und Japaner ihre Ozeane rein um der Freude willen, bewundernd vor diesem Denkmal stehen zu dürfen und es abzulichten. Sowohl Yen als auch Dollars (aber Mark, Schweizer Franken und Schillinge ebenso) sind kostbare Nahrung für die leeren italienischen Staatskassen.
Darauf lässt sich mühelos replizieren. Wann hat die touristische Erfolgsgeschichte des Kolosseums angefangen? Genau dann, als die Familie der Barberini-Päpste es in einen Steinbruch für Qualitätsmarmor umfunktionierte, um ihren Römer Palazzo zu verschönern, der heute noch vom gleichnamigen Platz oder vom Aufgang zu den Quattro Fontane aus zu bewundern ist. Vor diesem Zeitpunkt hatte das Kolosseum lediglich als Amphitheater für die mehr oder weniger grausamen Darbietungen gedient, die dort stattfanden; in keiner Weise war es schon jenes staunenswerte Objekt touristischer Besichtigungen, das es nachher geworden ist.
Das Steinmaterial, das aus dem Monument an der Piazza Venezia zu gewinnen wäre, ist der wertvolle Botticino-Marmor, ein schneeweisser Kalkstein, hart und kompakt, der sich aufs vortrefflichste für Fussböden, Treppen und Säulen, Architrave, Balustraden und andere architektonische Elemente eignet. Auch für Grabsteine. Während mehrerer Jahre würden Verkauf und Export des Botticino der Stadtverwaltung eine Einkunftsquelle ? sogar von harten Devisen ? sichern, die mindestens so viel hergäbe wie das, was der Tourismus einbringt.
Als Ruine, ohne seine strahlend weisse Verkleidung, könnte das Denkmal schliesslich eine unerwartete Aura von Noblesse annehmen und jenes breite Publikum von romantischen Touristen für sich gewinnen, die als Liebhaber der Ruinen, efeubedeckten Trümmer und baufälligen Gemäuer gelten, kurz: der «atri muscosi e fori cadenti», der moosbewachsenen und verfallenden Stätten der Antike, die ein berühmter italienischer Dichter besungen hat.
Ein Traum, der meine, ein frommer Wunsch. Die Leute, die für die Verwaltung der italienischen Republik zuständig sind, werden wohl kaum einen wesentlich anderen Geschmack haben als die Masse der Touristen aus dem fernen Japan und der hintersten amerikanischen Provinz. Ausserdem gilt es, die hartnäckige Monumentomanie der Italiener selber zu berücksichtigen. Sie legen Wert darauf, noch die schlimmste historische Persönlichkeit in Stein zu verewigen, sei es stehend, sitzend oder hoch zu Ross.
Was also können wir tun? Nichts; wir haben abzuwarten, bis die unerbittliche Zeit den harten Kalkstein des Bauwerks mürbe macht und die scheussliche Architektur langsam in eine elegante Ruine verwandelt, wie die auf dem benachbarten Forum Romanum. Ich jedenfalls wappne mich mit Geduld; ich bin gerne bereit, sogar fünfhundert Jahre zu warten, wenn ich nur zuschauen darf, wie Stufen und Säulen des hässlichsten Denkmals von ganz Italien nach und nach zerbröckeln.