NZZ Folio 10/95 - Thema: Das Volk   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Kunstwerke zum Mitnehmen

Von Wolf Schneider

DIES IST EIN merkwürdiger Rat. Er gilt Kindern wie Erwachsenen und lautet: Gedichte auswendig lernen! Ja, es regiert die Sitte, Schülern etwas derart Altmodisches und Mühseliges nicht mehr zuzumuten, und überhaupt gilt sie weithin als vorgestrig, die klassische Lyrik. Aber mit einer solchen Haltung werden Chancen verspielt.

Zunächst: Texte auswendig lernen, egal von welcher Art, schult das Gedächtnis. Es ist ein Organ, das trainiert werden will. Ein Schauspieler prägt sich seine 100. Rolle leichter als seine erste ein, selbst wenn er viele der anderen 99 noch im Kopf hat; nicht Ballast sind sie, sondern ein Schmiermittel. Auch weiss jeder, der sich in einer Fremdsprache ausdrücken muss, wie gern er sich an auswendig gelernten Floskeln entlanghangelt und wie sehr ihm das halblaute Hersagen solcher Bruchstücke den Einstieg ins Gespräch erleichtert.

Gedichte nun haben gegenüber anderen Texten den Vorzug, viel rascher im Gedächtnis zu haften - dann jedenfalls, wenn sie nicht aus Prosa in künstlich gedrechseltem Zeilenfall bestehen, wie bei Bert Brecht und seinen Nachfolgern üblich, sondern sich zu Versmass und Endreim zwingen; eine Kombination, die ja auch der Popularität der Bauernregeln zugute kommt («Ist's Silvester kalt und klar, folgt am nächsten Tag Neujahr»).

Trotz Rhythmus und Reim: Ein bisschen Mühe kostet das Auswendiglernen doch, und die Schulung des Gedächtnisses allein wäre kein ausreichendes Motiv dafür. Der merkwürdige Rat stützt sich aber auf zwei weitere ziemlich gute Gründe.

Der erste: Grosse Gedichte liefern grossartige Sprachmodelle, das Beste also, woran wir unser inneres Ohr gewöhnen können; und diese Muster im Gehör zu haben, ohne sie lesen zu müssen, intensiviert ihren Einfluss dramatisch. Starke Rhythmen bieten sie an, wie C. F. Meyer (über die verwirrende Spiegelung fliegender Möwen im Meer): Und du selber? Bist du echt beflügelt? Oder nur gemalt und abgespiegelt? Gaukelst du im Kreis mit Fabeldingen? Oder hast du Blut in deinen Schwingen? Wie Schiller (über die Jungfrau): Drauf schiesst die Sonne die Pfeile von Licht, sie vergolden sie nur und erwärmen sie nicht. Wie August von Platen (über das Glück): Auch kommt es nie, wir wünschen bloss und wagen; dem Schläfer fällt es nimmermehr vom Dache, und auch der Läufer wird es nicht erjagen.

Und wie sie uns das Sperrige mit leichter Hand kredenzen: Der König sprach's, der Page lief, der Knabe kam, der König rief. Lasst mir herein den Alten! (Goethe). Freundschaft, Liebe, Stein der Weisen, diese dreie hört ich preisen, und ich pries und suchte sie, aber ach, ich fand sie nie! (Heine). Wie viel tänzerische Eleganz in wie beiläufigen Wörtern, und wie schlicht der Bau der Sätze! Zum Erschrecken geradezu für all jene Professoren und Bürokraten, die sich der Vielsilbigkeit und der Verschachtelung verschrieben haben.

Wo in ebenso simplen Wörtern starke Stimmungen eingefangen sind, da erreicht die Poesie ihre Spitze. Über allen Gipfeln ist Ruh, kraftvoller und zugleich bescheidener lässt sich das nicht sagen. Der Wald steht schwarz und schweiget (bei Matthias Claudius). Mond! Mond! Wie die Wellen kühlen, wie die Winde wühlen in den dunklen Mähnen der Nacht! (Clemens von Brentano). Und Eichendorff: . . . wenn die Brunnen verschlafen rauschen in der prächtigen Sommernacht.

Andrerseits kommt kaum ein Witz je mit so wenigen Wörtern aus wie die gereimten Sottisen von Wilhelm Busch (Es ist ein Brauch von alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör) oder von dem im englischen Sprachraum populären Amerikaner Ogden Nash: God in His wisdom made the fly, and then forgot to tell us why.

All dies an zugespitzter Bosheit, Weisheit, Schönheit und Kraft, hier mit Beispielen zur Anregung vorgestellt und schliesslich von jedem selber auszuwählen - all dies bietet sich dem, der es auswendig beherrscht, mit einem Vorteil an, der das Gedicht über alle anderen Künste hinaushebt: Das Kunstwerk selbst ist in meinem Besitz, wo immer ich gehe, sitze, liege, warten muss. Um mich an Literatur zu freuen, brauche ich Bücher oder Theatersäle, um Musik zu geniessen, ein Orchester, ein Instrument oder eine Schallplatte, um Gemälde zu sehen, den Raum, in dem sie hängen. Abziehbilder kann ich mir davon verschaffen, indem ich Kunstbände betrachte, Melodien vor mich hin summe, in Erinnerungen schwelge; doch unvermeidlich bleiben sie weit hinter dem Ursprungserlebnis zurück - ein blosses «Wenn ich doch . . .!» oder «Man müsste mal wieder . . .»

Das Gedicht ist immer präsent, ohne Buch, Saal, Apparat und Interpreten. Ich lasse es in mir erklingen, damit sein Schwung mich erfreut, sein Inhalt mich tröstet, seine Stimmung mich trifft. Vielleicht sitze ich abends beim Wein und frage mich mit Heine: Nur wissen möcht ich, wenn wir sterben, wohin dann unsere Seele geht? Wo ist das Feuer, das erloschen? Wo ist der Wind, der schon verweht? Oder ich fröstle mit Hölderlin: Die Mauern stehen sprachlos und kalt, im Winde klirren die Fahnen.




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