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Wer und wer? -- Zweierlei Einsiedler
Von Manfred Papst
Diesen Dialog führen zwei Figuren aus verschiedenen literarischen Werken. Wer sind sie?
A und B gehen gemächlich über eine Weide. Sie haben den gleichen «Beruf», würden diesen Begriff aber kaum verwenden. Beide leben, durch etliche Jahrhunderte getrennt, in bergigen Gegenden; A ist erheblich grösser und kräftiger als B. Beide tragen Bärte; der von B ist schon weiss. Die zwei hätten sich viel zu erzählen; wären sie nur gesprächiger!
A: Ihr haltet Vieh wie ich?
B: Nur die beiden Ziegen.
A: Ihr lebt allein?
B: Wüsste nicht, was mich die im Dorf unten angingen!
A: Und Ihr habt so Euer Auskommen?
B: Für einen reicht’s. Ich brauche ja nicht viel. Die Ziegen geben tüchtig Milch und suchen sommers ihr Futter selber.
A: (nicht ohne Stolz): Ziegen habe ich auch. Und Schafe die Menge. Schöne Böcke mit dichtem Vlies. Ansonsten verlass ich mich auf die Götter. Weizen, Gerste, Reben, alles wächst ungesät und ungepflügt.
B: Da muss sich unsereins anders plagen. Doch sagt, was macht Ihr mit der Milch?
A: Die eine Hälfte bringe ich zum Gerinnen, forme sie zu Käsen und trockne sie in geflochtenen Körben; die andere Hälfte ist zum Trinken da.
B: (nun etwas lebhafter): Genau so halte ich’s auch; nur dass ich keine Körbe zum Trockenen nehme. Einen Teil des Käses tausche ich im Dorf gegen Brot und Trockenfleisch ein.
A: Wie bringt Ihr die Milch zum Gerinnen?
B: Ich wärme sie über dem Feuer und gebe Lab aus Kälbermagen dazu.
A: Kälbermagen? Das habe ich noch nie gehört. Bei uns nimmt man den Saft des Feigenbaums. Aber sagt: Was hat Euch in diese karge Gegend verschlagen, wo Ihr dem Wetter ausgesetzt seid und wo es im Winter womöglich schneit?
B: Das ist eine lange Geschichte. Früher ? da hatte ich einen schönen Hof im Tal unten. Hab ihn aber verspielt und vertrunken. Vater und Mutter sind gestorben vor Gram, und wie ich nichts mehr hatte als meinen bösen Namen, bin ich fort in die Fremde.
A: Da bin ich aus anderem Holz geschnitzt! Mich bringt nichts weg von meiner Insel und der Felsenkluft, die der Lorbeer umschattet. Aber fahrt fort!
B: Zwölf, fünfzehn Jahre war ich draussen in der Welt, als Söldner in fremden Diensten. Dann bin ich heimgekehrt. Einen Burschen hab ich mitgebracht, der hat Zimmermann gelernt. Kurz nach der Hochzeit hat ihn ein Balken erschlagen; und auch die Frau hat das Kindbett nicht lange überlebt. Im Dorf sagen sie, das sei nun der Lohn für meine bösen Taten.
A: Überall das gleiche Pack von Lästermäulern! Ich weiss schon, warum ich die Menschen meide. Ich traue keinem! Vor meine Felsenhöhle rolle ich jeden Abend einen Steinbrocken, den zweiundzwanzig vierrädrige Wagen nicht von der Stelle brächten.
B: Recht habt Ihr! Es ist kein Glück bei den Menschen. Wenn ich einen Raubvogel krächzen höre, denke ich immer, er höhnt die Leute aus, die zusammensitzen in den Dörfern und einander bös machen.
A: (redet sich in Hitze) Dass sich nur keiner zu mir verirrt! Ich glaube gar, ich frässe ihn auf samt seinen Eingeweiden und den markerfüllten Knochen!
Kurz nach diesem Gespräch werden die beiden unerbetenen Besuch erhalten, A von einem heimwärts irrenden Abenteurer, der sich Niemand nennt und ihn - allerdings in Notwehr - durch eine List ins Verderben stürzt; B von einem aufgeweckten Mädchen, das zwei, wenn nicht gar drei Kleider übereinander trägt und aus dem alten Griesgram einen weltberühmten Grossvater macht.
Auflösung: A ist der Zyklop Polyphem aus Homers im 8. Jahrhundert v. Chr. entstandener <Odyssee>; B ist der Alpöhi aus Johanna Spyris <Heidi> (1881).
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