NZZ Folio 04/92 - Thema: Drogenpolitik auf Irrwegen   Inhaltsverzeichnis

Drogen vom Staat

Grossbritannien verteilt im Kampf gegen das Drogenproblem die Gewichte anders.

Von René Zeller

Peter McDermott lebt mit seiner Frau und den drei Kindern zwanzig Taximinuten vom Zentrum Liverpools entfernt in einer jener britischen Strassen, in denen sich die Häuser wie kumulierte Zwillinge aneinanderreihen. Seit zwanzig Jahren konsumiert er regelmässig Drogen. Nachdem sich der heute 36jährige Mann in seiner Jugend auf dem Schwarzmarkt versorgt hatte, fand er den Weg zurück in die Legalität -ohneseine Sucht aufzugeben. Er begab sich 1977 in die Obhut der Gesundheitsbehörden, die Ärzten die Verschreibung zahlreicher Suchtmittel offiziell erlauben.

McDermott ist nach wie vor drogenabhängig. Nur dass er seit 1977 Heroin und Methadon per Rezept verschrieben bekommt, die er beide intravenös konsumiert. Jeden Montag, Mittwoch und Freitag geht er zur Apotheke, einen Steinwurf von seinem Zuhause entfernt. Dort steht er jeweils schon vor der Tür, wenn um neun Uhr morgens geöffnet wird. Ohne viele Worte werden dem längst bekannten Kunden Ampullen und Injektionsmaterial ausgehändigt. Wenig später ist er ein weiteres Mal «high» vom Stoff, ohne den er nicht leben will. McDermott hat schon als Schüler Drogen genommen, nahm Drogen während des Studiums und nimmt Drogen, seit er berufstätig ist. Derzeit ist er in einem Teilpensum als Lehrer tätig, gelegentlich als freier Publizist auch - der Arbeitsmarkt ist trocken in Grossbritannien, ganz besonders in der Gegend von Liverpool.

Bei der Kontroverse um eine ärztlich kontrollierte Abgabe von sogenannten harten Drogen, wie sie zurzeit in der Schweiz geführt wird, verweisen Gegner immer wieder warnend auf das sogenannte Liverpooler Experiment, das völlig versagt habe. Dieser Einwand geht von falschen Annahmen aus: eine eigene Liverpooler Regelung existiert nicht und hat daher auch nicht «versagt», ebensowenig versagt hat Grossbritanniens Drogenpolitik insgesamt. Die in Liverpool praktizierte Abgabe harter Drogen basiert auf einer nationalen Drogenpolitik, die sich etwa vom amerikanischen «War on Drugs» markant unterscheidet. Seit Jahrzehnten nämlich besteht in Grossbritannien für drogenabhängige Menschen die Chance, als Süchtige zu leben, ohne dass ihnen permanent Polizei und Justiz auf den Fersen sind.

Diese eigenständige Drogenpolitik geht zurück auf Entscheide, die schon in den zwanziger Jahren gefällt worden sind. Mit der Dangerous Drugs Act wurde die Verantwortung für den Umgang mit den damals verfügbaren Drogen ausschliesslich an qualifizierte Ärzte delegiert. Dieser Schutzschild gegen die missbräuchliche Verwendung der in erster Linie nach medizinischer Indikation verabreichten Stoffe wurde 1926 noch verstärkt. Eine Delegation des britischen Gesundheitsministeriums (das Rolleston Committee) erliess erstmals detaillierte Richtlinien, die festlegten, unter welchen Voraussetzungen eine ärztliche Verschreibung von Suchtmitteln an Abhängige möglich war.

Der erleichterte Zugang zu den damals gebräuchlichen Opiaten führte keineswegs zu einem Desaster. Vielmehr blieb in Grossbritannien die Zahl der Drogenabhängigen lange stabil; gemäss einer Erhebung waren 1960 auf 50 Millionen Einwohner insgesamt 543 drogensüchtige Personen bekannt. Ihre Konsumgewohnheiten fielen gesellschaftlich nicht ins Gewicht.

Erst als Ende der sechziger Jahre im Zeichen der Jugendproteste und allgemeiner soziokultureller Umwälzungen sich der Drogenkonsum stark ausbreitete, geriet das Problem in das Blickfeld des öffentlichen Interesses, und die britischen Behörden sahen sich zum Handeln gezwungen. Mit einer 1971 erlassenen Gesetzesvorschrift, der Misuse of Drugs Act, reagierte man auf den Schwarzmarkt, der unterdessen entstanden war, und auf die Missbräuche, die zusehends mit ärztlich angegebenen Suchtmitteln getrieben wurden. Die neue Vorschrift stellte Herstellung, Handel und Besitz sämtlicher bekannten Drogen unter eine umfassende Kontrolle. Mit Blick auf die Strafnormen bei Missbrauch wurden die Drogen in der Misuse of Drugs Act in drei Klassen eingestuft, wobei in die Kategorie der gefährlichsten Stoffe neben Heroin, Kokain und LSD auch Methadon eingereiht wurde.

Mit der Misuse of Drugs Act von 1971 wurde das Fundament gelegt für die heutige britische Drogenpolitik: Auf der einen Seite werden die Auswüchse des illegalen Drogenhandels polizeilich hartnäckig verfolgt und von der Justiz drastisch bestraft. Auf der anderen Seite nimmt sich das staatlich organisierte Gesundheitssystem der Süchtigen an. Wer Hilfe sucht, wird sie finden - wobei abstinenzorientierte Programme vom Staat ebenso getragen werden wie die ärztliche Verschreibung von Drogen.

Letztere ist, ausgehend von der Misuse of Drugs Act, in Ausführungsbestimmungen detailliert geregelt worden. So wurde der Kreis jener Ärzte, die Drogen verschreiben können, gegenüber früher drastisch eingeschränkt. Das regionale britische Gesundheitssystem ist nochmals in zahlreiche Distrikte unterteilt. Gewöhnlich ist pro Distrikt nur ein als Consultant Psychiatrist bezeichneter Facharzt von der nationalen Behörde autorisiert, die zugelassenen Drogen zu verschreiben. Auflage für die Abgabe ist, dass die «Klienten» nachgewiesenermassen drogenabhängig sind; zudem soll die Sucht der Betroffenen zumindest stabilisiert werden. Die Fachärzte haben ferner Vorkehrungen zu treffen, dass die von ihnen verschriebenen Drogen nicht in den illegalen Drogenmarkt fliessen. Da die britischen Ärzte über traditionell verbriefte individuelle Freiheitsrechte («clinical freedom») verfügen, hat sich im Laufe der Jahre, obwohl die erwähnten Auflagen im ganzen Land gültig sind, eine je nach Überzeugung der lizenzierten Fachärzte völlig unterschiedliche Verschreibungspraxis ergeben, die unter Umständen von Distrikt zu Distrikt erheblich differiert.

Dies trifft auch für die Region Liverpool zu. Dass der Blick drogenpolitisch interessierter Kreise dennoch fast ausschliesslich dorthin gelenkt wird, wenn vom «britischen Drogenmodell» die Rede ist, hat naheliegende Gründe. Der zu Beginn der achtziger Jahre enorm wuchernde illegale Drogenmarkt fand in der Mersey-Region mit dem Zentrum Liverpool einen idealen Boden vor. Die nordenglische Hafenstadt trauert dem Glanz früherer Tage nach. Die kilometerlangen Docks am Mercey River sind grossenteils verwaist; als Folge des wirtschaftlichen Zusammenbruchs einer ganzen Region sind Hunderttausende fortgezogen. Armut und Arbeitslosigkeit haben sich ausgebreitet wie an keinem anderen Ort in Grossbritannien. Die so herausgeforderte regionale Gesundheitsbehörde reagierte in der Folge energisch und übernahm in der Drogenpolitik gezwungenermassen eine Vorreiterrolle.

Was die Abgabe von Drogen angeht, ist vor allem der Facharzt John A. Marks bekannt geworden. Marks, der 1985 im Zentrum der Stadt mit dem Segen der regionalen Gesundheitsbehörde eine medizinische Anlaufstelle für Drogenabhängige eröffnete, gilt in England als jene fachliche Autorität, die sich am engagiertesten für die staatlich organisierte Drogenabgabe einsetzt. Er macht dabei vom ganzen Spektrum der zur Verschreibung zugelassenen Suchtmittel Gebrauch. Je nach Abhängigkeit eines Klienten verschreibt Marks neben dem weitaus am häufigsten abgegebenen Methadon auch Heroin, Amphetamin und gelegentlich auch Kokain. Zudem gibt er die Drogen je nach den Gewohnheiten der Abhängigen so ab, dass sie gespritzt, geschluckt oder geraucht werden können.

Die von Marks und einigen Kollegen verfochtene Praxis gilt unter den Fachärzten als progressiv. Die Mehrheit der Ärzte, welche in den mehr als hundert über das Land verteilten Anlaufstellen Drogen verschreiben, beschränken sich auf die Abgabe von Methadon. Ausschlaggebend dafür sind praktische Gründe: Nach der Einnahme von Methadon treten die Entzugssymptome gegenüber dem substanzmässig vergleichbaren Heroin wesentlich später ein, seine Wirkungsdauer ist erheblich länger. Für eine Tagesration Heroin wären mehrere Dosen notwendig, die - gleichzeitig abgegeben - die Gefahr der Überdosierung oder aber des Schwarzhandels bergen würden; anderseits will man die Drogenabhängigen, von denen viele wieder sozial integriert und berufstätig sind, nicht dazu zwingen, mehrmals am Tag die Abgabestelle aufzusuchen, weil das neue Unruhe brächte, sie von neuem «auffällig» machte.

Im Unterschied etwa zur Schweiz wird Methadon, ein chemisch produziertes Opiat, in Grossbritannien nicht ausschliesslich in trinkbarer Form abgegeben. Oral eingenommen bewirkt Methadon lediglich, dass die Entzugserscheinungen ausbleiben, während es bei intravenöser Einnahme zu einer Art «Flash» kommt. Die Fachärztin Sue Ruben beispielsweise, die 1989 die Leitung der Liverpooler Drogenpolitik übernahm, verschrieb ihren rund 800 Patienten das Mittel zunächst ausschliesslich zur oralen Einnahme in Orangensaft aufgelöst. Diese restriktive Praxis gab sie indessen nach kurzer Zeit auf; sie liess Methadon bald auch injizieren und verhinderte damit, dass jene Leute, die vorher Drogen ausschliesslich intravenös konsumiert hatten, von neuem den Weg in die Illegalität antraten.

Dieses Beispiel veranschaulicht die weitreichende Kompetenz der lizenzierten Fachärzte. Sie sind es, die landesweit die Verschreibungspraxis festlegen. So führt auch John A. Marks, der nach dem Aufbau der Liverpooler Anlaufstelle in seinen angestammten Distrikt Halton zurückkehrte - wie Liverpool einer von den zehn Distrikten, die zusammen die Region Mersey bilden -, sein Verschreibungsmodell mit dem Einbezug von Heroin unbeirrt fort. Seit Marks in der Drogenarbeit tätig ist, sind in sieben Jahren zwei seiner Patienten gestorben. Ohne dieser Zahl zuviel Gewicht beimessen zu wollen - dem Mythos des todbringenden Giftes Heroin steht sie zweifellos entgegen. Hinzu kommt, dass es in England offensichtlich gelingt, die meisten ärztlich betreuten Konsumenten harter Drogen gesund zu erhalten. Dieses wichtige Faktum untermauert das britische Modell der legalen Drogenabgabe erheblich; die nationalen Gesundheitsbehörden betrachten denn auch seit 1986 die Aids-Gefahr als das gesellschaftlich erheblich grössere Risiko als das Drogenproblem.

Ungeachtet der Differenzen bezüglich der «richtigen» Art der Verschreibung von Drogen gehen die britischen Fachärzte letztlich alle vom Grundsatz aus, dass es das kleinere Übel ist, süchtige Menschen mit Drogen zu versorgen, als sie den Fängen des illegalen Drogenmarktes zu überlassen. Sie am Leben und gesund zu erhalten und ihnen ein Dasein in Legalität zu ermöglichen steht im Vordergrund. Den Drogenabhängigen zur Seite zu stehen, wenn sie von ihrer Sucht loskommen wollen, ist dabei gleichwohl ein zentrales Anliegen. Doch basiert die kontrollierte Drogenabgabe in Grossbritannien auf der Überzeugung, dass die Abkehr von der Sucht den Willen und die Bereitschaft der Betroffenen voraussetzt und nicht äusseren Zwang.

Die in der Region Mersey praktizierte Drogenverschreibung hat übereinstimmend Ergebnisse gebracht, die aufschlussreich sind: Der offensive Ausbau der medizinischen und auch sozialen Drogenhilfe seit Mitte der achtziger Jahre hat dazu geführt, dass viele Abhängige dem Schwarzmarkt den Rücken gekehrt haben. Beim regionalen Gesundheitsdepartement geht man inzwischen davon aus, dass mindestens fünfzig Prozent der in Mersey lebenden Süchtigen Kontakte zu diesen Institutionen haben. Indem die Behörden auf die Betroffenen zugehen wie an keinem anderen Ort in Grossbritannien, haben sie unter anderem erreicht, dass die Verbreitung von Aids unter den Drogensüchtigen rigoros gehemmt wurde. Mit ihrem Spritzentauschprogramm, das sie vor sechs Jahren initiiert hat, hat die Region Mersey auch dabei eine Pionierrolle gespielt. Heute weist sie die im Vergleich mit den anderen Regionen weitaus niedrigste HIV-Rate unter den Drogensüchtigen aus.

Bemerkenswert ist in Liverpool auch das Zusammenspiel zwischen den Gesundheitsbehörden und der Polizei. Die Drogenabteilung der Polizei kämpft zwar weiterhin gegen den nach wie vor bestehenden illegalen Drogenmarkt und gegen dessen Profiteure. Gleichzeitig jedoch werden Drogenkonsumenten, wenn sie von Fahndern erstmals aufgegriffen werden, bloss verwarnt und aufgefordert, sich einer therapeutischen Institution anzuvertrauen oder zumindest das Ambulatorium ihres Distrikts aufzusuchen. In den Wirkungsstätten der Drogenhilfe werden die Drogenabhängigen vor polizeilichem Zugriff verschont; den für eine medizinische Betreuung zugänglichen Süchtigen sollen nicht unnötig Steine in den Weg gelegt werden.

Die Polizei meldet eine stagnierende Kriminalitätsrate in der Mersey-Region. Dieser statistische Befund wird unter anderem auf einen signifikanten Rückgang der Beschaffungsdelikte zurückgeführt. Allerdings mag dabei auch der Bevölkerungsrückgang in der Gegend um Liverpool mitgespielt haben.

Gegen die missbräuchliche Verwendung von legal abgegebenen Drogen sind die britischen Polizeibehörden gewappnet. Die Abgabe der Drogen - deren Produktion in Grossbritannien übrigens kein Problem darstellt, weil sie dort nicht illegal sind - erfolgt praktisch ausschliesslich über Apotheken. Wohl kann sich ein Süchtiger, eine Süchtige in einem anderen Distrikt in die Pflege eines Facharztes begeben, sofern dies von der jeweiligen regionalen Gesundheitsbehörde bewilligt und auch bezahlt wird. Die Polizei wacht indessen darüber, dass das Rezept für das verschriebene Suchtmittel nur am Wohnort eingelöst wird. Die legale Drogenabgabe hat daher keinerlei «Sogwirkung»; in Liverpool gibt es denn auch keine offene Drogenszene.

Grossbritannien verteilt im Kampf gegen die Drogen die Gewichte anders als fast alle übrigen Staaten, in denen die Repression im Zentrum der Bemühungen steht: Zwar wird auch hier der Schwarzhandel von der Polizei scharf bekämpft, doch liegt die Hauptverantwortung für die Konsumenten klar bei den Ärzten und Therapeuten. Den Drogenabhängigen wird so die Chance gegeben, wenigstens ein Leben in Legalität zu führen - von wo der Weg in die soziale Integration sicher kürzer ist als aus der Illegalität.

René Zeller gehört der Lokalredaktion der NZZ an und betreut dort zurzeit redaktionell die Drogenpolitik.


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