NZZ Folio 04/02 - Thema: Unterwegs   Inhaltsverzeichnis

Das erste Mal -- Ralph Krueger, sind Sie zu diszipliniert?

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Von Ursula von Arx
Ralph Krueger, 1959 in Kanada geboren, ist seit 1997 der Trainer der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft, vorher führte er die österreichische VEU Feldkirch von Sieg zu Sieg. Bis Salt Lake City, wo die Schweizer schlecht abschnitten, wurde er mit Lob überschüttet, man nannte ihn einen «Alchemisten» und einen «kommunikativen Strahlegott». Im Buch «Teamlife» kann man Kruegers Erfolgsrezepte nachlesen.


Ralph Krueger, wann zwang das Leben Sie zum ersten Mal auf die Strafbank?

Ich habe eine so grosse Lebenserfahrung, dass ich auch viele Rückschläge hinnehmen musste. Jeder Rückschlag war für mich eine Strafe. Als Spieler - ich war schon mit 17 professioneller Eishockeyspieler - kam der Punkt, wo sich die Frage stellte: was nun? Eine schreckliche Zeit für mich als Trainer war, als die VEU Feldkirch fünfzehn Mal hintereinander verloren hatte. Und sehr schlimm, vielleicht das Schlimmste, war der Tod meiner Mutter, die an Krebs gestorben ist.

In einem Interview sagten Sie einmal: «Angst, Frust, Schwierigkeiten - diese Worte kenne ich gar nicht.»

Was ich meine, ist: Wir müssen vorwärtsschauen. Das Negative darf nie, nie unsere Denkweise bestimmen.

Ihr Buch trägt den Untertitel «Über Niederlagen zum Erfolg». Gibt es für Sie überhaupt Niederlagen, die nur Niederlagen sind, nichts weiter?

Da fällt mir nur der Tod ein.

Sind Sie religiös?

Ich glaube an ein Leben nach dem Tod, denn es ist für mich keine motivierende Vorstellung, dass einmal alles zu Ende sein soll. Und ich glaube an das Gute im Menschen.

Im Christentum ist der Mensch mit der Erbsünde belastet, er ist schlecht, wenn er auf die Welt kommt. Können Sie als Motivator und Trainer dieser Vorstellung Positives abgewinnen?

Mit den klassischen Religionen bin ich schon ab und zu im Clinch, mehr möchte ich dazu nicht sagen. Ich mag es allgemein nicht, wenn man das Negative betont. Das raubt nur Kraft.

In Ihrem Buch zitieren Sie Buddha: «Was wir denken, werden wir», Ihre Spieler trainieren Sie vor allem mental, etwa indem Sie ihnen ein SMS schicken: «Denke das Unmögliche, und das Unmögliche wird möglich.» Setzen Sie da Ihren Spielern nicht Allmachtsphantasien in den Kopf?

Ich habe nie behauptet, dass wir das Spiel damals in Petersburg allein wegen dieser SMS gewonnen haben.

Trotzdem: Die äussere Realität scheint in Ihrem Denken unwichtig zu sein.

Wenn ich Probleme habe, will ich nicht davonlaufen. Die erste Frage nach Salt Lake City war: Hörst du jetzt auf? Ich sagte: Spinnt ihr? Was seid ihr denn für Menschen? - Nein, ich nehme die Realität voll wahr, und ich will sie überhaupt nicht unter den Tisch wischen. Aber ich weiss ganz genau, dass jeder Ziele braucht und Träume, um sich motivieren zu können. Wenn ich keine Träume für die Nationalmannschaft hätte, könnte ich mich nie wie ein Gestörter dafür einsetzen. Ohne Träume verstreicht das Leben ungenutzt und traurig.

Der Mittelpunkt Ihrer Welt ist Eishockey. Gäbe es nicht Sinnvolleres?

An den Olympischen Spielen habe ich erlebt, wie Sport ein soziales Vorbild sein kann. Da kommen 78 Nationen zusammen, und ich habe keinen einzigen Streit gesehen. Also können wir Menschen doch gut zusammenarbeiten, wenn wir ein gemeinsames Ziel haben. Sport kann so viel bewegen, und jetzt mit dem Buch und meinen Vorträgen kann ich Leute auch ausserhalb des Sports erreichen.

Für einen Vortrag verlangen Sie mindestens 12 000 Franken. Als Trainer verdienen Sie rund 300 000 Franken. All das Geld - macht es Sie glücklich?

Geld allein macht überhaupt nicht glücklich. Man muss damit umgehen können, und das ist eine Kunst. Meine Familie und ich führen heute nicht ein anderes Leben als früher.

Sie werden auch als Mr. Teflon bezeichnet. Was sagen Sie dazu?

Was Menschen, die mich nicht näher kennen, über mich sagen, darf mich nicht kümmern.

Haben Sie Komplexe?

Leute, die ich als meine Freunde betrachte, können mich sehr verletzen. Da bin ich angreifbar. Aber eigentlich bin ich heute sehr selbstbewusst. Ich stehe zu allem, was zu mir gehört. Witze über meine grosse Nase würden mich heute kaltlassen.

An der Olympiade schickten Sie zwei Spieler nach Hause, weil sie zu viel getrunken hatten. Wie denken Sie über Menschen, die die Kontrolle verlieren?

Ich finde das völlig menschlich, denn wir sind nicht perfekte Tiere. Kommen aber andere dadurch zu Schaden, kann ich es nicht akzeptieren.

Wann verloren Sie das letzte Mal die Kontrolle?

Ich lebe jetzt schon so lange so total diszipliniert, dass es wirklich sehr lange her ist, glaube ich.

Sie fahren einen Porsche 911. Was hat dieses Auto mit Ihnen zu tun?

Ich versprach mir dieses Auto als Belohnung, wenn ich es schaffe, mindestens vier Jahre Trainer bei der Schweizer Nationalmannschaft zu sein.

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